Kita-Fachkräfte: „Wir brauchen kein Kita-Pflichtjahr, sondern eine bessere Kita-Qualität“ – Demo in Hamburg

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BERLIN. Aus Sicht der deutschen Kita-Fachkräfteverbände ist die aktuelle Debatte um ein Kita-Pflichtjahr für Vorschulkinder ein Scheingefecht, das von Versäumnissen der Politik ablenken soll. Denn, so meint Melanie Krause, Vorsitzende des Kita-Fachkräfteverbands Niedersachsen und Bremen: „Nahezu jedes Kind hat bereits eine Kita besucht, bevor es in die Schule kommt.“ Die Probleme, die der IQB-Grundschülerleistungsvergleich aufgezeigt habe, hätten zwar durchaus mit den Kitas zu tun – aber… In Hamburg wird morgen wegen der schlechten Arbeitsbedingungen in den Einrichtungen demonstriert.

Wer soll – angesichts des sich verschärfenden Personalmangels in den Kitas – denn für die gewünschte Sprachförderung sorgen? (Symbolfoto) Foto: Shutterstock

„Bei der berechtigten Frage, warum die Leistungen der Grundschüler*innen seit Jahren schwächer werden und auf einem inakzeptablen Niveau liegen, müssen die Kitas mit in den Blick genommen werden“, meint Melanie Krause. Allerdings anders, als es die CDU und die amtierende KMK-Präsidentin Karin Prien gemacht haben (News4teachers berichtete). „Wissenschaft und Fachpraxis weisen seit Jahren auf die schlechte personelle und oft auch räumliche Ausstattung unserer Kindertageseinrichtungen hin. Förderung, Bildung und bedürfnisorientierte Betreuung sind unter diesen Bedingungen nur eingeschränkt leistbar“, so Krause.

„Nur wenn ausreichend Zeit für persönliche Zuwendung und sprachliche Begleitung vorhanden ist, entwickeln sich Aussprache, Wortschatz und Grammatik altersgerecht“

Die Leiterin einer Kita im Landkreis Leer betont: „Die ersten Lebensjahre legen den Grundstein der Bildungsbiografie. Wenn Kita-Kinder mehr verwahrt als gebildet und gefördert werden, gefährdet das die kindliche Entwicklung. Auch am vieldiskutierten Thema der alltagsintegrierten Sprachförderung wird das Dilemma deutlich. Spracherwerb braucht Interaktion. Nur wenn ausreichend Zeit für persönliche Zuwendung und sprachliche Begleitung vorhanden ist, entwickeln sich Aussprache, Wortschatz und Grammatik altersgerecht.“

Es sei auch bei der Bundesregierung unumstritten, dass die vom Bundesbildungsministerium geförderten Sprachkitas ein voller Erfolg waren. „Trotzdem soll das Programm eingestellt werden, anstatt zukünftig allen Kitas zusätzliche Mittel für sprachliche Förderung zur Verfügung zu stellen“, so moniert die Verbandsvorsitzende (News4teachers berichtete auch darüber).

„Unsere Gesellschaft sollte sich intensiv mit der Frage beschäftigen, warum die Leistungen der Grundschüler seit Jahren schlechter werden“

Sie betont: „Kinder, die mit sprachlichen, motorischen, sozialen oder emotionalen Defiziten eingeschult werden, haben es nicht leicht, diese Rückstände aufzuholen. Wir brauchen deshalb kein Kita-Pflichtjahr, sondern eine bessere Kita-Qualität. Die dafür personellen und räumlichen Mindestanforderungen liegen seit Jahren auf den Tischen oder in den Schubladen der Ministerien. Umgesetzt wurden sie bisher in keinem Bundesland.“  Weiter fordert sie: „Unsere Gesellschaft sollte sich intensiv mit der Frage beschäftigen, warum die Leistungen der Grundschüler seit Jahren schlechter werden, obwohl Kita-Kinder immer jünger und die Betreuungszeiten länger werden. Wären unsere Kitas hochwertige Bildungseinrichtungen, müssten wir gegenteilige Effekte sehen.“

Angesichts der großen Personalengpässe und starken Belastungen haben Gewerkschaften, Elternvertreter und Organisationen Hamburgs Kita-Beschäftigte für den morgigen Dienstag zu einer Demonstration aufgerufen. Der Protestzug läuft unter dem Motto «Wir sind ausgebrannt – Beschäftigte Hamburger Kitas sind am Belastungslimit».

