BERLIN. Künstliche Intelligenz verändert Gesellschaft und Arbeitswelt schneller, als Schulen, Hochschulen und Behörden darauf vorbereitet sind. Bundesarbeitsministerin Bärbel Bas warnt auf der re:publica – Deutschlands wichtigstem Digitalkongress – davor, die Entwicklung „irgendwelchen Tech Bros“ zu überlassen. Gleichzeitig zeigt sich im Bildungsalltag, wie tief KI bereits in Lernprozesse eingreift: Die Technik ist angekommen. Doch die pädagogischen Konzepte, rechtlichen Regeln und staatlichen Strukturen kommen kaum hinterher.

Als Bärbel Bas auf der Digitalkonferenz re:publica über Künstliche Intelligenz spricht, stapelt sie nicht tief. Sie macht unmissverständlich deutlich: Es geht um viel. Die kommenden Jahre würden darüber entscheiden, ob KI zu einem „Miteinander von Mensch und Maschine“ führe – oder ob ein „digitaler Wildwuchs“ soziale Errungenschaften gefährde.
Die Bundesarbeitsministerin beschreibt einen tiefgreifenden gesellschaftlichen Umbau – besonders mit Blick auf die Arbeitswelt. Bis 2030 werde es „keinen Job mehr ohne KI-Bezug geben“. Dennoch rechnet sie derzeit nicht mit einem massenhaften Arbeitsplatzverlust. „KI führt eher zum Jobumbau als zum Jobabbau“, erklärt sie. Entscheidend werde deshalb Qualifikation und Weiterbildung sein. Bis 2030 solle die Weiterbildungsbeteiligung auf 65 Prozent steigen. Zwei Drittel der Erwachsenen zwischen 25 und 64 Jahren sollen nach Vorstellung der Bundesregierung jährlich mindestens eine Fortbildung absolvieren.
„Die Zukunft unseres Landes legen wir nicht in die Hände von irgendwelchen Tech Bros“
Bas kündigt eine Modernisierung staatlicher Strukturen an – und sie beschreibt den Regulierungsbedarf. „Die Zukunft unseres Landes legen wir nicht in die Hände von irgendwelchen Tech Bros“, sagt die SPD-Politikerin. Gleichzeitig räumt sie ein, dass es darüber innerhalb der schwarz-roten Koalition „wahnsinnige Gegensätze“ gebe. Die Entwicklung könne man nicht einfach laufenlassen, sagt die Ministerin. Gewinne aus KI-Anwendungen müssten besteuert, Beschäftigte geschützt und digitale Plattformen stärker reguliert werden.
Wie selbstverständlich Jugendliche inzwischen mit KI arbeiten, zeigt die aktuelle JIM-Studie 2024/2025 des Medienpädagogischen Forschungsverbunds Südwest. Demnach nutzen 74 Prozent der 12- bis 19-Jährigen KI für Hausaufgaben oder zum Lernen. 70 Prozent verwenden KI zur Informationssuche – ein Anstieg um 27 Prozentpunkte innerhalb eines Jahres. Gleichzeitig halten 57 Prozent der Jugendlichen KI-Antworten für vertrauenswürdig, obwohl Sprachmodelle nachweislich Fehler produzieren und Quellen erfinden können.
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Die Zahlen zeigen ein Spannungsfeld, das Schulen zunehmend unter Druck setzt. KI erleichtert den Zugang zu Informationen, verändert aber zugleich Lernprozesse grundlegend. Wenn Schülerinnen und Schüler Aufgaben mithilfe generativer Systeme lösen, verschiebt sich die Rolle von Unterricht, Leistungsbewertung und eigenständigem Lernen. Wie unvorbereitet viele Schulen auf diese Entwicklung sind, zeigt das Deutsche Schulbarometer. Demnach fühlen sich 62 Prozent der Lehrkräfte im Umgang mit KI unsicher. 31 Prozent nutzen KI nach eigenen Angaben überhaupt nicht. Dort, wo Lehrkräfte KI einsetzen, geschieht das vor allem zur Erstellung von Aufgaben oder zur Unterrichtsplanung.
Für individualisierte Förderung oder Leistungsbewertung spielt KI bislang dagegen kaum eine Rolle. Die Gründe liegen nach Einschätzung von Fachleuten weniger in der Technik selbst als in fehlender Handlungssicherheit. Viele Lehrkräfte beklagen unklare rechtliche Vorgaben, fehlende Fortbildungsangebote und mangelnde Zeit.
