Start Praxis Können angehende Grundschul-Lehrkräfte erklären, warum etwas richtig geschrieben wird?

Können angehende Grundschul-Lehrkräfte erklären, warum etwas richtig geschrieben wird?

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PÖLTEN. Grundschullehrkräfte sollen Kindern nicht nur vermitteln, wie ein Wort richtig geschrieben wird. Sie müssen Fehler erkennen, erklären und daraus Hinweise für das weitere Lernen ableiten können. Eine aktuelle österreichische Studie wirft allerdings die Frage auf, wie sicher angehende Lehrkräfte genau darin sind: Während Lehramtsstudierende Rechtschreibaufgaben überwiegend bewältigten, konnten sie ihre Entscheidungen wesentlich seltener fachlich begründen. Bemerkenswert ist zudem: Studierende am Ende ihres Bachelorstudiums schnitten bei Rechtschreibung und Grammatik nicht signifikant besser ab als Studierende am Anfang.

Korrekt? (Symbolfoto.) Foto: Shutterstock

Richtig schreiben – und erklären können, warum etwas richtig geschrieben wird: Für die Bildungsforscher*innen Gabriele Beer, Verena Müller und Rudolf Beer von der Kirchlichen Pädagogischen Hochschule Wien/Niederösterreich sind das zwei verschiedene Dinge. Wer Kindern Rechtschreibung vermitteln soll, brauche nicht nur eigenes Können, sondern auch Wissen über die Strukturen der Sprache. Die Forschenden formulieren den Zusammenhang entsprechend deutlich: „Denn wer Rechtschreiben unterrichten will, muss es auch selbst können und verstehen.“

Wie ausgeprägt dieses Können und Verstehen bei angehenden Grundschullehrkräften ist, haben sie im Forschungsprojekt DIAGNOST-D untersucht. Im Wintersemester 2024/2025 nahmen 126 Studierende des Primarstufenlehramts an einem Hochschulstandort teil. 68 von ihnen befanden sich im ersten oder zweiten Studiensemester, 57 im siebten oder achten Semester.

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Die Ergebnisse fallen je nach untersuchter Kompetenz sehr unterschiedlich aus. Bei den Rechtschreibaufgaben erreichten die Studierenden eine Lösungsrate von 81 Prozent. Deutlich schlechter sah es bei der Grammatik aus: Hier wurden 48,07 Prozent der Aufgaben gelöst. Noch niedriger war die von den Forschenden so bezeichnete „Begründungskompetenz“ mit einer Lösungsrate von lediglich 37,16 Prozent.

Dieser Unterschied ist für den späteren Beruf relevant. Grundschullehrkräfte müssen schließlich nicht nur selbst die richtige Schreibweise finden. Das Korrigieren und Diagnostizieren von Schülerarbeiten gehöre zu den Kernaufgaben von Lehrpersonen, argumentieren die Autorinnen und der Autor. Entsprechend untersuchten sie, ob die Studierenden Fehler in eigens konstruierten Kindertexten erkennen und analysieren konnten. Anschließend sollten sie zu ausgewählten Fehlern passende Rechtschreib- und Grammatikregeln angeben.

Dabei zeigte sich ein Muster: Viele Studierende kommen offenbar zu Schreibentscheidungen, ohne die dahinterliegenden sprachlichen Strukturen ausdrücklich benennen zu können. Nach der qualitativen Auswertung orientiert sich ein großer Teil bei Schreibentscheidungen an der Lautung. Andere arbeiten mit Wortfamilien, Analogien, Eselsbrücken oder Strategien, die sie offenbar selbst aus der Schulzeit kennen.

Eine Studentin beschreibt ihr Vorgehen beispielsweise so: „Ich sage mir das Wort laut vor und mache die Silbentrennung. Wenn ich mir sehr unsicher bin, schreibe ich das Wort mit verschiedenen Schreibweisen ein paar Mal auf und schaue, wie es am logischsten aussieht.“ Die Forschenden erkennen darin ein vorwiegend intuitives Vorgehen: Die Studierenden griffen auf Können und Wissen zurück, könnten aber häufig nicht explizit begründen, weshalb sie sich für eine bestimmte Schreibweise entschieden.

