RAVENSBURG. Geht nicht, gibt’s nicht – so beschreiben die Kolleginnen und Kollegen von Roswitha Malewski die Haltung ihrer Schulleiterin. Die Rektorin der Grundschule Kuppelnau, Baden-Württemberg, wurde vergangenes Jahr mit dem Deutschen Lehrkräftepreis ausgezeichnet – auf Empfehlung ihres Teams. In der Kategorie „Vorbildliche Schulleitung“ belegte sie den zweiten Platz. Im Gespräch mit News4teachers erklärt sie, warum Schulleitung und -entwicklung Teamaufgaben sind und wieso das Bildungssystem ein großangelegtes Update braucht.

News4teachers: Frau Malewski, Sie sind offiziell eine „vorbildliche Schulleitung“: Was heißt das denn für Sie, Schulleiterin zu sein?
Roswitha Malewski: Puh, erst mal bedeutet Schulleiterin zu sein eine sehr große Umstellung. Darauf bereitet einen das Lehramtsstudium nicht vor, und eine Ausbildung zur Schulleitung gibt es ja auch nicht. Wenn man dann Schulleitung ist, bekommt man zwar Unterstützung in Form von verschiedenen Modulen, aber das meiste lernt man, indem man es einfach macht.
Schulleiterin zu sein, macht mein Leben sehr abwechslungsreich und vielfältig – es ist einfach großartig.
News4teachers: Insgesamt sind Sie nun schon seit zehn Jahren als Schulleiterin tätig. Was gab damals den Ausschlag für den Wechsel?
Malewski: Tatsächlich bin ich zuerst vom Lehrerinnendasein in die Fortbildung gewechselt. Damals gab es in Baden-Württemberg den großen Aufbruch rund um die Gemeinschaftsschulen und den Schulstrukturveränderungen. Da wollte ich gern dabei sein und habe Schulen beraten. So habe ich unheimlich viele Schulen kennengelernt und gesehen, was gut läuft. Immer mal wieder habe ich gedacht: „Ach, das könnte ich auch“ oder „Das würde ich als Schulleiterin so und so machen“.
Als dann die damalige Schulleitung meiner jetzigen Schule in den Ruhestand gegangen ist, dachte ich: Das ist der Moment, noch mal etwas anderes zu machen – und irgendwie hat das geklappt.
News4teachers: In der Nominierung für den Deutschen Lehrkräftepreis, die Ihr Kollegium verfasst hat, wird deutlich, wie viel Wert Sie als Schulleiterin auf Partizipation legen. Eltern, Schüler:innen, Lehrkräfte – alle können sich beteiligen, etwa über Arbeitsgemeinschaften, Fördervereine oder Beiräte. Warum ist Ihnen das so wichtig?
Malewski: Eine Schule kann man niemals allein leiten, das ergibt überhaupt keinen Sinn. Schule ist wie ein sehr träger Tanker, eine einmal eingeschlagene Richtung lässt sich nicht so schnell verändern. Deshalb ist es sinnvoll, die Menschen mitzunehmen. Je mehr Menschen Teil des Prozesses sind, desto eher kann man gemeinsam etwas bewegen. Das gilt auch für die Kinder: Die haben oft so viele gute Ideen und setzen die unglaublich gut um. Die erreichen bei der Stadt manchmal viel mehr als ich.
„Man müsste das viel größer denken“
News4teachers: Die Partizipationsmöglichkeiten erstrecken sich bei Ihnen an der Schule auch auf den Bereich der Schulentwicklung. Warum muss sich Schule weiterentwickeln?
Malewski: In vielen Punkten ist Schule noch so, wie man sie sich um die Jahrhundertwende vorgestellt hat – und zwar die vor 120 Jahren, nicht die vor 20. Aber Kinder haben sich verändert, die Gesellschaft hat sich verändert, Eltern haben sich verändert, also muss Schule sich ebenfalls verändern.
Die PISA-Ergebnisse sind schlecht, die Vera-Ergebnisse sind schlecht. Und trotzdem doktern wir immer nur im Klein-Klein herum: hier noch eine Förderstunde, dort noch zusätzlicher Matheunterricht. Ich glaube, man müsste das viel größer denken. Man müsste von den Besten lernen – und nicht nur ins Ausland fahren, sich das anschauen und dann sagen: „Ja, interessant, aber wir lassen lieber alles so, wie es ist.“
Kultuspolitik ist natürlich schwierig, weil Bildung Ländersache ist und deshalb alles sechzehnmal unterschiedlich geregelt wird. In meinen Augen ergibt das aber überhaupt keinen Sinn.
