BERLIN. Die Zahl der Gewaltvorfälle an Schulen steigt. Der Bundeselternrat und der Allgemeine Schulleitungsverband Deutschland (ASD) sehen darin kein isoliertes Problem einzelner Schulen, sondern ein strukturelles. In einer gemeinsamen Stellungnahme fordern sie einen grundlegenden Perspektivwechsel im Umgang mit Gewalt. Statt vor allem auf Sanktionen zu setzen, müsse die Ursachenarbeit in den Mittelpunkt rücken. Andernfalls drohe eine Entwicklung, die sich weiter verstärkt – „mehr Gewalt, mehr Überforderung, mehr Abwanderung von Fachkräften“.

Eltern und Schulleitungen warnen vor einer Zuspitzung der Gewaltentwicklung an deutschen Schulen und fordern ein Umsteuern in der Bildungspolitik. In einer gemeinsamen Stellungnahme erklären der Bundeselternrat und der Allgemeine Schulleitungsverband Deutschland (ASD), dass Gewalt nicht länger als Einzelfall betrachtet werden könne. Vielmehr zeigten sich inzwischen „systemische Muster“, die für Schülerinnen und Schüler, Lehrkräfte und Eltern „vielerorts nicht mehr tragbar“ seien.
Die Verbände kritisieren zugleich, dass die öffentliche Debatte häufig an der Oberfläche bleibe. Zwar nehme die Aufmerksamkeit für das Thema zu, doch fehle es an einer konsequenten Auseinandersetzung mit den Ursachen. „Die vorliegenden Zahlen sind alarmierend – aber sie erklären noch nichts“, erklärt Sven Winkler, Vorsitzender des ASD. „Wenn wir nicht verstehen, warum Kinder und Jugendliche eskalieren, werden wir Gewalt nicht reduzieren, sondern nur verwalten.“
Als zentrale Hintergrundfolie verweisen die Verbände auf Studien zur psychischen Lage junger Menschen. Die COPSY-Studie des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf dokumentiere seit Jahren eine erhöhte Belastung durch Angststörungen, depressive Symptome und ein vermindertes Gefühl von Selbstwirksamkeit. Auch die Shell-Jugendstudie beschreibe eine Generation, die sich verunsichert und unter Druck erlebe. Diese Entwicklungen werden von den Verbänden als wesentliche Faktoren für Eskalationen im schulischen Alltag benannt.
Aline Sommer-Noack, Vorstandsmitglied des Bundeselternrats, beschreibt den Zusammenhang so: „Wer sich dauerhaft überfordert und gleichzeitig ohnmächtig fühlt, sucht nach Kontrolle. Gewalt ist dann kein Zufall, sondern oft der letzte verfügbare Ausdruck von Handlungsmacht.“
Nach Einschätzung der Verbände trifft diese Entwicklung auf ein Schulsystem, das selbst unter Druck steht. Personalmangel, Zeitknappheit und fehlende multiprofessionelle Unterstützung führten dazu, dass Schulen häufig reagieren müssten, statt präventiv arbeiten zu können. „Ein System, das kaum Raum für Beziehung, individuelle Förderung und emotionale Stabilisierung lässt, verstärkt bestehende Spannungen. Frust verschwindet nicht – er verlagert sich. Und im schlimmsten Fall entlädt er sich in Gewalt“, so Sommer-Noack weiter.
Gleichzeitig wenden sich die Verbände gegen vereinfachende Schuldzuweisungen. Weder Lehrkräfte noch Eltern oder Schülerinnen und Schüler seien als alleinige Ursache zu benennen. „Die aktuelle Lage ist das Ergebnis struktureller Überlastung auf allen Seiten“, heißt es in der Stellungnahme.
„Lehrkräfte erleben Gewalt zunehmend als Teil ihres Alltags. Sie sollen auffangen, regulieren und gleichzeitig Bildung sichern – oft ohne ausreichende Ressourcen oder Unterstützung“
Besondere Kritik äußert der Bundeselternrat am Umgang mit akuten Vorfällen. „Wenn Kinder nach Vorfällen kurzfristig vom Unterricht ausgeschlossen werden, stehen Familien oft von einem Moment auf den anderen vor einer massiven Herausforderung – ohne klare Orientierung, ohne abgestimmtes Vorgehen und ohne ausreichende Unterstützung“, erklärt Sommer-Noack.
Zugleich fordern die Verbände eine differenziertere Betrachtung von Verhaltensauffälligkeiten. Ein Teil der Eskalationen sei nicht als bewusste Regelverletzung zu verstehen, sondern könne mit Überforderung, fehlender Impulskontrolle oder nicht erkannten Unterstützungsbedarfen zusammenhängen, etwa im Kontext von Neurodivergenz. Eine rein sanktionsorientierte Reaktion könne die Situation verschärfen.
