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Schülerproteste: Die Jungen haben recht. Wir Älteren müssen unseren Teil beitragen, den Scherbenhaufen aufzuräumen – ein Kommentar

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DÜSSELDORF. Die Schülerproteste halten uns einen Spiegel vor: Eine junge Generation soll Krisen bewältigen, die sie nicht verursacht hat – und muss sich dafür auch noch mangelnde Leistungsbereitschaft vorwerfen lassen. Warum wir Älteren unsere Selbstgerechtigkeit ablegen und nach Wegen suchen müssen, die Jungen nach Kräften zu unterstützen. Ein Kommentar von Andrej Priboschek, Herausgeber von News4teachers.

News4teachers-Herausgeber Andrej Priboschek. Foto: Tina Umlauf

Vorneweg: Ich bin 61 Jahre alt. Wenn ich hier über die Verantwortung der Älteren schreibe, meine ich ausdrücklich auch mich selbst. Ich gehöre zu denen, die den größten Teil ihres Berufslebens hinter sich haben und jetzt darüber nachdenken können, wie sie die kommenden Jahre verbringen möchten. Die jungen Menschen, die gegen die Zustände in diesem Land protestieren, haben diese Wahl noch vor sich. Allerdings unter Bedingungen, die wir ihnen hinterlassen.

Infrastrukturkrise, Klimakrise, Bildungskrise, Demokratiekrise, Sicherheitskrise, Demografiekrise, Wirtschaftskrise: Das ist eine gewaltige Hypothek, die wir den Jungen hinterlassen. Wer viel Geld, Immobilien oder ein Unternehmen erbt, hat wenigstens ein privates Polster. Wem die Eltern nichts hinterlassen, bekommt trotzdem die ungelösten gesellschaftlichen Probleme serviert.

Die jungen Menschen haben recht, dagegen aufzubegehren. Das rechtfertigt weder Gewalt noch jede Forderung oder jede Äußerung aus dem Umfeld der Proteste. Aber ihr grundlegender Anspruch ist berechtigt: Sie dürfen von uns erwarten, dass wir ihnen eine Zukunft ermöglichen – und bei der Bewältigung der Probleme helfen, die ihre Zukunft gefährden. In unseren Leserforen wird darüber heftig gestritten. Einige der Einwände verdienen eine ausführliche Antwort. Denn sie zeigen, woran die Verständigung zwischen den Generationen scheitert.

„Wer zahlt denn im Moment für die Jüngeren, deren Bildung, deren Schultickets, deren Schwimmbadbesuch, deren Essen, deren Handys, …?“ — Canishine

Wir Erwachsenen tun das. So wie die Erwachsenen vor uns für uns gesorgt haben. Wir haben uns als Kinder weder selbst ernährt noch unsere Schulen selbst finanziert. Dass eine Gesellschaft ihren Nachwuchs versorgt und ausbildet, gehört zu ihren elementaren Aufgaben. Daraus entsteht kein Anspruch auf politische Dankbarkeit oder gar auf Schweigen.

Hier wird der Generationenvertrag auf eine merkwürdige Weise verkürzt: Die Jungen sollen anerkennen, was sie heute bekommen. Was wir später von ihnen erwarten, bleibt außerhalb der Rechnung. Dabei sollen sie künftig die Wirtschaft tragen, Renten finanzieren, Pflege leisten und die öffentliche Infrastruktur erhalten. Ihre Bildung ist deshalb auch eine Voraussetzung dafür, dass unser eigenes Leben im Alter funktioniert.

Ein Schulticket erledigt keine berechtigte Beschwerde über ausgefallenen Unterricht. Ein bezahltes Mittagessen entkräftet keine Sorge vor den Folgen des Klimawandels. Wer Versorgung gegen Mitsprache aufrechnet, verwechselt Verantwortung mit einer Gefälligkeit, für die sich der Empfänger erkenntlich zu zeigen hat.

„Die Boomer mussten noch arbeiten für Ihr Geld, aber der Neid und die Missgunst ist schon erbärmlich. Einfach mal aus dem Quark kommen und nicht so hohe Ansprüche stellen.“ — GuKa

Darin steckt die Behauptung, die eigene Generation habe ihren Wohlstand durch Leistung verdient, während die nachfolgende vor allem Ansprüche stelle. Als Beleg genügen dann Hinweise auf Work-Life-Balance, eine Viertagewoche oder den Wunsch, Influencer zu werden. Aus einzelnen Beobachtungen wird das Charakterbild einer ganzen Generation.

