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„Etikettenschwindel“: Wie ein Kultusminister versucht, eine Sparmaßnahme (bei digitaler Bildung) als Fortschritt zu verkaufen

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WIESBADEN. Hessen erklärte sich mit dem Start des Modellversuchs „Digitale Welt“ zum bildungspolitischen Vorreiter in Deutschland. Erklärtes Ziel war die Etablierung eines neuen Schulfachs, das Kindern und Jugendlichen in der Breite digitale Kompetenzen vermitteln sollte. Jetzt wird das Projekt als Arbeitsgemeinschaft in den Ganztag verschoben – und das Kultusministerium versucht in einer Pressemitteilung, dies als Fortschritt zu verkaufen. Doch von Lehrkräften und Eltern kommt wütender Widerspruch: Die (offensichtlich als Sparmaßnahme gedachte) Verlagerung wird ihnen zufolge dazu führen, dass nur noch wenige Schülerinnen und Schüler erreicht werden.

“Breiter Zugang”: Armin Schwarz (CDU). Foto: Paul Schneider / Hessische Staatskanzlei

Geht es vollmundiger? „Der mit 80 Pilotschulen erfolgreich getestete freiwillige Schulversuch wird zum neuen Schuljahr 2026/2027 innerhalb des Ganztags für alle Schulen geöffnet, um so viele Jugendliche wie möglich zu erreichen“, so heißt es in einer aktuellen Pressemitteilung des hessischen Kultusministeriums (über die News4teachers berichtete), Hervorhebung von uns.

Und: „Zum einen wird damit die digitale Bildung für die Schülerinnen und Schüler der Sekundarstufe I langfristig verankert. Zudem stärkt das Land dadurch seine hochwertigen Ganztagsangebote. Die Anzahl der teilnehmenden Schulen kann so auf mehr als 600 Schulen erweitert werden. Hessen ist mit der Einführung des Angebots Digitale Welt bundesweit Vorreiter.“

Die Formel vom „Vorreiter“ ist nicht neu. Der frühere Kultusminister (und heutige Finanzminister) Alexander Lorz (CDU) hatte sie schon bei Start des Modellversuchs, der in Kooperation mit dem Hasso-Plattner-Institut (HPI) in Potsdam durchgeführt wurde, gebraucht.

Sein Nachfolger Armin Schwarz (CDU) stimmt nun persönlich in den Lobgesang ein: „Uns ist es wichtig, jetzt in die Fläche zu gehen, um die digitalen Kompetenzen so vieler Jugendlicher wie möglich zu verbessern und die Medienbildung in den Schulen weiter voranzutreiben. Der Ganztag ermöglicht einen breiten Zugang, zumal wir dort direkt an einer Vielzahl von ähnlichen Angeboten anschließen können und mit Digitale Welt den Ganztag zusätzlich qualitativ weiter stärken können“, verlautet er.

Ist das so – geht es darum, mit dem Fach in die Fläche zu kommen? Zweifel daran sind durchaus berechtigt. Die Frankfurter Rundschau berichtete unlängst, dass den am Modellversuch beteiligten Schulleitungen bereits angekündigt worden sei, die bisherigen Sonderzuweisungen an Lehrerstellen für „Digitale Welt“ würden gestrichen (was das Kultusministerium mittlerweile bestätigt hat).

„Es ist schlichtweg eine Entscheidung des Geldes: Dem Ministerium bzw. der Landesregierung war es nicht wichtig genug, Geld in die Ausweitung dieses so wichtigen Fachs zu stecken“

Ein Lehrer, der sich an News4teachers gewandt hat, beschreibt die Entwicklung so: „Ursprünglich war es geplant, das Fach Digitale Welt als Unterrichtsfach zu etablieren. Das Ministerium hat es in höchsten Tönen angepriesen und sich selbst gelobt, weil man von anderen Bundesländern neidisch beäugt wurde.“ Viele Pilotschulen hätten „viel Zeit und Geld in die Schulung, Ausstattung und Vorbereitung gesteckt“. Dass das Fach nun in den Ganztag verschoben werde, sei „ein Schlag ins Gesicht für all diese Schulen“.