Damit bestätigt sich ein Problem, das auch Bas auf der re:publica anspricht. Der technologische Wandel verläuft deutlich schneller als die staatliche und institutionelle Anpassung. Die Ministerin kritisiert, Bund, Länder und Kommunen arbeiteten noch immer mit voneinander getrennten „IT-Inseln“ statt mit vernetzten digitalen Infrastrukturen. Gemeinsam mit Digitalminister Karsten Wildberger wolle sie deshalb ein Expertengremium einsetzen, das Vorschläge zur Modernisierung entwickeln soll.
Die Schwierigkeiten zeigen sich besonders deutlich an Hochschulen. Dort gehört KI inzwischen für viele Studierende zum Alltag. Studien der Ludwig-Maximilians-Universität München, der ETH Zürich und der Universität Zürich zufolge nutzen zwischen 68 und 80 Prozent der Studierenden regelmäßig KI-Werkzeuge. 84 Prozent verwenden KI demnach für Literaturrecherche, 71 Prozent für Textentwürfe und 68 Prozent für Korrekturen oder Strukturierung. Die Nutzung erfolgt vor allem pragmatisch: Studierende wollen Zeit sparen und Arbeitsprozesse beschleunigen.
Gleichzeitig geraten klassische Prüfungsformate zunehmend unter Druck. Hochschulen berichten über KI-generierte Quellenangaben, verzerrte Argumentationen und Schwierigkeiten bei der Bewertung eigenständiger Leistungen. Einheitliche Standards für den Umgang mit KI existieren bislang kaum.
Dass KI das Lernen durchaus unterstützen kann, zeigen wissenschaftliche Untersuchungen. Eine Meta-Analyse auf Zenodo aus dem Jahr 2024 kommt zu dem Ergebnis, dass KI Lernprozesse beschleunigen kann, wenn ihr Einsatz pädagogisch begleitet wird. Ohne Anleitung steige dagegen das Risiko oberflächlichen Lernens und falscher Schlussfolgerungen. Auch andere wissenschaftliche Veröffentlichungen beschreiben erhebliche Potenziale: KI könne Aufgaben generieren, Lernstände analysieren und Lehrkräfte organisatorisch entlasten. Gleichzeitig fehle es weiterhin an belastbaren Konzepten dafür, wie diese Möglichkeiten systematisch lernwirksam eingesetzt werden können.
„KI wirkt dort, wo sie konkrete Probleme löst: Feedback, Struktur, Entlastung. Sie scheitert dort, wo Systeme, Regeln und Kompetenzen fehlen“
Auch in der Arbeitswelt verläuft die Entwicklung ungleichzeitig und mit erheblichen Umbrüchen. „Frauen nutzen KI beruflich seltener als Männer“, sagt Bas. Besonders ausgeprägt sei dieser Unterschied innerhalb der Generation Z. Ohne gezielte Qualifizierung drohten bestehende Ungleichheiten weiter verstärkt zu werden. Die Ministerin verweist zudem auf neue Risiken digitaler Plattformarbeit. Viele Beschäftigte bei Lieferdiensten oder digitalen Vermittlungsplattformen seien sozial unzureichend abgesichert. Mit der europäischen Plattformrichtlinie solle künftig leichter geklärt werden können, welche Arbeitsverhältnisse tatsächlich vorliegen.
„Was digital und analog stattfindet, muss synchronisiert und abgeglichen werden“, fordert Bas – und nennt beispielhaft eine Regulierung von KI bei psychotherapeutischen Anwendungen. Es brauche Warnhinweise.
Zu ähnlichen Schlüssen kommt auch das Wuppertaler Unternehmen twinC, das immersive Lern- und Trainingslösungen mit Virtual Reality und KI entwickelt. In einer Pressemitteilung zur re:publica heißt es: „Die größten Probleme liegen nicht in der Technologie, sondern in den Strukturen. Schulen und Hochschulen kämpfen mit fehlender Infrastruktur, unklaren rechtlichen Rahmenbedingungen und mangelnder Zeit für Fortbildung. Prüfungsformate sind nicht auf KI vorbereitet, Datenschutzfragen sind ungelöst, und viele Einrichtungen haben weder Geräte noch stabile Netze.“
Weiter heißt es dort: „KI wirkt dort, wo sie konkrete Probleme löst: Feedback, Struktur, Entlastung. Sie scheitert dort, wo Systeme, Regeln und Kompetenzen fehlen. Die Nutzung ist längst da. Die pädagogischen Konzepte hinken hinterher. Und solange diese Lücke besteht, bleibt KI ein Werkzeug mit großem Potenzial, das nur punktuell ausgeschöpft wird.“ News4teachers / mit Material der dpa