Bereits vor zwei Jahren habe der Verdi-Kita-Personalcheck festgestellt, dass in Hamburg gut 4.000 Fachkräfte fehlten, teilte die Gewerkschaft Verdi mit. Nun habe der jüngst vorgestellte bundesweite Ländermonitor für Frühkindliche Bildungssysteme (News4teachers berichtete) für die Hansestadt konstatiert: «Damit 2023 dazu alle Plätze mit Personalschlüsseln nach wissenschaftlichen Empfehlungen ausgestattet sind – auch jene, die noch zur Erfüllung des weiterhin ungedeckten Elternbedarfs geschaffen werden müssen – fehlen rund 6.200 Fachkräfte.»

Die CDU fordert angesichts zunehmender Mathe- und Deutschprobleme bei Grundschulkindern bundesweit verbindliche Sprachstand-Tests ab einem Alter von drei Jahren in den Kitas. «Der Erwerb der deutschen Sprache muss so früh wie möglich gefördert werden, insbesondere durch verbindliche, fortlaufende und standardisierte Diagnoseverfahren», heißt es in einem vom CDU-Präsidium verabschiedeten Positionspapier. KMK-Präsidentin Karin Prien (CDU) hatte zuvor ein verpflichtendes Kindergartenjahr ins Gespräch gebracht. News4teachers / mit Material der dpa

„Es geht oft nur noch darum, Kinder so früh und so lange wie möglich wegzuorganisieren“: Eine Kita-Erzieherin berichtet

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23 Kommentare
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Angelika Mauel
1 Monat zuvor

Erst sorgt die Politik bundesweit dafür, dass Kinder stundenlang in überfüllten Gruppenräumen betreut werden, in denen die Feinheiten der Sprache viel schwerer zu vernehmen sind als in einer weniger lauten Umgebung – und dann gibt es immer wieder diese verfassungsrechtlich bedenklichen Bestrebungen, den frühen Durchmarsch durch die Institutionen noch selbstverständlicher zu machen, als er es ohnehin schon ist. (Fast alle Kinder gehen gegen unmittelbar vor der Einschulung in einen Kindergarten) Nicht selbstverständlich ist es leider, dass Kinder mir den Eltern oder Großeltern zum Optiker gehen, das Auto aus der Werkstatt abholen, einen langen Waldspaziergang machen, mal bei den Nachbarn abhängen und einfach mal daheim mit Geschwistern und Nachbarskindern spielen. Stattdessen sollen sie – zwanghaft? – in der Sprachförderung der Kitas über plakativ bunte Bilder und Lerngeschichten all das „erleben“, was ihnen entgeht, weil sie so viel Zeit in der Kita verbringen? (Kinder sollen ja in all ihren Kompetenzen ganzheitlich gefördert werden, also auf ganzer Linie als zu optimierendes Mängelobjekt verschlaubessert werden.)
Sorry, das klingt jetzt ein bisschen zu böse, aber ich hoffe, dass es richtig verstanden wird.

Als ihre Eltern noch im Home office waren, haben viele Kinder es genossen, dass ihre Eltern ihnen das Radfahren und manches mehr beigebracht haben. Ich wohne auf dem Land und habe gesehen, wie gern Kinder Pferde und Hunde gestreichelt haben.
Unsere Politik soll Kinder mit kürzeren Betreuungszeiten beglücken und Familien die Möglichkeiten zurückgeben, mehr Zeit mit ihren Kindern zu verbringen. Je mieser die Rahmenbedingungen in Kitas geworden sind, um so deutlicher zeichnet sich ab, dass die ersten Eltern weniger Betreuungszeit für ihre Kinder in Anspruch nehmen wollen. Die Eltern, selbst wenn sie es noch so sehr möchten, können nicht mehr glauben, dass Kitas so wichtig zur Bildung ihrer Kinder wären, wie man es ihnen versprochen hat.

Marion
1 Monat zuvor
Antwortet  Angelika Mauel

Danke. Besser kann man es nicht ausdrücken.
Vor allem das mit dem zu „verschlaubessernden Mängelobjekt“ finde ich absolut treffend.

Pit2020
1 Monat zuvor
Antwortet  Marion

@Marion

Da schließe ich mich gerne an!

Pit2020
1 Monat zuvor
Antwortet  Angelika Mauel

@Angelika Mauel

Danke für den Post.
Sie schildern Ereignisse, die sicher auch vielen anderen aufmerksamen Menschen im Alltag schon seit Jahren – allerdings in immer größerer Zahl – auffallen, und allein die Häufung dieser Beobachtungen muss Sorgen machen, weil man mittlerweile nicht mehr von der Hand weisen kann, welche Nachteile das in den nachfolgenden Entwicklungsjahren (Böse gefragt: Darf man noch von Entwicklung sprechen?) der Kinder und damit auch für die gesamte Gesellschaft hat! Es betrifft uns alle, auch diejenigen, die selber (noch) keine Kinder haben, aus vielleicht guten Gründen oder auch unfreiwillig keine bekommen werden und es betrifft auch diejenigen, die nicht mit Kindern oder Jugendlichen arbeiten!

