Start Politik Bildungsmonitor: Sachsen bleibt Spitze – doch Lehrerverbände warnen vor trügerischem Erfolg

Bildungsmonitor: Sachsen bleibt Spitze – doch Lehrerverbände warnen vor trügerischem Erfolg

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LEIDRESDEN. Sachsen steht im Bildungsmonitor 2026 erneut auf Platz eins – doch bei GEW und Sächsischem Lehrerverband (SLV) löst das Ergebnis wenig Begeisterung aus. Beide warnen davor, aus dem Spitzenplatz auf ein stabiles Bildungssystem zu schließen. Tatsächlich hat der Freistaat binnen eines Jahres 2,5 Punkte verloren. Und ausgerechnet bei den Betreuungsbedingungen in den Kitas gehört der Spitzenreiter zu den Schlusslichtern.

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Zum 21. Mal in Folge führt Sachsen nach Angaben des SLV den Vergleich der 16 Bundesländer an. Mit 62,9 Punkten liegt der Freistaat deutlich über dem Bundesdurchschnitt von 46,2 Punkten. Besonders gut schneidet er bei Schulqualität, Förderinfrastruktur, Bildungsarmut und Forschungsorientierung ab. „Diese Zahlen sind kein Zufall, sie sind das Ergebnis der Arbeit unserer engagierten Lehr- und Fachkräfte“, sagt der SLV-Landesvorsitzende Michael Jung.

Zugleich warnt er: „Aber wer genau hinschaut, sieht auch die Rissbildung: Sachsen ist zwar weiterhin Erster, hat im Vergleich zum Vorjahr aber spürbar an Punkten verloren, während andere Länder aufgeholt haben. Eine Spitzenposition, die trotz sinkender Werte gehalten wird, ist kein Grund für ein ‚Weiter so!‘. Unser Spitzenplatz wackelt von innen, auch wenn er von außen noch stabil aussieht.“ Tatsächlich hatte Sachsen im vergangenen Jahr noch 65,4 Punkte erreicht, gegenüber 2013 beträgt das Minus 4,3 Punkte.

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Grundsätzlicher fällt die Kritik der GEW Sachsen aus. Der Bildungsmonitor erfasse vor allem bildungsökonomische Kennzahlen und lasse wesentliche Bedingungen pädagogischer Arbeit außer Acht, argumentiert die Gewerkschaft. Die Untersuchung wird vom Institut der deutschen Wirtschaft (IW) im Auftrag der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft (INSM) erstellt, die von Arbeitgeberverbänden der Metall- und Elektroindustrie finanziert wird. Ihre 98 Indikatoren aus 13 Handlungsfeldern betrachten Bildung ausdrücklich auch unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten, etwa mit Blick auf Fachkräftesicherung und Wachstum.

„Der Bildungsmonitor misst, was Bildung für die Wirtschaft leistet – aber nicht, unter welchen Bedingungen Bildung stattfindet“, kritisiert der sächsische GEW-Vorsitzende Burkhard Naumann. „Dass Sachsen wieder auf einem Spitzenplatz landet, passt immer weniger zur Realität an unseren Kitas und Schulen. Dort erleben Beschäftigte täglich Personalmangel, massive Abordnungen, steigende Belastung und fehlende Unterstützung für Kinder mit besonderem Förderbedarf. Ein Ranking kann diese Realität nicht wegmessen.“

Tatsächlich weist der Monitor neben Sachsens Spitzenwerten erhebliche Schwächen aus. Besonders augenfällig ist der Gegensatz bei den Kitas: 85,9 Prozent der Drei- bis Sechsjährigen wurden 2025 ganztägig betreut. Auch beim Personal erreicht Sachsen gute Werte: 13,7 Prozent der Beschäftigten verfügen über einen Hochschulabschluss, nur 1,1 Prozent gelten als ungelernt. Rechnerisch kommen allerdings 8,6 Kinder auf eine pädagogische Kraft – die ungünstigste Betreuungsrelation aller Bundesländer. Auch die Schüler-Lehrer-Relationen fallen in mehreren Schularten ungünstig aus.

„Statt Unterstützung abzubauen und den Personalmangel durch Abordnungen zu verteilen, muss Sachsen gezielt dort investieren, wo der Bedarf am größten ist“

Der SLV fordert deshalb, den Geburtenrückgang zur Verbesserung der Personalsituation zu nutzen. „Die Betreuungsrelation in den Kitas ist stark verbesserungswürdig, deshalb darf frei werdendes Personal durch den Geburtenrückgang nicht abgebaut, sondern muss für einen besseren Schlüssel genutzt werden“, sagt Jung. Aus dem vergleichsweise hohen Anteil später eingeschulter Kinder leitet der Verband zudem seine Forderung nach dem im Koalitionsvertrag angekündigten verpflichtenden und kostenlosen Vorschuljahr ab.

