TikTok-Challenges: Der gefährliche Wunsch von Kindern nach Aufmerksamkeit

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FRANKFURT/MAIN. Internet-Mutproben wie sie auf der Video-Plattform TikTok ausgetragen werden, sind besonders bei Kindern und Jugendlichen beliebt. Diese sogenannten Challenges können allerdings auch gefährlich sein. Experten warnen vor den Risiken.

Für die sogenannte «Hot-Chip-Challenge» wurden besonders scharfe Tortilla-Chips einzeln verkauft. Foto: Shutterstock

Die Videoplattform TikTok ist eine der erfolgreichsten Online-Plattformen weltweit. Millionen Jugendliche begeistern sich für die dort ausgetragenen «Challenges» (Herausforderungen). Doch einige dieser Internet-Mutproben können gesundheitliche Risiken bergen. So wurde etwa ein elfjähriger Junge aus dem Lahn-Dill-Kreis im vergangenen Jahr nach Polizeiangaben im Krankenhaus behandelt, nachdem er an der sogenannten «Hot-Chip-Challenge» teilgenommen hatte. Dabei sollten sich Teilnehmer filmen, wie sie einen besonders scharfen Chip essen – der Hersteller hat die Chips inzwischen zurückgerufen, weil sie zu scharf seien.

Die Beratungsstelle Jugend und Medien Hessen warnt: Challenges auf Social-Media-Plattformen wie TikTok könnten einen originellen und lustigen Charakter haben. «Sie können aber auch sehr risikoreich und gesundheitsgefährdend oder sogar lebensbedrohlich sein.» Problematisch etwa sei die «Schultoiletten-Challenge», bei der ebendiese vor laufender Kamera angezündet und das Video anschließend auf der Plattform hochgeladen wird. Bei der gesundheitsgefährdenden «Cinnamon-Challenge» wird demnach ein Löffel Zimtpulver geschluckt. Folgen sind etwa ein Verschlucken und auch das Auftreten akuter Atemnot.

Als besonders gefährlich bezeichnet die Beratungsstelle die «Würgespiel-Challenge». Sie warnt, dass es dabei unter anderem durch rasche Atmung, Druck auf die Brust und Würgen von Hand oder mit Hilfsmitteln zu einem Sauerstoffmangel im Gehirn komme, der zu einem rauschartigen Zustand und einer Ohnmacht führen könne.

Bei der auch als bekannten Internet-Mutprobe strangulieren sich Menschen vor laufender Kamera bis zur Bewusstlosigkeit. Anschließend laden sie das Video auf der Plattform hoch und hoffen auf Klicks und Likes. Mutmaßlich im Zusammenhang mit dieser Challenge soll Medienberichten zufolge Ende April ein 13 Jahre altes Mädchen aus dem Landkreis Kassel ums Leben gekommen sein.

Die Staatsanwaltschaft Kassel bestätigte auf Anfrage grundsätzlich ein Todesermittlungsverfahren im Todesfall einer 13-Jährigen aus dem Kreis Kassel, bei dem keine Hinweise auf ein Fremdverschulden festgestellt worden seien. Zu den Hintergründen, insbesondere hinsichtlich einer Bestätigung bestimmter vermeintlicher Tatumstände oder nicht, verhalte man sich nicht, erklärte ein Sprecher.

Eine Sprecherin der Plattform TikTok teilte zur «Blackout-Challenge» im Allgemeinen und explizit nicht auf einen bestimmten Fall bezogen mit: «Diese besorgniserregende ‚Challenge‘, von der Menschen anscheinend aus anderen Quellen als TikTok erfahren haben, gibt es schon lange vor der Existenz unserer Plattform und war nie ein TikTok Trend. Wir bleiben wachsam in unserem Engagement für die Sicherheit der Nutzer*innen und entfernen entsprechende Inhalte sofort, wenn wir sie finden.»

Aber warum sind Kinder und Jugendliche überhaupt bereit, solche Risiken auf Plattformen wie Tiktok in Kauf zu nehmen? «Weil sie glauben, dort unter anderem Anerkennung finden zu können», sagte die Klinische Psychologin Julia Brailovskaia. Die 36-Jährige ist an dem Forschungs- und Behandlungszentrum für psychische Gesundheit und dem Deutschen Zentrum für psychische Gesundheit an der Ruhr-Universität Bochum tätig und forscht seit 15 Jahren zu den Auswirkungen Sozialer Medien. «Sie wollen Likes bekommen, populär sein, vielleicht Influencer werden, weil das im Moment sehr im Trend ist.» Um viele Likes zu erhalten und im Algorithmus erfolgreich zu sein, müssten sie etwas ganz Besonderes machen.

