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Deutscher Lehrkräftepreis: „Es bringt nichts, nur mehr vom Gleichen zu machen“ – Schulleiterin Roswitha Malewski im Interview

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RAVENSBURG. Geht nicht, gibt’s nicht – so beschreiben die Kolleginnen und Kollegen von Roswitha Malewski die Haltung ihrer Schulleiterin. Die Rektorin der Grundschule Kuppelnau, Baden-Württemberg, wurde vergangenes Jahr mit dem Deutschen Lehrkräftepreis ausgezeichnet – auf Empfehlung ihres Teams. In der Kategorie „Vorbildliche Schulleitung“ belegte sie den zweiten Platz. Im Gespräch mit News4teachers erklärt sie, warum Schulleitung und -entwicklung Teamaufgaben sind und wieso das Bildungssystem ein großangelegtes Update braucht.

„Eine Schule kann man niemals allein leiten“, sagt Schulleiterin Roswitha Malewski. Die Preisträgerin des Deutschen Lehrkräftepreises setzt daher auf Transparenz und Partizipation. Foto: Heraeus Bildungsstiftung

News4teachers: Frau Malewski, Sie sind offiziell eine „vorbildliche Schulleitung“: Was heißt das denn für Sie, Schulleiterin zu sein?

Roswitha Malewski: Puh, erst mal bedeutet Schulleiterin zu sein eine sehr große Umstellung. Darauf bereitet einen das Lehramtsstudium nicht vor, und eine Ausbildung zur Schulleitung gibt es ja auch nicht. Wenn man dann Schulleitung ist, bekommt man zwar Unterstützung in Form von verschiedenen Modulen, aber das meiste lernt man, indem man es einfach macht.

Schulleiterin zu sein, macht mein Leben sehr abwechslungsreich und vielfältig – es ist einfach großartig.

News4teachers: Insgesamt sind Sie nun schon seit zehn Jahren als Schulleiterin tätig. Was gab damals den Ausschlag für den Wechsel?

Malewski: Tatsächlich bin ich zuerst vom Lehrerinnendasein in die Fortbildung gewechselt. Damals gab es in Baden-Württemberg den großen Aufbruch rund um die Gemeinschaftsschulen und den Schulstrukturveränderungen. Da wollte ich gern dabei sein und habe Schulen beraten. So habe ich unheimlich viele Schulen kennengelernt und gesehen, was gut läuft. Immer mal wieder habe ich gedacht: „Ach, das könnte ich auch“ oder „Das würde ich als Schulleiterin so und so machen“.

Als dann die damalige Schulleitung meiner jetzigen Schule in den Ruhestand gegangen ist, dachte ich: Das ist der Moment, noch mal etwas anderes zu machen – und irgendwie hat das geklappt.

News4teachers: In der Nominierung für den Deutschen Lehrkräftepreis, die Ihr Kollegium verfasst hat, wird deutlich, wie viel Wert Sie als Schulleiterin auf Partizipation legen. Eltern, Schüler:innen, Lehrkräfte – alle können sich beteiligen, etwa über Arbeitsgemeinschaften, Fördervereine oder Beiräte. Warum ist Ihnen das so wichtig?

Malewski: Eine Schule kann man niemals allein leiten, das ergibt überhaupt keinen Sinn. Schule ist wie ein sehr träger Tanker, eine einmal eingeschlagene Richtung lässt sich nicht so schnell verändern. Deshalb ist es sinnvoll, die Menschen mitzunehmen. Je mehr Menschen Teil des Prozesses sind, desto eher kann man gemeinsam etwas bewegen. Das gilt auch für die Kinder: Die haben oft so viele gute Ideen und setzen die unglaublich gut um. Die erreichen bei der Stadt manchmal viel mehr als ich.

„Man müsste das viel größer denken“

News4teachers: Die Partizipationsmöglichkeiten erstrecken sich bei Ihnen an der Schule auch auf den Bereich der Schulentwicklung. Warum muss sich Schule weiterentwickeln?

Malewski: In vielen Punkten ist Schule noch so, wie man sie sich um die Jahrhundertwende vorgestellt hat – und zwar die vor 120 Jahren, nicht die vor 20. Aber Kinder haben sich verändert, die Gesellschaft hat sich verändert, Eltern haben sich verändert, also muss Schule sich ebenfalls verändern.