Bei den von Ihnen geschilderten Situationen von Alltagserlebnissen (hier: zum Optiker gehen) fielen mir eine Menge Dinge ein, die aus Sicht von Erwachsenen eben nur Alltag sind – aus der Sicht eines Kindes aber ein besonderes Erlebnis darstellen. Oft ist das sogar dermaßen besonders, dass es ein Leben lang in Erinnerung bleibt mitsamt von Emotionen, und die sorgen in erheblichem Maße für die Verknüpfung von Neuronen!
Das kann eine Kita niemals leisten und dafür waren sie ja ursprünglich auch gar nicht gedacht.

Mir fiel als erste persönliche Erinnerung ein, dass mein Vater (tätig im Wechseldienst, da war auch früher nicht oft und nicht viel Zeit!) mich, damals etwa 3 oder 4 Jahre alt, mal zu Besorgungen mitgenommen hat, ältere Geschwister waren nicht dabei. U.a. wurde das Auto betankt, was ich immer spannend fand (irgendwie hat mir Benzingeruch gefallen 😉 und Autos haben mich schon immer interessiert), aber den Tankvorgang hatte ich an unserem eigenen Auto noch nie selber gesehen, sondern nur vom Innenraum aus bei anderen Autos. Ich habe dann lange gerätselt, wo das Benzin eigentlich „reinkommt“, denn einen sichtbaren Tankdeckel wie bei vielen anderen Autos gab es bei unserem nicht. Bei diesem „Ausflug“ war aber Zeit, an der Tanke nicht soviel Betrieb und ich durfte dann mit raus. Da habe ich dann staunend entdeckt, dass sich der Tankdeckel (das Wort kannte ich ja schon) hinter dem Kennzeichen befand und dass der Tankstutzen (Tädäää! Neues Wort!) weiter ins innere des Wagens führt, bis zum Tank selber, und wo der sich befand zeigte mein Vater mir gleich auch noch. Nach dem Bezahlen auf der Heimfahrt entwickelte sich dann noch ein kleiner Plausch darüber, wie weit man denn jetzt wieder mit dem Auto fahren kann usw. Ich erfuhr auch gleich, dass ein Automotor auch mal Öl braucht, viel weniger, aber regelmäßig.
Natürlich war ich dann auch stolz darauf, dass ich – wieder Zuhause angekommen – jetzt soviel Neues über Autos allgemein und über unser Auto zu erzählen wusste, und was dieses Erzählen dann für meine Sprachentwicklung bedeutet hat … dafür bräuchte man heute mindestens eine Studie!
Ganz selbstverständlich würde man heute auch wieder ganz wichtig dreinschauen und darüber schwadronieren, wie nachhaltig doch die soziale Bindung zwischen Elternteil und Kind gepflegt und intensiviert worden ist.
Und früher so: Einfach mal machen … 😉
Danke, Papa!

Angelika Mauel
1 Monat zuvor
Antwortet  Pit2020

Auch ich habe ganz tolle Erinnerungen an die Erklärungen meines Vaters und zum Beispiel mit der Tankstelle fällt mir etwas ein, was eine Freundin beobachtet hat. Zwei Jungen aus der Krippe haben ein Bobbycar im Außengelände auf einen dort stehenden Kindertisch gestellt und Spielzeug zum Wagenheber und anderen Werkzeugen deklartiert. Der Tisch war die „Hebebühne“. Ein tolles Spiel, bis eine Erzieherin kam, die Jungen kritisierte, weil sie den Tisch einfach genommen hatten – und sie zur „Sprachförderung“ abholte.

Konfutse
1 Monat zuvor
Antwortet  Angelika Mauel

Das mag teilweise stimmen. Meine Tochter ist frischgebackene Erzieherin und meint, dass es für sehr viele Kinder fast besser ist, in der Einrichtung zu sein als zuhause. Die Zustände dort sind teilweise instabil, strukturlos bis verheerend. Meine Tochter liebt ihren Beruf und die ihr anvertrauten Kinder. In der Einrichtung wird tatsächlich mehr geboten, als die Kinder zuhause erhalten. Sie arbeitet in einer Brennpunktkita und der Betreuungsschlüssel wurde jüngst hochgesetzt. Dennoch lernen die Kinder teilweise mehr als zuhause. Zum Beispiel, dass der Tag strukturiert ist, dass man mit Besteck isst, die Hände wäscht, dass man gemeinsam lesen, malen, singen, tanzen, turnen, dass man Gesellschaftsspiele spielen kann, mal zurückstecken muss, wenn jemand anderes dran ist usw. eben ganz „banale“ alltägliche Dinge, die oft zuhause nicht eingeübt werden.
All meine Kinder waren schon als Babys in der Kita; gut, das ist schon 20 Jahre her, aber meinen Kindern hat es sehr gut gefallen und sie erinnern sich heute noch an viele schöne, lustige Ereignisse, ja sogar an ihre Erzieher. Meine Kinder haben keinen Schaden an der „Aufbewahrung“ genommen.