«Je heftiger oder aggressiver die Handlungen sind, desto mehr Likes und Follower bekommen sie.» Damit würden die Nutzerinnen und Nutzer in ihrem Verhalten bestärkt. Und um ihre Popularität nicht zu verlieren, müssten sie etwas noch Aggressiveres tun. «Das ist ein Teufelskreis», erklärte Brailovskaia. Die Angst vor Gefahren setze dabei einfach aus oder der Wunsch nach Popularität überwiege. «Die Kinder und Jugendlichen wollen beliebt sein, nicht als Verlierer dastehen. Das übersteigt die natürliche angeborene Angst.» Von den negativen Effekten seien besonders junge Mädchen betroffen.

«Wenn jemand früher Quatsch in der Schule gemacht hat, haben ihm vielleicht zehn Leute zugeschaut. Jetzt können es zehn Millionen sein»

Der Wunsch von Kindern und Jugendlichen, Aufmerksamkeit zu erregen, sei nicht neu, erläuterte die Psychologin. Er werde aber durch die sozialen Medien intensiver getriggert und verstärkt. Dort sei die Anzahl der Zuschauer viel größer. «Wenn jemand früher Quatsch in der Schule gemacht hat, haben ihm vielleicht zehn Leute zugeschaut. Jetzt können es zehn Millionen sein.»

Entgegenwirken könnten Eltern und Lehrer, indem sie sich mit der Plattform auseinandersetzten. Wichtig sei, nicht nur vor den Gefahren zu warnen und Verbote auszusprechen, sondern sich mit TikTok auszukennen, um von den Kindern und Jugendlichen ernst genommen zu werden. «Man sollte mit ihnen über die Challenges und Social Media im Allgemeinen sprechen, damit sie lernen, kritisch zu hinterfragen, was sie da tun und welche Folgen das haben kann.» Dazu sollten Schulungen für Eltern angeboten werden. Zudem sollten diese versuchen, den Selbstwert ihrer Kinder durch Offline-Aktivitäten zu stärken.

Denn auch wenn die Social-Media-Nutzung kurzfristig ein gutes Gefühl vermitteln und Vorzüge wie Vernetzung und schnelle Informationsbeschaffung bieten könne: Langfristig könne sie der psychischen Gesundheit schaden, indem sie etwa Depressionen, Ängste und Suchtproblematiken fördere und die Lebenszufriedenheit verringere.

Auch die Landesmedienanstalt NRW warnte unlängst vor schädlichen TikTok-«Challenges». Unter anderem werteten zwei Forscherinnen der Ludwig-Maximilians-Universität München im Herbst 2023 im Auftrag der Landesanstalt den Inhalt von mehr als 2500 Videos der Plattform aus. Dabei kamen sie zu dem Ergebnis, dass etwa 30 Prozent der Challenges auf Tiktok potenziell schädlich, 1 Prozent sogar potenziell tödlich seien.

Inhalte, die laut dem Jugendmedienschutz-Staatsvertrag absolut unzulässig sind, seien aber eine seltene Ausnahme. In den meisten Fällen handelte es sich demnach um Schmerzdarstellungen, etwa wenn Teilnehmer sich versehentlich bei einer Challenge verletzen, wie es bei der Veröffentlichung der Studie im Februar hieß. Darunter fallen aber auch gewollte schmerzhafte Darstellungen wie bei der «Hot-Chip-Challenge». News4teachers / mit Material der dpa

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Lisa
1 Monat zuvor

„Wenn jemand früher Quatsch in der Schule gemacht hat, haben ihm vielleicht zehn Leute zugeschaut. Jetzt können es zehn Millionen sein»
Die Rolle des “ Klassenclowns“ war früher zweischneidig. Die anderen Kinder haben zugeschaut und gelacht, beliebt war er aber nicht unbedingt. Und es war eine Rolle, die nicht viele besetzen wollten.
Da gibt es einen Unterschied zu den Internet Challenges. Ich frage mich, warum so viele Kinder mitmachen wollen, und ob es ihnen an wirklichen Herausforderungen in ihrem realen Leben, die aber auch bewältigt werden können, fehlt. Damit meine ich nicht Klimawandel und drohende Kriegsgefahr. Das sind keine Herausforderungen, die ein Kind bewältigen kann.