Start Politik Neuer Kultusminister: Philologen fordern Erfassung der Arbeitszeit von Lehrkräften (und…)

Neuer Kultusminister: Philologen fordern Erfassung der Arbeitszeit von Lehrkräften (und…)

17
Anzeige

STUTTGART. Mit dem Amtsantritt von Andreas Jung (CDU) als neuem Kultusminister in Baden-Württemberg verbindet der Philologenverband Baden-Württemberg (PhV BW) konkrete Erwartungen an die Bildungspolitik der neuen Hausspitze. Der Verband legt sofort mal ein Sieben-Punkte-Programm vor, das vor allem auf Entlastung der Lehrkräfte, mehr Planungssicherheit und eine Begrenzung neuer Reformvorhaben zielt. Im Mittelpunkt stehen Forderungen nach einer Arbeitszeiterfassung, dem Abbau administrativer Aufgaben und einer stärkeren Beteiligung der Lehrkräftevertretungen an bildungspolitischen Entscheidungen. Der Verband signalisiert Gesprächsbereitschaft – verbindet diese aber mit deutlicher Kritik an der bisherigen Entwicklung im Schulbereich.

Frisch vereidigt: Kultusminister Andreas Jung (CDU). Foto: Staatsministerium Baden-Württemberg / Ilkay Karakurt

„Wir freuen uns auf eine offene, konstruktive und von gegenseitigem Respekt geprägte Zusammenarbeit. Dem neuen Minister wünschen wir eine glückliche Hand und die nötige politische Durchsetzungsfähigkeit, um die drängenden Herausforderungen im Bildungswesen entschlossen anzugehen“, erklärt die Landesvorsitzende des PhV BW, Martina Scherer.

Der Verband verweist darauf, dass Baden-Württemberg trotz „einiger positiver Signale – zuletzt im IQB-Bildungstrend 2024“ weiterhin vor erheblichen Problemen im Bildungsbereich stehe. Lehrkräfte an Gymnasien arbeiteten seit Jahren „unter wachsender struktureller Mehrbelastung durch ständigen Aufgabenzuwachs, ausufernde Administrationslast und unzureichende personelle Ausstattung“, heißt es in einer Stellungnahme.

Vor diesem Hintergrund formuliert der Philologenverband sieben zentrale Forderungen an den neuen Minister. Deutlich fällt dabei die Kritik an der Reformdynamik der vergangenen Jahre aus. Der Verband verlangt eine „De-Implementierung“ bestehender Vorgaben. Wörtlich heißt es in dem Papier: „Keine neuen Reformvorhaben, solange nicht klar benannt wird, was dafür entfällt.“ Qualität entstehe „nicht durch Quantität, sondern durch den Fokus auf gesichert wirksame Strategien“.

Auch die Forderung nach mehr Stabilität im Schulsystem nimmt breiten Raum ein. Schulen bräuchten „Planungssicherheit und institutionelle Ruhe“. Reformen müssten „wohlbedacht, zeitlich entzerrt und evaluiert eingeführt werden“. Der Verband formuliert dabei scharf: „Keine neue Sau durchs Dorf treiben, solange die letzte noch nicht am Ziel ist.“ Kontinuität verbessere die Qualität und schaffe Vertrauen.

„Bildungspolitik für das Land gelingt nur gemeinsam mit den Lehrkräften, nicht an ihnen vorbei oder gar gegen sie“

Ein weiterer Schwerpunkt ist die Arbeitsbelastung der Lehrkräfte. Der PhV BW fordert eine „ehrliche, wissenschaftlich begleitete Lehrkräfte-Arbeitszeiterfassung“ und daraus folgende strukturelle Konsequenzen. Dabei geht es ausdrücklich nicht nur um Datenerhebung, sondern um konkrete Entlastung. Der Verband verlangt „Deputatsabsenkung und eine verlässliche Entlastungsoffensive“. Zugleich verweist er darauf, dass das Kultusministerium „juristisch zur Erfassung der Arbeitszeit verpflichtet“ sei – auch bei Lehrkräften.

Breiten Raum nimmt zudem die Kritik an der Personalausstattung ein. Der Verband erinnert an die Affäre um jahrzehntelang unbesetzte Lehrerstellen infolge eines Softwarefehlers in der Personalplanung. Diese habe „strukturelle Schwächen in der Personalplanung schonungslos offengelegt“. Gefordert werden eine dauerhafte Absicherung ausreichender Lehrerstellen, ein funktionierendes Vertretungsmanagement sowie eine bessere Sachausstattung der Schulen.

