Start Politik “Noch keine Trendumkehr”: So viele Lehrkräfte wie nie (trotzdem nicht genug)

“Noch keine Trendumkehr”: So viele Lehrkräfte wie nie (trotzdem nicht genug)

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HANNOVER. Niedersachsens Kultusministerin verkündet einen Rekord, doch nicht an allen Schulen wird die Unterrichtsversorgung besser. Im Schnitt bleibt sie unter 100 Prozent. Das bedeutet: Selbst wenn keine Lehrkraft krank würde, muss Unterricht ausfallen. 

“Noch keine Trendumkehr”: Niedersachsens Kultusministerin Julia Willie Hamburg. Foto: Ole Spata

Dank vieler neuer Lehrerinnen und Lehrer hat sich die Unterrichtsversorgung an Niedersachsens Schulen stabilisiert – sie liegt allerdings weiter unter dem Bedarf. Das hat Kultusministerin Julia Willie Hamburg (Grüne) vor Beginn des zweiten Schulhalbjahres bekanntgegeben.

Nie zuvor habe es in Niedersachsen so viele Lehrkräfte gegeben wie derzeit: Knapp 77.800 sind es mittlerweile, das sind rund 3.600 mehr als noch vor vier Jahren. Allerdings stieg auch die Zahl der Schülerinnen und Schüler weiter auf rund 827.500 und die Anforderungen an die Schulen wurden erhöht.

Im Ergebnis liegt die Unterrichtsversorgung mit jetzt 97,2 Prozent leicht über dem Niveau des Vorjahres von 96,9 Prozent. Der Wert gibt an, ob es für das Soll an Pflichtstunden genügend Lehrkräfte gibt. Besser war er zuletzt 2021.

Ministerin: Noch keine Trendumkehr

Ob die Kurve auch zum Schuljahr 2026/27 weiter nach oben zeigen wird, ist Hamburg zufolge jedoch noch offen – unter anderem wegen der steigenden Schülerzahlen und des neuen Rechtsanspruchs auf Ganztagsbetreuung.

«Ich kann noch nicht von einer Trendumkehr sprechen», sagte die Ministerin. Der aktuelle Wert sei auch noch kein Grund zum Feiern. Es zeige sich aber, dass die Maßnahmen des Landes gegen den seit Jahren anhaltenden Lehrkräftemangel wirkten.

Lehrer haben mehr Zeit pro Schüler

Konkret liegt das Soll der Lehrkräftestunden derzeit bei 1,45 Millionen. Erreicht wurden 1,41 Millionen Stunden. Die Anforderungen an die Schulen wurden etwa mit zusätzlichen Stunden für Deutsch und Mathematik in den Grundschulen, der Einführung des Pflichtfachs Informatik sowie dem Ausbau von Ganztagsangeboten, Inklusion und Sprachförderung erhöht.

Hamburg betonte, dass sich trotz alledem die Lehrer-Schüler-Relation verbessert habe: Pro Schüler stehen in diesem Schuljahr rechnerisch 1,71 Lehrerstunden zur Verfügung. Das ist laut Ministerium der beste Wert seit 2020.

So ist die Unterrichtsversorgung an den Schulformen

Zwischen den Regionen und unterschiedlichen Schulformen gibt es nach wie vor große Unterschiede bei der Unterrichtsversorgung. Die Schere zwischen Gymnasien und Hauptschulen ging sogar weiter auseinander:

  • Gymnasien: 101,2 Prozent (Vorjahr: 100,6 Prozent)
  • Grundschulen: 98,2 Prozent (Vorjahr: 98,0 Prozent)
  • Gesamtschulen: 97,8 Prozent (Vorjahr: 97,3 Prozent)
  • Realschulen: 95,3 Prozent (Vorjahr: 95,2 Prozent)
  • Oberschulen: 92,7 Prozent (Vorjahr: 92,9 Prozent)
  • Förderschulen: 91,8 Prozent (Vorjahr: 90,8 Prozent)
  • Hauptschulen: 90,6 Prozent (Vorjahr: 91,5 Prozent)

Kultusministerin Hamburg richtete daher einen Appell an die Berufseinsteiger, auch unbeliebtere Regionen oder Schulen in Betracht zu ziehen. «Wir ermöglichen auch befristete Einstellungen, wenn Lehrkräfte Schulen oder Regionen erst einmal kennenlernen wollen», sagte sie. Das sei attraktiver, als sich von Vertretung zu Vertretung zu hangeln.

