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Frankreichs Schülerproteste weiten sich aus – jetzt rufen auch die Lehrer-Gewerkschaften zum Streik auf

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PARIS. Aus der Solidarität französischer Lehrkräfte mit den protestierenden Schülerinnen und Schülern wird eine gemeinsame Mobilisierung. Nach mehr als einer Woche mit Schulblockaden, Demonstrationen und teils schweren Ausschreitungen rufen große Bildungsgewerkschaften für Dienstag zum Streik auf – gemeinsam mit den Jugendlichen, die ihre Proteste fortsetzen wollen. Gespräche mit Bildungsminister Édouard Geffray haben den Konflikt bislang nicht beigelegt. Zwar kündigte der Minister unter anderem schnellere Vertretungen für fehlende Lehrkräfte und einen Dialog über die Arbeitsbedingungen an den Schulen an. Schülervertretungen und Gewerkschaften verlangen jedoch konkrete und finanziell unterlegte Zusagen.

Noch vor wenigen Tagen hatte sich Frankreichs größte Gewerkschaft der Sekundarschullehrkräfte, der SNES-FSU, hinter die schulpolitischen Forderungen der Jugendlichen gestellt. Nun folgt der nächste Schritt: Gemeinsam mit dem SNUEP-FSU und dem SNEP-FSU ruft sie die Beschäftigten im Bildungswesen dazu auf, sich am Dienstag, 6. Oktober, an die Seite der Schülerinnen und Schüler zu stellen – ausdrücklich auch mit Streiks.

Die Gewerkschaften verlangen mehr Personal und finanzielle Mittel, kleinere Klassen und bessere Lernbedingungen. Die Forderungen der Jugendlichen deckten sich mit Problemen, gegen die Beschäftigte im Bildungswesen selbst seit Jahren protestierten, erklären die Verbände. Der SNES-FSU spricht von einem öffentlichen Bildungswesen, das personell und finanziell bis an die Grenze ausgedünnt sei.

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Der Aufruf reicht mittlerweile weit über die FSU-Gewerkschaften hinaus. In einer gemeinsamen Erklärung unterstützen FSU, UNSA Éducation, FNEC FP-FO, CFDT Éducation Formation et Recherche Publiques, CGT Éduc’action und SUD Éducation die Forderungen der Jugendlichen. Sechs der sieben repräsentativen Gewerkschaften des öffentlichen Bildungswesens wollen sich nach Angaben von Le Monde an der Mobilisierung am Dienstag beteiligen; auch der große Elternverband FCPE unterstützt sie.

„Ihre Forderungen sind berechtigt“, heißt es in der gemeinsamen Gewerkschaftserklärung. Die Schülerinnen und Schüler protestierten gegen den Zustand der Gebäude, Ungleichheiten im Bildungssystem, die Auswahl beim Hochschulzugang, nicht ersetzte Lehrkräfte und kaum tragbare Stundenpläne. Diese Forderungen stünden im Zentrum der eigenen Proteste gegen den Personalmangel und die unzureichende Ausstattung der Schulen. Für den 6. Oktober rufen die Gewerkschaften die Beschäftigten deshalb dazu auf, die verschiedenen Möglichkeiten der Mobilisierung zu nutzen – „einschließlich des Streiks“.

Damit erreicht die Bewegung eine neue Stufe. Was mit Protesten gegen konkrete Missstände an einzelnen Lycées begann, hat sich nicht nur geografisch ausgeweitet. Schülerprotest und gewerkschaftlicher Arbeitskampf beginnen sich miteinander zu verbinden.

Am Donnerstag wurden nach Angaben des französischen Innenministeriums Aktionen an 1.027 Schulen registriert, 222 Lycées waren blockiert. Einen Tag später zählte das Bildungsministerium noch 735 von Aktionen oder Störungen betroffene Einrichtungen sowie knapp 100 Collèges. Rund 400 Schulen blieben geschlossen. Le Monde zählt die Bewegung inzwischen zu den bedeutendsten Schülerprotesten in Frankreich seit drei Jahrzehnten.

„An manchen Orten geht es um etwas anderes als um die Mobilisierung der Schülerinnen und Schüler. Das beginnt völlig zu entgleisen“

Die Dimension der Proteste zeigt sich allerdings auch an den Ausschreitungen. Allein am Donnerstag wurden nach Angaben des Innenministeriums rund 1.950 Menschen festgenommen. Am Freitag kamen weitere 1.747 Festnahmen hinzu. Seit Montag summierte sich ihre Zahl laut Innenminister Laurent Nuñez damit auf mehr als 5.000. Die Gewaltbilanz fällt ebenfalls erheblich aus. Bildungsminister Geffray erklärte am Donnerstag, seit Beginn der Proteste seien 65 Beschäftigte des Bildungswesens und 170 Schülerinnen und Schüler verletzt worden. Das Innenministerium meldete zudem allein für Donnerstag 305 verletzte Polizisten und Gendarmen.

Geffray hatte bereits am Donnerstag erklärt, die Schülerbewegung werde von „ultragewalttätigen Gruppen als Geisel genommen“. Auch Sophie Vénétitay, Generalsekretärin des SNES-FSU und bislang eine der deutlichsten Unterstützerinnen der schulpolitischen Anliegen der Jugendlichen, beschrieb die Entwicklung mit Sorge. „An manchen Orten geht es um etwas anderes als um die Mobilisierung der Schülerinnen und Schüler“, sagte sie „Le Monde“. „Das beginnt völlig zu entgleisen.“ Zugleich plädiert Vénétitay weiterhin dafür, die Gewalt einzudämmen, ohne darüber die ursprünglichen Forderungen der Jugendlichen aus dem Blick zu verlieren.