Kritisch äußert sich der Philologenverband außerdem zur datengestützten Schulentwicklung und zu zentralen Erhebungsverfahren. Der Verband spricht sich gegen ein Qualitätsverständnis aus, das „primär auf Kontrolle und Erhebung ‚von oben‘ durch die Schulverwaltung setzt“. Digitale Erhebungen erzeugten bei Lehrkräften vielfach „Unsicherheit und Druck“, ohne pädagogische Verbesserungen anzustoßen. Qualitätsentwicklung gelinge „durch Begleitung, Entlastung, Fortbildung und kollegialen Austausch – nicht durch digitale Erhebungen, die Mehrarbeit produzieren“.

Daneben fordert der PhV BW verbindlichere Kommunikation des Ministeriums. Bildungspolitische Vorgaben müssten „klar, rechtssicher und prinzipiell immer schriftlich formuliert sein“. Mündliche Informationen reichten nicht aus, um Schulen und Schulleitungen Rechtssicherheit zu geben.  Schließlich verlangt der Verband eine frühzeitige Beteiligung der Personalvertretungen und des Philologenverbands an bildungspolitischen Entscheidungen. „Bildungspolitik für das Land gelingt nur gemeinsam mit den Lehrkräften, nicht an ihnen vorbei oder gar gegen sie“, heißt es in dem Papier.

Zum Abschluss verbindet Martina Scherer das Angebot zur Zusammenarbeit erneut mit konkreten Erwartungen an die neue Ministeriumsleitung. „Was Lehrkräfte jetzt brauchen, sind keine weiteren Versprechungen, sondern spürbare Entlastung, klare Regelungen und das Vertrauen, dass ihre engagierte Arbeit gesehen und geschätzt wird“, erklärte sie. News4teachers 

Skandal um “Geisterlehrer” weitet sich aus: IT-Fehler schwerer als gedacht – noch mehr unbesetzte Stellen

 

Anzeige

Info bei neuen Kommentaren
Benachrichtige mich bei
17 Kommentare
Katze
23 Tage zuvor

Wenn der Philologenverband sagt, man solle „keine neue Sau durchs Dorf treiben, solange die letzte noch nicht am Ziel ist“, dann kann ich nur zustimmend nicken – und gleichzeitig überlegen, ob wir überhaupt noch wissen, welche Sau gerade dran ist.
Denn in den letzten Jahren wurden in vielen Bundesländern so viele reformpädagogische und bildungsidealistische Schweinchen auf die Reise geschickt, dass man meinen könnte, das deutsche Bildungssystem sei ein permanenter Viehtrieb, bei dem niemand mehr weiß, ob die Tiere eigentlich laufen, liegen, rückwärts gehen oder schon längst im Gebüsch verschwunden sind. Außerdem stehen viele der bisherigen reformpädagogischen Säue nicht einmal in der Nähe eines Ziels. Die meisten irren noch orientierungslos zwischen Kompetenzrasen, Lernlandschafts‑Kuschelecke und Selbstentfaltungs‑Biotop herum.
Und während die Politik ratlos danebensteht und überlegt, ob man ihnen vielleicht noch ein bisschen Glitzer aufstreuen sollte, rufen die Philologen völlig zurecht: Stopp! Keine neue Sau! Erst mal die alten einsammeln – oder wenigstens identifizieren und evaluieren.

dickebank
23 Tage zuvor
Antwortet  Katze

Müssen jetzt auch die Schweinehirten schon Abi machen?

Hmm...
22 Tage zuvor
Antwortet  dickebank

Die Hirten nicht unbedingt.
Die Schweinchen schon.

Maybe
23 Tage zuvor
Antwortet  Katze

Vielleicht sollte man ja die Vorliebe von Schweinchen für Treber nutzen
(Abfallprodukt beim Bierbrauen).
Man bekommt sie dann leicht zu fassen, weil sie müde oder etwas bedüdelt werden.

Das führt sicher zu “ mehr Planungssicherheit und institutioneller Ruhe“.

dickebank
23 Tage zuvor
Antwortet  Maybe

Das Schreiben und das Lesen
ist nie mein Fach gewesen,
denn schon von Kindesbeinen
befasst ich mich mit Schweinen.
Mein idealer Lebenszweck
ist Borstenvieh und Schweinespeck.