Das sind die Reaktionen

Der CDU-Bildungspolitiker Christian Fühner kritisierte, die Unterrichtsversorgung sei weiterhin auf einem «alarmierend schlechten Niveau». Regelmäßig falle Unterricht aus, vielerorts fehle es an verlässlicher Planungssicherheit und gleichzeitig sinke die Bildungsqualität, sagte er.

Der Landesschülerrat forderte, die Lehrkräfte gerechter zwischen den Schulformen und Regionen zu verteilen. «Während einige Schulen stabil arbeiten können, kämpfen andere seit Jahren mit massiven Engpässen», sagte der Vorsitzende Matteo Feind. «Diese Ungleichheit ist weder pädagogisch noch sozial vertretbar.»

Ähnlich äußerte sich der Verband Niedersächsischer Lehrkräfte. Gerade an den Schulen, die bei der Inklusion und Schülerinnen und Schülern mit Migrationshintergrund «die größte Last» trügen, sei die Unterrichtsversorgung schlecht. Dabei gehe es um die Bildungschancen einer ganzen Generation. News4teachers / mit Material der dpa

Kultusministerium lässt Verträge von pädagogischen Mitarbeitern auslaufen (trotz Lehrermangels)

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Kanzler27
1 Monat zuvor

Ja, wenn man von 33 Stellen, die als Bedarf von den Grundschulen im Kreis gemeldet worden sind, nur sieben ausschreibt, dann kann man Erfolge feiern. Vor allem, wenn diese 7 Stellen schon mit potentiellen Kandidatinnen hinterlegt sind. Mega, Niedersachsen.

mathpi
1 Monat zuvor
Antwortet  Kanzler27

Sehr gut analysiert!

Tischarbeiterin
1 Monat zuvor
Antwortet  Kanzler27

BW: auch nicht anders…

ed840
1 Monat zuvor

Wenn meine Informationen stimmen, ist die Wochenstundenpflichtzahl in Niedersachsen geringer als in manch anderen Bundesländern.

Im Vergleich zu BW z.B.

GS 1- 4. NDS = 94 / BW 102 , Hauptschule SEK 1 NDS =179 / BW = 189
GEM Sek 1 NDS = 179 / BW = 190-196 , GYM Sek 1 NDS = 179 / BW = 199

Wenn weniger Unterrichsstunden unterichtet werden, braucht man weniger Lehrkräfte.

Siehe z.B. im Nachbarland SH, wo Unterrichsstunden in der SEK 1 gestrichen und Lehrerstellen abgebaut werden.

Unfassbar
1 Monat zuvor

Wir ermöglichen auch befristete Einstellungen, wenn Lehrkräfte Schulen oder Regionen erst einmal kennenlernen wollen», sagte sie. Das sei attraktiver, als sich von Vertretung zu Vertretung zu hangeln.

Wieso ist das besser? Für mich ist das bestenfalls dasselbe, weil eine Vertretung ebenfalls eine befristete Einstellung ist.

Se Länd
1 Monat zuvor
Antwortet  Unfassbar

Ich habe das nach dem Referendariat selbst so gemacht, weil ich das Bundesland wechseln wollte. Das ist aus meiner Sicht eine legitime individuelle Option in bestimmten Lebenssituationen – nicht als Regelfall oder bildungspolitisches Ideal, sondern als pragmatische Möglichkeit, einen Standort kennenzulernen. Warum sollte man das also nicht auch offen benennen?

Natürlich ist das nicht der klassische Weg „Schule – Uni – Schule – Pension“. Aber gerade bei Berufsschullehrkräften sind Brüche im Lebenslauf häufig, etwa durch Wechsel aus der Wirtschaft oder regionale Mobilität. In solchen Fällen kann eine befristete Stelle schlicht sinnvoll sein.

webdesign
1 Monat zuvor

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Trixi 31
1 Monat zuvor

Mich hat es auch betroffen!
War 1 1/2 Jahre als PM tätig, und kurz vor Weihnachten durfte ich dann gehen !
Denkt auch mal einer an die Kinder!!!
Habe vorbereiteten Unterricht gemacht, und 1 1/2 Jahre eine feste Klasse betreut!
Es hat mir das Herz zerrissen an meinem letzten Arbeitstag viele Kinder haben geweint und mich gedrückt und wollten nicht das ich gehe !!
Und das vor Weihnachten!!!
Obwohl Std verfügbar waren und viele Lehrer fehlen musste ich gehen !!!
Schlimm !!!