Der Lehrer äußert Zweifel an der Reichweite des Angebots im Ganztag: „Denn sind wir ehrlich: Wie viele Schüler werden sich freiwillig zu einer solchen Arbeitsgemeinschaft anmelden? Höchstens die, die sowieso schon Kenntnisse im digitalen Bereich haben. Die anderen, die es gebraucht hätten, werden das Angebot umgehen.“ Seine Schlussfolgerung ist eindeutig: „Es ist schlichtweg eine Entscheidung des Geldes: Dem Ministerium bzw. der Landesregierung war es nicht wichtig genug, Geld in die Ausweitung dieses so wichtigen Fachs zu stecken.“

„Für mich persönlich ist das ein Schlag ins Gesicht, da ich mich freiwillig zum Unterrichten des Faches in den letzten drei Jahren intensiv fortgebildet habe“

Eine Lehrerin schreibt an News4teachers: „Durch die Änderung wird das Fach Digitale Welt nicht flächendeckend unterrichtet. Selbst wenn es im Ganztag allen Schulen zur Verfügung steht, erreicht es damit nicht alle Kinder, da der Ganztag freiwillig ist.“ Gerade weil zentrale gesellschaftliche Themen behandelt würden, sei dies problematisch. Hinzu komme die begrenzte Ressourcenausstattung im Ganztag.

Die Lehrerin verweist auch auf persönliche Konsequenzen: „Für mich persönlich ist das ein Schlag ins Gesicht, da ich mich freiwillig zum Unterrichten des Faches in den letzten drei Jahren intensiv fortgebildet habe und nun, wegen geringerer Nachfrage, das Fach vielleicht gar nicht mehr unterrichten kann.“

Kritik kommt mittlerweile auch vom Hessischen Philologenverband (hphv). Dessen Landesvorsitzender Volker Weigand erklärt: „Die geplante Neuausrichtung dieses Angebots auf den Bereich Ganztag greift zu kurz.“ Der Verband sieht darin eine „verpasste Chance“, da die Einführung als reguläres Unterrichtsfach bereits politisch vereinbart gewesen sei. Tatsächlich sieht der Koalitionsvertrag von CDU und SPD die landesweite Einführung des Schulfachs „Digitale Welt“ ausdrücklich vor.

Angesichts aktueller Entwicklungen – etwa im Bereich Social Media sowie der Chancen und Risiken Künstlicher Intelligenz – ist nach Auffassung des Verbandes nicht nur die digitale Ausstattung der Schulen entscheidend („Stichwort: Digitalpakt 2.0“). Ebenso wichtig sei es, Schülerinnen und Schüler systematisch auf die Herausforderungen einer zunehmend digitalisierten Gesellschaft vorzubereiten. „Derzeit entwickeln Schulen vielerorts eigene Konzepte, um diesen Themen gerecht zu werden. Das bindet wertvolle Ressourcen vor Ort“, so Weigand. „Unser Ziel ist es jedoch, Schulen zu entlasten, indem landesweit einheitliche Vorgaben geschaffen werden – etwa durch ein verbindliches Unterrichtsfach ‚Digitale Welt‘.“

Kritisch sieht der hphv auch die Erwartung, dass einzelne Schulen künftig Prioritäten setzen müssen, beispielsweise zugunsten eines Ganztagsangebots im Bereich Digitalisierung und zulasten anderer Angebote wie Sport oder Musik. Dies setze die Schulgemeinden unter unnötigen Entscheidungsdruck. Der Hessische Philologenverband hält daher weiterhin an seiner Forderung fest, das Fach „Digitale Welt“ verbindlich in den Jahrgangsstufen 5 und 6 einzuführen.

