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Schülervertreter fordern Ende der Kopfnoten (“ungerecht”) – Kultusministerin bremst

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HANNOVER. Individuelle Berichte statt standardisierter Kopfnoten: Schülervertreter in Niedersachsen dringen auf ein neues Bewertungssystem für das Arbeits- und Sozialverhalten – gerade für Schüler mit Förderbedarf.

Kopfnoten? Haben offenbar keinen Einfluss auf das Verhalten von Schülern. Foto: Shutterstock

Das Arbeits- und Sozialverhalten von Niedersachsens Schülerinnen und Schülern sollte nach Ansicht des Landesschülerrats nicht mehr mit Kopfnoten bewertet werden. Gerade für Kinder und Jugendliche, die sonderpädagogischen Förderbedarf in der emotionalen und sozialen Entwicklung hätten, seien die Kopfnoten ein Problem, teilte das Gremium mit.

Es gehe um eine grundlegende Gerechtigkeitsfrage: «Wenn genau das Verhalten bewertet wird, das Ausdruck eines Förderbedarfs ist, entsteht eine systematische Benachteiligung. Das hat mit Chancengerechtigkeit nichts zu tun», sagte der stellvertretende Landesschülerrats-Vorsitzende Otto Ellerbrock.

Individuelle Berichte statt standardisierter Skalen

Während der Unterstützungsbedarf an sich nicht im Zeugnis ausgewiesen werde, um eine Stigmatisierung zu verhindern, werde eine schwächere Bewertung des Arbeits- und Sozialverhaltens sehr wohl abgebildet – ohne diesen erklärenden Kontext. Das könne zu Fehlinterpretationen führen.

Der Schülerrat fordert deshalb die Abschaffung der Kopfnoten, eine Fokussierung auf individuelle Entwicklungsberichte statt standardisierter Bewertungsskalen sowie eine Leistungsrückmeldung, die unterschiedliche Ausgangsbedingungen berücksichtigt.

Ministerin: Differenzierte Bewertung bereits Standard

Kultusministerin Julia Willie Hamburg sagte auf Anfrage, sie nehme die Hinweise des Schülerrats sehr ernst. «Inklusion bedeutet, jedes Kind in seinen individuellen Voraussetzungen wahrzunehmen und bestmöglich zu fördern», sagte die Grünen-Politikerin. «Deshalb müssen wir auch unsere Bewertungsinstrumente regelmäßig darauf überprüfen, ob sie diesem Anspruch gerecht werden.»

Schon heute seien individuelle Fördervoraussetzungen bei Schülerinnen und Schülern mit sonderpädagogischem Unterstützungsbedarf ausdrücklich zu berücksichtigen. «Der geltende Zeugniserlass stellt unmissverständlich klar, dass Verhalten und individuelle Fortschritte stets im Verhältnis zur jeweiligen Ausgangslage zu bewerten sind», sagte Hamburg. «Insofern ist die differenzierte und individuelle Bewertung kein zukünftiges Ziel, sondern bereits geltender Standard.»

So funktionieren die Kopfnoten in Niedersachsen

Das Arbeits- und Sozialverhalten wird in den Jahrgängen eins bis zehn an Niedersachsens Schulen in fünf Stufen bewertet. Diese Stufen sind laut Kultusministerium aber nicht mit der klassischen Notenskala gleichzusetzen.

Folgende Abstufungen gibt es in der Regel:

  • verdient besondere Anerkennung
  • entspricht den Erwartungen in vollem Umfang
  • entspricht den Erwartungen
  • entspricht den Erwartungen mit Einschränkungen
  • entspricht nicht den Erwartungen

Die Schulen können aber auch freie Formulierungen verwenden.