HuGo
1 Monat zuvor

” Tendumkehr” ist gut und mehr als bezeichnend!;-)

Smidt
1 Monat zuvor

Tja, und mal wieder ein Artikel, der die Berufsbildenden Schulen komplett ausblendet. Schon erstaunlich wie wenig Aufmerksamkeit die Berufsbildenden Schulen in öffentlichen Diskursen bekommen, wenn man bedenkt, dass jeder Schüler und jede Schülerin, wenn sie nach dem Abi nicht direkt studieren gehen, über kurz oder lang mit den BBSen konfrontiert sind.

ed840
1 Monat zuvor
Antwortet  Smidt

Berufsbildenden Schulen komplett ausblendet.

Wird auch immer wieder deutlich, wenn z.B. behauptet wird im letzten Jahr hätten 60.000 junge Menschen die Schullaufbahn ohne mind. ESA beendet, obwohl sich diese Zahl nur auf Abgänger von allgemeinbildenden Schulen bezieht.

Nach Abgang ohne ESA von der allgemeinbildenden Schule beginnt aber die Berufsschulpflicht.

Nicht wenige dieser Abgänger erwerben dann an Berufsschulen doch noch einen ESA, den sie z.B. an einer GEM bis zu zweimal nicht geschafft haben .

Wolfgang Dr Dahlke
1 Monat zuvor

Warum ist es in Deutschland nicht möglich, dass Spezialisten in der Lehre über die unbegründeten starren Altersgrenzen hinaus weiterarbeiten??!!

Ich_bin_neu_hier
1 Monat zuvor

Weil Deutschland.

Genauer: Weil Respekt und Ansehen gegenüber Spezialisten asymptotisch auf nahezu Null gesunken sind.
Spezialisten sind dazu da, verachtet und verlacht zu werden, weil man es sowieso selbst besser weiß, und wenn die Spezialisten sich dann noch empört geben und zeigen, dass sie getroffen sind: Umso besser, denn genau das haben sie verdient.

