Holocaust-Gedenktag: Wie KI-Fake-Bilder die Erinnerungskultur von Schulen gefährden

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BERLIN. Zum Holocaust-Gedenktag fordern GEW und VBE, die Erinnerung an die nationalsozialistischen Verbrechen wachzuhalten. Der Appell erhält zusätzliche Dringlichkeit durch eine wachsende Flut KI-generierter Fake-Bilder im Netz, vor denen Gedenkstätten und Historiker eindringlich warnen.

KI-generiertes Bild einer angeblichen Situation im KZ Dachau, Screenshot / KZ Gedenkstätte Dachau

Zum internationalen Holocaust-Gedenktag am (heutigen) 27. Januar rufen die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) und der Verband Bildung und Erziehung (VBE) dazu auf, die Erinnerung an die Verbrechen des Nationalsozialismus konsequent wachzuhalten. In einer gemeinsamen Erklärung betonen die beiden Lehrkräfteverbände die Bedeutung von Erinnerungskultur für Gegenwart und Zukunft – insbesondere vor dem Hintergrund zunehmender antisemitischer, rassistischer und demokratiefeindlicher Tendenzen.

„Am 27. Januar gedenken wir der Opfer des Nationalsozialismus. Dieses Gedenken mahnt uns, die Erinnerung wachzuhalten – das ist nicht nur mit Blick auf die Vergangenheit, sondern auch die Gegenwart und Zukunft wichtig“, erklären GEW und VBE. Antisemitismus, Rassismus und Demokratiefeindlichkeit nähmen wieder zu, „in Schulen ebenso wie im gesamtgesellschaftlichen analogen und digitalen Miteinander“. Die Politik stehe deshalb in der Pflicht, „alles Erdenkliche zu tun, um diese Entwicklung zu bremsen und umzukehren“.

„Erinnerungskultur ist keine historische Formalität, sondern Voraussetzung für eine wehrhafte Demokratie“

Der Bundesvorsitzende des VBE, Tomi Neckov, warnt vor einer schleichenden Verschiebung gesellschaftlicher Grenzen. „Wir beobachten eine schleichende Normalisierung von Menschenfeindlichkeit und autoritären Denkmustern. Wenn rechtsextreme Parteien in Parlamenten an Einfluss gewinnen, wenn Geschichtsrevisionismus Raum greift und antisemitische Hetze Alltag wird, ist das ein Angriff auf die Grundlagen unseres demokratischen Zusammenlebens“, erklärt Neckov. Erinnerungskultur sei deshalb „keine historische Formalität, sondern Voraussetzung für eine wehrhafte Demokratie“.

Auch die GEW-Vorsitzende Maike Finnern hebt die besondere Rolle von Schulen hervor. „Schulen tragen dabei eine besondere Verantwortung. Sie sind Orte des Lernens und des gesellschaftlichen Miteinanders – Orte, an denen Werte wie Respekt, Vielfalt und Menschenwürde täglich erfahrbar werden“, sagt sie. Lehrkräfte leisteten unter oft schwierigen Bedingungen die Aufgabe, „jungen Menschen historisches Wissen, kritische Urteilskraft und Empathie zu vermitteln“. Dafür brauche es „Zeit, Unterstützung und politische Rückendeckung“.

Die Warnungen der Lehrkräfteverbände treffen auf eine Entwicklung, die Historiker und Gedenkstätten derzeit mit wachsender Sorge beobachten. In sozialen Netzwerken wie TikTok, Instagram und Facebook verbreiten sich zunehmend KI-generierte Bilder und Videos zum Holocaust, die historische Ereignisse verfälschen oder frei erfinden. Mehr als 30 deutsche KZ-Gedenkstätten haben deshalb Alarm geschlagen und in einem offenen Brief klare Regeln im Umgang mit künstlicher Intelligenz gefordert.

Holger Obbarius, Leiter der Bildungsabteilung der KZ-Gedenkstätte Buchenwald, bezeichnet die Fälschungen als Gefahr für das Geschichtsverständnis. Zwar könnten KI-Bilder im Gespräch mit jungen Menschen ein Anlass für kritische Auseinandersetzung sein, dennoch ziehe seine Gedenkstätte eine klare Grenze. „Wir werden dagegen Widerstand leisten, solange wir es können. Wir werden das als falsch benennen“, sagte Obbarius dem MDR KULTUR.

