Bildungsreformen – Nach Empfehlung, Noten abzuschaffen: Lehrerverband stellt sich quer

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DRESDEN. Expertinnen und Experten aus Wissenschaft, Wirtschaft, Kirchen, Schulen und Kommunen haben Ende Juni zahlreiche Bildungsvorschläge für Sachsen vorgelegt. Darunter ist auch eine Abschaffung von Ziffernnoten. Kritik kommt vom Sächsischen Lehrerverband.

Geben Noten tatsächlich ein objektives Leistungsniveau wieder? Illustration: pixabay
Nach welchen Kriterien werden in diesem Jahr die Zeugnisnoten vergeben? Illustration: pixabay

Die Benotung von 1 bis 6 soll in Sachsen in allen Fächern bis Klasse 8 aus Sicht des Sächsischen Lehrerverbands (SLV) beibehalten werden. «Erfahrungsgemäß benötigen auch Schüler an Oberschulen zur Lernförderung strukturelle Vorgaben und eine klare Orientierung, die ihnen eine Bewertung nach Notenskala bieten kann», sagte die stellvertretende SLV-Landesvorsitzende Petra Müller am Mittwoch. Es sei Schülern sehr schwer zu vermitteln, dass sie ab Klasse 8 mit Noten von 1 bis 6 bewertet würden, wenn zuvor nur Worturteile abgegeben wurden.

Expertenräte hatten Ende Juni eine Abschaffung von Ziffernnoten bis Klassen 8 vorgeschlagen. Sie schlugen für das vom Kultusministerium initiierte Projekt «Bildungsland Sachsen 2023» insgesamt 218 Maßnahmen vor, die Abschaffung von Noten war eine davon (News4teachers berichtete). Die Vorschläge sollen nun bis November in fünf regionalen Bildungsforen mit insgesamt 200 Menschen diskutiert und einem Praxischeck unterzogen werden.

«Wort-Beurteilungen haben zur Folge, dass am Ende nur rechtlich abgesicherte Floskeln und Wortschablonen verwendet werden können»

Der Sächsische Lehrerverband war in den Expertenräten mit dem Landesvorsitzenden Michael Jung vertreten, er war aber nicht in der Arbeitsgruppe «Lernen», die die Abschaffung der Noten vorgeschlagen hatte.

Aus Sicht des SLV ist das etablierte System der Ziffernbenotung «mit dem gegliederten, durchlässigen und leistungsgerechten sächsischen Schulsystem, das sich in der Vergangenheit stets bewährt hat», eng verbunden. Abitur- und Abschlussnoten seien das wichtigste Entscheidungskriterium bei der Auswahl von Studierenden und Auszubildenden. Deshalb könne keine Schule auf Abschlusszeugnisse mit Ziffernnoten verzichten.

Wort-Beurteilungen hätten zur Folge, dass am Ende nur rechtlich abgesicherte «Floskeln und Wortschablonen» verwendet werden könnten. Hinzu komme, dass sie vor allem für Eltern und Schülern, deren Herkunftssprache nicht Deutsch sei, schwer zu interpretieren seien.

Das sächsische Kultusministerium wollte die Empfehlungen auf Anfrage nicht bewerten. Dies sei zunächst die Aufgabe der Bildungsforen. Dem Ministerium zufolge wird sich das Projekt noch bis Ende des Jahres hinziehen. News4teachers / mit Material der dpa

Elternverband: „Noten sind ungerecht – wie das Schulsystem selbst“

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Kim P
11 Monate zuvor

Ich finde nicht, dass man unbedingt Schulnoten braucht. Man kann auch statt dessen an den Beginn jeder Bewerbung, jedes Studienbeginns, jedes Praktikums einen Einstellungstest setzen. Für einen Schulabgänger wäre der Nachteil, dass die Erkenntnis „ich kann ja gar nichts“ zu spät käme, um mehr Arbeit reinzustecken und noch mal etwas dran zu ändern. Das ist gegen das angenehm entspannte, stressfreie Gefühl während mehrerer Schuljahre abzuwägen …

Sternschnuppe
11 Monate zuvor
Antwortet  Kim P

Finde ich nicht. Universitäten und Unternehmen werden Noten nicht abschaffen. Warum also dann die Schule? Und ganz ehrlich, Schulzeit ist da, um was zu lernen und nicht zu chillen. Schule soll aufs Leben vorbereiten. Dann sollte man früh lernen, dass man für alles hart arbeiten muss, wenn man was erreichen will. Die Einstellung, am Ende des Monats eine Menge Geld auf dem Konto zu haben, aber arbeiten muss nicht sein, wird ja so noch gefördert. Gibt ja nicht umsonst den Spruch „Ohne Fleiß kein Preis“.

