Start Praxis Angebote im Netz: Wie Schüler mit Spionagetechnik beim Spicken unterstützt werden

Angebote im Netz: Wie Schüler mit Spionagetechnik beim Spicken unterstützt werden

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WIESBADEN. Weniger lernen, smarter schummeln, bessere Noten kassieren? Während bundesweit Hunderttausende Jugendliche in diesen Wochen ihre Abiturprüfungen schreiben, wächst die Sorge vor immer raffinierteren Täuschungsversuchen. Schulen setzen vor allem auf klare Regeln, Kontrolle und Vertrauen – Netzanbieter auf Spionagetechnik: von unsichtbaren Ohrhörern bis zu KI-gestützten Hilfen. 

Kamera im Knopfloch: So wirbt ein Unternehmer für seine technische Spick-Hilfe. Screenshot, farblich verfremdet von News4teachers.

Rund 300.000 bis 340.000 Schülerinnen und Schüler legen in diesem Jahr in ganz Deutschland ihr Abitur ab – deutlich weniger als in früheren Jahren, was unter anderem an Umstellungen in mehreren Bundesländern liegt. In Hessen beispielsweise sind es aktuell etwa 23.700 Prüflinge, die noch bis Anfang Mai ihre schriftlichen Prüfungen absolvieren. Die große Mehrheit dürfte dabei auf Täuschungsversuche verzichten. Denn das Risiko, erwischt zu werden, ist hoch – und die Konsequenzen sind gravierend.

„Sorgen, dass Brillen oder digitale Stifte mit Scanfunktionen und nicht sichtbare Ohrhörer in Kombination mit KI-Anwendungen verwendet werden, bestehen bei den Schulen durchaus“

Gleichzeitig beobachten Schulen und Kultusbehörden die Entwicklung mit wachsender Aufmerksamkeit. Klassische Spickzettel im Ärmel oder unter dem Tisch werden zunehmend durch digitale Hilfsmittel ersetzt. „Sorgen, dass Brillen oder digitale Stifte mit Scanfunktionen und nicht sichtbare Ohrhörer in Kombination mit KI-Anwendungen verwendet werden, bestehen bei den Schulen durchaus“, heißt es aus dem hessischen Kultusministerium.

Entsprechend werden Prüflinge an den Abiturtagen „gegebenenfalls noch intensiver auf Paragraf 30 der Oberstufen- und Abiturverordnung“ hingewiesen. Dieser regelt das „Verfahren bei Täuschungen und Täuschungsversuchen und anderen Unregelmäßigkeiten“ – und macht deutlich, wie ernst die Lage eingeschätzt wird.

Die möglichen Konsequenzen für erwischte Prüflinge sind klar gestaffelt. Je nach Schwere des Falls kann eine Prüfung mit neuen Aufgaben wiederholt werden. Ebenso ist eine Bewertung mit null Punkten möglich. Besonders gravierend wird es, wenn ein Täuschungsversuch nachweislich vorbereitet war: Dann kann nicht nur die betroffene Klausur, sondern die gesamte Abiturprüfung als nicht bestanden gewertet werden.

Dass die Versuchung vorhanden ist, zeigt ein Blick ins Netz. Dort finden sich kommerzielle, fragwürdige Angebote, die gezielt Prüflinge ansprechen. So wirbt ein Anbieter mit einem „Spick-Set“, das „ideal für diskretes Spicken“ sei, „perfekt getarnt und einfach in der Bedienung“. Der Anbieter verweist dabei auf angeblich langjährige Erfahrung – ein Hinweis darauf, dass sich rund um Prüfungen ein eigener Markt entwickelt hat.

Die Schulen reagieren mit einem Bündel an Maßnahmen, das darauf abzielt, Täuschungsversuche von vornherein zu unterbinden. Dazu gehört, dass an jedem Prüfungstag ausdrücklich auf die Regeln hingewiesen wird. In den Schulen wird die Aufsicht ausgeweitet: nicht nur in den Klausurräumen selbst, sondern auch auf Fluren und in Treppenaufgängen. So soll verhindert werden, dass sich Prüflinge begegnen und absprechen können.