Auch Eltern laufen Sturm. Korhan Ekinci, Vorsitzender des Elternbundes Hessen, meint: „Die Landesregierung betreibt einen Etikettenschwindel, der seinesgleichen sucht. Sie streicht die Finanzierung eines bundesweit als vorbildhaft anerkannten Pflichtangebots und verkauft die Streichung als Expansion. Wer genau hinsieht, erkennt: Aus einem verpflichtenden Schulfach mit eigener Lehrerstundenzuweisung wird ein unverbindliches Angebot, das mit Fußball-AGs und Töpferkursen um Aufmerksamkeit konkurrieren muss. Das ist keine Bildungsoffensive – das ist eine bildungspolitische Bankrotterklärung.“

Die politische Entscheidung der Hausleitung ist offensichtlich in der Bildungsverwaltung noch nicht angekommen. So heißt es auf der Seite „Digitale Schule Hessen“ des Kultusministeriums nach wie vor: „Ziel ist es, das neue Unterrichtsfach zum festen Bestandteil der Stundentafel zu machen.“ News4teachers 

Was bringen zwei Wochenstunden “Digitale Welt”? Erste Erfahrungen aus dem Modellprojekt

 

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Hans Malz
12 Tage zuvor

Die halten die Menschen echt für doof. Schön, wenn das auch mal den breiteren Bevölkerungsschichten auffällt und nicht nur den Menschen, die im System arbeiten.

Hoffentlich bleibt das bei dem ein oder anderen im Gedächtnis.

Realist
12 Tage zuvor
Antwortet  Hans Malz

breiteren Bevölkerungsschichten auffällt”

Sicher? Die Meinung ist eher die, wenn die Lehrkräfte 8 Stunden am Tag (in der Schule) arbeiten würden, wäre das mit dem Ganztag doch alles kein Problem und man müsste auch keine anderen Ganztagsangebote für die “digitale Bildung” kürzen..

Thomas
12 Tage zuvor
Antwortet  Realist

Macht die jüngere Generation nicht mehr mit, alleine letztes Jahr 12% weniger Neulehrer.
Flexibles Arbeiten ist angesagt!
Homeoffice und wann/wie möchte!

Petra OWL
12 Tage zuvor
Antwortet  Thomas

Das glaube ich gern
Sehe ich doch bei Schnucki und der gehört nicht mehr zur jungen Gen

Hans Malz
12 Tage zuvor
Antwortet  Realist

Naja, dass der das in den Nachmittag packt, ist ja ein klares Signal für die Wertigkeit … da können noch nicht mal die faulen Lehrer was dafür.

Tabasco
11 Tage zuvor
Antwortet  Hans Malz

So ist es. Vielleicht wird von den Einsparungen wieder(?) etwas in Resilienzseminare gegeben, damit die Lehrkräfte, die sich mit ihrem Job identifizieren, trotzdem bei der Stange bleiben? Ansonsten mag natürlich der Blick aufs „Du bist wertvoll“-Poster, mit dem alle Kollegien in Hessen beglückt wurden, helfen…
Wie kann man das, was wirklich positive und wichtige Wirkung für die SuS in der digitalen Welt haben könnte, so kaputtmachen? Vorwärts nach gestern, auf geht’s!

Tanya
12 Tage zuvor

Digitalunterricht und digitale Bildung sind so wichtig.
30-40% Homeoffice sind machbar, Stundenpläne aufbrechen, mehr SOL und mehr Projektarbeit.
5 Tage von 7 bis 16 Uhr ist nicht mehr adäquat, bei vielen Eltern übrigens auch nicht mehr.
60% der Papi‘s haben Homeoffice und sind tagelang zu Hause oder bleiben dort und fahren nicht mehr zur Arbeit.
Benzin ist eh zu teuer im Ländle!!
🙁