Auch die Belastung der Lehrkräfte wird in der Stellungnahme hervorgehoben. Gewalt werde zunehmend als Teil des schulischen Alltags erlebt. Lehrkräfte müssten gleichzeitig regulieren, unterstützen und unterrichten – oft ohne ausreichende Ressourcen. „Lehrkräfte erleben Gewalt zunehmend als Teil ihres Alltags. Sie sollen auffangen, regulieren und gleichzeitig Bildung sichern – oft ohne ausreichende Ressourcen oder Unterstützung. Das ist auf Dauer nicht leistbar“, sagt ASD-Vorsitzender Winkler.
Die Verbände fordern deshalb verbindliche Schutzstrukturen für schulisches Personal. Dazu zählen klare Meldewege, definierte Zuständigkeiten sowie institutionell abgesicherte Unterstützungsangebote nach Vorfällen. Gewalt dürfe nicht als individuelles Berufsrisiko betrachtet werden. In ihrer Gesamteinschätzung beschreiben Bundeselternrat und ASD eine sich verstärkende Dynamik: „Wir laufen in eine Eskalationsspirale: Überlastete Systeme erzeugen Überforderung bei Kindern, diese entlädt sich in Konflikten – und verstärkt wiederum den Druck auf Schulen und Familien.“
„Wenn es nicht gelingt, Schulen spürbar zu entlasten und gleichzeitig Familien aktiv einzubinden, wird sich die Situation weiter verschärfen“
Daraus leiten die Verbände die Forderung ab, Gewalt an Schulen nicht isoliert innerhalb des Bildungssystems zu betrachten. Neben pädagogischen Maßnahmen seien auch verlässliche staatliche Rahmenbedingungen notwendig, die Prävention, Intervention und Konsequenz miteinander verbinden. Dazu gehörten unter anderem eine Entlastung der Schulen, der Ausbau multiprofessioneller Teams, verbindliche Fortbildungszeiten sowie eine stärkere Einbindung von Eltern und eine engere Kooperation mit Jugendhilfe, Polizei und Justiz.
Am Ende der Stellungnahme steht ein gemeinsamer Appell an Politik und Verwaltung, die Verantwortung systemisch zu verstehen. Ohne abgestimmte Verfahren und klare Zuständigkeiten drohten Maßnahmen wirkungslos zu bleiben. Die Entwicklung sei absehbar, warnen die Verbände: „Wenn es nicht gelingt, Schulen spürbar zu entlasten und gleichzeitig Familien aktiv einzubinden, wird sich die Situation weiter verschärfen. Mehr Gewalt, mehr Überforderung, mehr Abwanderung von Fachkräften – das ist keine Prognose, sondern eine absehbare Entwicklung.“ News4teachers / mit Material der dpa









Vor wenigen Tagen konnte man hier bei n4t aber noch folgendes lesen:
Trendwende? Landesregierung zählt weniger Gewalt an Schulen (aber: viele verletzte Lehrer) – News4teachers
??? Das betraf dann wohl nur Düsseldorf. Oder betraf es nur Gewalt zwischen Schülern? Oder? Ich bin wieder einmal verwirrt.
Gewalt unter Schülerinnen und Schülern – Ergebnisse einer Umfrage unter Lehrkräften — DGUV forum
Eine Landesregierung – regiert mehr als eine Stadt, aber weniger als Deutschland. Und, wie Sie dem Artikel entnehmen können, es handelt sich um ein erst seit Kurzem sichtbares Phänomen. Regional und kurz vs. bundesweit und länger – solche Entwicklungen kann es gleichzeitig geben.
Herzliche Grüße
Die Redaktion
Berlin und Ruhrgebiet könnte man miteinander besser vergleichen als ganz nrw, weil ähnlicher.
Hier aktuelle Daten aus Berlin und Brandenburg:
Angriffe auf Lehrer: Beleidungen und Bedrohung sind Problem
In meinem Bundesland zumindest ist es so, dass die Kriterien bei einer bzw. die Anforderungen an eine Gewaltmeldung verändert wurden. Raten Sie einmal in welche Richtung. Vielleicht ist das in anderen Bundesländern ähnlich und insofern ein Erklärungsansatz.
Sie ist aber auch die Folge jahrelanger Verharmlosung und Vertuschung.
Weil nicht sein kann, was nicht sein darf, ist also jetzt doch – “zunehmende Gewalt an Schulen”. Erfahrene LuL dürfen jetzt also offen, ohne Konsequenzen zu befürchten, zugeben, was schon seit Jahren zunehmend abgeht – schön.