Die PISA-Ergebnisse sind schlecht, die Vera-Ergebnisse sind schlecht. Und trotzdem doktern wir immer nur im Klein-Klein herum: hier noch eine Förderstunde, dort noch zusätzlicher Matheunterricht. Ich glaube, man müsste das viel größer denken. Man müsste von den Besten lernen – und nicht nur ins Ausland fahren, sich das anschauen und dann sagen: „Ja, interessant, aber wir lassen lieber alles so, wie es ist.“

Kultuspolitik ist natürlich schwierig, weil Bildung Ländersache ist und deshalb alles sechzehnmal unterschiedlich geregelt wird. In meinen Augen ergibt das aber überhaupt keinen Sinn.

Deutscher Lehrkräftepreis – die neue Runde

Die Bewerbungsphase für den „Deutschen Lehrkräftepreis – Unterricht innovativ“ 2026 läuft. Machen Sie mit! Empfehlen Sie (als ehemaliger Schüler bzw. ehemalige Schülerin) Ihre frühere Lehrkraft! Würdigen Sie (als Kollegium) Ihre tolle Schulleitung! Oder bewerben Sie sich als Lehrkräfte-Team mit Ihrem innovativen Unterrichtskonzept! Einsendeschluss ist der 30. Juni 2026.

Gesucht werden engagierte Lehrkräfte, Lehrkräfte-Teams und vorbildliche Schulleitungen aller deutschen Schulformen (auch im Ausland). Ein besonderer Fokus liegt in diesem Jahr auch auf den Grundschulen. Schülerinnen und Schüler der Abschlussjahrgänge 2025/2026, Lehrkräfte-Teams und Kollegien können ihre Vorschläge bzw. Bewerbungen unter www.lehrkraeftepreis.de bis zum 30.6.2026 einreichen.

Über die Auswahl der Preisträgerinnen und Preisträger des „Deutschen Lehrkräftepreises – Unterricht innovativ“ entscheidet nach einer intensiven Gutachterphase eine hochkarätig besetzte Jury. Die Träger des Wettbewerbs, der Deutsche Philologenverband und die Heraeus Bildungsstiftung, wollen mit der Auszeichnung die Leistungen von Lehrkräften und Schulleitungen würdigen und in den Fokus der öffentlichen Wahrnehmung rücken. Schirmherrin ist Bundesbildungsministerin Karin Prien.

News4teachers: Wenn Sie die Möglichkeit hätten, das Bildungssystem zu verändern – wo würden Sie als Erstes ansetzen?

Malewski: Ich würde erst mal die Vielfalt der vielen verschiedenen Schularten reduzieren und die Kinder länger gemeinsam lernen lassen, bis zur 8. oder 9. Klasse. Danach könnten sie selbst entscheiden, wie es weitergeht. Außerdem würde ich viel stärker die Bereiche in den Mittelpunkt stellen, die immer gekürzt werden: Sport, Kunst, Theater – all das, was Kinder brauchen.

Natürlich sind Lesen, Schreiben und Rechnen elementar wichtig. Aber es bringt nichts, immer nur mehr vom Gleichen zu machen. Ein Kind lernt doch auch, sich auszudrücken, zu lesen und zu schreiben, wenn es beispielsweise Theater spielt, Briefe verfasst oder mit alten Menschen in Kontakt kommt. Ich glaube einfach, wir müssten viel größer denken.

Theater als reguläres Unterrichtsfach

News4teachers: Gerade diesen kulturellen Bereich haben Sie an Ihrer Schule stark ausgebaut, durch das Theaterprofil. Wie hat sich Schule dadurch verändert?

Malewski: Ein Theaterprojekt gab es an der Schule tatsächlich schon, als ich vor zehn Jahren Schulleiterin geworden bin. Um die Ecke steht ein kleines städtisches Theater, dessen Theaterpädagoginnen schon damals ein Projekt mit unseren Zweitklässlern organisierten. Sechs Wochen lang arbeiteten sie mit den Kindern an einer eigenen Aufführung, die zum Abschluss im Theater präsentiert wurde. Das war natürlich großartig – die Eltern kamen ins Theater und sahen ihre Kinder auf der Bühne.