„Wenn wir nicht mehr wissen: Ist das eine historische Originalquelle oder nicht – dann fangen wir an, den Quellen nicht mehr zu glauben“

Die Bandbreite der Fälschungen reicht laut Gedenkstätten von kitschig inszenierten Porträts im Stil sozialer Netzwerke bis hin zu erfundenen historischen Kontexten. Gezeigt würden etwa angebliche Wiedersehen zwischen Häftlingen und Befreiern oder weinende Kinder hinter Stacheldraht – Szenen, die es so nie gegeben habe. Diese Inhalte bestünden aus „Versatzstücken historischer Fakten und emotionalisierter Fiktion“, heißt es im offenen Brief des Netzwerks Digital History und Memory.

Die Historikerin Alina Bothe von der Freien Universität Berlin sieht darin eine langfristige Bedrohung für die Glaubwürdigkeit historischer Quellen. „Wenn wir nicht mehr wissen: Ist das eine historische Originalquelle oder nicht – dann fangen wir an, den Quellen nicht mehr zu glauben. Dann verlieren wir Vertrauen. Wenn wir Vertrauen verlieren, dann glauben wir die historischen Ereignisse nicht mehr unbedingt. Dann zweifeln wir sie an. Dann zweifeln wir das tatsächliche Geschehen der Shoah an“, sagte Bothe im Gespräch mit MDR KULTUR.

Nach Einschätzung der Historikerin stehen hinter den KI-Fakes unterschiedliche Motive. Häufig gehe es um Reichweite und Werbeeinnahmen sogenannter Content-Farmen, in anderen Fällen seien die Inhalte politisch motiviert. „Revisionistische Tendenzen“ seien klar erkennbar. Eine Botschaft, die sich aus manchen Bildern herauslesen lasse, laute: „Es gab ja doch auch viele deutsche Opfer, die zu beklagen wären.“

Der offene Brief der Gedenkstätten warnt davor, dass KI-generierte Inhalte die Sehgewohnheiten der Nutzerinnen und Nutzer veränderten und dazu führten, dass auch authentische historische Dokumente zunehmend angezweifelt würden. „Mit jedem dieser Postings wird die Arbeit von Gedenkstätten, Archiven und Forschungseinrichtungen entwertet und ihre Glaubwürdigkeit untergraben“, heißt es darin.

Die Unterzeichner fordern Plattformbetreiber unter anderem auf, geschichtsverfälschende KI-Inhalte proaktiv zu bekämpfen, diese eindeutig als Fehlinformationen meldbar zu machen, Konten ohne Monetarisierung zu halten und KI-generierte Inhalte ausnahmslos zu kennzeichnen. Zudem verlangen sie eine engere Zusammenarbeit mit Gedenkstätten und wissenschaftlichen Einrichtungen. Unterstützung kommt inzwischen auch aus der Politik. Kulturstaatsminister Wolfram Weimer hat sich der Forderung nach einer verpflichtenden Kennzeichnung von KI-generierten Inhalten angeschlossen.

Darüber hinaus besteht eine direkte Verbindung zur schulischen Bildungsarbeit:  Demokratiebildung setzt Medienkompetenz voraus. Und Demokratiebildung dürfe nicht an den Rand gedrängt werden, erklären GEW und VBE. Das Erinnern an die Verbrechen des Nationalsozialismus sei „nicht verhandelbar – es ist eine dauerhafte Verpflichtung für alle, die in Bildung, Politik und Gesellschaft Verantwortung tragen“. Weiter heißt es in der gemeinsamen Stellungnahme: „Schulen benötigen verlässliche Strukturen, Fortbildungen und Materialien, um wirksam gegen Diskriminierung, Hass und Desinformation vorgehen zu können.“ News4teachers 

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Gelbe Tulpe
2 Stunden zuvor

KI sollte eher mit Ausnahme weniger Forschungszwecke verboten werden. Aber nicht Mal das bekommt die Politik hin.