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Die Bewerbungsphase für den „Deutschen Lehrkräftepreis – Unterricht innovativ“ 2026 läuft. Machen Sie mit! Empfehlen Sie (als ehemaliger Schüler bzw. ehemalige Schülerin) Ihre frühere Lehrkraft! Würdigen Sie (als Kollegium) Ihre tolle Schulleitung! Oder bewerben Sie sich als Lehrkräfte-Team mit Ihrem innovativen Unterrichtskonzept! Einsendeschluss ist der 30. Juni 2026.

Gesucht werden engagierte Lehrkräfte, Lehrkräfte-Teams und vorbildliche Schulleitungen aller deutschen Schulformen (auch im Ausland). Ein besonderer Fokus liegt in diesem Jahr auch auf den Grundschulen. Schülerinnen und Schüler der Abschlussjahrgänge 2025/2026, Lehrkräfte-Teams und Kollegien können ihre Vorschläge bzw. Bewerbungen unter www.lehrkraeftepreis.de bis zum 30.6.2026 einreichen.
Über die Auswahl der Preisträgerinnen und Preisträger des „Deutschen Lehrkräftepreises – Unterricht innovativ“ entscheidet nach einer intensiven Gutachterphase eine hochkarätig besetzte Jury. Die Träger des Wettbewerbs, der Deutsche Philologenverband und die Heraeus Bildungsstiftung, wollen mit der Auszeichnung die Leistungen von Lehrkräften und Schulleitungen würdigen und in den Fokus der öffentlichen Wahrnehmung rücken. Schirmherrin ist Bundesbildungsministerin Karin Prien.
News4teachers: Wenn Sie die Möglichkeit hätten, das Bildungssystem zu verändern – wo würden Sie als Erstes ansetzen?
Malewski: Ich würde erst mal die Vielfalt der vielen verschiedenen Schularten reduzieren und die Kinder länger gemeinsam lernen lassen, bis zur 8. oder 9. Klasse. Danach könnten sie selbst entscheiden, wie es weitergeht. Außerdem würde ich viel stärker die Bereiche in den Mittelpunkt stellen, die immer gekürzt werden: Sport, Kunst, Theater – all das, was Kinder brauchen.
Natürlich sind Lesen, Schreiben und Rechnen elementar wichtig. Aber es bringt nichts, immer nur mehr vom Gleichen zu machen. Ein Kind lernt doch auch, sich auszudrücken, zu lesen und zu schreiben, wenn es beispielsweise Theater spielt, Briefe verfasst oder mit alten Menschen in Kontakt kommt. Ich glaube einfach, wir müssten viel größer denken.
Theater als reguläres Unterrichtsfach
News4teachers: Gerade diesen kulturellen Bereich haben Sie an Ihrer Schule stark ausgebaut, durch das Theaterprofil. Wie hat sich Schule dadurch verändert?
Malewski: Ein Theaterprojekt gab es an der Schule tatsächlich schon, als ich vor zehn Jahren Schulleiterin geworden bin. Um die Ecke steht ein kleines städtisches Theater, dessen Theaterpädagoginnen schon damals ein Projekt mit unseren Zweitklässlern organisierten. Sechs Wochen lang arbeiteten sie mit den Kindern an einer eigenen Aufführung, die zum Abschluss im Theater präsentiert wurde. Das war natürlich großartig – die Eltern kamen ins Theater und sahen ihre Kinder auf der Bühne.
Dann hatten wir das Glück, eine Kollegin zu bekommen, die Theaterpädagogin ist und selbst am Theater arbeitet. Gemeinsam haben wir das Theaterprofil aufgebaut. Jetzt wird schon in Klasse 1 Theater gespielt, in Klasse 2 folgt das erwähnte Projekt mit dem Theater Ravensburg und in Klasse 3 und 4 haben die Kinder jede Woche zwei Stunden Theaterunterricht fest im Stundenplan verankert. Das ist keine freiwillige AG, sondern regulärer Unterricht.
Theater heißt daher bei uns nicht: Kostüme anziehen und Dornröschen spielen. Die Kinder entwickeln eigene Stücke, machen Improtheater, bespielen das ganze Schulhaus, erstellen Podcasts – das ist unglaublich vielfältig. Und das macht so viel mit den Kindern. Weiterführende Schulen sagen uns oft, dass unsere Kinder sich unglaublich gut ausdrücken und präsentieren können und selbstbewusst auftreten.
News4teachers: Inwiefern passt dieser Schwerpunkt zu Ihrer Forderung, dass Schule sich verändern muss? Also: Was muss Schule Kindern heute bieten, um sie gut auf das Leben vorzubereiten?
