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GEW schlägt Alarm: „Die steigende Zahl langzeiterkrankter Kolleginnen und Kollegen ist ein deutliches Warnsignal“

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HAMBURG. Die Zahl langzeiterkrankter Lehrkräfte steigt – nicht nur in Hamburg. Neue Zahlen aus der Hansestadt zeigen, dass immer mehr Fehltage auf Krankheitsphasen von mehr als 30 Tagen entfallen. Die GEW sieht darin ein Warnsignal und verweisen auf wachsende Belastungen im Schulalltag. Auch Umfragen und Beratungsfälle aus anderen Bundesländern deuten darauf hin, dass Arbeitsverdichtung, Personalmangel und psychischer Druck zunehmend gesundheitliche Folgen für Lehrkräfte haben.

Ausgebrannt. (Symbolfoto.) Foto: Shutterstock

Ferien reichen für viele Lehrkräfte offenbar nicht mehr aus, um sich von den Mühen des Schulalltags zu erholen. Mit dem Ende der unterrichtsfreien Zeiten (aktuell: der Frühjahrsferien in Hamburg) kehren viele Lehrkräfte an ihre Schulen zurück – doch für viele beginnt damit erneut ein Arbeitsalltag unter hoher Belastung. Eine aktuelle parlamentarische Anfrage in der Hamburgischen Bürgerschaft zeigt nun, dass die Zahl der langzeiterkrankten Lehrkräfte steigt. Die Bildungsgewerkschaft GEW sieht darin ein deutliches Warnsignal und fordert stärkere Maßnahmen im Arbeits- und Gesundheitsschutz.

Nach Angaben der Schulbehörde entfallen inzwischen deutlich mehr Fehltage von Lehrkräften auf längere Krankheitsphasen von mehr als 30 Tagen. An Grundschulen stieg der Anteil der Langzeiterkrankungen an allen Fehltagen in den vergangenen drei Schuljahren von 27 auf 29 Prozent. An Gymnasien nahm er von 24 auf 29 Prozent zu, an Sonderschulen sogar von 28 auf 34 Prozent. Zu den häufigsten Ursachen für Krankmeldungen im Schuldienst zählen laut Schulbehörde Atemwegserkrankungen, psychische Belastungen sowie Erkrankungen des Muskel-Skelett-Systems.

„Die steigende Zahl langzeiterkrankter Kolleginnen und Kollegen ist ein deutliches Warnsignal“, sagt Yvonne Heimbüchel, stellvertretende Vorsitzende der GEW Hamburg. Wer über Unterrichtsausfall spreche, müsse auch konsequent beim Arbeits- und Gesundheitsschutz handeln. Gute Arbeitsbedingungen seien eine zentrale Voraussetzung dafür, dass Lehrkräfte dauerhaft gesund arbeiten können.

Gewerkschaft sieht Defizite bei Prävention

Aus Sicht der GEW mangelt es an grundlegender Gesundheitsvorsorge im Schulbereich. Niedrigschwellige Impfangebote direkt an Schulen oder ergonomisch ausgestattete Arbeitsplätze für Lehrkräfte seien bislang eher die Ausnahme. Gleichzeitig nehme die psychische Belastung im Schulalltag zu – etwa durch Arbeitsverdichtung, Personalmangel oder Konflikte im Schulbetrieb.

Auch Gewalt gegen Beschäftigte gehört nach Ansicht der Gewerkschaft zum Thema Arbeitsschutz. Zwar verweist die Schulbehörde auf eine entsprechende Handreichung aus dem Jahr 2018. Eine Broschüre allein reiche jedoch nicht aus, betont die GEW. Wenn Übergriffe nicht gemeldet würden oder Betroffene den Eindruck hätten, sie hätten pädagogisch anders handeln müssen, könne das zusätzliche psychische Belastungen verursachen.

Neue Strukturen für den Arbeitsschutz

Gemeinsam mit dem Gesamtpersonalrat hat sich die GEW Hamburg nach eigenen Angaben seit Jahren für verbindliche Strukturen im Arbeits- und Gesundheitsschutz eingesetzt. Ein Ergebnis ist die Einführung schulformspezifischer Arbeitsschutzausschüsse sowie verpflichtender Gespräche zum Gesundheits- und Arbeitsschutz an den Schulen. In diesen Runden sollen Schulleitungen, Personalräte und Sicherheitsbeauftragte unter anderem Unfallmeldungen und Krankenstatistiken auswerten und mögliche Maßnahmen beraten.

„Diese Gremien sollen helfen, Probleme frühzeitig zu erkennen und Lösungen vor Ort zu entwickeln“, sagt Heimbüchel. Gleichzeitig sei klar: Verbesserter Arbeits- und Gesundheitsschutz koste Geld – könne aber langfristig dazu beitragen, Krankheitszeiten zu reduzieren.