Auch bei den Schulen ist das Bild nicht widerspruchsfrei. Sachsen erreicht bei der Schulqualität Rang eins; Neuntklässlerinnen und Neuntklässler erzielten 2024 bundesweit die höchsten durchschnittlichen Kompetenzen in Mathematik und Naturwissenschaften. Allerdings sind die Kompetenzwerte gegenüber der vorherigen Erhebung auch im Freistaat gesunken.

Die GEW verweist zudem darauf, dass auch in Sachsen ein erheblicher Teil der Jugendlichen die Mindestanforderungen nicht erreicht. Im IQB-Bildungstrend verfehlt nach ihren Angaben etwa jeder fünfte Neuntklässler den Mindeststandard in Mathematik. „Wenn eine Studie Sachsen zum Bildungsprimus erklärt und gleichzeitig bei den Betreuungsbedingungen nahezu zum Schlusslicht macht, sollte das zu denken geben“, sagt Naumann. „Gute Bildung hängt nicht allein von Testwerten ab. Auch an den Schulen sind gute Ergebnisse früherer Vergleichstests kein Freifahrtschein für die Zukunft.“

Der SLV sieht vor allem die angespannte Personalsituation als Risiko für die bislang guten Ergebnisse. Jung kritisiert die Abordnung von Grundschullehrkräften an Ober- und Förderschulen: „Wenn Grundschullehrkräfte in großer Zahl an Ober- und Förderschulen abgeordnet werden, um dort Lücken zu stopfen, fehlen sie an ihrer eigentlichen Schule genau bei der Vermittlung von Lese- und Mathekompetenzen.“ Zudem warnt er vor sinkenden Mitteln für Ganztagsangebote im Doppelhaushalt 2027/2028.

Auch die GEW richtet ihre Forderungen auf die anstehenden Haushaltsentscheidungen. „Die Bildungsprobleme in Deutschland sind längst sichtbar. Sachsen ist da nur der Einäugige unter den Blinden“, sagt Naumann. „Jetzt braucht es keine weiteren Rankings, sondern politische Konsequenzen. Der Doppelhaushalt 2027/28 bietet dafür die entscheidende Gelegenheit. Statt Unterstützung abzubauen und den Personalmangel durch Abordnungen zu verteilen, muss Sachsen gezielt dort investieren, wo der Bedarf am größten ist.“ News4teachers

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21 Kommentare
Rainer Zufall
29 Tage zuvor

Hm, schwierig…
Normalerweise begrüße ich den Willen, dazulernen und sich verbessern zu wollen,
aber was, wenn die Vorschläge von der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft kommen…? :/

ed840
28 Tage zuvor

„Im IQB-Bildungstrend verfehlt nach ihren Angaben etwa jeder fünfte Neuntklässler den Mindeststandard in Mathematik. „

Bei den Kommentaren zur PISA-Studie wurden Länder mit solchen Werten als Vorbild bezeichnet.

Rainer Zufall
27 Tage zuvor
Antwortet  ed840

Seltsam, wenn Sie verstanden haben, dass DIESE Zahl als Vorbild herangezogen worden sein sollte…
Auf welche Länder beziehen Sie sich konkret?
Eventuell kann man Ihnen erklären, was eigentlich als vorbildlich bezeichnet wurde

Hansjoachim
27 Tage zuvor

Der ganze Bildungsmonitor ist fragwürdig. Mit „Bildung“ im engeren Sinne hat das wenig zu tun, es geht mehr um ökonomische Randbedingungen. Von der Webseite von INSM:
„Der Bildungsmonitor zeigt, inwieweit das Bildungssystem eines Bundeslandes zum Wachstum und Wohlstand der Wirtschaft beiträgt.“
https://www.insm.de/bildungsmonitor-2026

ed840
27 Tage zuvor
Antwortet  Hansjoachim

Kriterien wie Schulqualität, Bildungsarmut oder Ausgabenpriorisierung haben m.M. schon im engeren Sinne mit Bildung zu tun.

Fräulein Rottenmeier
26 Tage zuvor
Antwortet  Hansjoachim

Haben Sie jetzt ernsthaft geglaubt, dass Bildung keinen Wirtschaftsinteressen folgt? Wozu bilden wir Kinder aus? Doch wohl, um qualifizierte Arbeitnehmer oder -geber aus ihnen zu machen…..

dickebank
25 Tage zuvor

INSM – sach ich da nur!

ed840
23 Tage zuvor
Antwortet  dickebank

Die werten auch nur Zahlen und Daten der Statistiken aus.

Bei Schulqualität z.B. die IQB-Ergebnisse 2022 Lesen und 2024 Mathe und NAT ,
bei Bildungsarmut u.a. die Quoten Schulabänger ohne mind. ESA oder Erfolgsquote im BVJ etc.,
bei Ausgabenpriorisierung z.B. die Bildungsausgaben für allgemeinbildende Schulen in Relation zu den Gesamtausgaben im BL usw. usw.