Thomas
12 Tage zuvor
Antwortet  Tanya

Ganz genau!
Viele Eltern sind bereits im Homeoffice.
Was passiert? Morgens verlässt nur noch Sohnemann das Haus.
Für Lehrer tragisch:
5 Tage, 41 Std, Dauerpräsenz
Jeder Elternabend, jede DB Präsenz
Keine Schichtzulage, keine Prämie, kein Urlaubsgeld, keinen Dienstwagen!
Kein Flexiurlaub, keine 35 Std Woche!
Viel Zeit, wenig Geld.
Für die junge Generation vollkommen unverständlich digital nomads#

Petra OWL
12 Tage zuvor
Antwortet  Thomas

Meine halbe Familie, unfair!!! 🙁

Fräulein Rottenmeier
12 Tage zuvor
Antwortet  Petra OWL

Also Sie und Ihr Mann….och ja…..trauriges Schicksal….

dickebank
11 Tage zuvor

Von Beileidsbekundungen wird febeten, Abstand zu nehmen.

So schlimm ist der Aufenthalt auf einer ostwestfälischen terrasse ja nun auch nicht. Hauptsache ist doch, man hat den Hermann im Blickfeld:)

Osterhase
12 Tage zuvor
Antwortet  Thomas

Auch ohne “digital”: Wenn jeder in seinem Tempo selbstorganisiert lernen soll, warum müssen dann alle Kinder jeden Tag zur Schule? Könnte man da nicht ein paar “Selbstlerntage” ohne Anwesenheitspflicht dazwischenschalten? Das würde auch die öffentlichen Verkehrsmittel entlasten, und es gäbe Flexibilität bei ganz schlechter Witterung (Glatteis, Streiks).

Lera
11 Tage zuvor
Antwortet  Osterhase

„Wenn jeder in seinem Tempo selbstorganisiert lernen soll, warum müssen dann alle Kinder jeden Tag zur Schule?“

DAS ist mal eine sehr berechtigte Frage.

Wir geben Unsummen für den Schülertransport aus – dem örtlichen Busunternehmen gefällt das.

In der Schule setzen sich die Kinder den Lärmschutz auf und füllen ganz individuell Zettel aus oder machen irgendwas mit dem iPad – das ist das real existierende SOL.

Wozu also der Aufwand?

Unterrichtsgespräche gibt es beim SOL kaum noch. Die soziale Interaktion beschränkt sich auf die Pausen, der Begriff „Klasse“ reduziert sich auf den Raum, in dem 30 Kinder vor sich hinwurschteln.

Klassengemeinschaft… woher soll sie kommen ohne gemeinsame Erlebnisse und Themen?

——

Aber klar:

Wenn echte Profis mit der richtigen Haltung SOL machen, dann ist das natürlich alles viel, viel toller und alle Probleme liegen ausschließlich an individueller Unfähigkeit.

——

Die Antwort ist daher – wie immer:

Es gibt keinen pädagogischen Grund – in diesem Fall für das Festhalten an der Präsenzpflicht beim SOL.

Die Eltern müssen heute halt beide arbeiten, um halbwegs klarzukommen – und da sind Kinder einfach im Weg. Die müssen aus dem Weg geräumt werden. Verräumt. Beaufsichtigt. Und im wahrsten Sinne: abgespeist – siehe „Mensa“-„Essen“ im real existierenden Ganztag.

Wenn man noch ein bisschen Bildungsgerechtigkeitsprosa drüber streut, klingt es für den Außenstehenden nach einer tollen Idee.

