BERLIN. Sprachdefizite, ungleiche Bildungschancen, hohe Förderbedarfe: Die Probleme des deutschen Schulsystems werden seit Jahren intensiv diskutiert. Weniger beachtet wird dabei, welche Rolle die mangelnde Förderung der Erstsprache vieler Kinder spielt. Dabei zeigen Forschung und Praxis, dass stabile Kompetenzen in der Herkunftssprache das Deutschlernen erleichtern und damit eine zentrale Voraussetzung für den Bildungserfolg insgesamt sind. Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) fordert deshalb einen grundlegenden Kurswechsel – und erhält dafür Unterstützung aus der Sprachwissenschaft.

Im deutschen Schulsystem gilt Deutsch als Schlüssel zur Bildung – und zugleich als zentrale Hürde. Kinder, die beim Schuleintritt nicht über ausreichende Deutschkenntnisse verfügen, gelten früh als förderbedürftig, geraten häufiger in den Fokus von Sprachstandserhebungen und sind überproportional von Bildungsbenachteiligung betroffen. In der bildungspolitischen Debatte wird dieser Befund meist mit einem Mangel an Deutschförderung erklärt. Weitgehend ausgeblendet bleibt jedoch, dass sprachliche Entwicklung nicht im luftleeren Raum stattfindet – und dass fehlende oder instabile Kompetenzen in der Erstsprache den Erwerb der Bildungssprache Deutsch erheblich erschweren können.
„Ungefähr die Hälfte der Berliner Schüler*innen wächst mehrsprachig auf. Das ist keine Randerscheinung, das ist die Realität dieser Stadt“
An diesem Punkt setzt die aktuelle Forderung der GEW Berlin an. Die Gewerkschaft verlangt einen deutlich stärkeren Ausbau des erstsprachlichen Unterrichts an Schulen. Der Berliner Landesvorsitzende Gökhan Akgün verweist darauf, dass Mehrsprachigkeit längst der Normalfall ist: „In Berlin werden über 120 Sprachen gesprochen. Ungefähr die Hälfte der Berliner Schüler*innen wächst mehrsprachig auf. Das ist keine Randerscheinung, das ist die Realität dieser Stadt.“
Aus Sicht der GEW spiegelt das Schulsystem diese Realität bislang nicht wider. Erstsprachlicher Unterricht existiert nur in sehr begrenztem Umfang – und meist nicht als reguläres Bildungsangebot, sondern als freiwillige Zusatzmaßnahme. Akgün fordert deshalb einen grundsätzlichen Perspektivwechsel: „Sprachenvielfalt ist eine Stärke. Allen Kindern und Jugendlichen muss der schrift- und bildungssprachliche Zugang zu ihrer Erstsprache im Rahmen des schulischen Kontextes ermöglicht werden.“ Erstsprachlicher Unterricht dürfe kein Anhängsel bleiben, sondern müsse „ein regulärer Teil von Schule in staatlicher Verantwortung werden – mit ausgebildeten Lehrkräften und verlässlichen Strukturen“.
Derzeit bietet Berlin erstsprachlichen Unterricht in lediglich acht Sprachen an, in der Regel als zweistündige Arbeitsgemeinschaften in der Grundschule. Nach Einschätzung der GEW reicht das weder inhaltlich noch strukturell aus. Der Unterricht müsse auf alle Schulstufen ausgeweitet und in deutlich mehr Sprachen angeboten werden. „Bis zum Ende dieser Legislaturperiode sollte mindestens ein Angebot in 20 Sprachen in Grundschule, Sek I und II vorgehalten werden“, fordert Akgün. Dass seit 2022 kein einziges neues Angebot hinzugekommen sei, bewertet er nicht als administratives Problem, sondern als politisches Versäumnis.
Dabei ist die Rechtslage eindeutig. Das Berliner Schulgesetz sieht vor, dass Schülerinnen und Schüler mit anderen Erstsprachen als Deutsch Angebote zum Erlernen ihrer Herkunftssprachen erhalten sollen. Gleichzeitig kritisiert die GEW, dass die Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Familie nicht einmal über belastbare Daten zur sprachlichen Ausgangslage der Kinder verfügt. Zwar wurden Befragungen in den ersten und siebten Klassen durchgeführt, doch die Auswertung aus dem Schuljahr 2024/25 liegt bislang nicht vor. In einer schriftlichen Anfrage vom Dezember erklärte die Verwaltung zudem, die Planung für das laufende Schuljahr sei noch nicht abgeschlossen.
„Wie kann das sein? Das Schuljahr läuft längst. Wer steuern will, braucht verlässliche Daten – und zwar jetzt, nicht irgendwann“, kritisiert Akgün. Laut § 15 Schulgesetz ist die Schulverwaltung seit 2021 verpflichtet, die Erstsprachen aller Kinder systematisch zu erfassen. Aus Sicht der GEW wird diese gesetzliche Pflicht bislang nicht ausreichend ernst genommen.
„Die Forschung zeigt: Jede Sprache ist es wert, gefördert zu werden“
Unterstützung für die Forderung nach einer stärkeren Erstsprachenförderung kommt aus der Sprachwissenschaft. Die Logopädin und Professorin für Logopädie, Mehrsprachigkeit und klinisch interkulturelle Kompetenz an der Hochschule Bremen, Wiebke Scharff Rethfeldt, beschreibt in einem Interview mit dem Spiegel grundlegende Fehlannahmen im Umgang mit Mehrsprachigkeit im Bildungssystem. Zwar werde Mehrsprachigkeit offiziell als Kompetenz anerkannt, zugleich sei „ein monolinguales Normverständnis vielerorts bis heute nicht überwunden“. Ein Schulsystem, das fast ausschließlich auf Deutsch fokussiert sei, erschwere den Erhalt und die Entwicklung weiterer Sprachen zusätzlich.