Katinka
11 Monate zuvor
Antwortet  Sternschnuppe

Ich verstehe es auch nicht. Schule soll aufs Leben vorbereiten, aber es darf keinen Stress, keinen Druck usw. geben. Und dann fallen die jungen Menschen aus allen Wolken, wenn sie plötzlich in einer leistungsorientierten Gesellschaft klarkommen sollen. Ich bezweifle außerdem sehr stark, dass das bewährte Notensystem einfach abgeschafft wird.

Rainer Zufall
11 Monate zuvor
Antwortet  Kim P

Stimme Ihnen voll zu. Das würde auch dem vermeintlichen Qualitätsverlust des Hochschulabschlusses berücksichtigen.

Bestenfalls würden Firmen sogar passende Bewerbungen in der Hand haben und nicht nur eine Anzahl weitgehend uninteressanter Ziffern

Rainer Zufall
11 Monate zuvor

Oha müssen die Schulen dort schlecht sein, dass die Kinder der achten Klasse keine Ziffernnoten verstehen 😛
Auch das Argument der „schablonenartigen“ Formulierungen ist nicht unbegründet, lässt sich aber eben auch auf Ziffernnoten beziehen.

Aber Ziffernnoten sind und bleiben die bequemste Lüge für alle: Lehrkräfte müssen sich nicht erklären und Eltern sehen zweimal im Jahr auf einen Blick, ob sie sich Sorgen machen müssen (auch wenn sie nicht wissen, was ihr eigenes Kind kann)

Küstenfuchs
11 Monate zuvor

Schulnoten abschaffen wäre ein weiterer Weg hin zur Verweichlichung. Bloß keine Leistung einfordern!

Nebenbei: Wieso besitzen die Kirchen oder die Kommunen in irgendeiner Form Expertise, sodass man sie zu diesem Thema befragen müsste?

Teacher Sachsen
11 Monate zuvor
Antwortet  Küstenfuchs

Was haben Noten mit Leistung zu tun?

A.J. Wiedenhammer
11 Monate zuvor
Antwortet  Teacher Sachsen

In Noten können sich Begabungen abbilden.
In Noten können sich Interessen abbilden.
In Noten können sich sogar Talente zur Selbstdarstellung abbilden.
Noten können (Lern-)Fleiß abbilden.
Noten können Mitarbeit abbilden, usw.

Besonders letzte beiden Punkte würde ich durchaus unter Leistung verorten.

Andersrum: Was haben denn „Keine Noten“ mit Leistung zu tun?

Teacher Sachsen
11 Monate zuvor
Antwortet  Küstenfuchs

Was haben Noten mit Leistung zu tun? Manchmal sehr wenig, wenn man die Innenwelt kennt.

Katinka
11 Monate zuvor
Antwortet  Küstenfuchs

Über die Kirchen und Kommunen habe ich mich auch sehr gewundert…

Teacher Sachsen
11 Monate zuvor

Mir fällt dazu nichts mehr ein, wenn Kolleginnen und Kollegen Noten mit Macht verteidigen und für leistungsgerecht halten.
Als Pädagoge sollte man eigentlich hinter die Schwächen des Systems geblickt haben. Vermutlich haben wir es geschafft, nicht nur Kinder, Eltern und Politiker, sondern auch Lehrerinnen und Lehrer auf dieses System zu konditionieren.
Ein Beispiel, warum Schule in Deutschland-speziell in Sachsen kaum veränderbar bleiben wird.

Katinka
11 Monate zuvor
Antwortet  Teacher Sachsen

Vielleicht haben manche Kolleginnen und Kollegen einfach eine andere Meinung als Sie und sehen die Schwächen an anderen Stellen als dem Notensystem und verteidigen es deshalb?

Neunvierteltakt
11 Monate zuvor
Antwortet  Katinka

Ein Problem ist die manchmal fehlende Objektivität von Noten. Und genau das liegt an den “ Schwächen an anderen Stellen“. Es hängt halt alles zusammen.

Katinka
11 Monate zuvor
Antwortet  Neunvierteltakt

Und welches alternative Bewertungssystem schlagen Sie vor? Worturteile sind objektiver?
(Meine Noten gebe ich übrigens nach Bewertungsrastern, wo die Beschreibungen in Noten umgewandelt werden; ich könnte auch je so eine Bewertungsraster austeilen und ankreuzen, was zutrifft. Im Endeffekt kommt es aber aufs gleiche hinaus!)