Auch organisatorische Maßnahmen spielen eine Rolle. Toiletten werden kontrolliert, um zu verhindern, dass dort etwa Handys deponiert werden. Gleichzeitig werden Toilettengänge so geregelt, dass sie nicht in regulären Pausenzeiten stattfinden – um Kontakte zwischen den Prüflingen zu minimieren. Zudem wird genau protokolliert, welcher Prüfling wann und wie lange den Prüfungsraum verlässt.

Technische Gegenmaßnahmen wie Störsender gegen Mobilfunk kommen hingegen nicht zum Einsatz. Das Kultusministerium verweist darauf, dass solche Geräte rechtlich unzulässig sind. Auch aus Sicht der Bildungsgewerkschaft GEW sind sie problematisch. Ihr Einsatz würde den Funkverkehr insgesamt stören und alle Prüflinge unter Generalverdacht stellen.

„Ein solcher Hightech-Betrug stellt eine Ausnahme dar“ – meint die GEW

Der hessische GEW-Landesvorsitzende Thilo Hartmann berichtet zwar ebenfalls von „kreativeren“ Täuschungsversuchen – etwa mit Zweit-Mobiltelefonen, um das Einsammeln von Handys zu umgehen, oder über versteckte Smartwatches. Gleichzeitig betont er, dass es sich dabei um Ausnahmen handelt. „Ein solcher Hightech-Betrug stellt eine Ausnahme dar.“

Auch die Kultusbehörden gehen davon aus, dass Täuschungsversuche insgesamt selten bleiben – nicht zuletzt wegen der konsequenten Gegenmaßnahmen. Vor diesem Hintergrund plädiert die GEW dafür, den Fokus nicht auf immer neue Kontrolltechnologien zu legen.

Stattdessen gehe es um klare und transparente Regeln, um Aufgabenformate, die weniger anfällig für Täuschungen sind, sowie um faire Prüfungsbedingungen. Eine zentrale Rolle spiele zudem die Medienkompetenz der Schülerinnen und Schüler. Im Abitur brauche es, so Hartmann, „praktikable Lösungen, die rechtssicher sind“. Gleichzeitig dürften diese Maßnahmen das „Vertrauensverhältnis“ zwischen Lehrkräften und Schülern nicht untergraben. News4teachers / mit Material der dpa

Das „Spickprofi-Set“

„Unaufällig Spicken in Klausuren und Prüfungen“ – wie ein Unternehmer seine technische Lösung für Betrugsversuche bewirbt.

“Unsere Kopfhörer sind nahezu unsichtbar”: Werbebild. Screenshot, farblich verfremdet: News4teachers

Autorin des Beitrags, so erfährt der Leser, sei „Marie – Expertin für Spick-Techniken“. Sie sei Fachfrau auf dem Gebiet: „Durch ihre langjährige Erfahrung kennt sie die besten Tricks, um sicher und unauffällig zu spicken.“

„Marie“ erkärt: „Die Herausforderungen von Klausuren und Prüfungen sind vielen Studierenden und Schülern bestens bekannt. Der Druck, gute Noten zu erzielen, kann immens sein. Als Antwort darauf bietet das Spickprofi-Set eine praktikable Lösung. Entwickelt von unseren Experten, welche seit 2016 im Bereich der Spickhilfen tätig ist, zielt dieses Set darauf ab, die Art und Weise, wie man sich auf Prüfungen vorbereitet, zu verändern.“

Das Spickprofi-Set, konzipiert für Diskretion und Effizienz, biete eine alternative Methode zum traditionellen Spicken. Es sei geeignet für unterschiedliche Prüfungssituationen, von der Universität bis zum Abitur.

„Das Spickprofi-Set ist eine speziell entwickelte Lösung, die modernste Technologie nutzt, um das Spicken in Prüfungs- und Testsituationen zu erleichtern. Das Set ist jedoch nicht nur hilfreich in traditionellen Prüfungen, sondern funktioniert auch einwandfrei bei Online-Klausuren. Es besteht hauptsächlich aus zwei Kernkomponenten: einer Mini Kamera und einem speziellen Kopfhörer-Set.“

„Die Kamera wird verwendet, um Bilder von den Prüfungsfragen aufzunehmen und diese in Echtzeit an eine außerhalb des Prüfungsraums befindliche Unterstützungsperson zu übermitteln“