Dann hatten wir das Glück, eine Kollegin zu bekommen, die Theaterpädagogin ist und selbst am Theater arbeitet. Gemeinsam haben wir das Theaterprofil aufgebaut. Jetzt wird schon in Klasse 1 Theater gespielt, in Klasse 2 folgt das erwähnte Projekt mit dem Theater Ravensburg und in Klasse 3 und 4 haben die Kinder jede Woche zwei Stunden Theaterunterricht fest im Stundenplan verankert. Das ist keine freiwillige AG, sondern regulärer Unterricht.

Theater heißt daher bei uns nicht: Kostüme anziehen und Dornröschen spielen. Die Kinder entwickeln eigene Stücke, machen Improtheater, bespielen das ganze Schulhaus, erstellen Podcasts – das ist unglaublich vielfältig. Und das macht so viel mit den Kindern. Weiterführende Schulen sagen uns oft, dass unsere Kinder sich unglaublich gut ausdrücken und präsentieren können und selbstbewusst auftreten.

News4teachers: Inwiefern passt dieser Schwerpunkt zu Ihrer Forderung, dass Schule sich verändern muss? Also: Was muss Schule Kindern heute bieten, um sie gut auf das Leben vorzubereiten?

Malewski: Ich glaube ehrlich gesagt gar nicht, dass wir Kinder auf das konkrete Leben vorbereiten können, das sie erwartet, weil sich alles so schnell verändert – Stichwort KI. Von daher ist es sinnvoller, Kinder so zu stärken, dass sie selbstbewusst sind, Dinge hinterfragen können, wissen, wo sie etwas nachschauen und wem sie vertrauen können – gerade im Netz. Hinzu kommt, dass sie lernen sollten, wie sie Beziehungen aufbauen, im Team arbeiten und ihr Wissen flexibel auf Probleme anwenden können. Wir brauchen einen umfassenderen Bildungsbegriff, der sich nicht darauf beschränkt, dass Kinder Lesen, Schreiben und Rechnen können. Die Kinder müssen später in einer Welt zurechtkommen, die so komplex sein wird, dass wir sie uns heute kaum vorstellen können.

„Wir brauchen einen umfassenderen Bildungsbegriff“

News4teachers: Sie selbst versuchen ja schon, Schule entsprechend zu verändern. Wie groß sind die Einflussmöglichkeiten einer Schulleitung?

Malewski: Nach zehn Jahren als Schulleiterin muss ich leider feststellen, dass die eher gering sind – zumindest, wenn es um grundsätzliche Fragestellungen geht. Was ich aber in meiner Position sehr stark beeinflussen kann, ist die Atmosphäre an der Schule. Wenn ich als Schulleiterin die Kinder mag, die Eltern und Kolleginnen mag und einfach gerne hierherkomme, dann macht das etwas mit der Schule. Heute Morgen kam eine Schülerin und hat mich gleich umarmt, als ich mit dem Fahrrad auf den Schulhof gefahren bin. Früher hätte doch niemand seine Schulleiterin umarmt. Niemals.

Für die Kinder ist diese vertrauensvolle Atmosphäre aber selbstverständlich. Genauso selbstverständlich kommen sie zu mir ins Büro, wenn sie ein Pflaster oder ein Kühlpack brauchen. Ich laufe mit Kindern auch nach Hause, wenn sie nicht abgeholt werden, oder hole sie morgens ab, wenn sie niemand bringt. An diesen Punkten kann ich aktiv ansetzen.

Was ich nicht verändern kann, ist die Kultuspolitik. Da bleibt einem nur, selbst politisch oder gewerkschaftlich aktiv zu sein. Aber das ist zäh; es geht immer wieder vor und zurück.

Wir als Schule beteiligen uns zum Beispiel am Schulversuch „Lernförderliche Leistungsrückmeldung“. Das heißt, wir haben uns entschieden, auf Noten zu verzichten und stattdessen Rückmeldungen zu den Kompetenzen der Kinder zu geben. Durch die Einführung der teilweise verbindlichen Grundschulempfehlung und den damit verbundenen Tests liegt der Fokus aber wieder stärker auf Noten. Das bestätigt wiederum die Eltern, die ohnehin lieber Noten hätten, weil sie die für aussagekräftiger halten als eine Rückmeldung darüber, was ein Kind konkret kann.

News4teachers: Das konterkariert den Schulversuch natürlich.

