Start Tagesthemen Datengestützte Schulentwicklung: Deutschland hinkt hinterher – ein Gastkommentar

Datengestützte Schulentwicklung: Deutschland hinkt hinterher – ein Gastkommentar

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HAMBURG. Schulen sollen heute gezielter fördern, Ressourcen wirksamer einsetzen und Entwicklungen nachvollziehbar steuern. Gleichzeitig wächst die Komplexität des Systems spürbar. Daten könnten dabei Orientierung geben – doch ihre Nutzung bleibt in Deutschland oft fragmentarisch. Der Bildungsexperte Udo Beckmann beschreibt, warum datengestützte Schulentwicklung international längst zum Standard gehört und weshalb sie hierzulande noch immer an strukturellen Hürden scheitert.

Udo Beckmann. Illustration: News4teachers

Datengestützte Schulentwicklung: Warum sie längst notwendig ist – und woran ihre Umsetzung noch scheitert

Schulleitungen, Schulaufsicht und Schulträger stehen heute unter wachsendem Erwartungsdruck. Entscheidungen sollen begründet, Entwicklungen nachvollziehbar und Ressourcen wirksam eingesetzt werden. Gleichzeitig nimmt die Komplexität schulischer Realität weiter zu: heterogene Lerngruppen, Fachkräftemangel, steigende psychosoziale Belastungen und die fortschreitende digitale Transformation.

In dieser Situation stellt sich eine grundlegende Führungsfrage: Wie kann Schulentwicklung noch verantwortungsvoll gesteuert werden, wenn Entscheidungen überwiegend ohne systematisch genutzte Daten getroffen werden?

International ist die Antwort darauf längst klar. In Deutschland wird sie noch verhandelt.

In vielen leistungsstarken Bildungssystemen gehört evidenzbasierte Steuerung inzwischen selbstverständlich zur Schulentwicklung. Die Organisation for Economic Co-operation and Development beschreibt dateninformierte Entscheidungen seit Jahren als zentrale Voraussetzung wirksamer Bildungssteuerung. Dabei geht es ausdrücklich nicht um technokratische Kontrolle, sondern um professionelle Orientierung. Der Schlüsselbegriff lautet „evidence-informed policy“.

Erfahrung bleibt wichtig – wird aber durch belastbare Informationen ergänzt. Anders formuliert: Gute Systeme ersetzen Intuition nicht durch Zahlen, sondern stärken Entscheidungen durch Evidenz.

Ein Blick in andere Länder zeigt, dass nicht die Menge der Daten entscheidend ist, sondern ihre Einbindung in Steuerungsprozesse. In Estland stehen Schulen integrierte Lernverlaufsdaten zur Verfügung, sodass Entscheidungen über Förderung und Schulentwicklung auf langfristigen Entwicklungen statt auf Momentaufnahmen basieren. In den Niederlanden gehört die datenbasierte Schulselbstevaluation zur professionellen Praxis. In Kanada, insbesondere in Ontario, werden Daten gezielt für die Unterrichtsentwicklung genutzt und nicht zur Bewertung einzelner Schulen. Finnland wiederum zeigt, dass Datennutzung auch ohne Vergleichsdruck funktionieren kann, wenn Vertrauen die Grundlage bildet.

Die Gemeinsamkeit dieser Systeme liegt nicht in ihrer Technologie, sondern in ihrer Steuerungslogik.

Auch deutsche Schulen verfügen längst über umfangreiche Informationen: Vergleichsarbeiten, Lernstandserhebungen, Abschlussdaten, Übergangsquoten, Fehlzeitenstatistiken, Evaluationsergebnisse und Inspektionsberichte. Dennoch bleiben viele dieser Daten im Alltag wirkungslos.

Schulleitungen berichten häufig: „Wir haben viele Daten – aber keine Zeit, sie auszuwerten.“ Schulaufsichten erleben: „Wir erhalten Berichte – aber kaum steuerungsrelevante Erkenntnisse.“ Schulträger stellen fest: „Wir investieren Ressourcen – wissen aber zu wenig über deren Wirkung.“

Das Problem liegt daher nicht in der Datenerhebung, sondern in der fehlenden Verknüpfung von Daten und Entscheidungen.

International gilt datengestützte Schulentwicklung als Bestandteil professionellen Leitungshandelns. In Deutschland wird sie dagegen häufig als Projekt, Fortbildungsthema, IT-Frage oder Evaluationsinstrument verstanden. Ihre eigentliche Wirkung entfaltet sie jedoch dort, wo Führung konkret stattfindet: bei Prioritätensetzungen, Ressourcenentscheidungen, Zielvereinbarungen, Unterstützungsstrategien und Schulentwicklungsprozessen.

Daten verändern keine Schulen. Entscheidungen tun es.