GreenPen
1 Monat zuvor

Es ist eine alte Erfahrung der politischen Geschichte, dass Ungerechtigkeit selten laut beginnt. Sie kommt nicht mit Fanfaren, nicht mit offenen Verboten, nicht mit erklärter Absicht. Sie schleicht sich ein – in Zahlenkolonnen, in Nebensätzen, in Selbstverständlichkeiten. Sie tarnt sich als Sachzwang und trägt den Anschein der Vernunft. Gerade deshalb ist sie so gefährlich. Die jüngste Verlautbarung des niedersächsischen Kultusministeriums ist ein Beispiel für diese stille Form der Ungerechtigkeit. Sie verkündet Fortschritt, Stabilität, Höchststände. Sie spricht von einer verbesserten Unterrichtsversorgung, von mehr Lehrkräften, von steigenden Relationen. Und sie tut dies in einem Ton, der keinen Zweifel lassen will: Man ist auf dem richtigen Weg. Doch wer genauer liest, wer die Zahlen nicht als Triumph, sondern als Ausdruck von Prioritäten versteht, stößt auf eine Wahrheit, die nicht gefeiert werden kann. Es ist die Wahrheit einer tiefen, strukturellen Ungleichheit – zwischen Schulformen, zwischen Lebenswelten, zwischen den Kindern dieses Landes. Denn während Gymnasien eine rechnerische Unterrichtsversorgung von über hundert Prozent erreichen, liegen Hauptschulen, Förderschulen und Oberschulen deutlich darunter. Man kann diese Zahlen als technische Größen behandeln. Man kann sie relativieren, erklären, einordnen. Man kann sagen: Der Arbeitsmarkt ist angespannt, die Bewerberlage schwierig, regionale Unterschiede unvermeidlich. All das mag zutreffen. Aber es ändert nichts an der politischen Bedeutung dieser Differenz. Denn hier entscheidet sich Bildungsgerechtigkeit. Ein demokratischer Staat darf Unterschiede erklären. Er darf sie nicht als Randnotiz behandeln, während er zugleich das Gesamtsystem für erfolgreich erklärt. Denn was sagt es über das Selbstverständnis einer Gesellschaft, wenn jene Schulformen, die überwiegend von Kindern aus privilegierten Haushalten besucht werden, besser versorgt sind als jene, in denen die Herausforderungen größer, die Unterstützungsbedarfe höher, die Ausgangsbedingungen schwieriger sind? Man muss es deutlich sagen: Eine Unterrichtsversorgung von über hundert Prozent am Gymnasium ist kein Zeichen von Exzellenz. Sie ist ein Zeichen der Schieflage. Sie bedeutet, dass dort mehr als das Notwendige verfügbar ist, während andernorts das Notwendige fehlt. Das ist nicht Natur. Das ist Ergebnis politischer Entscheidungen – oder politischer Unterlassungen. Bildungsgerechtigkeit beginnt nicht dort, wo alle formal gleich behandelt werden. Sie beginnt dort, wo ungleiche Voraussetzungen ungleich berücksichtigt werden. Wer das Gegenteil praktiziert, mag sich auf Gleichheit berufen – er produziert Ungerechtigkeit. Die ministerielle Sprache versucht, diese Differenz zu entschärfen. Sie spricht von „Unterschieden“, von „bestimmten Regionen“, von „gezielten Maßnahmen“. Doch sie vermeidet das Wort, das notwendig wäre: Priorisierung. Denn Priorisierung hieße, offen zu sagen, dass nicht alle Schulformen gleich dringend zusätzliche Ressourcen benötigen – sondern dass einige sie zwingend brauchen, um überhaupt arbeitsfähig zu bleiben. Stattdessen wird ein Gesamtbild gezeichnet, das beruhigen soll. Durchschnittswerte treten an die Stelle von Erfahrung. Rekorde ersetzen Realitäten. Die Verwaltung spricht von Stabilisierung, während an vielen Schulen längst improvisiert wird. Und diese Improvisation – das muss man betonen – ist keine politische Leistung. Sie ist das Ergebnis der Loyalität und Überlastung derjenigen, die das System tragen. Lehrerinnen und Lehrer, Schulleitungen, pädagogische Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter schließen Lücken, die der Staat offenlässt. Sie tun dies aus Verantwortungsgefühl, aus Pflichtbewusstsein, aus Sorge um die Kinder. Aber sie tun es zu einem Preis: dem Preis der Erschöpfung. Wer diese Erschöpfung statistisch unsichtbar macht, begeht einen moralischen Fehler. Denn Bildungspolitik ist nicht nur Verwaltung von Stunden. Sie ist Verantwortung für Menschen. Und Verantwortung misst sich nicht an der Frage, ob man etwas „geschafft“ hat, sondern daran, ob man das Richtige priorisiert. Die Unterschiede zwischen Gymnasien und anderen Schulformen sind in diesem Zusammenhang kein