DORTMUND. Neue Analysen auf Basis der Internationalen Grundschul-Lese-Untersuchung (IGLU) belegen, dass Kinder aus sozial privilegierten Familien auch bei vergleichbaren Leistungen deutlich häufiger eine Gymnasialempfehlung erhalten als Kinder aus benachteiligten Haushalten. Die Befunde werfen erneut Fragen nach der Bildungsgerechtigkeit beim Übergang in die Sekundarstufe auf. Immerhin: Der Migrationshintergrund von Kindern spielt dabei offenbar keine Rolle.

Auch 25 Jahre nach dem sogenannten PISA-Schock bleibt die soziale Herkunft ein entscheidender Faktor bei der Vergabe von Gymnasialempfehlungen in Deutschland. Das zeigen neue Auswertungen von Daten der Internationalen Grundschul-Lese-Untersuchung (IGLU), die auf einer Stichprobe von 4.188 Viertklässlerinnen und Viertklässlern aus 230 Schulen in Bundesländern mit einem Übergang nach Klasse 4 basieren.
Im Durchschnitt erhielten 43,3 Prozent der Kinder eine Empfehlung für das Gymnasium. Die Unterschiede nach sozialer Herkunft fallen jedoch deutlich aus. Für ein Kind mit mindestens einem Elternteil, der einen hochqualifizierten akademischen Beruf ausübt – etwa als Architektin, Unternehmensberater oder Wissenschaftlerin –, lag die Wahrscheinlichkeit einer Gymnasialempfehlung bei 64,5 Prozent. Für Kinder, deren Eltern einer einfachen Facharbeit nachgehen, etwa im Einzelhandel, in der Lagerarbeit oder in der Gebäudereinigung, betrug sie dagegen lediglich 22,6 Prozent.
Die vertiefenden Analysen der Forschenden vom Institut für Schulentwicklungsforschung (IFS) der TU Dortmund zeigen, dass die Noten in Deutsch und Mathematik die zentralen Kriterien für die Übergangsempfehlung darstellen. Darüber hinaus fließen das Arbeitsverhalten, die Lesekompetenz sowie kognitive Fähigkeiten in die Bewertung ein. Gleichwohl reichen diese Leistungsmerkmale nicht aus, um die sozialen Unterschiede vollständig zu erklären.
„Gerade bei Schüler*innen, deren Leistungen nicht eindeutig für oder gegen eine Gymnasialempfehlung sprechen, spielt der sozioökonomische Hintergrund der Kinder eine entscheidende Rolle“
„Auch bei vergleichbaren Leistungen erhalten Kinder aus sozioökonomisch benachteiligten Familien seltener eine Gymnasialempfehlung“, erklärt Studienautor Dr. Ruben Kleinkorres. Besonders deutlich werde dies bei Schülerinnen und Schülern, deren Leistungen keine eindeutige Entscheidung nahelegten. „Gerade bei Schüler*innen, deren Leistungen nicht eindeutig für oder gegen eine Gymnasialempfehlung sprechen, spielt der sozioökonomische Hintergrund der Kinder eine entscheidende Rolle“, so Kleinkorres.

Die Forschenden sehen darin einen Widerspruch zum Anspruch, Bildungschancen unabhängig vom familiären Hintergrund zu eröffnen. Bereits vor 25 Jahren hatten internationale Leistungsvergleichsstudien wie PISA und IGLU erhebliche Leistungsunterschiede in Deutschland offengelegt. Seither wurde immer wieder von Bildungspolitiker*innen beteuert, Maßnahmen zur Verbesserung von Leistungsfähigkeit und Chancengerechtigkeit im Bildungssystem ergreifen zu wollen. Die aktuellen Befunde zeigen jedoch, dass soziale Disparitäten beim Übergang in die weiterführenden Schulen weiterhin bestehen.
Auch Kinder mit Zuwanderungshintergrund erhalten im Durchschnitt seltener eine Gymnasialempfehlung. Nach Angaben der Forschenden lässt sich dieser Befund jedoch empirisch vollständig durch Leistungsunterschiede erklären. „Kinder mit Zuwanderungshintergrund wachsen oft in sozioökonomisch weniger privilegierten Verhältnissen auf und sprachliche Nachteile im Deutschen können sich zusätzlich negativ auf die schulische Leistung auswirken“, erläutert Kleinkorres. Werden sozioökonomischer Status und Leistungsindikatoren statistisch berücksichtigt, gebe es keine Hinweise auf eine darüber hinausgehende Benachteiligung.
„Wir müssen Kinder aus sozioökonomisch benachteiligten Familien in der Grundschule wirksam unterstützen“
Im internationalen Vergleich fallen die in Deutschland beobachteten Unterschiede nach sozialer Herkunft laut den Autorinnen und Autoren relativ groß aus. Die Anlage der IGLU-Studie ermögliche es, die deutschen Ergebnisse in ein internationales Muster einzuordnen. Zugleich unterstreichen die Daten die Bedeutung schulischer Leistungen bereits in der Grundschule für die weitere Bildungsbiografie.
„IGLU kann als Bildungsmonitoring mit einem Trend über 20 Jahre verdeutlichen, dass Bildungsgerechtigkeit in Deutschland im internationalen Vergleich trotz vieler Maßnahmen noch immer nicht erreicht ist“, betont IFS-Direktorin Prof. Nele McElvany. Sie verweist auf die Notwendigkeit gezielter Unterstützungsmaßnahmen bereits in der Primarstufe: „Wir müssen Kinder aus sozioökonomisch benachteiligten Familien in der Grundschule wirksam unterstützen, etwa durch gezielte Sprachförderung, differenzierte Unterrichtsangebote und kostenlose Nachhilfeprogramme – hier werden große Hoffnungen auf das aktuell angelaufene Startchancen-Programm (…) gesetzt“.
Das allerdings steht zunehmend in der Kritik (wie News4teachers berichtet), weil die Bundesländer es mit Bürokratie überfrachten und zum Teil sogar mit ihrer eigenen Bildungspolitik konterkarieren. News4teachers