Fräulein Rottenmeier
12 Tage zuvor
Antwortet  Thomas

Bei uns gibt es vereinzelt Eltern im HO…..
vielleicht sollten Sie einfach den Job wechseln, scheinbar ist der Lehrberuf nicht Ihrs…..bei mir würden Sie nicht lange bleiben…..oder ich würde Sie gar nicht erst einstellen….wegst Haltung…..(solche Lehrer brauchen wir nicht)…..auch unabhängig der leuchtenden Kinderaugen

potschemutschka
12 Tage zuvor
Antwortet  Thomas

“Viele Eltern sind bereits im Homeoffice.
Was passiert? Morgens verlässt nur noch Sohnemann das Haus.”
Der Idealfall wäre also, Ihrer Meinung nach, Papa, Mama und Sohnemann sind alle gleichzeitig im Homeoffice? Oder jeder an einem anderen Tag? Sitzt dann jeder allein in einem eigenen Zimmer vor seinem digitalen Endgerät?

mama51
9 Tage zuvor
Antwortet  potschemutschka

Yes!
OMG!
Am Ende haben die Eltern im HO mehr als 1 Kind (so 2-4?)…, bestenfalls sind alle Kids Ü10+, dann hockt die ganze Familie daheim und sie streiten sich vielleicht noch um die Endgeräte, weil das Equipment nicht ausreicht? Oder die Kinder müssen mit dem Gefummel auf ihren Smartphones dem Unterricht folgen? 🙁

Halleluja! Herzlichen Glückwunsch!

Lera
7 Tage zuvor
Antwortet  potschemutschka

Das wäre wirklich was ganz anderes und viel schlimmer als der Status Quo beim SOL… oder etwa doch nicht?

potschemutschka
6 Tage zuvor
Antwortet  Lera

Kommt wohl auf die Familie an. Trifft man sich zu gemeinsamen Pausen? Wer sorgt für die Erfrischungen, Snacks, das Mittagessen….? Unterhält man sich noch miteinander? Wann hat wer Arbeitsschluss….?

mama51
9 Tage zuvor
Antwortet  Thomas

🙁 Heulen Sie bitte einfach leiser! 🙁

Sepp
12 Tage zuvor
Antwortet  Tanya

60% der Papi‘s haben Homeoffice und sind tagelang zu Hause oder bleiben dort und fahren nicht mehr zur Arbeit.

Etwa 23,8% der erwerbstätigen Männer arbeiten teilweise im Homeoffice. Das lässt sich u.a. damit erklären, dass viele Männer in Baugewerbe, Produktion usw. arbeiten, wo keine Homeoffice möglich ist.
Wie kommen Sie da auf 60%?

Stundenpläne aufbrechen, mehr SOL und mehr Projektarbeit.

Wenn wir Kinder und Jugendliche an Projekten arbeiten lassen, brauchen wir sie also nicht betreuen und können stattdessen zu Hause rumhängen? – Dann haben Sie echt keine Ahnung von guter Projektarbeit.

Auch ohne “digital”: Wenn jeder in seinem Tempo selbstorganisiert lernen soll, warum müssen dann alle Kinder jeden Tag zur Schule? Könnte man da nicht ein paar “Selbstlerntage” ohne Anwesenheitspflicht dazwischenschalten?

Zunächst gibt es genügend Fächer, die von praktischem Arbeiten und Experimentieren leben. Aber man kann natürlich auch einfach zu Hause mit einem Buch, Erklärvideos oder ChatGPT lernen.

Die Problematik ist aber m.E. eine ganz andere: Homeoffice muss man sich leisten können.

Wir hatten Schüler, die während Corona sehr gut klargekommen sind. Das betraf v.a. Familien mit eigenem Haus, Garten usw., wo jeder sein eigenes Zimmer und seine eigenen Geräte hatte.
Wir haben aber auch Familien, da leben zwei bis drei Geschwister in einem Zimmer, da gibt es z.T. nichtmal einen Schreibtisch für die Kinder. Diese Kinder hätten Unterstützung am Nötigsten gehabt, weil sie diese nicht von der Familie bekommen haben.

Insofern werden Selbstlerntage und “Homeoffice” für Schüler die soziale Ungleichheit nur immer mehr stärken.

Lera
11 Tage zuvor
Antwortet  Sepp

Sie begründen die Präsenzpflicht trotz SOL demnach ausschließlich sozial/ gesellschaftlich?