technisches Detail. Sie sind ein Spiegel gesellschaftlicher Wertungen. Sie zeigen, wo Sicherheit herrscht und wo Mangel verwaltet wird. Sie zeigen, welchen Kindern man zutraut, mit weniger auszukommen – und welchen nicht. Dabei ist gerade das Gegenteil notwendig. Schulen mit hohen sozialen Belastungen, mit sprachlicher Vielfalt, mit Inklusionsaufgaben, mit biografischen Brüchen brauchen mehr Zeit, mehr Personal, mehr Stabilität. Sie brauchen nicht das Versprechen zukünftiger Programme, sondern die Gewissheit gegenwärtiger Unterstützung. Wer ihnen dauerhaft weniger zur Verfügung stellt, handelt nicht effizient, sondern kurzsichtig. Es gehört zu den Eigentümlichkeiten moderner Verwaltung, dass sie Ungleichheit nicht bestreitet, sondern technisiert. Man spricht von „Versorgungsgraden“, von „Relationen“, von „Belastungswerten“. Diese Begriffe haben ihre Berechtigung. Aber sie dürfen nicht das Nachdenken ersetzen. Zahlen erklären nichts, wenn man nicht sagt, was sie bedeuten sollen.Was bedeutet es, wenn Hauptschulen dauerhaft unterversorgt sind? Was bedeutet es für die dort arbeitenden Lehrkräfte, für die Lernenden, für ihre Chancen? Und was bedeutet es für eine Gesellschaft, die sich Bildungsgerechtigkeit auf die Fahnen schreibt?Eine politische Führung, die diese Fragen nicht stellt, sondern sich hinter dem Hinweis auf den „angespannten Markt“ zurückzieht, verfehlt ihre Aufgabe. Denn Märkte sind keine Naturgesetze. Sie sind gestaltbar. Und wenn Gestaltung schwierig ist, dann ist es die Pflicht der Politik, dies offen zu benennen – statt sich hinter Erfolgsformeln zu verschanzen. Besonders irritierend ist dabei der Ton der Selbstzufriedenheit, der aus der Verlautbarung spricht. Man habe „nie zuvor“ so viel erreicht. Man sei „gegen den Trend“ besser geworden. Man setze den Weg der vielen Schritte fort. Diese Sprache ist nicht unschuldig. Sie erzeugt den Eindruck, Kritik sei unangebracht, ja undankbar. Sie suggeriert: Wer jetzt noch Probleme benennt, verkennt den Fortschritt. Doch Fortschritt, der nicht dort ankommt, wo er gebraucht wird, ist kein Fortschritt. Er ist eine Verschiebung. Noch schwerer wiegt das Schweigen gegenüber fundierter Kritik aus der Praxis. Wenn Bürgerinnen und Bürger, die Verantwortung tragen, ihre Beobachtungen, ihre Sorgen, ihre Analysen vorbringen – sachlich, respektvoll, begründet – und keine Antwort erhalten, dann ist das mehr als eine verpasste Höflichkeit. Es ist ein politisches Signal. Es sagt: Wir hören nicht zu. Oder schlimmer: Wir wollen nicht hören. Ein demokratischer Staat lebt jedoch vom Widerspruch. Er lebt davon, dass Kritik nicht als Störung, sondern als Ressource begriffen wird. Wer Kritik ignoriert, schützt nicht seine Autorität – er untergräbt sie. Denn Autorität entsteht nicht durch Deutungshoheit, sondern durch Vertrauen. Und Vertrauen entsteht durch Dialog. Man kann darauf hinweisen, dass politische Macht ohne Gewissen zur Gefahr wird. Gewissen aber zeigt sich nicht im Bekennen von Erfolgen, sondern im Aushalten von Zumutungen – auch der Zumutung, sich korrigieren zu lassen. Bildungspolitik braucht dieses Gewissen dringender denn je. Sie braucht den Mut, nicht nur zu verwalten, sondern zu entscheiden. Nicht nur zu verkünden, sondern zu begrenzen. Nicht nur zu rechnen, sondern zu werten. Eine ehrliche Bildungspolitik würde sagen: Ja, wir haben mehr Lehrkräfte. Aber wir haben sie nicht dort, wo sie am dringendsten gebraucht werden. Ja, wir haben Programme. Aber wir haben zu wenig Umsetzungskraft. Ja, wir haben Fortschritte. Aber sie verteilen sich ungerecht. Eine solche Sprache wäre unbequemer. Sie wäre angreifbarer. Aber sie wäre wahr. Und Wahrheit ist in einer Demokratie kein Luxus. Sie ist die Voraussetzung dafür, dass Bürgerinnen und Bürger bereit bleiben, Verantwortung mitzutragen. Solange jedoch Erfolge gefeiert werden, während die Ungleichheit fortbesteht; solange Gymnasien als Gradmesser dienen und andere Schulformen als Problemzonen verwaltet werden; solange Kritik unbeantwortet bleibt, während Zahlen verkündet werden – solange bleibt Bildungspolitik ein Monolog. Und ein Monolog ist kein Gespräch. Er ist das Gegenteil dessen, was Schule sein sollte. Es ist höchste Zeit, das zu ändern. Nicht mit neuen Rekorden.