ESSEN. An der Gustav-Heinemann-Gesamtschule im Essener Norden sollen Kinder und Jugendliche künftig nicht mehr selbst den Weg in den Vereinssport finden müssen. Mit der Anmeldung an der Schule werden neue Schülerinnen und Schüler automatisch Mitglied im neu gegründeten Schulsportverein „RISE“. Hinter dem Modellprojekt steht die Krupp-Stiftung, die den Verein mit 40.000 Euro fördert. Die Initiatoren reagieren damit auf eine auffällige Entwicklung: Unter zehn Prozent der Jungen und weniger als fünf Prozent der Mädchen an der Schule sind bislang in Sportvereinen aktiv. Nun soll Sport nicht nur Bewegung fördern, sondern auch gesellschaftliche Teilhabe ermöglichen.

Emily läuft zwar mit durch die Halle, aber Begeisterung klingt anders. „Ich persönlich mag keinen Sport, weil ich mag nicht so zu schwitzen“, sagt die Achtklässlerin im Beitrag des WDR. Schwimmen finde sie zwar gut, „aber ist anstrengend“. Neben ihr trainieren Mitschüler Handballwürfe, andere dribbeln Basketballs durch die Sporthalle der Gustav-Heinemann-Gesamtschule in Essen-Schonnebeck. Für Aras Mohamad dagegen ist Bewegung eine willkommene Abwechslung, „anstatt immer zuhause an der Playstation zu hocken“.
Genau diese Jugendlichen stehen im Mittelpunkt eines Modellprojekts, das nach Angaben der Alfried Krupp von Bohlen und Halbach-Stiftung bundesweit bislang kaum Vorbilder hat. Neu angemeldete Schülerinnen und Schüler der Gesamtschule werden automatisch Mitglied des neu gegründeten Schulsportvereins „RISE“ – für einen symbolischen Jahresbeitrag von einem Euro. Der Name steht für „Respect, Inclusion, Strength, Education“. Drei Tage pro Woche und zusätzlich am Wochenende sollen die Jugendlichen Sportangebote nutzen können, darunter Basketball, Tanz, Akrobatik oder Jonglage. Spezielle Mädchenkurse sollen gezielt Schülerinnen ansprechen, die bislang keinen Zugang zu Vereinssport gefunden haben.
„Der Verein soll in erster Linie den Spaß an Bewegung wecken. Er dient als eine Art Starthilfe“
Die Ausgangslage beschreibt die Schule selbst als problematisch. Demnach haben mehr als 65 Prozent der rund 1.350 Schülerinnen und Schüler einen Migrationshintergrund, der Sozialindex der Schule liegt bei 8 – der höchsten Belastungsstufe in NRW. Rund 30 Prozent der Kinder im Essener Norden stammen laut Stiftung aus Familien, die Sozialleistungen beziehen. Gleichzeitig seien weniger als zehn Prozent der Jungen und weniger als fünf Prozent der Mädchen Mitglied in einem Sportverein. Die Stiftung verweist dabei auch auf sprachliche, kulturelle und finanzielle Barrieren, die den Zugang zu Sportangeboten erschweren könnten.
Schulleiter Lukas Rüenauver verbindet mit dem Projekt deshalb ausdrücklich mehr als zusätzliche Freizeitangebote. „Der Verein soll in erster Linie den Spaß an Bewegung wecken. Er dient als eine Art Starthilfe und vermittelt im Idealfall die jungen Menschen an andere Essener Sportvereine weiter, wo sie eine Sportart ihrer Wahl betreiben können“, sagt er.
Der Verein knüpft an ein bereits bestehendes Projekt an. Seit einem Jahr läuft an der Schule das offene Bewegungsangebot „Open Area“, das bislang ausschließlich draußen stattfand. Basketball, Tanz und Akrobatik gehörten dort bereits zum Programm. Die Vereinsgründung soll dieses Angebot nun verstetigen und organisatorisch absichern. Nach Angaben der Stiftung übernehmen speziell geschulte Lehramtsstudierende der Universität Duisburg-Essen die Trainingsangebote. Wissenschaftlich begleitet wird das Projekt von Prof. Ulf Gebken vom Institut für Sport- und Bewegungswissenschaften der Universität Duisburg-Essen. Geplant seien regelmäßige Evaluationen und jährliche Abschlussberichte.
Gebken sieht darin zugleich ein Ausbildungsprojekt für angehende Lehrkräfte. „Das Projekt bietet auch Studierenden, die in der Funktion der Coaches arbeiten, die Möglichkeit, sich weiterzuentwickeln. Die oftmals Lehramtsstudierenden können bereits vorhandenes pädagogisches Wissen anwenden. Darüber hinaus werden sie geschult und durchlaufen verschieden Evaluationsprozesse“, erklärt der Sportwissenschaftler.
Die Initiatoren verweisen zudem auf gesundheitspolitische Entwicklungen. Nach Erhebungen des Robert Koch-Instituts erreichen bundesweit nur rund acht Prozent der Mädchen und 16 Prozent der Jungen das empfohlene tägliche Bewegungsniveau von 60 Minuten. Besonders niedrig seien die Aktivitätswerte bei Jugendlichen aus sozial schwachen Strukturen.