Unschön mMn: “Wer sich dauerhaft überfordert und gleichzeitig ohnmächtig fühlt, sucht nach Kontrolle. Gewalt ist dann kein Zufall, sondern oft der letzte verfügbare Ausdruck von Handlungsmacht.“ (Vorsitzende EB) Stimmt schon, doch die Dame sollte globaler, mehrdimensionaler denken, einkalkulieren, dass der meiste Druck häufig durch die übersteigerte Erwartungshaltung der Erziehenden entsteht; LuL mutieren oft dadurch unnötig durch ihre (Dienstpflicht) Leistungsbeurteilung zum Drohmonster, das die SuS zB ab Note 3 anspringt.
Das müsste nicht so sein, wenn vernünftiger mit der Problematik – auch von Erziehendenseite – umgegangen würde.
“Wenn es nicht gelingt, Schulen spürbar zu entlasten und gleichzeitig Familien aktiv einzubinden, wird sich die Situation weiter verschärfen“ – sic est,
bitte gerne mit konstruktiver Kritik und nicht in Gebäuden, die eines Pyramidonis würdig sind, funktionierende Technik und Toiletten, vlt. noch warmes Wasser 🙂 haben.
Das wirkt sich nämlich auch Entspannung und Stimmung aus.
2 Dazu noch ein Reportagetip: Jugendliche Auftragstäter – Wie sie rekrutiert werden, by Panorama/ Die Reporter / NDR
Sehenswert, wirklich sehenswert
“Statt vor allem auf Sanktionen zu setzen, müsse die Ursachenarbeit in den Mittelpunkt rücken.”
Das kennt man aus der Kriminalitätsdebatte. Statt Strafen zu verschärfen, muss man die Ursachen von Kriminalität bekämpfen. Das ist ja an und für sich richtig, meine ich, aber es geschieht nicht bzw. es gelingt nicht. Nicht in ausreichendem Maße jedenfalls und anscheinend gab und gibt es Kriminalität ja immer. So braucht man auch das Moment/Instrument der “Abschreckung” (drohende Folgen).
Gewalt an Schulen beginnt nicht erst im Klassenzimmer
Die Warnung des Bundeselternrats und des Allgemeinen Schulleitungsverbands Deutschland vor einer Eskalationsspirale schulischer Gewalt ist ernst zu nehmen. Entscheidend ist dabei der Hinweis: Gewalt ist kein isoliertes Schulproblem. Sie ist Ausdruck struktureller Überlastung – und gesellschaftlicher Verunsicherung.
Diese Verunsicherung zeigt sich nicht nur im Verhalten von Schülerinnen und Schülern. Sie zeigt sich ebenso deutlich in der Zusammenarbeit zwischen Schule und Elternhaus.
Viele Schulleitungen berichten seit Jahren von einer veränderten Dynamik in Elterngesprächen. Erwartungen werden konkreter, teilweise auch schärfer formuliert. Konflikte eskalieren schneller. Dahinter stehen häufig Sorgen um Bildungswege, Zukunftschancen und soziale Sicherheit der eigenen Kinder. Schule wird damit zum Ort, an dem gesellschaftliche Unsicherheit sichtbar wird.
Elternkonflikte sind deshalb selten nur Elternkonflikte. Sie sind oft Ausdruck eines wachsenden Drucks auf Familien – und zugleich ein Signal für ein Bildungssystem, das immer mehr Aufgaben übernehmen soll, ohne entsprechend entlastet zu werden.
Schulleitungen übernehmen in dieser Situation eine neue Rolle. Neben Organisation, Personalführung und pädagogischer Verantwortung moderieren sie zunehmend gesellschaftliche Spannungen im Kleinen. Sie sichern Dialogfähigkeit dort, wo Vertrauen in Institutionen brüchiger wird. Das geschieht meist ohne zusätzliche Ressourcen – aber mit wachsender Erwartungshaltung.
Wenn nun auch Gewalt an Schulen zunimmt, bestätigt das eine Entwicklung, die sich schon länger abzeichnet: Überforderung verschwindet nicht. Sie verlagert sich. Und sie entlädt sich dort, wo Beziehungen unter Druck geraten.
Wer Gewalt wirksam begegnen will, muss deshalb stärker auf die Beziehungen im System Schule schauen – zwischen Schülerinnen und Schülern, Lehrkräften und Eltern. Prävention beginnt nicht erst bei Sanktionen. Sie beginnt bei Vertrauen.
Gerade deshalb braucht Schule heute mehr Zeit für Elternarbeit, mehr multiprofessionelle Unterstützung und klarere Zuständigkeiten zwischen Bildungspolitik, Jugendhilfe und Familienpolitik. Ohne diese strukturelle Entlastung wird Ursachenarbeit kaum gelingen.