Dabei ist der Zusammenhang aus wissenschaftlicher Sicht klar. „Die Forschung zeigt: Jede Sprache ist es wert, gefördert zu werden“, sagt Scharff Rethfeldt. Gute Kompetenzen in der Herkunftssprache bildeten die beste Grundlage für den späteren Erwerb der in der Schule verwendeten Sprachen. Eltern sollten ihre Kinder deshalb in ihren Erstsprachen sozialisieren. Das sei nicht nur für die sprachliche Entwicklung relevant, sondern auch für die mentale Gesundheit, die persönliche Entwicklung und stabile familiäre Bindungen.
Zugleich warnt die Sprachwissenschaftlerin vor einer weit verbreiteten Fehlinterpretation: Mehrsprachigkeit werde noch immer zu häufig als Ursache von Sprachproblemen angesehen. „Zunächst ist wichtig festzuhalten, dass eine mehrsprachige Erziehung nicht die Ursache ist, wenn ein Kind eine Sprachentwicklungsstörung hat.“ Verzögerungen würden „zu oft mit Mehrsprachigkeit erklärt und dadurch zu spät behandelt“. Tatsächlicher Förderbedarf im schulischen Sinne entstehe vor allem dann, wenn Kinder in anregungsarmen Umgebungen aufwachsen.
Scharff Rethfeldt verweist in diesem Zusammenhang auf soziale Faktoren. Entscheidend seien die häusliche Lernumgebung und der Bildungsgrad der Eltern. Rund 42 Prozent der unter Fünfjährigen in Deutschland haben einen Migrationshintergrund. Da Eltern mit Migrationshintergrund im Durchschnitt niedrigere Bildungsabschlüsse haben, sei der höhere Anteil an Förderbedarf wenig überraschend. Die Abwertung oder Vernachlässigung der Herkunftssprache könne diese strukturellen Nachteile zusätzlich verstärken.
Scharff Rethfeldt über Versuche, eine Deutschpflicht in Schulen einzuführen: „Auffällig ist, dass sich Sprachverbote in der Praxis fast ausschließlich gegen bestimmte Herkunftssprachen richten. Englisch oder Französisch werden in vergleichbaren Situationen in der Regel nicht sanktioniert, obwohl sie ebenfalls nicht von allen verstanden werden. Das deutet darauf hin, dass es weniger um Verständigung und Teilhabe als um Fragen von Prestige geht.“
Hier sieht die GEW eine bildungspolitische Leerstelle. Erstsprachlicher Unterricht sei nicht Selbstzweck, sondern ein zentraler Baustein für Bildungsgerechtigkeit, Teilhabe und erfolgreiche Sprachbildung insgesamt.
Ergänzend fordert die Gewerkschaft eine Ausweitung der Staatlichen Europa-Schule Berlin (SESB). Dabei handelt es sich um einen landesweiten Schulverbund mit mehreren Standorten, an denen Unterricht konsequent zweisprachig organisiert ist: Deutsch und eine weitere Sprache werden gleichberechtigt als Bildungs- und Arbeitssprachen genutzt. Die SESB gilt bislang als eines der wenigen strukturell verankerten Modelle, in denen Mehrsprachigkeit nicht als Defizit, sondern als pädagogisches Prinzip umgesetzt wird.
„Erstsprachlicher Unterricht, Europa-Schulen und die Anerkennung internationaler Abschlüsse gehören zusammen“
Nach Auffassung der GEW bildet das bestehende Angebot jedoch weder den tatsächlichen sprachlichen Bedarf noch die Zusammensetzung der Berliner Schülerschaft ab. Akgün fordert deshalb zusätzliche Standorte und neue Sprachkombinationen, unter anderem für Arabisch und Vietnamesisch, sowie einen Ausbau in bereits stark nachgefragten Sprachen wie Englisch, Französisch und Spanisch. Trotz hoher Nachfrage sei seit Jahren kein neuer SESB-Standort und keine neue Sprachkombination eingerichtet worden.
Auch beim Lehrkräftemangel sieht die GEW ungenutzte Potenziale. Nur vier Prozent der Anträge auf Gleichstellung ausländischer Lehramtsabschlüsse würden derzeit ohne Auflagen positiv beschieden. Akgün fordert niedrigere Anforderungen an formale Berufserfahrung, finanzielle Unterstützung beim Nachstudieren, die Abschaffung der Antragsgebühren sowie die Möglichkeit der Gleichstellung auch mit nur einem Fach. Zudem müssten Deutsch als Zweitsprache und Deutsch als Fremdsprache als reguläre Ausbildungsfächer verankert werden.
„Erstsprachlicher Unterricht, Europa-Schulen und die Anerkennung internationaler Abschlüsse gehören zusammen“, erklärt Akgün. Es gehe um Fachkräftesicherung, um Teilhabe – und um die Frage, ob das Schulsystem die sprachliche Vielfalt der Gesellschaft als Ressource begreift oder weiterhin als Problem verwaltet. News4teachers