Die „hochentwickelte“ mini Kamera sei das Herzstück des Spickprofi-Sets. „Sie ist klein und unauffällig, was sie ideal für den Einsatz in Prüfungssituationen macht. Die Kamera wird verwendet, um Bilder von den Prüfungsfragen aufzunehmen und diese in Echtzeit an eine außerhalb des Prüfungsraums befindliche Unterstützungsperson zu übermitteln. Die aufgenommenen Bilder werden in der Galerie des Smartphones gespeichert und können über Messenger-Dienste wie Telegram weitergeleitet werden. Für eine optimale Nutzung empfiehlt es sich, die Kamera als ‚Hemdknopf‘ zu tragen, um klarere Bilder zu erhalten.“

Der „unsichtbare“ Kopfhörer sei ein weiteres Schlüsselelement des Sets. „Es wird verwendet, um das Audiosignal des Telefonanrufs zu empfangen. Die schwarze, lange Spule dient als Sender des Audiosignals und wird am Klinkenanschluss des Smartphones angeschlossen. Der Kopfhörer selbst muss mit einer Batterie betrieben werden, die eine Laufzeit von bis zu 6 Stunden hat. Für eine optimale Funktion sollte die Spule um den Hals getragen werden, um die Distanz zwischen Sender und Empfänger zu minimieren und so einen klaren Empfang zu gewährleisten.“ News4teachers 

Wenn KI die Klausuraufgaben scannt und beantwortet… (und Lehrkräften nur eine Broschüre hilft, um darauf zu reagieren)

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Susanne M.
1 Tag zuvor

Die “Unterstützungsperson”, die eine anspruchsvolle Mathematikaufgabe in Echtzeit löst, möchte ich sehen. KI irrt sich übrigens auch. Ich denke, die Gefahr ist (noch) nicht sehr groß. Wenn ja, werden mündliche Prüfungen an Bedeutung gewinnen.

Mika BB
10 Stunden zuvor
Antwortet  Susanne M.

Mathe kann KI ziemlich gut. Googeln Sie mal „Wolfram Alpha“.

DerechteNorden
1 Tag zuvor

“Technische Gegenmaßnahmen wie Störsender gegen Mobilfunk kommen hingegen nicht zum Einsatz. Das Kultusministerium verweist darauf, dass solche Geräte rechtlich unzulässig sind. Auch aus Sicht der Bildungsgewerkschaft GEW sind sie problematisch. Ihr Einsatz würde den Funkverkehr insgesamt stören und alle Prüflinge unter Generalverdacht stellen.”

Alle anderen Maßnahmen stellen ebenfalls immer alle Prüflinge unter Generalverdacht. Das ist also kein Argument.
Dass der Funkverkehr gestört wird, sollte kein Problem darstellen. Ich habe gehört, es wäre so ja nicht möglich, Notrufe abzusetzen. Dazu kann ich immer nur sagen: Ja, richtig, früher, als das noch nicht möglich war, sind andauernd Prüflinge gestorben. Jadda.

Bei uns an der Schule wird andauernd KI zum Pimpen der Noten verwendet. Im Unterricht, bei Klausuren/Klassenarbeiten und natürlich im Abi.
Diese Leute da im Ministry und bei der GEW merken die Einschläge nicht mehr.

Hans Malz
6 Stunden zuvor
Antwortet  DerechteNorden

Naja, dann kriegen die halt die guten Noten. Wenn das so gewünscht ist, für mich kein Problem. Aber dann sollen die Hochschulverbände bitte leise heulen.

DerechteNorden
1 Tag zuvor

Außerdem, wen vertritt die GEW eigentlich?

GBS-Mensch
1 Tag zuvor

Entsprechend werden Prüflinge an den Abiturtagen „gegebenenfalls noch intensiver auf Paragraf 30 der Oberstufen- und Abiturverordnung“ hingewiesen. Dieser regelt das „Verfahren bei Täuschungen und Täuschungsversuchen und anderen Unregelmäßigkeiten“ – und macht deutlich, wie ernst die Lage eingeschätzt wird.”

Ist das das schulische Äquivalent zur Messerverbotszonen?