Besonders anschaulich wird das Problem bei den Eselsbrücken. Eine Versuchsperson erklärt: „Generell verwende ich gerne so ‚Hilfssprüche‘“. Tatsächlich wurde in der Untersuchung allerdings nur zweimal ausdrücklich eine entsprechende Regel genannt – in beiden Fällen dieselbe: „Wer nämlich mit h schreibt, ist dämlich“. In einem der beiden Fälle wurde dabei ausgerechnet „dämlich“ selbst mit h geschrieben.

Andere Strategien funktionieren durchaus, bleiben aber ebenfalls teilweise auf der Ebene eigener Schreibhilfen. Beim Unterschied zwischen „das“ und „dass“ erklärt etwa eine Studierende: „Immer, wenn ich statt ‚das‘ ‚des‘ – auf Waldviertlerisch einsetzen kann, passt es so“. Eine andere geht weiter und bezieht sprachliche Zusammenhänge ein: „Bei ‚dass‘, ‚das‘ versuche ich die Mundartstrategie zu verwenden bzw. schaue ich auf welches Wort sich das ‚dass‘ oder ‚das‘ bezieht“.

Die Autorinnen und der Autor sehen darin einen Hinweis auf eine grundsätzliche Herausforderung der Ausbildung. Für den Rechtschreibunterricht genügt es nicht, aufgrund eigener Sprachroutine zur richtigen Lösung zu kommen. Die Forschenden verweisen auf die Bedeutung metasprachlichen Wissens: Kompetente Lernende müssten ihr sprachliches Handeln beobachten, reflektieren und kontrollieren. Die eigene Auswertung zeige jedoch, dass viele Studierende Strategien zwar benennen, „jedoch keinen weiteren Einblick in ihr Tun und Handeln“ geben.

Am Studienende sicherer – aber im Test nicht besser

Ein weiterer Befund der Untersuchung wirft Fragen an die Lehramtsausbildung auf. Die Studierenden sollten zunächst selbst einschätzen, wie sicher sie sich in Rechtschreibung und Grammatik fühlen. Insgesamt bewerteten sie ihre Rechtschreibsicherheit auf einer Skala von eins bis zehn mit durchschnittlich 7,54 Punkten, ihre Grammatiksicherheit mit 7,36 Punkten.

Dabei zeigte sich zwischen Studienanfang und Studienende ein deutlicher Unterschied. Die subjektive Rechtschreibsicherheit stieg von durchschnittlich 7,24 Punkten bei Studierenden im ersten Studienjahr auf 7,89 Punkte bei den Studierenden am Studienende. Bei der Grammatik ging es von 7,06 auf 7,72 Punkte. Beide Unterschiede sind nach Angaben der Forschenden statistisch signifikant.

In den tatsächlichen Testleistungen findet sich ein entsprechender Unterschied dagegen nicht. News4teachers 

Hier lässt sich die vollständige Studie herunterladen. 

21st-Century-Skills: Warum Rechtschreibung auch in Zukunft nicht an Bedeutung verlieren wird – im Gegenteil

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9 Kommentare
Abgrenzung
16 Stunden zuvor

In meinem Bachelorstudium war Didaktik der Rechtschreibung KEIN Thema. Ich habe auf Grundschullehramt studiert, unter anderem das Fach Deutsch / Germanistik …

Hatten die Studierenden Seminare oder Vorlesungen zum Thema „Didaktik der Rechtschreibung“? Und falls ja, welche Qualität hatten die Veranstaltungen?

Fridolin
11 Stunden zuvor
Antwortet  Abgrenzung

Also ich musste als Erstes bei Studiumsbeginn einen Rechtschreibtest ablegen, ohne den ich nicht hätte Germanistik studieren dürfen. (Ich glaube, es gab eine Wiederholungsmöglichkeit.)

Und ich meine mich zu erinnern, dass man mit einer 4 zu den Besten gehörte. 😉

Fridolin
11 Stunden zuvor

Wenn in der Schule Rechtschreibphänomene besprochen und geübt werden, vermittelt man meiner Meinung nach doch immer auch passende Regeln, die diese Schreibweisen begründen. Das Problem ist ja nur, dass sie immer wieder doch nicht gelten, manchmal so oft, dass die Regel eigentlich keinen Sinn macht. Oder es sind nicht anwendbare Regeln, wie z.B. dass das V in Wörtern germanischer Herkunft als „F“ gesprochen, in Wörtern romanischer Herkunft als W gesprochen wird. Aber woher weiß denn ein Kind, welche Wörter aus germanischen oder romanischen Sprachen stammen? Und welche Regel sagt dem Kind, dass der F-Laut in diesen germanischen Wörtern als V und in anderen aber doch als F geschrieben wird?