Was mich derzeit an der Diskussion stört ist, dass es nahezu den Anschein hat, dass es asozial sei, seine Kinder in eine Kita zu geben, weil man sich dort nicht adäquat um die Kinder kümmern könnte oder weil die Eltern sie loshaben wollen. Das mag ja bei einigen Eltern stimmen, aber nicht bei allen. Im Gegenzug könnte man ja nämlich unterstellen, dass die Elternteile, die zuhause betreuen wollen, sich vor der Arbeit drücken und ihre bessere Hälfte zum Malochen schicken, weil sie selbst keine Lust dazu haben. Wenn Kinder zuhause betreut werden heißt das nämlich noch lange nicht, dass es der Nachwuchs dort besser hat und im Vorteil wäre.

Angelika Mauel
1 Monat zuvor
Antwortet  Konfutse

Schwarz-Weiß-Denken führt in sozialen Fragen niemals weiter. Darf ich fragen, wann Ihre Tochter die Ausbildung abgeschlossen hat? Noch im letzten Jahrtausend oder deutlich später? Ab 2000 gab es so einen fragwürdigen Trend, der viele geprägt hat.

Als ich in Brennpunkt-Kitas hospitiert habe, war nicht zu übersehen, wie enorm schwer es für die Fachkräfte war, das Jugendamt zu erreichen. Das bisschem personelle Aufstockung kam oft allein schon deshalb nicht bei den Kindern an, weil die dritte oder vierte (Teizeit?)Kraft nur ein Ersatz dafür war, dass Gruppenleitung oder Bezugserzieherin sich ans Telefon begeben mussten.

Ihren Einwand habe ich erwartet, kann ihn nachvollziehen und finde trotzdem nicht, dass er Rechtfertigung für das ist, was derzeit in Kitas Kindern und allen, die dort arbeiten, abverlangt wird.

Sollen die Jugendämter personell und finanziell besser ausgestattet werden!

Konfutse
1 Monat zuvor
Antwortet  Angelika Mauel

Meine Tochter hat ihr Praktikum dieses Jahr beendet und hat nun eine volle Stelle in ihrer Ausbildungskita angetreten. Ja, es wird den Kräften sehr viel abverlangt und das darf nicht als Rechtfertigung für das Fachkräftedesaster, das z.Zt. herrscht, herhalten. War auch nicht meine Absicht und ich denke auch nicht, dass dies meinem Kommentar zu entnehmen ist.

Nein, viel mehr möchte ich damit hervorheben, welch hervorragende Arbeit trotz aller Widrigkeiten geleistet wird und dass ich es einfach nicht okay finde, dass in manchen Kommentaren Kindergärten als Verwahranstalten abgestempelt werden und alle Eltern, die ihr Kind in Kitas geben, nicht bei vollem Verstand sind.

Von welcher fragwürdigen Entwicklung ab 2000 sprechen Sie?

Angelika Mauel
1 Monat zuvor
Antwortet  Konfutse

Es gibt so viele Aspekte, die sich zu einem ernüchternden Gesamtbild zusammenfügen lassen. Es war schon lange klar war, dass unsere Gesellschaft in vielen Bereichen zu wenig Fachkräfte hat. Die geburtenstarken Jahrgänge hinerlassen durch den Beginn der Frühverrentung und einen regulären Renteneintritt eine kaum zu schließende Lücke. Falls es wirklich Anstrengungen gab, diesen allgemeinen Fachkräftemangel zu behenen, waren sie nicht sonderlich erfolgreich. Und nun sollen Mütter und Väter plötzlich beide möglichst viel Erwerbsarbeit leisten!

Wahlfreiheit, die sich junge Familien gewünscht haben und die auch von einigen Verbänden gefordert wurde, durfte es mit Rücksicht auf „die Wirtschaft“ nicht geben. Das Hetzen gegen das Betreuungsgeld stieß einigen Erzieherinnen schon damals sauer auf, da sie selbst lieber das Geld gehabt hätten, um ein eigenes Kind erst mal länger daheim betreuen zu können.