Dass die Schule nun auf ein Vereinsmodell setzt, hat auch mit Erfahrungen aus anderen Städten zu tun. Laut Krupp-Stiftung existieren vergleichbare Schulsportvereine bislang vor allem in Hamburg und Oldenburg. In Hamburg seien nach Angaben der Stiftung mehr als 90 Prozent der Schülerinnen und Schüler Mitglied im Verein „Stadtteil in Bewegung e.V.“, der unter anderem Schulsporthallen organisiert und Trendsportarten anbietet. Essen sei nun der erste Standort, an dem ein solcher Schulsportverein gezielt in einem sozial benachteiligten Umfeld und unter Beteiligung der Sportwissenschaften aufgebaut werde.
Unterstützung erhält das Projekt auch aus der Stadtpolitik. Essens Oberbürgermeister Thomas Kufen (CDU) sieht darin „Potenziale für eine nationale Ausweitung“. Tatsächlich berührt das Projekt eine bildungspolitische Debatte, die seit Jahren geführt wird: Wie Schulen Kinder und Jugendliche erreichen können, die von klassischen Vereinsstrukturen kaum erfasst werden. Gerade in sozial belasteten Stadtteilen gelten Ganztagsschulen zunehmend als Orte, an denen Bildungs-, Bewegungs- und Freizeitangebote zusammengeführt werden.
In Essen soll der Zugang nun möglichst niedrigschwellig funktionieren: keine Aufnahmehürden, ein symbolischer Mitgliedsbeitrag und Angebote direkt auf dem Schulgelände. Ob daraus langfristige Vereinsbindungen entstehen, soll die wissenschaftliche Begleitung zeigen. Für Schülerinnen wie Emily beginnt das Projekt zunächst deutlich kleiner: mit der Frage, ob Sport vielleicht doch mehr sein kann als bloßes Schwitzen. News4teachers
Hier geht es zu allen Beiträgen des News4teachers-Themenmonats „Gesunde Schule“.
Praxis: Wie Sportunterricht in der Grundschule (auch fachfremd unterrichtenden) Lehrkräften gelingt









Super!
Shout out an Vehrenkamp, aber genau diese Schwelle beklagten wir vor… 500 Jahren? Bin mir nicht mehr sicher 😛
Die Zivilgesellschaft konkurriert hier mit ein paar der mächtigsten Konzernen um die Aufmerksamkeit bzw. Sucht unserer Kinder, da bin ich um diesen Ansatz der nahtlosen Verzahnung aufrichtig dankbar.
Bitte weiter so! 🙂
So langsam erkennt man, dass Sport und Bewegung denselben Stellenwert haben wie die wissenschaftlichen Fächer, nur eben anders gelagert. Auch hier lastet die Verantwortung immer mehr auf Schulen und Sportlehrern, weil immer mehr Eltern zu bequem sind, da aktiv zu werden.
Die Ideen mit der Mitgliedschaft im Sportverein finde ich gut, allerdings bezweifle ich, dass dies wieder da ankommt, wo es nötig wäre. Und wenn, wer soll die vielen Neuzugänge dann betreuen? Jeder Sportverein leidet unter Personalmangel, wenn es um Angebote geht. Oder dürfen dann die Sportlehrer ehrenamtlich einspringen?
Mir scheint, das Ganze ist mal wieder nicht zu Ende gedacht, aber im Ansatz ein guter Gedanke, der sich weiter entwickeln kann.
Am Anfang ist es schwer, aber aus den Kindern, die im Verein aktiv sind, werden ja auch irgendwann Jugendliche, die sich im Verein einbringen können z.B. als Sporthelfer (Jugendliche, die in jüngeren Altersgruppen helfen und den Trainer unterstützen ohne rechtlich verantwortlich zu sein. Z.B. beim Aufbauen oder Aufräumen von Material, Ideen für Spiele, erstellen von Quiz…) oder die bei Festen und Wettkämpfen an Ständen und beim Auf- und Abbau mithelfen. Vielleicht werden ein paar Schüler sogar als Erwachsene noch dem Verein treu bleiben. Alle werden das natürlich nicht sein, aber so ist es schon immer gewesen: nicht Jeder ist bereit ein Ehrenamt zu übernehmen. Meine Erfahrung ist, dass insbesondere von denenigen, die früh in die Vereinsarbeit hineinwachsen und lange dabei bleiben, später auch als Erwachsene ein paar bleiben bzw. wieder kommen. Ich denke es ist wichtig den Jugendlichen auch schon früh Verantwortung und die Möglichkeit bei der Vorbereitung mitzugestalten zu geben.
Sporthelfer-AG als Wahlpflichtfach II
Toll! Um wie viel Uhrzeit aber finden die Angebote statt und wer leitet sie an? Bei uns scheiterte die Einbindung der Vereine daran, dass die Trainer leider zu den Schulzeiten auch meist keine Zeit haben..
…….Sind bei uns an den Nachbarschulen meist Ehrenamtliche 🙂 auch Pensionisten sind dabei.
Vorbild?
Eher ein Rückzug des Staates aus seiner Verantwortung.
Wie viele Schulen haben eine „Stftung“ im Hintergrund, die (jährlich?) solche Aktionen mit 40.000€ fürdert?
Hier wird Bildung privatisiert und alle jubeln???