Malewski: Ich glaube ehrlich gesagt gar nicht, dass wir Kinder auf das konkrete Leben vorbereiten können, das sie erwartet, weil sich alles so schnell verändert – Stichwort KI. Von daher ist es sinnvoller, Kinder so zu stärken, dass sie selbstbewusst sind, Dinge hinterfragen können, wissen, wo sie etwas nachschauen und wem sie vertrauen können – gerade im Netz. Hinzu kommt, dass sie lernen sollten, wie sie Beziehungen aufbauen, im Team arbeiten und ihr Wissen flexibel auf Probleme anwenden können. Wir brauchen einen umfassenderen Bildungsbegriff, der sich nicht darauf beschränkt, dass Kinder Lesen, Schreiben und Rechnen können. Die Kinder müssen später in einer Welt zurechtkommen, die so komplex sein wird, dass wir sie uns heute kaum vorstellen können.
„Wir brauchen einen umfassenderen Bildungsbegriff“
News4teachers: Sie selbst versuchen ja schon, Schule entsprechend zu verändern. Wie groß sind die Einflussmöglichkeiten einer Schulleitung?
Malewski: Nach zehn Jahren als Schulleiterin muss ich leider feststellen, dass die eher gering sind – zumindest, wenn es um grundsätzliche Fragestellungen geht. Was ich aber in meiner Position sehr stark beeinflussen kann, ist die Atmosphäre an der Schule. Wenn ich als Schulleiterin die Kinder mag, die Eltern und Kolleginnen mag und einfach gerne hierherkomme, dann macht das etwas mit der Schule. Heute Morgen kam eine Schülerin und hat mich gleich umarmt, als ich mit dem Fahrrad auf den Schulhof gefahren bin. Früher hätte doch niemand seine Schulleiterin umarmt. Niemals.
Für die Kinder ist diese vertrauensvolle Atmosphäre aber selbstverständlich. Genauso selbstverständlich kommen sie zu mir ins Büro, wenn sie ein Pflaster oder ein Kühlpack brauchen. Ich laufe mit Kindern auch nach Hause, wenn sie nicht abgeholt werden, oder hole sie morgens ab, wenn sie niemand bringt. An diesen Punkten kann ich aktiv ansetzen.
Was ich nicht verändern kann, ist die Kultuspolitik. Da bleibt einem nur, selbst politisch oder gewerkschaftlich aktiv zu sein. Aber das ist zäh; es geht immer wieder vor und zurück.
Wir als Schule beteiligen uns zum Beispiel am Schulversuch „Lernförderliche Leistungsrückmeldung“. Das heißt, wir haben uns entschieden, auf Noten zu verzichten und stattdessen Rückmeldungen zu den Kompetenzen der Kinder zu geben. Durch die Einführung der teilweise verbindlichen Grundschulempfehlung und den damit verbundenen Tests liegt der Fokus aber wieder stärker auf Noten. Das bestätigt wiederum die Eltern, die ohnehin lieber Noten hätten, weil sie die für aussagekräftiger halten als eine Rückmeldung darüber, was ein Kind konkret kann.
News4teachers: Das konterkariert den Schulversuch natürlich.
Malewski: Ja, genau. Solche Veränderungen sind unglaublich zäh, besonders, wenn ein Ministerium nicht mutig genug ist zu sagen: „Wir führen das landesweit ein“, sodass einzelne Schulen nicht allein auf verlorenem Posten mit den Eltern diskutieren müssen.
Und wenn Eltern unbedingt eine bestimmte Schule für ihr Kind wollen, dann wird plötzlich um jede Zehntelnote gekämpft. Dabei kennen die Lehrerinnen und Lehrer die Kinder doch eigentlich sehr gut und können sie einschätzen. Aber solange diese Drei-, Vier- oder Fünfgliedrigkeit im Schulsystem existiert und die weiterführenden Schulen unterschiedlich bewertet werden, bleibt dieser Druck bestehen. Ein Gymnasium gilt immer noch als „besser“ als eine Realschule oder Gemeinschaftsschule. Das macht alles unglaublich schwierig.
„Es ist unbeschreiblich wertschätzend“
News4teachers: Trotzdem versuchen Sie, Schule zu verändern – ein Aspekt, den auch Ihr Kollegium sehr schätzt. In der Nominierung zum Deutschen Lehrkräftepreis beschreibt Ihr Team Sie etwa als „Ermöglicherin“ mit der Grundhaltung „geht nicht, gibt’s nicht“. Was bedeutet Ihnen diese Rückmeldung und die damit verbundene Auszeichnung?
Malewski: Das rührt mich einfach sehr. Es ist unbeschreiblich wertschätzend. Ich bin überzeugt, dass ganz viele Schulleitungen diesen Preis verdient hätten. Ich bin ja nicht toller als andere. Aber dass sich meine Kolleginnen und Kollegen hingesetzt und sich die Zeit genommen haben, diese Bewerbung zu schreiben – das ist einfach großartig. Das ist wie eine warme Dusche, die gar nicht aufhört. Anna Hückelheim, Agentur für Bildungsjournalismus, führte das Interview.








