WIESBADEN. Nach mehreren Jahren als Schulversuch wird das Fach „Digitale Welt“ in Hessen flächendeckend zugänglich – allerdings (nur) im Ganztag. Das Kultusministerium will damit nach eigenen Worten digitale Kompetenzen systematisch verankern und zugleich den Ganztag ausbauen. Grundlage ist eine evaluierte Pilotphase mit wachsender Nachfrage.

Das Land Hessen will das Unterrichtsangebot „Digitale Welt“ zum Schuljahr 2026/2027 allen Schulen im Ganztag öffnen – sagt es. Wie das Hessische Kultusministerium mitteilt, werde ein bislang auf 80 Pilotschulen begrenzter freiwilliger Schulversuch damit in die Fläche überführt. Ziel sei es, „so viele Jugendliche wie möglich zu erreichen“ und digitale Kompetenzen in der Sekundarstufe I dauerhaft zu verankern.
Nach Angaben des Ministeriums könne die Zahl der teilnehmenden Schulen durch die Öffnung auf mehr als 600 steigen. Hessen verstehe sich damit als Vorreiter unter den Bundesländern. Gleichzeitig werde das Angebot strukturell an den Ganztag gebunden, der als organisatorischer Rahmen für zusätzliche Lernangebote dient.
Kultusminister Armin Schwarz begründet den Schritt mit dem Anspruch, digitale Bildung breiter zugänglich zu machen: „Uns ist es wichtig, jetzt in die Fläche zu gehen, um die digitalen Kompetenzen so vieler Jugendlicher wie möglich zu verbessern und die Medienbildung in den Schulen weiter voranzutreiben. Der Ganztag ermöglicht einen breiten Zugang, zumal wir dort direkt an einer Vielzahl von ähnlichen Angeboten anschließen können und mit Digitale Welt den Ganztag zusätzlich qualitativ weiter stärken können.“
Die Einführung stützt sich auf Erfahrungen aus einer mehrjährigen Pilotphase. Das Projekt war im Schuljahr 2022/2023 zunächst an zwölf weiterführenden Schulen gestartet und wurde schrittweise ausgebaut. Im laufenden Schuljahr 2025/2026 nehmen nach Ministeriumsangaben 80 Schulen teil, in denen das Angebot in den Jahrgangsstufen fünf und sechs umgesetzt wird.
Die Evaluation des Schulversuchs wird als zentrale Grundlage für die Ausweitung genannt. Demnach zeichne sich das Angebot insbesondere durch eine „starke Praxis- und Projektorientierung“ aus. Diese passe, so die Darstellung des Ministeriums, gut in bestehende Ganztagsstrukturen. Konkrete Evaluationsberichte oder detaillierte Studienergebnisse werden in der Mitteilung nicht benannt.
Inhaltlich verbindet „Digitale Welt“ informatische Grundlagen mit anwendungsbezogenen Themen. Schülerinnen und Schüler beschäftigen sich unter anderem mit Programmieren und der Funktionsweise von Algorithmen. Darüber hinaus werden Fragen der Mediennutzung, des Datenschutzes und der Cyberkriminalität behandelt. Der Unterricht erfolgt im Rahmen von zwei zusätzlichen freiwilligen Stunden pro Woche.
Die organisatorische Verankerung im Ganztag sei dabei zentral, heißt es. Künftig soll das Angebot „im Rahmen der vorhandenen Ganztagsmittel“ umgesetzt werden. Es bleibt damit formal ein zusätzliches, freiwilliges Lernangebot und kein verpflichtendes Unterrichtsfach im klassischen Sinne. Gleichzeitig betont das Ministerium die Flexibilität: Schulen sollen das Kursangebot an ihre jeweiligen Bedingungen anpassen können.
Parallel zur Ausweitung kündigt das Land umfassende Unterstützungsmaßnahmen für Schulen und Lehrkräfte an. Dazu gehören Fortbildungsangebote, die auf den Erfahrungen der Pilotphase aufbauen, sowie Materialien und Handreichungen. Genannt werden unter anderem „eine detaillierte Handreichung, ein vielfältiges und stetig wachsendes Materialangebot sowie Selbstlerneinheiten“.
Das Interesse an dem Angebot sei seit Beginn des Schulversuchs kontinuierlich gestiegen. Viele Schulen hätten bislang nicht teilnehmen können, weil die Zahl der Plätze begrenzt war. Mit der Öffnung entfalle diese Beschränkung.
Das Projekt wurde in Kooperation mit dem Hasso-Plattner-Institut in Potsdam entwickelt und wissenschaftlich von der Goethe-Universität Frankfurt begleitet. Konkrete Ergebnisse dieser wissenschaftlichen Begleitung werden in der Mitteilung nicht ausgeführt. News4teachers
Ein Modell-Unterrichtsfach “Digitale Welt”, gesponsert vom SAP-Gründer – reicht das?









Eine Verschiebung als freiwilliges Angebot in den Ganztag (neben den Häkelkurs) – und dann auch noch ohne zusätzliche Ganztagsmittel – klingt nun nicht gerade nach einer Ausweitung, sondern eher nach einer Beerdigung.
“Konkrete Evaluationsberichte oder detaillierte Studienergebnisse werden in der Mitteilung nicht benannt.”