Das ist bequem. Wenn die Jungen vor allem faul sind, muss man sich mit ihren Forderungen nicht weiter beschäftigen. Dann wird aus einer Debatte über gesellschaftliche Verhältnisse eine Erziehungsmaßnahme: Strengt euch erst einmal an.

Natürlich müssen auch junge Menschen etwas leisten. Aber Leistung entsteht unter Bedingungen, die sie nur begrenzt beeinflussen können. Wer in einer Schule lernt, der Personal fehlt, wer keine bezahlbare Wohnung findet oder keinen passenden Ausbildungsplatz erreicht, kann diese Hindernisse nicht allein durch eine bessere Arbeitshaltung beseitigen.

Wir Älteren dürfen unsere eigenen Lebensläufe nicht zum allgemeingültigen Maßstab erklären. Zu ihnen gehörten persönliche Anstrengungen, aber auch Möglichkeiten, die wir vorgefunden haben: öffentliche Investitionen früherer Generationen, funktionierende Institutionen, wirtschaftliche Chancen. Gerade wer stolz auf seine Leistung ist, sollte unterscheiden können, was er selbst geschaffen hat und was andere ihm ermöglicht haben.

„Der Berufswunsch bzw. die Berufsbezeichnung heute: Influencer oder Content Creator. Wertschöpfung oder Gemeinsinn Fehlanzeige.“ — Na ja- ohne mich

Auch früher wollten junge Menschen Autorennfahrer, Schauspieler oder Schlagersänger werden. Und? Die allermeisten dürften später in ganz anderen Berufen ihren Beitrag geleistet haben – als Ärzte, Handwerker oder Lehrkräfte. Warum sollten ausgerechnet die Berufsträume der Jugend, die sich heute wie damals aus den genutzten Medien speist, ihre mangelnde Leistungsbereitschaft beweisen?

Besonders widersprüchlich wird dieses Jugendbild, wenn dieselben jungen Menschen politisch aktiv werden. Wer ihnen vorher vorhält, nur aufs Handy zu schauen, müsste doch zunächst begrüßen, dass sie sich organisieren, Forderungen formulieren und demonstrieren. Stattdessen wird auch das zum Beleg ihrer Unzulänglichkeit: zu laut, zu ungeduldig, zu wenig durchdacht.

So entsteht eine Prüfung, die junge Menschen kaum bestehen können. Bleiben sie still, fehlt ihnen der Gemeinsinn. Protestieren sie, sollen sie erst einmal etwas leisten. Ernst nehmen würden wir sie, wenn wir ihre Forderungen prüfen – und bereit wären, daraus Konsequenzen für unser eigenes Handeln zu ziehen.

„Wir haben nicht alles weggeschafft, und ganz ehrlich, nun sind die Generationen nach uns dran.“ — RuhrpottOle

Der Leser erinnert in seinem ausführlichen Beitrag an reale Belastungen: Strukturwandel, schwierige Ausbildungsbedingungen, rechtsextreme Gewalt und die Umbrüche der Wiedervereinigung. Wer behauptete, frühere Generationen hätten ein sorgenfreies Leben geführt, würde ihre Erfahrungen missachten.

Aber aus früherer Belastung folgt keine heutige Entpflichtung. Gesellschaftliche Verantwortung lässt sich nicht nach dem Prinzip abarbeiten, dass jede Generation eine bestimmte Zahl schwieriger Jahre absolviert und anschließend ihre Ruhe verdient hat – unabhängig davon, was noch zu bewältigen ist.

Vor allem passt diese Vorstellung nicht zur demografischen Lage. Wenn zahlenmäßig kleinere Jahrgänge die Erwerbsarbeit übernehmen und zugleich eine größere ältere Bevölkerung mitversorgen sollen, können wir ihnen nicht zusätzlich sämtliche aufgeschobenen Aufgaben übertragen.

Der Ökonom und DIW-Präsident Prof. Marcel Fratzscher kritisiert genau diese einseitige Lastenverteilung. Seine Vorschläge reichen von einer stärkeren Beteiligung wohlhabender Älterer bis zu einem sozialen Pflichtjahr für Senioren. Über die Instrumente lässt sich streiten. Seine grundlegende Frage bleibt: Warum werden zusätzliche gesellschaftliche Pflichten so selbstverständlich bei den Jungen gesucht?

