BRAUNSCHWEIG. Die erste Klassenfahrt ist für viele Kinder der Grundschule ein Einschnitt: mehrere Tage ohne Eltern, neue Abläufe, fremde Umgebung. Lehrkräfte erleben dabei jedes Jahr, wie unterschiedlich Kinder auf diese Situation reagieren – zwischen Vorfreude und deutlicher Unsicherheit. Pädagoginnen und Pädagogen stehen damit nicht nur vor einer organisatorischen, sondern auch vor einer beratenden Aufgabe. Entscheidend ist, wie gut es gelingt, Eltern auf eine Erfahrung vorzubereiten, die für Kinder ebenso herausfordernd wie prägend sein kann.

Als die Busse am Morgen vor der Schule vorfahren, sind die Unterschiede sichtbar. Einige Kinder drängen nach vorne, andere bleiben dicht bei ihren Eltern stehen. Lehrkräfte kennen diese Situationen aus vielen Klassenfahrten: Der Abschied ist oft der Moment, in dem sich zeigt, wie sicher sich ein Kind fühlt. Und zugleich beginnt hier die pädagogische Arbeit, die weit vor der eigentlichen Fahrt eingesetzt hat – im Gespräch mit Eltern.
Denn Klassenfahrten in der Grundschule sind mehr als ein Ausflug. Sie gelten als wichtiger Baustein für soziale Erfahrungen, für Selbstständigkeit und für das Einüben von Gemeinschaft. „Kinder sollten spätestens ab fünf Jahren lernen dürfen, dass man ohne Eltern in einer anderen Umgebung als zu Hause gut schlafen kann“, sagt Inés Brock-Harder, Vorsitzende des Bundesverbandes für Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapie. Diese Fähigkeit entsteht jedoch nicht von selbst, sondern entwickelt sich schrittweise – im familiären Umfeld, bei Übernachtungen bei Freunden oder in institutionellen Kontexten wie Kita-Fahrten.
Für Lehrkräfte ergibt sich daraus eine klare Aufgabe: Sie müssen Eltern vermitteln, dass die Klassenfahrt kein isoliertes Ereignis ist, sondern Teil einer Entwicklung. Gleichzeitig gilt es, Erwartungen zu justieren. „Jedes Kind ist unterschiedlich“, betont Brock-Harder. Während einige Kinder kaum abwarten können, reagieren andere mit Unsicherheit oder körperlichen Symptomen wie Bauchschmerzen. Diese Unterschiede sind kein Ausnahmefall, sondern der Normalzustand.
„Ermöglichen Sie Ihrem Kind diese Erfahrung, die das Gemeinschaftsgefühl und die Selbstständigkeit stärkt“
In der Kommunikation mit Eltern wird damit ein zentraler Punkt relevant: die Rolle der elterlichen Haltung. Lehrkräfte berichten immer wieder, dass Kinder die Unsicherheit ihrer Eltern übernehmen. Wenn Mütter oder Väter Zweifel äußern oder ihre eigenen Sorgen betonen, verstärkt das die Ängste der Kinder. Brock-Harder formuliert es deutlich: „Ermöglichen Sie Ihrem Kind diese Erfahrung, die das Gemeinschaftsgefühl und die Selbstständigkeit stärkt.“ Für Lehrkräfte bedeutet das, Eltern nicht nur zu informieren, sondern sie aktiv in ihrer Rolle zu stärken – und zugleich zu begrenzen.
Svenja Telle, Grundschullehrerin in Wolfsburg und Vorstandsmitglied des Grundschulverbandes, beschreibt, wie Vorbereitung konkret aussehen kann. Lehrkräfte sollten Eltern dazu anhalten, die Klassenfahrt im Vorfeld positiv zu rahmen, ohne Sorgen zu relativieren. „Vielleicht erzählen Sie davon, wie toll Ihre eigenen Klassenfahrten früher waren“, schlägt sie als Aufforderung vor. Gleichzeitig kann Transparenz helfen, Unsicherheiten zu reduzieren: Fotos der Unterkunft, Informationen zum Tagesablauf oder gemeinsame Packlisten schaffen Orientierung.
Diese Vorbereitung ist aus pädagogischer Sicht mehr als organisatorisch. Sie zielt auf Selbstwirksamkeit. Wenn Kinder wissen, was sie erwartet, und bestimmte Abläufe bereits geübt haben, sinkt die Wahrscheinlichkeit, dass Unsicherheit in Heimweh umschlägt. Telle berichtet, dass sie mit ihren Klassen vorab praktische Fähigkeiten trainiert – etwa das Beziehen von Betten. Solche Übungen können auch Eltern zu Hause aufgreifen. Die Botschaft dahinter ist einfach, aber zentral: Du kannst das.
Ein weiterer Baustein ist der Umgang mit sogenannten Übergangsobjekten. Brock-Harder verweist auf deren Bedeutung: Ein Kuscheltier oder ein vertrauter Gegenstand kann die Verbindung zum Zuhause aufrechterhalten. „Kinder, die nichts mitgenommen haben, vermissen diesen ‚Gefährten von zu Hause‘ dann manchmal“, berichtet Telle aus der Praxis. Auffällig ist dabei, dass nicht jede Form von „Erinnerung“ hilfreich ist. Fotos der Familie, insbesondere mit emotional aufgeladenen Botschaften, können Heimweh verstärken. „Solche Bilder schüren den Schmerz eher noch“, sagt Telle.