Belastung von Lehrkräften bundesweit Thema

Die Diskussion über gesundheitliche Belastungen im Schuldienst wird auch in anderen Bundesländern geführt. Im August 2025 hatte eine Umfrage des Niedersächsischen Philologenverbands (PHVN) unter rund 1.700 Lehrkräften – überwiegend an Gymnasien – gezeigt, wie stark viele Beschäftigte ihre Arbeit als gesundheitlich belastend empfinden (News4teachers berichtete). Mehr als drei Viertel der Befragten erklärten, dass sich ihre Arbeitsbedingungen in den vergangenen fünf Jahren verschlechtert hätten. „Unsere Befragung hat gezeigt, dass die Arbeitsbelastung an den Schulen deutlich zugenommen hat. Das sind alarmierende Fakten“, sagte der PHVN-Vorsitzende Dr. Christoph Rabbow.

Die gesundheitlichen Folgen sind laut Umfrage bereits deutlich spürbar: Über 80 Prozent der Lehrkräfte berichteten von Beschwerden wie Schlafstörungen, Gereiztheit oder chronischem Stress. Fast jede dritte Lehrkraft gab an, bereits wegen schulisch bedingter Überlastung krankgeschrieben gewesen zu sein. Viele Befragte nannten besonders Phasen mit hoher Prüfungsdichte als belastend – etwa die Wochen zwischen Ostern und Pfingsten während der Abiturphase. Kurze Korrekturfristen für Klausuren und Prüfungen würden in dieser Zeit von vielen Lehrkräften als „unzumutbar“ empfunden.

Der Verband sieht darin ein strukturelles Problem. „Besonders bedenklich ist, dass sich unsere Lehrkräfte von Politik und Schulverwaltung nicht wahrgenommen fühlen und zu großen Teilen gesundheitliche Auswirkungen durch ihre Arbeit hinnehmen müssen. Dies ist ein Zustand, den wir so nicht hinnehmen können“, erklärte Rabbow.

Auffällig ist zudem die Zurückhaltung vieler Lehrkräfte bei offiziellen Überlastungsanzeigen. Fast 60 Prozent der Befragten erklärten, aus Angst vor möglichen Nachteilen darauf zu verzichten – etwa wegen möglicher Einträge in die Personalakte, eines schlechten schulischen „Standings“ oder befürchteter Nachteile bei Beförderungen. „Diese Zahlen zeigen, dass unsere Lehrkräfte offenbar große Bedenken haben, ihre Arbeitsbelastung öffentlich zu machen. Ein bedenklicher Befund“, so Rabbow.

Die GEW Hessen geht von einer Krankheitsquote unter Lehrkräften insgesamt von durchschnittlich etwa sechs Prozent aus. Darunter seien auch Fälle von schwerwiegenden und langwierigen Krankheitsfällen, erläuterte der hessische GEW-Vorsitzende Thilo Hartmann im vergangenen Dezember (News4teachers berichtete). Informationen über häufige Diagnosen in dieser Gruppe gebe es zwar nicht. In den Rechtsberatungen der Gewerkschaft seien aber mehrere Phänomene auffällig.

Psyche und Präsentismus spielen eine Rolle

„Diese Lehrkräfte sind häufig durch die psychischen Belastungen des Berufs erkrankt oder zeigen physische Auswirkungen zum Beispiel durch eine erhöhte und dauerhafte Lärmbelastung wie Tinnitus oder Hörstürze, die sich wiederum auf ihre Dienstfähigkeit auswirken können“, erläuterte Hartmann. Zudem gebe es das Phänomen des „Präsentismus“. Hierunter versteht man das Arbeiten trotz akuter Krankheit. „Fortgesetzter Präsentismus kann in der Folge zu einer Verstärkung des Krankheitsbildes und zu langfristigen und schwerwiegenden Erkrankungen führen“, sagte Hartmann. News4teachers / mit Material der dpa

Studie: Mehrzahl der Lehrkräfte ist – aufgrund von Überlastung – höherem Gesundheitsrisiko ausgesetzt

 

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2 Kommentare
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potschemutschka
3 Stunden zuvor

Vielleicht ist das immer wärmer werdende Wasser an den Erkrankungen schuld?
https://karrierebibel.de/boiling-frog-syndrom/
Manche Frösche steigen halt vorher aus der kochenden Brühe aus, wenn auch mit gesundheitlichen Schäden. Manche springen gleich vorher ab und andere gehen gar nicht erst in die Nähe des Kochtopfs. 🙂

Achin
2 Stunden zuvor

Traurige Ironie dabei ist, dass die GEW bei dieser Entwicklung nicht Teil der Lösung, sondern Teil des Problems ist. Zahlreiche GEW-Funktionäre (m/w/d) sehen sich eher als bildungspolitische Player denn als Mitarbeitervertretung.

Zahlreiche bildungspolitische Forderungen der GEW bestehen aus Schlagwörten ohne die notwendige Rückbindung an Ressourcen und erschweren den Unterrichtsalltag für jede reflektierte Lehrkraft.