So bestätigt sich eigentlich durch diesen Artikel für mich, dass wir die Rechtschreibung nicht in erster Linie nach Regeln lernen, die wir kennen und anwenden, sondern uns Wortbilder einprägen. Und das bestätigt, dass wir viel lesen und viel schreiben müssen und dass Falschschreibungen korrigiert und berichtigt werden müssen, damit man sich die richtigen Schreibweisen einprägt.

An Regeln denken wir doch erst, wenn wir selber zweifeln. Dazu müssen wir aber erstmal zweifeln! Die meisten schreiben etwas falsch und halten es für richtig. Sie zweifeln also gar nicht, sodass sie auch nicht überlegen, welche Regel hier eigentlich zutrifft.

Deutschlehrer sollten die Regeln aber grundsätzlich kennen!

Lera
11 Stunden zuvor

Kaum vorstellbar.

Welches Bundesland, welche Uni?

Ein Herr
11 Stunden zuvor

Wir hatten mehrere Veranstaltungen: Grammatik für Anfänger (hieß wirklich so), Grammatik 1 und 2 (also quasi alles von Morpheme, Phoneme, Kasus…..ach weiss ich noch alles), Syntax 1 und 2 (alkgemeine Syntax und nachher Analyse von komplexen Satzstrukturen gemäss der Grammatik von Eisennberg)und dazugehörige Didaktikseminare; Studium für Berufskolleg, allerdings vor der Umstellung auf Bachelor

Lampedusa
9 Stunden zuvor

Ich arbeite an einer Grundschule und ich staune immer wieder im Kollegenchat, wie viele Fehler die Kollegen machen. Vor allem natürlich die Nicht-Deutschlehrer, das will ich einräumen. Aber auch eine Kollegin, die sich immer dafür ausspricht, dass die Kinder Punkteabzug bei Rechtschreibfehlern in Kurzkontrollen und Klassenarbeiten bekommen sollen, ich sage mal so, hat noch nie etwas von der Zeichensetzung gehört. Das können nicht nur Tippfehler sein!

blau
7 Stunden zuvor

Hä? Sogar in Mathe thematisiere ich sowas. Wie können angehende Deutschlehrkräfte. Sowas nicht wissen?

Lera
7 Stunden zuvor

Ich habe mir mal die zeitlich einschlägige Modulübersicht zum Lehramt Primarstufe an der Kirchlichen Hochschule, wo die Studie so mutmaßlich wie „naheliegenderweise“ durchgeführt wurde, angeschaut.

https://kphvie.ac.at/fileadmin/Mitteilungsblatt/KPH-2022_MB_223_Curriculum_Bachelor_Primarstufe.pdf

Dort gibt es erschreckend wenig Fachwissenschaft! Fachliche Grundlagen für die Grundschule wie Schriftspracherwerb finden sich kaum und dann auch nur, wenn man den „Schwerpunkt Sprache“ wählt. Hier findet sich tatsächlich auch eine (!) fachwissenschaftliche Veranstaltung:

„Formale und funktionale Aspekte in der Grammatik, Pragmatik und Semantik“ (2,5 ECTS)

Ich vermute, dass auf die 37,16 Prozent der Studenten der Hochschule mit Begründungskompetenz Folgendes zutrifft:

  • Sie haben den „Schwerpunkt Sprache“ gewählt.
  • Sie sind zum Zeitpunkt der Befragung bereits in den Genuss der genannten Veranstaltung gekommen.

Insofern kann man wohl sagen, dass hier herausgefunden wurde, dass das Curriculum der Kirchlichen Hochschule Wien für das Lehramt Primarstufe zu wenig fachwissenschaftliche Grundlagen im Fach Deutsch beeinhaltet.

Ist ja auch eine Erkenntnis.

Mein_Senf
6 Stunden zuvor

Ich habe Deutsch im Lehramtsstudium Grundschule als Hauptfach studiert. In Berührung mit Grammatik oder auch Rechtschreibung kam ich exakt 2x. Der Rest waren Seminare zur Jugendliteratur, dem Vergleich der Edda mit den Nibelungen, Rhetorik und andere ähnlich benannte Seminare.
Das was ich am Anfang meines Studiums in Bezug auf Rechtschreibung kann, hab ich nicht im Studium gelernt.