Wenn das Heimweh dennoch einsetzt, zeigt sich die Bedeutung klarer Rollen zwischen Schule und Elternhaus. Lehrkräfte beobachten die Kinder vor Ort und reagieren situativ. Typische Strategien sind eine Kombination aus Ansprache, Ablenkung und Struktur. Gleichzeitig spielen basale Faktoren eine zentrale Rolle. „Ich versuche bei allen im Blick zu haben, dass sie vernünftig essen und halbwegs vernünftig schlafen“, sagt Telle. Aus ihrer Erfahrung ist das „die halbe Miete“. Müdigkeit und Hunger verstärken emotionale Reaktionen – ein Befund, der sich in vielen pädagogischen Kontexten bestätigt.
Auch Rituale können stabilisierend wirken. Vorlesen am Abend oder kleine Routinen im Zimmer helfen, den Tag zu strukturieren und Übergänge zu erleichtern. In einzelnen Fällen kommen auch körperbezogene Strategien zum Einsatz, etwa Wärme durch ein Körnerkissen, die ein Gefühl von Geborgenheit vermittelt.
„Je länger die Kinder fern vom Medienkonsum sind, desto positiver verändert sich das Miteinander“
Ein besonders sensibler Punkt in der Kommunikation mit Eltern ist der Umgang mit Kontaktmöglichkeiten. Telle spricht sich klar gegen Handys und Smartwatches auf Klassenfahrten aus. Ihre Begründung ist pädagogisch: Direkter Kontakt zu den Eltern kann Heimweh verstärken, statt es zu lösen. „Ein Kontakt ist über uns Lehrkräfte ja immer möglich“, sagt sie. Gleichzeitig ermöglicht diese Vermittlung eine professionelle Einschätzung der Situation, bevor Eltern eingebunden werden.
Darüber hinaus verweist Telle auf die soziale Dimension: Digitale Geräte verändern das Miteinander. „Je länger die Kinder fern vom Medienkonsum sind, desto positiver verändert sich das Miteinander“, berichtet sie. Die Erfahrung gemeinsamer Zeit ohne digitale Ablenkung wird von vielen Kindern im Rückblick als besonders prägend beschrieben.
Die Frage, ob ein Kind im Fall von Heimweh abgeholt werden sollte, gehört zu den konflikthaftesten Themen in Gesprächen mit Eltern. Brock-Harder plädiert für Zurückhaltung. „Lehrer sollten sich gut überlegen, ob sie das überhaupt als Option in den Raum stellen“, sagt sie. Ein vorschnelles Abholen kann die Erfahrung der Bewältigung verhindern. Gleichzeitig weist sie darauf hin, dass jede Entscheidung individuell getroffen werden muss.
Telle beschreibt die praktische Schwierigkeit: Wenn Kinder mit ihren Eltern telefonieren, lasse sich die Situation „selten wieder eingefangen“. In vielen Fällen führe das Gespräch dazu, dass das Kind abgeholt werde. Für Lehrkräfte entsteht daraus ein Spannungsfeld zwischen pädagogischem Anspruch und elterlicher Entscheidungshoheit.
Gleichzeitig gibt es Grenzen. Wenn hinter dem Heimweh tiefergehende Trennungsängste stehen, reicht die Situation einer Klassenfahrt nicht aus, um diese zu bearbeiten. „Wenn richtige Trennungsängste vorliegen, ist es nicht damit getan, eine Klassenfahrt durchzuziehen“, sagt Brock-Harder. In solchen Fällen kann therapeutische Unterstützung notwendig sein. News4teachers / mit Material der dpa
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„Klassenfahrten sind das Beste, was Schule leisten kann“: Bildungsforscher im Interview









Ich bin ja ein sehr großer Fan von Klassenfahrten und habe mit meinen eigenen Klassen jedes Jahr eine Klassenfahrt beginnend ab dem ersten Schuljahr gemacht. Dabei waren meine Erfahrungen unglaublich vielfältig auch was das Thema Heimweh angeht. Ich fand es dabei wichtig, dass man zunächst nur ganz kurze Klassenfahrten (1. Schuljahr = 1 Übernachtung, 2. Schuljahr = 2 Übernachtungen,….) Macht und diese in der Nähe stattfinden. So kann man Kindern mit Heimweh vermitteln, dass sie ganz bald wieder zuhause sind und sie darin bestärken, es durchzuhalten. Manchmal sind es auch nur ganz kurze Phasen von Heimwehgefühlen, die sich durch Ablenkung gut einfangen lassen. Es gibt aber auch starke Gefühle von Heimweh, wo all die Ablenkung einfach nichts nutzt. Fängt ein Kind erstmal zu weinen an, wird es schwierig, denn es steigert sich immer weiter rein und nimmt andere Kinder da ganz oft mit…..
In diesem Fall, sollte man das Kind wirklich abholen lassen, denn ein so starkes Gefühl kann auch traumatisierend sein…..