Als ich 1999/2000 mein Anerkennungsjahr absolviert habe, habe ich gestaunt, wie uns in der Berufsfachschule gleich von mehreren Lehrkräften ein elitäres Selbstbewusstsein eingeimpft werden sollte. Ständig wurde betont, dass wir „Experten“ seien. Dabei waren wir immer noch Berufsanfängerinnen. Dann wurde der ganze Schmu um „Experten“ immer noch weiter ausgeweitet. Auch die Eltern sollten stets „Experten“ für ihr Kind sein. Und ein Gespräch zwischen Eltern und ErzieherInnen sei darum immer ein Gespräch unter Experten! – Darüber wurde mir schlagartig bewusst, dass uns manipulativer Mist erzählt wurde. Man stelle sich mal Eltern vor, die so wenig Geschick im Umgang nit ihren Kindern haben, dass das Jugendamt eingeschaltet werden müsste – und eine Fachkraft, die noch viel zu wenig Erfahrung hat oder eine, die vielleicht immer wieder Kinder grob anpackt oder anrüffelt. (So wie Anke Ballmann es in „Seelenprügel“ geschildert hat.) Alle sollten „Experten“ sein – und die frühe Langzeitbetreuung von Kindern bloß nicht mehr in Frage gestellt werden. Auf Plakaten der Grünen, die gegen das Betreuungsgeld Stimmung machten, waren Vorschulkinder!!! zu sehen – also keine Kleinkinder. Nur für deren Betreuung daheim aber hätte es eine finanzielle Unterstützung geben sollen, die ohnehin weit unterhalb der Kosten für einen Krippenplatz gelegen hätte. Das 2007 erschienene Buch der Journalisten Christa Müller „Dein Kind will dich“ – Untertitel „Echte Wahlfreiheit durch ein Erziehungsgehalt“ wurde von den großen etablierten Taschenbuchverlagen abgelehnt und erschien – Überraschung! – im recht unbekannten katholischen St. Ulrich Verlag. Die Linke und damalige Ehefrau von Oskar Lafontaine wurde heftigst angefeindet und als Eva Herman der Linken bezeichnet. Sie hatte es gewagt, die Krippenbetreuung als „das Beste fürs Kind“ anzuweifeln.

Ungläubig staunend bekam viele Fachkräfte in Kitas mit, dass auf einmal keine Kinderpflegerinnen mehr in den ach so tollen neuen Krippen arbeiten sollten. Geplant war sogar, dass studierte Kindheitspädagoginnen dort bevorzugt eingesetzt werden sollten. Kinderpflegerinnen wurden dazu angehalten, in ihrer Freizeit, nach einem langen Arbeitstag, berufsbegleitend die Ausbildung zur Erzieherin in Teilzeit nachzuholen. Das haben viele gemacht, weil sie Angst hatten, sonst nicht mehr im Kindergarten arbeiten zu können.

Es ist schwer zu sagen, inwieweit die Menschen in der institutionellen Kinderbetreuung als Hoffnungsträger für den forcierten Betreuungsplatzausbau bewusst benutzt wurden und wie viele dreiste Lügen von Politikern zur Volksverdummung beigetragen haben. Den jungen ErzieherInnen hat man Aussichten auf eine „Karriere“ versprochen. – Dann aber bekamen viele studierte Kindheitspädagoginnen in Krippen und Kitas dennoch jahrelang nur ein Erziehergehalt. Und ob sie besser in der Krippe waren als die Kinderpflegerinnen, die wirklich noch gelernt haben, was zur Betreuung der Jüngsten wichtig ist, ist fraglich. Längst nicht überall überzeugten die KindheitspädagogInnen, die theoretisch doch der Garant für eine Art „Premium-Bildung“ sein sollten…

Warum trotzdem immer noch viele Fachkräfte auf ein anerkanntes Fernstudium setzen? – Weil der Gruppendienst so anstrengend geworden ist, dass viele davon träumen, ihn nach dem Bachelor aufgeben zu können oder zumindest als freigestellte Leitung auch mal länger im Büro arbeiten zu können.