Malewski: Ja, genau. Solche Veränderungen sind unglaublich zäh, besonders, wenn ein Ministerium nicht mutig genug ist zu sagen: „Wir führen das landesweit ein“, sodass einzelne Schulen nicht allein auf verlorenem Posten mit den Eltern diskutieren müssen.

Und wenn Eltern unbedingt eine bestimmte Schule für ihr Kind wollen, dann wird plötzlich um jede Zehntelnote gekämpft. Dabei kennen die Lehrerinnen und Lehrer die Kinder doch eigentlich sehr gut und können sie einschätzen. Aber solange diese Drei-, Vier- oder Fünfgliedrigkeit im Schulsystem existiert und die weiterführenden Schulen unterschiedlich bewertet werden, bleibt dieser Druck bestehen. Ein Gymnasium gilt immer noch als „besser“ als eine Realschule oder Gemeinschaftsschule. Das macht alles unglaublich schwierig.

„Es ist unbeschreiblich wertschätzend“

News4teachers: Trotzdem versuchen Sie, Schule zu verändern – ein Aspekt, den auch Ihr Kollegium sehr schätzt. In der Nominierung zum Deutschen Lehrkräftepreis beschreibt Ihr Team Sie etwa als „Ermöglicherin“ mit der Grundhaltung „geht nicht, gibt’s nicht“. Was bedeutet Ihnen diese Rückmeldung und die damit verbundene Auszeichnung?

Malewski: Das rührt mich einfach sehr. Es ist unbeschreiblich wertschätzend. Ich bin überzeugt, dass ganz viele Schulleitungen diesen Preis verdient hätten. Ich bin ja nicht toller als andere. Aber dass sich meine Kolleginnen und Kollegen hingesetzt und sich die Zeit genommen haben, diese Bewerbung zu schreiben – das ist einfach großartig. Das ist wie eine warme Dusche, die gar nicht aufhört. Anna Hückelheim, Agentur für Bildungsjournalismus, führte das Interview. (cdef)

Hier geht es zum News4teachers-Spezial zum Deutschen Lehrkräftepreis – mit Interviews mit Preisträgern und Hintergründen.

Deutscher Lehrkräftepreis: „Guter Unterricht ist möglich – auch unter schwierigen Bedingungen!“ Schulleiterin Andrea Franke im Interview

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16 Kommentare
Berni
13 Stunden zuvor

” ..Ein Gymnasium gilt immer noch als „besser“ als eine Realschule oder Gemeinschaftsschule. Das macht alles unglaublich schwierig. .. “

Ach, warum denn bloß? Eltern möchten eine passende Schule für ihre Kinder und die Schulwahl ist dann in hohem Maße davon abhängig, was da jeweils für eine Klientel unterwegs ist. Viele ziehen sogar um, damit ihre Kinder eine gute Schule besuchen können. Wobei, so sollte man meinen, die Anforderungen gar nicht so hoch sind. Das wären erstens, keine Schule mit Gewaltproblem und zweitens keine Schule die den Kindern die Lust am lernen nimmt.

Stiller Beobachter
8 Stunden zuvor
Antwortet  Berni

Das Problem ist, dass es damit individuell vielleicht sogar besser, insgesamt aber schlechter wird.

Die Tendenz sehe ich aber auch.

Dabei ist die frühe Trennung wissenschaftlich auch mehrfach belegt völlig negativ zu bewerten. Scheint nur niemanden zu interessieren…

ed840
7 Stunden zuvor

Mich würde das schon interessieren.

Aber ohne diese wissenschaftliche Belege gelesen zu haben, kann man dazu kein Beurteilung abgegeben.

Ich kenne z.B. keine Studien aus DE, in denen nachgewiesen wurde, dass die Kompetenzlevel von SuS aus der unteren Schicht und mit Migrationshintergrund bei längerer gemeinsamer Grundschule steigen würden und der Anteil abnehmen würde, der ohne ESA oder SEK-II-Abschluss bleibt.

Hans Malz
5 Stunden zuvor
Antwortet  ed840

Ich befürchte, dass niemand solche Studien machen möchte, allerdings lasse ich mich gerne belehren.

Wenn man jetzt anfangen würde, dann hätte man in 6-10 Jahren die ersten Ergebnisse. Allerdings müsste das eine Riesenstudie sein, die verschiedenste “Lebensräume” berücksichtigt und auch eine entprechende Schülerzahl hat.
Wenig Ruhm, aber viel Arbeit.