In die Bewertung des Arbeitsverhaltens fließen Leistungsbereitschaft und Mitarbeit, Ziel- und Ergebnisorientierung, Kooperationsfähigkeit, Selbstständigkeit, Sorgfalt, Ausdauer und Verlässlichkeit ein. Für die Bewertung des Sozialverhaltens werden Reflexionsfähigkeit, Konfliktfähigkeit, das Vereinbaren und Einhalten von Regeln, Fairness, Hilfsbereitschaft und Achtung anderer, die Übernahme von Verantwortung und die Mitgestaltung des Gemeinschaftslebens berücksichtigt. News4teachers / mit Material der dpa

Kopfnoten: Kosten viel (Lehrer-Arbeitszeit) – und bringen gar nichts (Verhalten, Leistung). Bildungsforscher empfehlen: Abschaffen!

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Katze
1 Stunde zuvor

„Der Schülerrat fordert deshalb die Abschaffung der Kopfnoten, eine Fokussierung auf individuelle Entwicklungsberichte statt standardisierter Bewertungsskalen sowie eine Leistungsrückmeldung, die unterschiedliche Ausgangsbedingungen berücksichtigt.“ Niedersachsens Schülerrat liefert damit wieder einmal das, was die deutsche Bildungsdebatte am besten kann: Empörung über jede Form von Bewertung. Kopfnoten seien „ungerecht“ – klar, alles andere wäre ja auch überraschend. Schließlich leben wir in einer Zeit, in der jede Rückmeldung, die nicht wie ein Achtsamkeitsseminar klingt, sofort als seelische Zumutung gilt. Das Muster ist ja so bekannt: Der bundesweite Bürgerrat „Bildung und Lernen“ empfahl bereits, Noten erst ab Klasse 9 einzuführen und Hausaufgaben abzuschaffen – weil Lernen ohne jede Form von Anstrengung angeblich „moderner“ sei. Parallel kämpfte die Schülerin Amelie N. mit einer Petition gegen unangekündigte Tests („Exen“) – spontane Leistungsüberprüfung sei schließlich ein Angriff auf die emotionale Grundstabilität. Und nach dem Abitur 2024 forderten Schüler in mehreren Bundesländern Notenanpassungen, weil die Prüfungen „zu schwer“ gewesen seien. Die Realität möge sich bitte an die individuelle emotionale Leistungsbereitschaft und kognitive Leistungsfähigkeit anpassen, nicht umgekehrt. Individuelle Entwicklungsberichte statt Skalen? Also pädagogische Prosa, die am Ende trotzdem sagt: „Du strengst dich nicht an“, aber so weichgespült, dass es niemanden mehr verletzt. Und „Leistungsrückmeldung, die unterschiedliche Ausgangsbedingungen berücksichtigt“ heißt im Klartext: Alle sollen irgendwie gleich gut aussehen, egal wie unterschiedlich die Leistungen sind. Hauptsache, niemand fühlt sich jemals schlechter als jemand anderes. Leistungsrückmeldung, aber bitte nicht traumatisierend – schließlich wurden die Ausgangsbedingungen … ja, irgendwie ungünstig. Für alle. Immer.
Weiter so!
Denn wenn Deutschland eines zuverlässig kann, dann sind es Bildungsreformen, die klingen wie ein Poetry‑Slam über pädagogische Selbstentwaffnung.

Bildungsinitiative Schland 2035 – garantiert internationale Wettbewerbsfähigkeit!

Allerdings nicht als Land der Dichter und Denker, sondern als:

  • Schöndichter, die jede Rückmeldung in Watte packen
  • Bildungsversenker, die fachliche Anforderungen konsequent absenken und jeden inhaltlichen Anspruch als „sozial ungerecht“ etikettieren
  • Notenverschenker, die Leistung lieber fühlen als messen

Ein Land, das sich mutig weigert, die Realität zur Kenntnis zu nehmen, aber umso entschlossener ist, sie durch Formulare, Wohlfühlberichte und „nicht‑traumatisierende Leistungsrückmeldungen“ zu ersetzen.
Wenn das so weitergeht, muss Deutschland bald nicht mehr um Fachkräfte konkurrieren.
Es wird schon ein Erfolg sein, wenn jemand nach zwölf Schuljahren noch weiß, wie man einen Stift hält – ohne vorher einen „Stiftkompetenz‑Entwicklungsbericht“ auszufüllen.