Lieblingslied von Bildungs- und anderen Reformern, die die Säue durch’s Dorf treiben bzw. standesgemäß treiben lassen.
Profane Tätigkeiten werden selbstverständlich auf weisungsgebundene, subalterne Ebenen verlagert.

laromir
22 Tage zuvor
Antwortet  Maybe

Oder man macht aus manchen Schweinchen Wurst und aus anderen Haustiere.

Palim
23 Tage zuvor
Antwortet  Katze

Sie wollen also die Schweinchen zurück in den Stall schicken
und denken, dass sie dann in der Schule sämtliche Sauereien losgeworden sind?

Maybe
22 Tage zuvor
Antwortet  Palim

🙂

Maybe
21 Tage zuvor
Antwortet  Maybe

Nach Überlegen 🙂 🙂 – müsste eigentlich hier der Kommentar der Woche sein.
…….und der Olymp darf dann Schweine hüten, vollkommen überqualifiziert…. Bilder über Bilder
Danke dafür.

Faktensammler
23 Tage zuvor

Offensichtlich haben auch die baden-württembergischen Philologen das ausgezeichnete Buch „Weniger macht Schule“ von Benedikt Wisniewski und Barbara Gottschling gelesen. Sehr gut!
https://www.spektrum.de/rezension/buchkritik-zu-weniger-macht-schule/2307002?fbclid=IwY2xjawR20IJleHRuA2FlbQIxMABzcnRjBmFwcF9pZBAyMjIwMzkxNzg4MjAwODkyAAEezGwJdz–wbAImFfwclRg0U7R0QDDzOu6bDMKsAdvgNY6F9ofxZ7MfvGKMxQ_aem_pJ8fxsGX6HPbu5W0OAGsbQ

blau
21 Tage zuvor
Antwortet  Faktensammler

Ja bitte. Weg mit selbständigem Lernen, Hausaufgabenfrei und angstfreien Prüfungsformaten

digitalebildung
23 Tage zuvor

Das sogenannte Leistungsprinzip, dass der Verband immer von den Kindern fordert, sollte auch für die Lehrkräfte gelten. Das „Absitzen“ und Aufschreiben von Stunden ist keine Leistung. Eine Arbeitszeiterfassung belohnt ceteris paribus die Minderleister und bestraft die Top-Performer im Kollegium (bestraft also beispielsweise die Leute, die für die gleiche Aufgabenstellung – bei gleicher oder besseer Qualität – weniger Zeit benötigen und die deswegen für die gleiche Arbeit weniger Stunden aufschreiben können). Die Einführung einer fairen Arbeitszeiterfassung erfordert daher zwingend eine leistungsdifferenzierte Vergütung im Kollegium.

Hans Malz
22 Tage zuvor
Antwortet  digitalebildung

Ist ja in anderen Unternehmen auch so. Die Arbeitszeit zäht mehr, wenn anders oder besser gearbeitet wurde … Ähm, Moment mal…

Lera
22 Tage zuvor
Antwortet  digitalebildung

„Die Einführung einer fairen Arbeitszeiterfassung erfordert daher zwingend eine leistungsdifferenzierte Vergütung im Kollegium.“

Ja, ungefähr so zwingend, wie sich dreimal bei Vollmond im Kreis drehen und Lapaloma pfeifen.

Herr Hallmackenreuther
22 Tage zuvor
Antwortet  digitalebildung

Aber gibt es nicht überall die ,,Mehrleister“ und die ,,Minderleister“? Wenn das aber bei uns eine Rolle spielen soll, dann muß an anderen Hebelnngedreht werden, nicht an der Arbeitszeit. Wir haben nunmal Zeitarbeitsverträge und wenn da steht 40h-Woche, ist das nunmal einzuhalten. Wenn der Gesetzgeber sagt, die Arbeitszeit ist zu erfassen, dann ist das eben durch den Rbeitgeber sicherzustellen. Punkt.

blau
21 Tage zuvor
Antwortet  digitalebildung

Ehm. Und wie willst du die Leistung bitte messen? Kollege A investiert die ganze Arbeitszeit in Unterricht, Kollege B ist bei jeder nach außen sichtbaren Aktion (Arbeitskreisen, Projekten usw.) dabei und Unterricht läuft nebenher. Und jetzt? Wer leistet mehr? Oder gar anhand des Notenschnitts eines Kurses? Wo doch die Zusammensetzung Zufall ist

Sonnenuntergang
22 Tage zuvor

https://www.gew-berlin.de/aktuelles/detailseite/entlastungsmassnahmen

Könnten Sie darüber berichten? Ich finde diese Entlastungen richtig, aber in der Summe lächerlich geringfügig. Das entlastet weniger an wenigen Stellen.