Wer einen Wehrdienst für junge Menschen fordert, sollte jedenfalls erklären können, welchen zusätzlichen Beitrag die Älteren leisten sollen – jedenfalls die, die noch können und früher nicht dienen mussten. Wer den Jungen mehr Leistung abverlangt, muss auch über die eigenen Möglichkeiten sprechen.

„Kurz: Die Boomer haben die Übernahme des Staffelstabs ganz ordentlich hinbekommen und ihn gut weitergetragen. Mal abwarten, was die Gen Z so alles geregelt bekommt.“ — Beste Sorge

Das Bild vom Staffelstab unterschlägt, dass wir alle noch auf derselben Strecke unterwegs sind. Ein marodes Schulgebäude verschwindet nicht, weil die zuständigen Erwachsenen in Rente gehen. Die Folgen unzureichenden Klimaschutzes enden nicht mit einer abgeschlossenen Erwerbsbiografie. Und die Finanzierung des Sozialstaats hängt weiterhin davon ab, wie sich die Lebensbedingungen der nächsten Generation entwickeln.

Zu einer ehrlichen Bilanz gehören Leistungen und Versäumnisse. Ältere Menschen haben demokratische Rechte verteidigt, Unternehmen aufgebaut, Kinder großgezogen und die Umweltbewegung getragen. Ältere Menschen haben zugleich Entscheidungen getroffen oder mitgetragen, deren Kosten heute sichtbar werden. Beides kann wahr sein.

Gerade deshalb überzeugt der Verweis auf frühere Verdienste als Antwort auf heutige Kritik nicht. Ob unsere Übergabe gelungen ist, bemisst sich auch daran, ob die Nachfolgenden eine tragfähige Grundlage vorfinden.

Der Soziologe Prof. Aladin El-Mafaalani beschreibt (im Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung) eine Jugend, für die verlässliche Institutionen und stabile Zukunftserwartungen alles andere als selbstverständlich sind: „Für diese Generation ist Krise die Normalität.“ Das sollte uns beschäftigen. Wenn junge Menschen Schule über Jahre als überlastet und Erwachsene als ratlos erleben, hilft ihnen die Versicherung wenig, dass Deutschland früher einmal hervorragend funktioniert habe.

„Die hatten/ haben leider keine hellseherischen Fähigkeiten.“ — Jerunda

Niemand musste die Zukunft im Detail vorhersehen können, um Wartungsbedarf an staatlicher Infrastruktur zu erkennen. Niemand brauchte hellseherische Fähigkeiten, um zu verstehen, dass weniger junge Beitragszahler die Finanzierung einer wachsenden älteren Bevölkerung erschweren. Und die Risiken fossiler Energie sind keine Entdeckung der heutigen Schülergeneration.

Es wäre trotzdem falsch, daraus eine persönliche Schuld jedes älteren Menschen abzuleiten. Politische Macht, wirtschaftlicher Einfluss und Handlungsmöglichkeiten waren und sind höchst ungleich verteilt. Wer sein Leben lang wenig verdient und hart gearbeitet hat, trägt eine andere Verantwortung als jemand, der folgenreiche Entscheidungen getroffen oder mit erheblichen Ressourcen blockiert hat.

Aber wir müssen zwischen Schuld und Verantwortung unterscheiden. Über die Vergangenheit lässt sich lange streiten. Für die Gegenwart bleibt die Frage, was jeder nach seinen Möglichkeiten beitragen kann.

Diese Unterscheidung schützt auch davor, private Lebensgeschichten gegeneinander auszuspielen. Niemand muss sich rechtfertigen, weil er keine Kinder bekommen konnte. Niemandes Krankheit, Arbeitslosigkeit oder persönliche Verlusterfahrung wird durch die Forderung nach Generationengerechtigkeit entwertet. Unsere Aufgabe besteht darin, die heute vorhandenen Möglichkeiten zur Lösung gemeinsamer Probleme einzusetzen.

„Sich mal an die eigene Nase fassen ist nicht eureres.“ — Edy, mit Blick auf den Konsum junger Menschen und den Klimaschutz

Auch junge Menschen konsumieren widersprüchlich. Sie bestellen Waren, fliegen in den Urlaub oder fahren Verbrenner. Das darf kritisiert werden. Es widerlegt nur nicht ihre Forderung nach wirksamem Klimaschutz.