Lera
6 Stunden zuvor

Liebe Anna, liebe Sophie,
leider könnt ihr keine Schule besuchen, die euch fördert oder fordert, da wir euch dringend als Puffer, Sozialpädagogen, Lernhelfer und Retter des Notenschnitts brauchen, um mit Kevin und Chantalle die Tragödie “Früher hieß es Unterricht” aufzuführen. Macht euch nichts draus, ihr dürft weitere fünf Jahre eure Expertise für Furz-Apps und Energy-Drinks ausbauen, dafür habt ihr doch sicher Verständnis. Na klar, auf der Homepage steht, das wir alle Kinder individuell fördern – aber das ist halt gelogen. Ihr wisst ja wie es läuft: einfach weiter gute Mine zum bösen Spiel machen. Viel Glück und alles Gute!
Euer Schulsystem

ed840
7 Stunden zuvor
Antwortet  Berni

Ein Gymnasium gilt immer noch als „besser“ als eine Realschule 

Ist wie so oft vermutlich regional verschieden.

Bei uns im Bundesland wechseln z.B. nur ca. 73% der Kinder mit Gymnasialempfehlung dann auch aufs Gymnasium.

Weiterhin stammen auch ca. 40% der Absolventen mit AHR/FHR nicht vom Gymnasium.

Die 73% sind aber ein Durchschnittswert. In Großstädten ist der Anteil z.B. höher als in ländlichen Gebieten.

Susanne M.
11 Stunden zuvor

Der Ansatz in der Schule gefällt mir persönlich gut. Er erscheint mir umsetzbar, nicht abgehoben oder dass einmal eine Menge Gesetze geändert werden müssen.

Stiller Beobachter
8 Stunden zuvor

“In vielen Punkten ist Schule noch so, wie man sie sich um die Jahrhundertwende vorgestellt hat – und zwar die vor 120 Jahren, nicht die vor 20”

Man kann es ja nicht besser auf den Punkt bringen.

Es gibt kein System, das so in sich geschlossen und gegenüber jeglichen äußeren Einflüssen resilient ist wie die Schule.

Und das liegt daran, dass im Referendariat Konformität zählt, danach stehts individuell um sich selbst gekreist wird, in den Ministerien gerne auch die sitzen, die zwar die Annehmlichkeiten des Jobs schätzen, aber bitte bloß keinen Kontakt mit Kindern haben wollen und das ganze geleitet von 16 Personen, die da aus reinem Parteigeklüngel aber bitte bloß nicht wegen der Kompetenz sitzen.

Und wenn dann Leute wirklich was bewegen wollen – siehe Interview, oder auch andere gut dokumentierte Beispiele wie Ruppaner – dann wird alles getan um das zu unterbinden.

Auswege? Ich bin inzwischen auch ein wenig ratlos. Zermürbt von einem sich selbst erhaltenen – aber bloß sich nicht verändernden – System.

Canishine
6 Stunden zuvor

“In vielen Punkten ist Schule noch so, wie man sie sich um die Jahrhundertwende vorgestellt hat – und zwar die vor 120 Jahren, nicht die vor 20”
Vielleicht liegt ja auch das Problem darin, dass manche ein Schulsystem reformieren wollen, das nur noch in ihren Vorstellungen existiert, hin zu einem Schulsystem, was hauptsächlich ihren Vorstellungen entspricht.

Lera
5 Stunden zuvor
Antwortet  Canishine

Schön formuliert.

Lera
5 Stunden zuvor

“Es gibt kein System, das so in sich geschlossen und gegenüber jeglichen äußeren Einflüssen resilient ist wie die Schule.”

Wäre das Schulsystem doch nur in den letzten 30 Jahre resilient gegenüber äußeren Einflüssen gewesen – es stünde heute gewiss sehr viel besser da. Die meisten Probleme, die wir haben, sind DURCH äußere Einflüsse überhaupt erst entstanden:

Früher wurde die Schulreife untersucht, wer nicht schulreif war, ging zur Vorschule. – Heute wird geguckt, ob das Kind atmen kann, wenn ja: Schulbesuch; wenn nein: auch Schulbesuch.