Wären die Windeln heute dank der Geleinlagen nicht in der Lage, schnell Nässe von den Kinderpopos wegzuleiten, würde das Betreuungssystem vermutlich gar nicht so aufrechterhalten werden können. Die vielen Windelwechsel sind ein triftiger Grund, bei jeder Fehlzeit einer Krippenerzieherin eine Kraft aus einer Regelgruppe abzuziehen. Ältere Kinder werden so zu Opfern des forcierten Betreuungsplatzausbaus, der ohne Rücksicht auf die Anzahl der vorhandenen Fachkräfte durchgeboxt wurde. Fachkräfte und bereits eingewöhnte Kinder werden durch die Aufnahme zahnender und sabbernder Kleinkinder auch öfter durch Schmierinfektionen angesteckt als dies bei einer anderen Altersstruktur in der Regelgruppe der Fall wäre. – Auch in dem Bereich können Kindergartenleitungen nicht mehr frei entscheiden. So müssen vielerorts sechs Zweijährige pro Regelgruppe aufgenommen werden. Eltern, die ein älteres Kind anmelden, haben keinen Vorrang. – Dabei würden viele von uns lieber zuerst die älteren Kinder aufnehmen und bei den Jüngeren ein Wörtchen mitreden, ob überhaupt und wenn ja, wie lange ein U-3-Kind in der Kita betreut werden soll. Unsere Gesellschaft kennt und benutzt weiterhin den Ausdruck Schulreife. „Kindergartenreife“ ist an Erzieherfachschulen kein Thema mehr. Und wenn es um Krippenkinder geht, wird offiziell so getan, als ob sie bedenkenlos in Krippen betreut werden könnten, ohne dass sie darunter körperlich und seelisch leiden würden. – Viele Psychoanalytiker und Psychotherapeuten haben nach wie vor Bedenken. Und gestresste Kinder riechen ganz anders als Babys und Kleinkinder, die sich sicher und geborgen fühlen.

Sehr lesenswert finde ich alles, was ich bislang von Georg Milzner gelesen habe. „Die Rechte kleiner Kinder“, erschienen im Elternmagazin „unerzogen“ habe ich bereits verlinkt. Gerade den Jüngsten wird vieles zugemutet, was sie aufgrund ihrer Reife noch gar nicht gut aushalten können. Die „Bildung“ in der Krippe, – das sind leider auch die Bilder von unschönen Szenen, an die die ErzieherInnen sich gewöhnt haben. Kinder werden von anderen schon mal umgeschubst gekratzt oder – besonders schmerzhaft – gebissen. Und nicht immer kann jedes Kind einer großen Gruppe sofort und ohne Zeitdruck getröstet werden.
Die Bindungsbedürfnisse kleiner Kinder können auch beim besten Willen nicht im Schichtdienst erfüllt werden. – Eine Erzieherin bringt ein Kind zu Bett. Aber wenn es wach wird, sieht es in ein anderes Gesicht. Manchmal sogar in ein fremdes! Und fürs Wickeln schlagen bereits einige Politiker vor, könne man doch auch Ungelernte einstellen, um die Fachkräfte zu entlasten. – Vonwegen „Beziehungsvolle Pflege“…
Sowohl in der Ausbildung als auch in der Praxis haben Fachkräfte gelernt, dass die Bindungsbedürfnisse von Kleinkindern für diese wirklich wichtiger sind als „Bildung, Bildung, Bildung“.

Nur weil Krippenplätze von Erwachsenen gebraucht und gewünscht werden, müssen sie nicht unbedingt gut genug für alle Kinder sein. – Viele Kinder sind nach der Aufnahme in eine Krippe so oft krank, dass das zu denken geben sollte.

Angelika Mauel
1 Monat zuvor
Antwortet  Konfutse

Noch ein Nachtrag: Ja, es wird oft sehr engagiert und liebevoll auf die uns anvertrauten Kinder eingegangen. Aber nur selten von ausnahmslos allen ErzieherInnen. Ihre Tochter wird noch jung sein. – Ich war Springerin und habe wiederholt für vom Burnout betroffene Berufskolleginnen die Vertretung übernommen. Irgendwann im Verlauf der Jahre konnten sie nicht mehr. Es hat meist lange gedauert, bis sie wieder arbeitsfähig waren. Manche wurden es auch nicht mehr. Als wir vorwiegend ältere Kinder ab vier betreut haben (auch früher gab es schon Betreuungsplatzmangel!) und nur zwei Kräfte für die Kinder zuständig waren, war Mobbing kein Thema. Man vertrug sich und lernte, sich abzustimmen. Heute fühlen sich manche schon bei rein sachlicher Kritik „gemobbt“ und Praktikantinen schwafeln davon, dass sie „die Kommunikation auf Augenhöhe“ vermissen. Je mehr Leute sich hinsichtlich der wirklich lebenswichtigen Aufsichtspflicht aufeinander verlassen, um so eher wird nicht gut genug aufgepasst. – Mein Eindruck aus der Praxis, dass oftmals nicht gut genug auf alle Kinder geachtet wird, weil man sich lieber einem einzelnen Kind zuwendet (was ich verstehen kann) hats ich seit einer ersten Recherche zu einem Ertinkungsunfall verdichtet. – Übrigens kein Thema für die etablierten Medien.)