Ist m.M. nichts daran auszusetzen, dass die Wirtschaft daran interessiert ist, dass potenzielle Arbeitskräfte Kompetenzen in Lesen, Schreiben, Rechnen etc. aufweisen sollten.

Lera
27 Tage zuvor

Quasi ALLE Industrieländer haben bei PISA 2025 Punkte verloren. Ausnahmen in Europa: Slowakei, Türkei, UK. Recht kurze Liste.

ed840
27 Tage zuvor
Antwortet  Lera

Zu den Ergebnissen in England gibt es u.a. einen interessanten Artikel von Prof. Frijters
https://liberamentis.substack.com/p/episode-102-the-2025-pisa-results

Rainer Zufall
27 Tage zuvor
Antwortet  ed840

Mit dem ausgeglichenen Titel „Lies, damn lies, and English education statistics.“
Sehr fein, wenn Ihre Quellen stimmen 😉

Doch würden Sie selbst diesem Artikel nicht widersprechen? Ungeachtet der allgemeinen PISA-Kritik scheint Prof. Frijters doch ausgesprochen in Personen Probleme zu sehen, welche die Zahlen so auslesen, um bei sich nichts ändern zu müssen…
„Where is the cost to such data massaging? English students of course, since data ‘has shown’ that things are fine and do not need improvement but are going in the right direction. In stead of changing the system to deal with an exposed problem, the system will now build on its magnificent success, locking in bad policies even more.“

Aber warum stimmen Sie ihm dann bloß zu?
„A supposed flood of poorly educated young migrants (which you see in the England PISA 2025 results where the first generation migrants are doing worse than others). A supposed feminisation of teachers, and an invasion of both woke ideology and boy-bashing rules designed to eliminate the last vestiges of masculinity in the classroom. You thus see increased rates of medicine use, special needs students, transgenders, obesity, and English as second language.“
Hm…

Hansjoachim
23 Tage zuvor
Antwortet  ed840

Wo ist denn meine Antwort zu den schwachen Ergebnissen von Wales und Schottland (die dasselbe Schulsystem wie England haben) ? Bei PISA steht sonst immer nur was zum UK insgesamt.

ed840
21 Tage zuvor
Antwortet  Hansjoachim

In der englischen Stichprobe sind laut Prof. Fritjers SuS mit special-educational-needs (SEN) oder education-health-care-plan (EHC) stärker unterrepräsentiert als in Schottland und Wales.
Die Gruppen, die in UK bei den nationalen Bildungstests mit Abstand am besten abschneiden, sind in Wales und Schottland weniger stark vertreten.
In England gibt es auch signifikante Unterschiede zwischen den Regionen.
Die Durchschnittsergebnisse in der Metropolregion London sind z.B. erheblich besser als in den ländlich geprägeten Regionen Englands.

Schotti
27 Tage zuvor
Antwortet  Lera

Die Türkei liegt in Asien.

ed840
27 Tage zuvor
Antwortet  Schotti

Da wird ein größerer Teil der Einwohner Istanbuls vermutlich anderer Meinung sein.

Schotti
25 Tage zuvor
Antwortet  ed840

Es geht nicht um Meinungen, sondern um Tatsachen.

ed840
24 Tage zuvor
Antwortet  Schotti

Die Tatsachen kann man auf einer Landkarte leicht überprüfen.

Lera
24 Tage zuvor
Antwortet  Schotti

Tatsache ist, dass die Ostgrenzen des europäischen Kontinents nicht durch Tatsachen, sondern durch Tradition und Konvention definiert werden.

Von Tatsachen abzuweichen, empfiehlt sich nicht – von Traditionen und Konventionen hingegen unter Umständen schon. Angesichts der vielfältigen kulturellen Verbindungen mit „kern“-europäischen Ländern und der weit verbreiteten europäischen Identität der Bewohner halte ich es für sinnvoll, die Türkei als europäisches Land zu bezeichnen. Und da bin ich wohl auch nicht der Erste.

Joachim Schwarz
25 Tage zuvor

Gibt es eigentlich eine Statistik, bei der zwischen Migrationshintergründen unterschieden wird? Gerne auch kritisch reflektierend, ob soziale Benachteiligung wirklich ein Faktor sein kann, wenn man schon drei Generationen im Land ist.

ed840
25 Tage zuvor
Antwortet  Joachim Schwarz

Bei IQB-2024 waren auch die Ergebnisse der SuS mit Migrationshintergrund 1. Gen und 2. Gen aus Sachsen bundesweit am höchsten.

Nach Herkunftsländern / ethnischen Gruppen wie z.B. in UK üblich, wird bei IQB nicht ausgewertet.

Xxx
20 Tage zuvor
Antwortet  ed840

Aus gutem Grund nicht. Die Ergebnisse wären unangenehm.