Die Regierung reagiert inzwischen nicht mehr ausschließlich mit Sicherheitsmaßnahmen. Am Freitag empfing Geffray Vertreter der Schülerinnen und Schüler, Eltern sowie sämtliche repräsentativen Gewerkschaften des Bildungswesens. Danach räumte der Minister selbst Defizite beim Umgang mit den Jugendlichen ein. Schülerinnen und Schüler würden „häufig konsultiert, aber nicht häufig gehört“, erklärte er.

Geffray kündigte drei Arbeitsfelder an. Erstens soll die schulische Mitbestimmung gestärkt werden. Schülerinnen und Schüler sollen besser in lokale und nationale Gremien eingebunden werden; zusätzlich will das Ministerium sie nach ihren Schwierigkeiten und Erwartungen befragen. Zweitens will Geffray bereits in der kommenden Woche mit den Leitungen der Schulbehörden einen Aktionsplan entwickeln, um die Vertretung fehlender Lehrkräfte „spürbar zu beschleunigen“. Vorrang sollen insbesondere Abschlussklassen erhalten.

Drittens will der Minister die Organisation der Schulzeit grundsätzlich überprüfen. Zu den Forderungen der protestierenden Jugendlichen gehören weniger belastende Stundenpläne; Schultage können sich an französischen Lycées von 8 bis 18 Uhr erstrecken. Je nach Jahrgang umfasst die reguläre Stundentafel etwa 26 bis 29 Pflichtunterrichtsstunden pro Woche, Wahlfächer können hinzukommen. Die Debatte darüber ist nicht neu: Eine Bürgerkonvention zu den „Zeiten des Kindes“ hatte unter anderem vorgeschlagen, den Unterricht an Lycées erst um 9 Uhr beginnen zu lassen sowie theoretischen Unterricht stärker auf den Vormittag und praktische Lernformen auf den Nachmittag zu konzentrieren. Die Vorschläge liegen seit rund elf Monaten vor. Geffray kündigte nun laut TF1 Info an, die Debatte über die sogenannten „rythmes scolaires“ wieder aufzunehmen.

Auch an anderer Stelle hat die Regierung bereits reagiert. Im am Donnerstag vorgestellten Haushaltsentwurf für 2027 waren neue Einschreibegebühren für nicht stipendienberechtigte Studierende vorgesehen: 178 Euro jährlich für BTS-Ausbildungen und 270 Euro für Vorbereitungsklassen an den Grandes Écoles. Noch am selben Abend kündigte Geffray auf France 2 an, die Regierung werde die Maßnahme wieder streichen.

Den Schülervertretungen reichen diese Schritte allerdings nicht. Nach dem Gespräch mit Geffray erklärten die Organisationen, dass ihnen gegenüber keine „konkreten Maßnahmen“ angekündigt worden seien. Die Union syndicale lycéenne (USL) rief deshalb dazu auf, die Mobilisierung und die Demonstrationen fortzusetzen und sich am Dienstag an der nächsten landesweiten Protestaktion zu beteiligen.

„Es bräuchte schnell Ankündigungen und finanzielle Zusagen“

Auch Lehrergewerkschafterin Sophie Vénétitay zeigt sich nach dem Gespräch mit dem Minister nicht überzeugt. Noch gebe es „zum jetzigen Zeitpunkt“ keine Garantien, die auf die Forderungen der Schülerinnen und Schüler eingingen, erklärte die SNES-FSU-Generalsekretärin gegenüber Franceinfo. Gegenüber Le Monde ging sie noch weiter. Nach zehn Jahren der Präsidentschaft Emmanuel Macrons sei das Versprechen des Dialogs „entwertet“, weil dieser bislang nichts gebracht habe, sagte sie. Die Jugendlichen erwarteten mehr als Gesprächsangebote: „Es bräuchte schnell Ankündigungen und finanzielle Zusagen.“

Die Folgen der Unruhen haben einen weiteren Streit ausgelöst. Für Schulen, die wegen Beschädigungen oder aus Sicherheitsgründen geschlossen bleiben, hat Minister Geffray Unterricht auf Distanz vorgesehen. Der SNES-FSU lehnt das ab. „Fernunterricht ist nicht Schule“, erklärt die Gewerkschaft. Es sei unrealistisch anzunehmen, dass Schülerinnen und Schüler dem Unterricht von zu Hause genauso folgen könnten wie im Klassenzimmer; manche verfügten außer einem Smartphone über keine geeignete technische Ausstattung.

Nach Angaben des SNES-FSU wurden Lehrkräfte von einzelnen Schulleitungen aufgefordert, ihren regulären Stundenplan per Videokonferenz abzuhalten oder detailliert nachzuweisen, wie sie während der Schulschließung den Kontakt zu ihren Klassen aufrechterhalten und die Schülerinnen und Schüler mit Aufgaben und Unterrichtsmaterial versorgen. In Frankreich wird das unter dem Begriff „continuité pédagogique“ – pädagogische Kontinuität – zusammengefasst. Der SNES-FSU wehrt sich dagegen, daraus eine Verpflichtung zu regulärem Online-Unterricht abzuleiten.

Die Gewerkschaft intervenierte deshalb beim Bildungsminister. Geffray habe daraufhin klargestellt, dass es nicht darum gehe, Lehrkräfte zu „überwachen“; vorrangig solle der Kontakt zu den Jugendlichen aufrechterhalten werden. Der SNES-FSU verweist zugleich darauf, dass Lehrkräfte nach seiner Rechtsauffassung nicht verpflichtet seien, ihren regulären Stundenplan aus der Distanz zu erteilen. News4teachers

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1 Kommentar
Karl Heinz
10 Minuten zuvor

nur gut, dass Medien und bürgerliche Politiker schon die Schuldigen gefunden haben:
Linkspopulisten…