Es gäbe so vieles, was wichtiger wäre, als ein verpflichtendes letztes Kitajahr, wo doch sowieso fast alle Kinder vor der Schule in einem Kindergarten sind.

Marion
1 Monat zuvor
Antwortet  Konfutse

Es ist natürlich nicht asozial seine Kinder in eine Kita zu geben. Bei aller Kritik am öffentlichen Betreuungssystem muß man auch sagen, daß in den Kitas trotz aller widriger Umstände, immernoch Raum für Unbeschwertheit, Lachen und Freude ist. Es ist keineswegs so, daß da von morgens bis abends heulendes Elend herrscht.
Dennoch gerät das System Kita immer mehr an seine Grenzen.
Und wie man am Ergebnis der Studie zu den Leistungen der Viertklässler sehen kann, läuft irgendetwas auf dem Weg dahin schief.
Die meisten, die mit Kindern arbeiten, sei es nun in der Krippe, im Kindergarten oder der Schule, beobachten Veränderungen in der Entwicklung der Kinder.
Ich finde, da kann man schon mal auf die Idee kommen, die sehr frühzeitige und lange Fremdbetreuung, die heutzutage
als selbstverständlich betrachtet wird, zu hinterfragen. Oder gilt die etwa als alternativlos?

gehtsnoch
1 Monat zuvor

Qualität und Mangelverwaltung ohne Fehlerbehebung gehen einfach nicht überein.

Angelika Mauel
1 Monat zuvor
Antwortet  gehtsnoch

Stimmt genau. Aber weil „Pseudoqualität“ mehr Buchstaben hat als einfache „Qualität“ gehört immer nur die erstgenannte aufs Siegertreppchen…
Wenn man sich mal ansieht, welche „Förderprogramme“ von Politikern und Promis als „Schirmherren“ und „Schirmherrinen“ salbungsvoll gelobt wurden, kann einem das Lachen im Hals stecken bleiben.

Emil
1 Monat zuvor

Für eine bessere Kita-Qualität wäre eine externe Qualitätskontrolle extrem hilfreich. Für alle anderen Bildungsformate ist das längst Standard.
Und nein, liebe Kindergärtner, es geht nicht um Konzepte in der Schublade, sondern um eine externe Kontrolle des Alltags.
Wirklich gute Kitas würden dann endlich bestätigt werden.

Ron
1 Monat zuvor
Antwortet  Emil

Oh, noch ein Evaluationsjünger. Ja, das wird es bestimmt bringen. Am besten verpackt in einem „Gute-Kita-Gesetz“. Hurra!

Angelika Mauel
1 Monat zuvor
Antwortet  Emil

Wie ehrlich ist das denn? Welche Erzieherin hier möchte von Emil, der wie kein zweiter die Arbeit der Erzieherinnen als unzureichend ansieht, als „liebe Kindergärtner“ bezeichnet werden?

Ich nicht. Und was an „externen Evaluationen extrem hilfreich sein soll, mag Emil gern präzise darlegen.

Ich rate Eltern aus pragmatischen Gründen dazu, sich für eine möglichst unzertifizierte Einrichtung zu entscheiden, sofern sie überhaupt noch eine finden können, die keine „Sternchen-Qualitäten“ vorzuweisen hat. Die Auszeichnung als „Familienzentrum“ bedeutet nicht, dass in einer Einrichtung täglich frisch gekocht wird. Das gibt es eher in den kleinen Elternintiativkindergärten. Dort können Kinder vermutlich noch ungestört spielen und müssen nicht nach „evaluierten Förderprogrammen“ sozialkompetent rollenspielen.

Die Verschieberitis von Fördergeldern für „evaluierte Förderprogramme“ soll Eltern imponieren. In der Praxis aber wird sowieso vieles abgeändert. Welche ErzieherInnen sind begeistert und wirklich überzeugt von der langen Liste von 1789 Fragen (1789 – die Zahl steht übrigens für den Beginn der französischen Revolution), die alle Jahre wieder ausgefüllt werden müssen?
Mir würde es gefallen, wenn mal endlich Kitas medienwirksam ihre Zertifikate zurückgeben würden. Wenn die „Qualitätsevaluateure“ wieder erscheinen, könnte man sie heimschicken. Zertifizierungen und Rezertifizierungen kosten Geld. Steuergeld, für das sich sinnvollere Verwendungsmöglichkeiten mühelos finden lassen. – Es droht das Aus für die Sprachkitas. – Warum nicht für Pädquis und, und, und…?