Schulen bleiben zentrale Orte gesellschaftlicher Verständigung. Damit sie diese Rolle erfüllen können, brauchen sie vor allem eines: verlässliche Rahmenbedingungen für Dialog. Denn Bildung ist Vertrauensarbeit. Und Vertrauen entsteht nicht unter Druck – sondern im Gespräch.
Es sind wohl die Auswirkungen der gesellschaftlichen Transformation im ” grossen Experiment ” Y. Mounck, mit ihren “Verwerfungen” , die vermehrt Platz greifen und auf die sich Politik Gesellschaft vorbereitet haben oder vorbereiten konnten. Sie wurden der Gesellschaft insgesamt “übergestülpt”. Mit den Auswirkungen haben vor allem die Bildungseinrichtungen zu kämpfen. Ob das Experiment gelingt, hatte auch Mounck offen gelassen. Übrigens ein EU-weites Phänomen. Mal seh n, wie s weiter oder ausgeht??
“Statt vor allem auf Sanktionen zu setzen, müsse die Ursachenarbeit in den Mittelpunkt rücken.”
ODER wir phantasieren davon, dass absurd harte Bestrafungsphantsien von Kleinkindern beschlossen werden, die Polizei jeden Tag die Hofaufsicht machen muss und wir uns endgültig von der Schule als Gemeinschaft verabschieden, um uns privat zu gruseln…
Wer will da schon Fakten und Wissenschaft hören, wie bescheuert das bloße (!) Hinterherrennen und Strafen auf lange Sicht ist -__-
Das ist ja wieder maßlos übertrieben. Mit den “absurd harten Bestrafungsfantasien” meinen Sie sicherlich das Herabsetzen der Strafmündigkeit von z.B. 14 auf 12 Jahre. Daran ist nichts absurd und nichts hart und nichts eine Bestrafungsfantasie, denn das gibt es ja in anderen demokratischen Ländern auch. Was dann jeweils die Strafe wäre, entscheidet ein Gericht in Einzelfallprüfung und unter Berücksichtigung des Alters. Aber schön, dass Sie das Thema noch einmal ins Gespräch bringen!
Hier eine Übersicht:
Die Strafmündigkeit in Europa variiert stark und liegt meist zwischen 12 und 16 Jahren, wobei 14 oder 15 Jahre der Standard sind. Während Länder wie Schweden (15) oder Deutschland (14) eher höhere Grenzen haben, sind Kinder in der Schweiz (10), Frankreich (13) oder den Niederlanden (12) früher strafmündig. Extremfälle sind England/Wales (10).
Hier sind die wichtigsten Regelungen zur Strafmündigkeit in Europa:
“Was dann jeweils die Strafe wäre, entscheidet ein Gericht”
Eben. Strafunmündig sind diese Kinder dann nicht mehr.
Ihre Beispiele lassen sich nicht von der Hand weisen, Danke für diesen konstruktiven Austausch.
Gleichzeitig wurmt es mich aber auch, dass ununterbrochen von mangelnden Fähigkeiten und Kompetenzen gesprochen wird, Kinder isolierter und medial verwahrlost aufwachsen, ABER eine Strafmündigkeit ausgeprägt haben :/
So enden wir theoretisch bei Mindeststrafen für Kinder, die vor einem Jahr nicht strafmündig waren – (nur?) weil wir medial gerade den Eindruck erhalten, es wäre alles schlimmer und gefährlicher -___-
Es spiegelt aber auch ein wenig die Erziehung und die schulische Entwicklung wider. Kinder sind für manche Eltern Freunde oder Projekte, man räumt ihnen jeden Stein aus dem Weg und erfüllt ihre Wünsche. Frustrationstoleranz Fehlanzeige . In der Schule ist es ähnlich. Alle sind eben hererogen, jeder lernt in seinem Tempo was, wir lernen in tollen Projekten. Ohne große Struktur, ohne Rückmeldung zum Lernstand weil ach so unterschiedlich. Laute Kinder bekommen Aufmerksamkeit, leise gehen unter. Störer bekommen keine Konsequenzen. Noten wollen wir auch abschaffen, die Eltern wollen auch lieber individuelle Fühli-Beurteilungen. Aber es passiert zwangsläufig- irgendwann ist das Stören zuviel und es gibt doch eine Konsequenz. Irgendwann kommt eine schlechte Note. Irgendwann lernen Mami und Papi, dass “altersgerecht ausgeprägt” doch nur Mittelmaß ist und keine Gymnasialempfehlung bedeutet. Und dann kommen Frust und Aggression. Ich wünsche mir wieder mehr Struktur und klare einfache Beurteilungen, ich wünsche mir mehr Eltern, die ihre Kinder mal scheitern lassen, weil sie das fürs Leben stärkt.