Schulleitungen treffen täglich Entscheidungen unter Unsicherheit: Welche Fördermaßnahmen wirken tatsächlich? Wo entstehen neue Belastungen im Kollegium? Welche Projekte sollten fortgeführt werden? Welche Interventionen zeigen Wirkung? Werden solche Entscheidungen ohne belastbare Informationen getroffen, erscheinen sie zwangsläufig subjektiv.

Datennutzung schafft hier keine Kontrolle, sondern Orientierung.

Gleichzeitig ist die Skepsis gegenüber Datennutzung verständlich. Viele Führungskräfte im Bildungssystem stellen die berechtigte Frage, ob Schule künftig über Kennzahlen gesteuert werden soll. Diese Sorge ist ernst zu nehmen, denn schlechte Datennutzung kann tatsächlich zu Fehlsteuerung führen. Wenn Daten auf Rankings, Vergleichstabellen, isolierte Leistungsindikatoren oder verkürzte Zielvereinbarungen reduziert werden, entsteht keine Qualitätsentwicklung, sondern Druckverwaltung.

Datengestützte Schulentwicklung darf daher nicht mehr Kontrolle bedeuten, sondern muss mehr Klarheit ermöglichen.

Dass sie in Deutschland bislang nur begrenzt wirksam ist, liegt nicht an mangelnder Bereitschaft in den Schulen. Die zentralen Barrieren sind strukturell. Dazu gehört erstens die föderale Fragmentierung, durch die unterschiedliche Verfahren, Plattformen und Indikatoren eine gemeinsame Steuerung erschweren. Zweitens wirkt eine historisch gewachsene Skepsis gegenüber Kontrolle fort, bei der Evaluation häufig mit Bewertung und Transparenz mit Druck gleichgesetzt wird. Drittens fehlt es vielerorts an Datenkompetenz in den Leitungssystemen, weil Datennutzung nicht als originäre Führungsaufgabe verankert ist. Viertens besteht eine unzureichende Verbindung zwischen Schule, Schulaufsicht und Schulträger, sodass Daten zwar erhoben, aber selten gemeinsam genutzt werden.

So entsteht Parallelsteuerung statt gemeinsamer Entwicklung.

Ein entscheidender Punkt wird in der aktuellen Diskussion häufig unterschätzt: Datengestützte Schulentwicklung kann nicht allein auf Schulebene entstehen, sondern ist eine steuerungspolitische Aufgabe. Schulleitungen können Daten nutzen, Schulaufsichten sie interpretieren, Schulträger sie bündeln. Doch nur Bildungspolitik kann klären, wofür Daten eingesetzt werden, welche Daten verfügbar sein müssen, wer Zugriff erhält, welche Schutzstandards gelten und wie Unterstützung organisiert wird.

Vor allem aber kann Politik deutlich machen, wozu Daten nicht dienen sollen. Solange diese Klarheit fehlt, bleibt Zurückhaltung eine rationale Haltung.

Datengestützte Schulentwicklung entfaltet ihre Wirkung erst dann, wenn sie die Ebenen verbindet: wenn Schulleitungen Entwicklungsbedarfe erkennen, Schulaufsichten Unterstützung priorisieren und Schulträger Ressourcen entsprechend ausrichten. Dann entsteht Steuerung im System – nicht nebeneinander, sondern miteinander.

Internationale Erfahrungen zeigen dabei ein konsistentes Muster: Schulen erhalten Zugang zu relevanten Informationen, Daten werden professionell gemeinsam interpretiert und die gewonnenen Erkenntnisse führen zu konkreter Unterstützung. Daten ohne Interpretation verändern nichts, Daten ohne Unterstützung noch weniger.

International besteht weitgehend Konsens: Datengestützte Qualitätsentwicklung gehört zur Grundstruktur moderner Bildungssysteme. Die entscheidende Frage lautet daher nicht mehr, ob mehr Daten benötigt werden, sondern wie Daten Teil einer gemeinsamen Verantwortung für Schulentwicklung werden können.

Genau hier liegt die strategische Schlüsselrolle von Schulleitung, Schulaufsicht und Schulträgern. Denn sie entscheiden gemeinsam, ob Daten eine reine Berichtspflicht bleiben – oder zu einem Instrument werden, das Schulentwicklung sichtbar macht, Entscheidungen absichert und Handlungsspielräume erweitert. News4teachers

Zur Person

Udo Beckmann ist Grund- und Hauptschullehrer, leitete zehn Jahre eine Hauptschule in herausfordernder Lage mit einer Schülerschaft, die zu 80 Prozent aus Familien mit Migrationshintergrund stammten. Er war zudem 16 Jahre Vorsitzender der zweitgrößten Lehrergewerkschaft in Nordrhein-Westfalen (des VBE) und 13 Jahre Bundesvorsitzender. Heute ist er Leiter des Programmbeirats beim Deutschen Schulleitungskongress.

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