Früher gingen Kinder mit besonderem Förderbedarf auf eine Sonderschule mit kleinen Gruppen und Sonderpädagogen, die ihre Profession ausübten. – Heute gehen (in SH) alle Kinder mit besonderem Förderbedarf – bis auf krasse GE-Fälle – zur Regelschule mit großen Klassen und homöopathisch anwesenden Sonderpädagogen, die gelegentlich mal nen Tipp haben, ansonsten aber auch viel Zeit auf der Landstraße und im Lehrerzimmer verbringen.

Früher gab es (in vielen Ländern) eine verbindliche Grundschulempfehlung sowie vier funktionierende Schulformen nach Klasse 4, auf die die Kinder dann guten Gewissens gehen konnten. – Heute haben wir fast überall nur noch unverbindliche Empfehlungen sowie eine (noch) halbwegs funktionierende Schulform plus fifty shades of Resteschulen. Klar, dass dann viele ans GY gehen, die früher auf einer Realschule sehr glücklich geworden wären, nun aber über Stress, Notendruck und psychische Probleme klagen.

Früher hatten Lehrer effiziente und effektive Erziehungsmittel. – Heute haben wir … ein Gespräch. Und noch eins. Und dann nochmal. Dann eine Klassenkonferenz, gefolgt von Gesprächen und ganz wichtig: Dokumentation. Datum, Uhrzeit, Zeugen. Hat man über Wochen genug belastendes Material gesammelt, kann man es wagen, eine “schriftliche Missbilligung” auszusprechen, was verhaltensoriginelle Schüler meistens sehr beeindruckt.

Früher gab es Jahrgänge, die Sinn ergeben haben: Wer in Klasse 4 sitzt, hat den Stoff von Klasse 1-3 (zumindest grob) gemeistert. – Heute ist Sitzenbleiben “schulorganisatorisch” schwierig, sodass in Klasse 4 haufenweise Kinder sitzen, die keinen geraden Satz schreiben oder einen einfachen und kurzen Text sinnentnehmend lesen können. Zynische Bildungsforscher werfen dann gerne ein, dass homogene Lerngruppen doch sowieso nie existiert haben. Auch früher waren Kinder schon unterschiedlich. Ach nee. Warum man dann auf Teufel komm raus versuchen soll, die Unterschiede zu maximieren. hat leider noch keiner schlüssig erklärt. Die zynische Antwort der zynischen Bildungswissenschaftler ist dann: Sieh es doch einfach als Bereicherung, Yoga hilft.

Ich könnte noch viele weitere Beispiele dafür anführen, dass es gerade die Veränderungen der letzten 30 Jahre waren, die Schule so sch… gemacht haben, wie sie heute ist.

Lera
5 Stunden zuvor
Antwortet  Redaktion

Joah, ist verkürzt, aber weitgehend korrekt.

Aussondern, aussortieren und rausschmeißen hatten wir aber drei mal, da muss ich zwei abziehen.

Korrigierte Version:

Förderschule für Förderschüler
Vorschule für nicht schulreife Kinder
Klassenwiederholung, wenn Klassenziel nicht erreicht

Alese20
5 Stunden zuvor
Antwortet  Redaktion

Ich kann Leras Sichtweise schon verstehen. Unser System lebt von möglichst homogenen Klassen/Schulen. Das ist kein Nice-to- habe, sondern ein Must-have. Der Gleichschritt kann nur dann gut funktionieren. Alles, was sich in den letzten Jahren geändert hat, bringt das System an den Rand des Machbaren. Man hätte nicht nur auf Heterogenität setzen dürfen, ohne das ganze System vorher umzukrempeln oder mit Personal auszustatten, um Individualisierung innerhalb dieses Systems überhaupt ermöglichen zu können. Das jetzt ist ein einziges Drama für alle Beteiligten: LuL, SuS inklusive I-SuS und Eltern. Viele leiden, werden krank, brechen ab, geben auf.
Die Einzigen, die profitieren sind die Kassen – ist jetzt bestimmt billiger als vorher.

Es muss sich also dringend was ändern: entweder zurück zur Homogenität oder zur vollkommenden Individualisierung -gerne auch beides parall in unterschiedlichen Schulkonzepten. So darf es auf jeden Fall nicht weitergehen!

GriasDi
5 Stunden zuvor

Autofreien auch noch so aus wie vor 100 Jahren. 4 Räder, Karosserie, …

GriasDi
5 Stunden zuvor

“Autos sehen” sollte das zu Beginn heißen