Oder gibt es da auch pädagogische Gründe?

potschemutschka
11 Tage zuvor
Antwortet  Lera

Gibt es nicht auch sozial-pädagogische Gründe?

Lera
11 Tage zuvor
Antwortet  potschemutschka

Gibt es auch pädagogisch-pädagogische Gründe?

potschemutschka
11 Tage zuvor
Antwortet  Lera

Es gibt sicher sehr viele Gründe, am besten wäre dann individuell maßgeschneiderter Unterricht mit Privatlehrer für jeden einzelnen Schüler. Also ein Lehrer-Roboter für jeden Schüler. 🙂

Fräulein Rottenmeier
11 Tage zuvor
Antwortet  Lera

Soziale und gesellschaftliche Gründe sind doch Gründe genug. Bedarfs es da pädagogische Gründe?

Lera
11 Tage zuvor

Also gibt es keine?

Sepp
11 Tage zuvor
Antwortet  Lera

Als wir während der Corona-Maßnahmen zeitweise Halbgruppen-Unterricht hatten, haben wir überlegt, was der Mehrwert der Zeit in der Schule ist und das umgesetzt. Denn einen Text im Buch lesen konnten die Kids auch zu Hause…

Als MINT-Lehrer würde ich zunächst sagen, dass Schule praktische, haptische Erfahrungen mit Gegenständen liefern sollte, die Schüler sollen experimentieren, Beobachtungen machen und diese interpretieren.
Auch wenn das nicht in jeder Einheit realistisch ist, versuche ich, in jeder Doppelstunde zumindest ein einfaches Experiment zu haben. Das geht zu Hause nur sehr begrenzt. Während der Pandemie habe ich z.T. Experimentiersets für ältere Schüler zusammengestellt, damit sie zumindest einfache Versuche machen konnten.

Außerdem hatten wir bspw. in der Schule viele Aufgaben, die gemeinsam in Partnerarbeit bearbeitet wurden, Gruppendiskussionen usw. Das bekommen die jüngeren Schüler zu Hause kaum hin, auch wenn es prinzipiell die digitalen Möglichkeiten gäbe.

Wenn Sie weitere pädagogische Gründe haben wollen – ist nicht der Umgang mit und das Sich-Einlassen auf andere Menschen eines der wichtigten Lernziele von Schule?

Ob SOL gut funktioniert, hängt m.E. sehr vom Fach ab. Meine Deutsch-Kollegin hatte Lektürearbeit gemacht und alle Aufgaben und Hilfen digital bereitgestellt. Die Schüler haben gelesen, Aufgaben bearbeitet, z.T. Erklärvideos geschaut. Dazu hätten sie echt nicht in der Schule sein müssen…

In Chemie hatte ich dagegen Stunden, in denen der Großteil der Schüler in Ruhe mit dem Buch Grundlagen erarbeiten wollte; einzelne Schüler wollten aber am selben Tisch mit elektrischen Geräten und Chemikalien arbeiten, andere wollten vorne (mit mir) mit dem Brenner experimentieren. Nebenbei Rückfragen, Förder-Schüler die Hilfe brauchten usw.
Für mich als einzelne Lehrkraft war das nicht zu handeln. Meine Chemie-Kollegin hatte ähnliche Erfahrungen mit ihrer Klasse gemacht und das dann abgebrochen.

Zuletzt aus naturwissenschaftlicher Sicht zu Projektarbeiten:
Bei uns gehören fast immer Experimente dazu und ich mache das regelmäßig. Für die meisten Experimente brauchen wir einen Fachraum, geht also nicht einfach zu Hause. Projektartiges Arbeiten ist selbst in Doppelsteckung mit einer Kollegin sehr anstrengend, weil man eigentlich nur von Schüler(gruppe) zu Schüler(gruppe) geht. Das macht Spaß, ist aber bei weitem nicht so gechillt wie Tanya sich das vorstellt…

Lera
11 Tage zuvor
Antwortet  Sepp

„Wenn Sie weitere pädagogische Gründe haben wollen – ist nicht der Umgang mit und das Sich-Einlassen auf andere Menschen eines der wichtigten Lernziele von Schule?“

Ganz meine Meinung.