„Sorgen, dass Brillen oder digitale Stifte mit Scanfunktionen und nicht sichtbare Ohrhörer in Kombination mit KI-Anwendungen verwendet werden, bestehen bei den Schulen durchaus“

Ich meine, betrügen ist auch eine Fähigkeit, aber wer so einen Aufwand betreibt, kann sich auch gleich ordentlich vorbereiten.
Das erinnert mich an eine Situation aus einer Fernsehserie. Da hatte die Figur die perfekte Betrugsmasche entwickelt:

Er hatte seine Spickzettel auswendig gelernt.

Ich bin da technisch nicht so beschlagen, aber an wen oder was sendet der Scanstift die Scans, wer oder was ermittelt sodann die Lösung und schickt die Lösung an den unsichtbaren Kopfhörer?
Schreibt der Scanstift dann die Lösung automatisch nieder oder muss der Betrüger das selbsttätig erledigen?

Hans Malz
1 Tag zuvor

„Ein solcher Hightech-Betrug stellt eine Ausnahme dar“ – meint die GEW
Na, wenn die GEW das meint … Fun Fact: Störsender sind zwar verboten, Detektoren aber nicht.

Hysterican
1 Tag zuvor

Klassischer Fall von “asymetrischer Kriegsführung” … wir haben in unserer Anstalt seit einigen Jahren offensichtliche Täuschungsvorgänge, die wir jedoch nicht während der entsprechenden Klausur enttarnt haben, sondern im Zuge der Korrektur auffällig geworden sind.
Maßnahmen dagegen werden mit Widersprüchen gegen die berechtigten Verdächtigungen beantwortet, was zur Folge hat, dass du als beurteilende Lehrkraft aufgefordert bist, justiziabel nachzuweisen, dass eine Täuschung vorliegt.
Die Schulaufsicht macht sich auch da – wie immer – einen schlanken Fuß und führt uns als Lehrende hinter den Gartenzaun und lässt uns da ohne Unterstützung – sondern sogar mit Mehrarbeitsauflage – im Regen stehen.

Einfach nur noch lächerlich, wie bei uns für Cheating-Sets offen geworben wird (inkl. TESTBERICHTEN zur Erfolgsgaramtie und Praktikabilität) … einen Frequenzblocker im Prüfungsraum zu positionieren aber strikt untersagt wird.

dickebank
12 Stunden zuvor
Antwortet  Hysterican

Wo ist das Problem? Abgangszeugnis ausfertigen und das Problem an die Uni oder Ausbildungsbetriebe weiterreichen.
Warum Schlachten schlagen, die nicht zu gewinnen sind. Also ausweichen, Fallen stellen und aus dem Hinterhalt zuschlagen. Wenn offener Angriff wegen der Kräfteverhältnisse nicht möglich ist, helfen nur Verzögerungstaktiken.

Realist
7 Stunden zuvor
Antwortet  Hysterican

Einfach nur noch lächerlich, wie bei uns für Cheating-Sets offen geworben wird…”

Ja, schon erstaunlich. Jede andere Kamera,mit denen man seine Nachbarn ausspionieren könnte, muss als “Wildtierkamera” beworben werden, damit sie verkauft werden darf, aber bei schulischen Prüfungen scheint das egal zu sein…

… egal oder gewollt?

Ansonsten hat @dickebank natürlich (wie so oft) Recht…

Nick
18 Stunden zuvor

Warum sollten Abiturienten spicken? Sie sind im Bildungssystem die Besten der Besten!

Götz
10 Stunden zuvor

Die größten Probleme sehe ich nicht so sehr beim Abitur, sondern eher an den Universitäten. Wer will schon eine KI-gepimpte Ärztin oder einen Richter, der sich ein gutes Examen erschwindelt hat.

Arno Handke
7 Stunden zuvor
Antwortet  Götz

Es sind aber mutmaßlich die selben Leute.

Muxi
7 Stunden zuvor

Das Problem haben wir bei Referaten auch schon. Wie soll ich fait benoten, wenn der Stoff zu gut organisiert ist als dass es von dem betreffenden Schüler selbst gemacht sein kann.
Einfach behaupten “hast du nicht selber gemacht” geht ja nicht. Das zu ignorieren ist wiederum unfair gegenüber denjenigen, die ihre Arbeit tatsächlich selber machen (wollen).