Politikern, die ungeachtet eines enormen Personalmangels im Elementarbereich noch den Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung für Grundschüler durchgeboxt haben, haben verantwortungslos gehandelt. Fachkräfte werden sich aus dem Beruf verabschieden und umschulen lassen. Oder sie bekommen selbst Kinder und bleiben so lange wie es geht bei ihnen.

Dil Uhlenspiegel
1 Monat zuvor
Antwortet  Emil

Wer macht denn die Kontrolle? Werden die EuE da nebenbei geklont?

Angelika Mauel
1 Monat zuvor
Antwortet  Dil Uhlenspiegel

Das mit dem Klonen klappt nicht, aber bestimmt werden bald Roboter zur Sprachförderung in einer Fremdsprache in Kitas eingesetzt. Auf Zeit online gab es mal so eine „Anregung“. Sogar Yoga könnte von freundlichen Robotern vermittelt werden. (Oder was man dafür hält.)

Jedenfall ist Papier geduldig. Weiß doch jeder, auf welche Weise lästige Formulare beantwortet werden. Und wenn die Evaluation ins Haus steht, hocken dann des öfteren Psychologiestudentinnen auf kleinen Stühlchen und können schon mal einen ersten Eindruck gewinnen, zu was sie „gebraucht“ werden.

Mir kommen die Erzieherinnen eher resistent gegen die überzogenen Sonderwünsche vor. Sie kümmern sich lieber um die Kinder und weil das anstrengend genug ist, fehlt die Energie, sich gegen Zumutungen erkennbar zu wehren.

Aber es tut sich was.

Alex
1 Monat zuvor
Antwortet  Emil

Wer einmal eine QA in einer Schule mitgemacht hat, weiß, dass das mit dem „täglichen Brot-und Butter-Unterricht“ nur sehr wenig zu tun hat.

Emil
1 Monat zuvor
Antwortet  Alex

Kindergärtner unterrichten nicht.

Angelika Mauel
1 Monat zuvor

Liebe Erzieherinnen und Erzieher!

Was Georg Milzner in seinen Büchern oder im Magazin „unerzogen“ geschrieben hat, sollten ErzieherInnen lesen und unbedingt Werbung für diese erfrischend klaren und liebevollen Gedanken bei Eltern und Berufskolleginnen machen. Nachdem Steve Biddulph leider nur noch antiquarisch zu haben ist, schreibt endlich wieder jemand überzeugend im Sinne der Kinder!
https://www.tologo.de/die-renaturierung-der-kindheit/
Der Artikel ist gratis über das Archiv des Magazins „unerzogen“ zu lesen https://www.unerzogen-magazin.de/artikel/?articleID=922 und liefert überzeugende Argumente gegen das, was die Politik den Kindern und uns alles noch zumuten will.

Wird wieder mehr darauf geachtet, dass Schulkinder besser auf die Schule vorbereitet werden, könnten die Kräfte aus den Regelgruppen nicht mehr in der U-3-Betreuung vertretungsweise aushelfen und die Betreuung der Jüngsten würde noch weiter dramatisch verschlechtert. So gern man zu jeder Verbesserung für eine Teilgruppe Ja sagen würde, so klar ist auch, dass „die Decke für alle viel zu kurz ist und immer welche zu wenig Wärme abbekommen können“. Und es geht auch nicht, dass Erzieherinnen mittlerweile fast alle ausgelaugt sind und nach der Arbeit absolut erschöpft sind. (Oder schon während der Arbeit!)

Georg Milzner sagt von sich „Ich bin Psychotherapeut, also Fachmann für misslingendes Aufwachsen. Anders als jene, die an ihren Schreibtischen entwerfen, wie Kindheit doch zu sein habe, arbeite ich mit den Folgen schlimmer und schlimmster Kindheiten.“

Sein Verständnis für die Kinderrechte sollte an Erzieherfachschulen vorgestellt werden. Er nennt acht Punkte, die es in sich haben! – Der Deutsche Kinderschutzbund dagegen lässt seit Jahren immer wieder Kinder für Kinderrechte trommeln – und betreibt selbst Kitas zu den üblichen Konditionen…

Bin gespannt, wie ihr den soeben erschienenen Beitrag über „Die Rechte kleiner Kinder“ findet. Zuerst genannt: Das Recht auf Anklammerung

Fräulein Rottenmeier
1 Monat zuvor
Antwortet  Angelika Mauel

Der Artikel ist wirklich sehr lesenswert. Vielen Dank für den Link!

Marion
1 Monat zuvor
Antwortet  Angelika Mauel

Von mir auch vielen Dank für den Link. Sehr beachtenswert: Die Liste mit den acht Rechten der kleinen Kinder.