Teacher Sachsen
11 Monate zuvor
Antwortet  Katinka

Ein Teil der Kollegen und Kolleginnen findet Noten unverzichtbar, weil Kinder ansonsten nicht arbeiten würden….Die Folge: Es gibt Noten für alles und jedes. Pädagogisch zeigt das, dass irgendetwas in der Schule völlig falsch läuft.
Gegen eheliche Rückmeldungen zu erbrachten Arbeiten habe ich nichts.

Freiya
11 Monate zuvor
Antwortet  Teacher Sachsen

Leistungsstarke Schüler*innen wollen Noten! Sie wollen wissen wie/wo sie stehen.
Die Verbalbeurteilungen sind 1. viel zu zeitaufwendig und 2. verstehen sie nur „Eingeweihte“. Dazu gehören weder die meisten Eltern noch die Schüler. „Mäxchen kann sicher im Zahlenraum von 1 bis 100 addieren.“ Prima, wenn Mäxchen im 1. Schuljahr ist. Ist Mäxchen aber im 4. Schuljahr langt es eben nicht. Woher sollen Eltern DAS wissen? Dann doch lieber hart aber herzlich und Mäxchen mitteilen, dass seine Matheteilleistung in Addition Mängel aufweist (wenn er im 4. SJ ist).

Neunvierteltakt
11 Monate zuvor
Antwortet  Freiya

Woher wissen Sie so genau, dass die Verbalbeurteilungen nur“ Eingeweihte“ verstehen? „Dazu gehören weder die meisten Eltern…….“? Wurde das getestet oder sonstwie erhoben?

Neunvierteltakt
11 Monate zuvor
Antwortet  Freiya

Das heißt, die Eltern lassen sich an der Nase herum führen und die Grundschullehrer lassen sich vollkommen unnötige und sinnlose Mehrarbeit aufbürden, seit über 40 Jahren???

Egvina
11 Monate zuvor
Antwortet  Neunvierteltakt

Genauso ist es. Eltern können die Verbalbeurteilungen oft nicht richtig einordnen (die interessierten Eltern fragen dann auch schon mal nach) und ja, die Grundschullehrer lassen sich vollkommen unnötige und sinnlose Mehrarbeit aufbürden.

Neunvierteltakt
11 Monate zuvor
Antwortet  Egvina

Viele Eltern können die Verbalbeurteilungen richtig einordnen. Interessierte Eltern fragen manchmal nach, aber auch nicht häufiger als bei Noten. Das ist meine Erfahrung. Bei Noten wissen sie keine Details.

Georg
11 Monate zuvor
Antwortet  Neunvierteltakt

Viele Ja und oft nicht schließen sich nicht gegenseitig aus. Ich behaupte sogar, dass der Anteil Eltern schwacher Schüler in oft nicht überrepräsentiert ist. Bei sprachlichen Lücken — b2 würde ich schon dazu zählen — dürfte der Anteil nicht weit weg von fast alle sein.

Teacher Sachsen
11 Monate zuvor
Antwortet  Freiya

Gute Noten sind für gute Schüler gut. Aber eben auch für die Schwachen eine Tragödie. Und genau das kann einfache keine Lösung sein.
Und alle konditionieren wir auf Noten.
Abgesehen davon interessiert es häufig überhaupt nicht mehr, welche Fähigkeiten und Fertigkeiten ein Kind erlernt hat.
Stimmt die Note, ist alles Wurscht.
Für mich hat das mit meinem Verständnis einer guten Schule wenig zu tun.

Egvina
11 Monate zuvor
Antwortet  Teacher Sachsen

Ist eine ehrliche Verbalbeurteilung für die Schwachen keine „Tragödie“?

potschemutschka
11 Monate zuvor
Antwortet  Egvina

Die Frage ist, wie „ehrlich“ sind verbale Beurteilungen? Bei uns mussten sie immer „positiv formuliert“ sein. Und gerade Eltern nicht-deutscher Herkunft haben Probleme, die langen Textzeugnisse zu lesen und zu verstehen. Da wären Kompetenz-Ankreuz-Zeugnisse noch verständlicher. Aber inwiefern unterscheiden sich die Kompetenzstufen von den Noten? Für die Kompetenzstufen kann man doch genausogut Ziffern einsetzen?

Maya
11 Monate zuvor

Ich sehe die Aussagekraft gegenwärtiger Benotungen ebenfalls sehr kritisch. Hier wird häufig ein Stückelunterricht als Grundlage zur Bewertung der Schüler herangezogen (gigantische Unterrichtsausfälle in einzelnen Fächern). Häufige Unterrichtsausfälle machen eine derartige Benotung u.U. juristisch angreifbar.

Last edited 11 Monate zuvor by Maya