Wer politische Veränderungen verlangt, muss nicht zuvor beweisen, außerhalb aller bestehenden Strukturen leben zu können. Ein Auszubildender kann auf ein günstiges gebrauchtes Auto angewiesen sein und trotzdem ein Interesse an besserem öffentlichen Verkehr haben. Eine Schülerin kann ein Smartphone besitzen und trotzdem berechtigt fragen, warum seine Herstellung Ressourcen verschlingt und seine Nutzung durch Geschäftsmodelle geprägt wird, die Aufmerksamkeit möglichst lange binden.

Der Verweis auf individuelle Widersprüche wird zur Ausflucht, wenn er die Debatte über politische und wirtschaftliche Regeln beendet. Dann sollen die Jungen erst vollkommen anders leben, bevor wir über Veränderungen nachdenken müssen. Diesen Maßstab legen wir an uns selbst selten an.

„Und jetzt, nachdem wir es trotzdem gewuppt haben, pflegen wir unsere betagten Eltern – und wollen dann endlich (haben), was wir uns erarbeitet haben – zeitlich und finanziell.“ — Na ja- ohne mich

Dieser Wunsch ist nachvollziehbar. Wer Angehörige pflegt, trägt bereits eine erhebliche gesellschaftliche Last. Wer gesundheitlich erschöpft ist oder mit einer kleinen Rente auskommen muss, braucht Entlastung. Eine faire Verteilung zusätzlicher Aufgaben muss solche Unterschiede berücksichtigen.

Gerade deshalb führt die pauschale Gegenüberstellung von Jung und Alt nicht weit genug. Innerhalb beider Gruppen gibt es erhebliche Unterschiede bei Einkommen, Vermögen, Gesundheit und verfügbarer Zeit. Mehr Verantwortung muss vor allem übernehmen, wer mehr Möglichkeiten hat.

Daraus lässt sich ein konkretes Programm ableiten. Gesunde Menschen könnten länger in reduziertem Umfang arbeiten, wenn die Bedingungen stimmen. Fachleute im Ruhestand könnten Jugendliche beim Berufseinstieg begleiten. Schulen könnten mit verlässlich organisierten und finanzierten Angeboten zusätzliche Erwachsene gewinnen, die vorlesen, zuhören, handwerkliche Kenntnisse vermitteln oder Projekte unterstützen.

El-Mafaalani schlägt vor, die Erfahrung und die Fähigkeiten älterer Menschen gezielt für Schulen und Kitas zu nutzen: Eine pensionierte Pädagogin könnte Kinder fördern, ein Handwerker im Ruhestand praktische Projekte begleiten. Dafür reicht es allerdings nicht, auf hilfsbereite Senioren zu hoffen. Einrichtungen brauchen Menschen, die solche Einsätze organisieren, und Geld, um die Mitarbeit gegebenenfalls zu honorieren. So könnten zusätzliche Angebote und verlässliche Beziehungen entstehen, für die im Schulalltag oft die Zeit fehlt. Die Verantwortung, genügend Lehrkräfte einzustellen, bleibt beim Staat.

Wie sich der Anspruch, zukunftsfähig zu werden, politisch verankern lässt, zeigt gerade Berlin: Der Senat hat im September einen verbindlichen Jugend-Check auf den Weg gebracht. Gesetze und politische Vorhaben sollen künftig systematisch darauf geprüft werden, welche Folgen sie für Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene haben. Einen solchen Jugend-Check sollten wir Älteren auch unseren Wahlentscheidungen vorschalten: Was bedeutet das, was wir heute für uns beanspruchen, für diejenigen, die morgen damit leben müssen?

Die Schülerproteste sollten deshalb eine Debatte unter uns Älteren auslösen: Was können wir beitragen? Welche Ansprüche müssen wir überprüfen? Wo können wir Zeit, Geld, Erfahrung oder politischen Einfluss einsetzen?

Wir dürfen von jungen Menschen erwarten, dass sie Verantwortung übernehmen. Sie dürfen dasselbe von uns erwarten. Ich habe drei Kinder großgezogen. Ich will sie nicht damit alleinlassen, diesen Scherbenhaufen aufzuräumen. News4teachers 

Schülerproteste: Wie lange will die Politik noch weghören? Ein Gastkommentar

 

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1 Kommentar
dickebank
16 Stunden zuvor

Mehr als Besen und Schaufeln verteilen mach ich aber nicht, das muss als Beteiligung reichen. Ansonsten aber volle ideelle Unterstützung meinerseits.