Und genau deshalb bin ich gegen SOL.

vhh
11 Tage zuvor
Antwortet  Lera

‘Wenn wir Kinder und Jugendliche an Projekten arbeiten lassen, brauchen wir sie also nicht betreuen und können stattdessen zu Hause rumhängen? ‘-pädagogischer Grund
‘…gibt es genügend Fächer, die von praktischem Arbeiten und Experimentieren leben’ – pädagogischer Grund
‘Diese Kinder hätten Unterstützung am Nötigsten gehabt,…’ – pädagogischer Grund
Sinnentnehmendes Lesen?

Lera
11 Tage zuvor
Antwortet  vhh

Zum ersten angeblichen Grund: Da ist keiner, auch wenn sie was fett machen und „pädagogischer Grund“ darunter schreiben.

Zum zweiten: Wie viele Experimente machen denn die Schüler im real existierenden SOL?

Dazu bitte folgendes Zitat eines Mitforisten sinnentnehmend lesen:

„In Chemie hatte ich dagegen Stunden, in denen der Großteil der Schüler in Ruhe mit dem Buch Grundlagen erarbeiten wollte; einzelne Schüler wollten aber am selben Tisch mit elektrischen Geräten und Chemikalien arbeiten, andere wollten vorne (mit mir) mit dem Brenner experimentieren. Nebenbei Rückfragen, Förder-Schüler die Hilfe brauchten usw.
Für mich als einzelne Lehrkraft war das nicht zu handeln. Meine Chemie-Kollegin hatte ähnliche Erfahrungen mit ihrer Klasse gemacht und das dann abgebrochen.“

Zum dritten:

Genau DIESE Kinder, die viel Unterstützung brauchen, profitieren von direkter Instruktion, Modellierung, klarer Struktur des Lehrgangs und brauchen SOL als letztes.

Könnte es sein, dass Sie – trotz krasser Leseskills – nicht verstanden haben, dass es mir NICHT um den Sinn der Präsenzpflicht generell, sondern unter den Bedingungen von SOL geht?

Osterhase
11 Tage zuvor
Antwortet  Sepp

“Insofern werden Selbstlerntage und “Homeoffice” für Schüler die soziale Ungleichheit nur immer mehr stärken.”

Es gibt ernsthafte Leute, die behaupten, dass das ganze selbstorganisierte Lernen die soziale Ungleichheit immer nur verstärkt. Und natürlich wollte ich nicht JEDEN Tag zum Selbstlerntag erklären. Für die experimentellen Fächer bliebe noch Raum.

vhh
12 Tage zuvor
Antwortet  Tanya

Dann ist es also
erstens kein Problem, das Projekt zur AG zu machen weil
zweitens so eine AG gut digital betreut werden kann und damit
drittens der Ganztag gesichert ist?
Wenn das mal nicht anders versprochen war.
Wird schwierig, wenn Lehrerpapis Homeoffice dazu führt, dass alle Papis Homeoffice gemeinsam mit ihren Kindern machen dürfen/müssen und das dann Ganztag genannt wird.

Lera
10 Tage zuvor
Antwortet  vhh

Haha, das wäre geradezu köstlich.

Eine Gesellschaft, die alles daran setzt, ihre Kinder weg zu organisieren und am Ende unfreiwillig wieder bei der Kernfamilie landet.

Aber klar, das wäre für die HO-Papis und -Mamis sicher eine Verschlechterung.

Womit wir auch beim Grund für die ganztägige Verwahrung angekommen sind.

Ist das ein pädagogischer Grund? Natürlich nicht.

Omg
12 Tage zuvor

@Redaktion: Hut ab. Und es bleibt dabei: iIn Hessen hat Felix Krull das HKM gekapert. Eine peinliche Nummer mittlerweile.