Bin gespannt, wie diese aussehen.
Aber ist doch erstmal eine schöne Meldung, auch für Kritiker*innen von Ganztagsangeboten, dass solche Inhalte mit Lebensweltbezug vermittelt werden sollen 🙂
Dieser Artikel blendet aus, dass durch die Änderung das Fach Digitale Welt nicht flächendeckend unterrichtet wird. Selbst wenn es im Ganztag allen Schulen zur Verfügung steht, erreicht es damit nicht alle Kinder, da der Ganztag freiwillig ist. Dies ist das größte Problem, denn es werden gesellschaftlich wichtige Themen behandelt. Dazu kommt, dass die finanziellen Möglichkeiten im Ganztag begrenzt sind. Für mich persönlich auch ein Schlag ins Gesicht, da ich mich freiwillig zum Unterrichten des Faches in den letzten drei Jahren intensiv fortgebildet habe und nun, wegen geringerer Nachfrage, das Fach vielleicht gar nicht mehr unterrichten kann. Alles in allem also die nächste Sparmaßnahme auf dem Rücken der hessischen Schülerinnen und Schüler, die keine Lobby haben.
Im Ministerium sitzen sprachliche Genies, die Mittelkürzungen als Erfolg verkaufen – wenn es nicht so traurig wäre. Im Kern müssen Schulen Angebote streichen, um DW anbieten zu können.
Liebes Redaktionsteam,
ich finde, dass ihr oft gute und vor allem kritische Artikel schreibt, die negative Aspekte eines Themas herausarbeiten. Dies ist euch beim Artikel zum Fach Digitale Welt überhaupt nicht gelungen. Das ist mehr als enttäuschen.
Ich finde es wenig redaktionell, den Pressebericht etwas umzuformulieren und unreflektiert abzuschreiben. Ein bisschen mehr Hintergrundinformation hätte dem Artikel gut getan. Die Frankfurter Rundschau hat zum Beispiel etwas zu dem Thema geschrieben.
Kurze Aufklärung: Ursprünglich war es geplant, das Fach Digitale Welt als Unterrichtsfach zu etablieren. Das Ministerium hat es in höchsten Tönen angepriesen und sich selbst gelobt, weil man von anderen Bundesländern neidisch beäugt wurde. Mehrere Pilotschulen haben viel Zeit und Geld in die Schulung, Ausstattung und Vorbereitung gesteckt. Dass es nun als Ganztagsfach verschleudert wird, ist ein Schlag ins Gesicht für all diese Schulen. Es wird sicherlich auch nicht den Stellenwert im Ganztagsbereich erhalten, den es verdient und auch nötig hätte. Denn sind wir ehrlich: Wie viele Schüler werden sich freiwillig zu diesem Fach anmelden? Höchstens die, die sowieso schon Kenntnisse im digitalen Bereich haben. Die anderen, die es gebraucht hätten, werden das Fach umgehen.
Es ist also kein Mehrwert oder eine besondere Leistung, das Fach im Ganztagsunterricht versauern zu lassen. Es ist schlichtweg eine Entscheidung des Geldes: Dem Ministerium bzw. der Landesregierung war es nicht wichtig genug, Geld in die Ausweitung dieses so wichtigen Fachs zu stecken. Wieder einmal wird beim Thema Bildung gespart.
Dass ihr dieses Thema mit einem Symbolbild “Daumen hoch” verseht, zeigt, dass ihr diese Pressenachricht so positiv aufgefasst habt, wie es das Ministerium erreichen wollte. Es zeigt mir nur leider, dass ihr euch kein bisschen mit dem Thema auseinander gesetzt habt.
Wir haben das Thema nach Ihrer – durchaus berechtigten – Kritik nochmal aufgegriffen: https://www.news4teachers.de/2026/04/etikettenschwindel-wie-ein-kultusminister-versucht-eine-sparmassnahme-bei-digitaler-bildung-als-fortschritt-zu-verkaufen/
Der Daumen war ironisch gemeint. Allerdings ist uns ein so frecher Versuch eines Kultusministeriums, eine Sparmaßnahme zu verbrämen, noch nicht untergekommen.
Herzliche Grüße
Die Redaktion
Liebe Redaktion,
vielen Dank für eure Reaktion und euren neuen Artikel. Dieses Mal spiegelt er euer bislang gutes Niveau wider und zeigt deutlich, welcher Etikettenschwindel stattgefunden hat.
Dass der Daumen ironisch gemeint war, wurde leider überhaupt nicht deutlich, da der gesamte Artikel zu positiv formuliert war. Ich glaube, dass diese Ironie leider kaum jemandem aufgefallen sein dürfte. Aber nochmal vielen Dank, dass ihr so schnell gehandelt habt. Ich finde, der neue Text wird der ganzen Sache wirklich gerechter.
Schöne Grüße
Wow. Nach einem tag nicht mehr auf der Hauptseite. Was sbedeutet das?
Dass wir an dem Thema weiter dran sind. Hier der neueste Stand: https://www.news4teachers.de/2026/04/etikettenschwindel-wie-ein-kultusminister-versucht-eine-sparmassnahme-bei-digitaler-bildung-als-fortschritt-zu-verkaufen/
Herzliche Grüße
Die Redaktion
Danke!