Start Tagesthemen Zurück zur alten Dorfschule? Jahrgangsübergreifender Unterricht soll Standorte retten

Zurück zur alten Dorfschule? Jahrgangsübergreifender Unterricht soll Standorte retten

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DRESDEN. Früher gehörte es zum Schulalltag auf dem Land, dass Kinder unterschiedlichen Alters gemeinsam unterrichtet wurden. Nun könnte dieses Modell in Sachsen wieder an Bedeutung gewinnen. CDU und SPD wollen den jahrgangs- und klassenstufenübergreifenden Unterricht weiterentwickeln, um kleine Schulstandorte trotz sinkender Schülerzahlen zu erhalten. Der Sächsische Lehrerverband (SLV) hält das grundsätzlich für sinnvoll – warnt aber davor, aus der pädagogischen Lösung ein Sparmodell zu machen.

Anno dazumal… (Symbolbild.) Illustration: News4teachers

Wie Schule früher auf dem Land funktionierte, lässt sich im sächsischen Blankenhain besichtigen. Dort steht noch ein Dorfschulgebäude aus dem Jahr 1737, in dem einst Kinder unterschiedlicher Jahrgänge in einem einzigen Schulraum unterrichtet wurden. Getrennt wurde nur grob: Die jüngeren kamen am Nachmittag, die älteren am Vormittag. Was in Dörfern lange zum Schulalltag gehörte, könnte in Sachsen nun wieder stärker an Bedeutung gewinnen: der gemeinsame Unterricht von Kindern verschiedener Jahrgangsstufen.

Denn in ländlichen Regionen stellt sich angesichts sinkender Schülerzahlen zunehmend die Frage, wie kleine Grundschulen erhalten werden können. Wo die Zahl der Kinder nicht mehr für eigenständige Jahrgangsklassen ausreicht, bietet gemeinsamer Unterricht unterschiedlicher Altersgruppen eine Möglichkeit, Schulstandorte zu sichern. Das Modell ist keineswegs neu: An einigen sächsischen Grundschulen lernen bereits Kinder der ersten und zweiten oder der dritten und vierten Klasse gemeinsam.

CDU und SPD wollen solche Unterrichtsformen nun systematisch untersuchen und weiterentwickeln. Ein entsprechender Antrag sieht eine Bestandsaufnahme der bestehenden Angebote sowie einen Ausbau der Beratungs- und Unterstützungsangebote beim Landesamt für Schule und Bildung vor. Der Sächsische Landtag hat die Initiative am Mittwoch beraten und zur weiteren Behandlung an den Ausschuss für Schule und Bildung überwiesen.

„Jahrgangsübergreifender Unterricht kann eine tragfähige Lösung sein, darf aber nicht vorschnell zur organisatorischen Antwort auf sinkende Schülerzahlen werden“

Der Sächsische Lehrerverband begrüßt die geplante Bestandsaufnahme und eine bessere fachliche Begleitung der Schulen. Zugleich warnt er davor, aus sinkenden Schülerzahlen unmittelbar die Konsequenz zu ziehen, unterschiedliche Jahrgänge zusammenzulegen. Entscheidend müsse sein, ob die jeweilige Unterrichtsform pädagogisch sinnvoll sei und die Schulen über die notwendigen Voraussetzungen verfügten.

„Nicht jede Schule muss groß sein, um gute Bildung zu ermöglichen. Aber jede Schule braucht die notwendigen Voraussetzungen dafür. Jahrgangsübergreifender Unterricht kann eine tragfähige Lösung sein, darf aber nicht vorschnell zur organisatorischen Antwort auf sinkende Schülerzahlen werden“, erklärt der SLV-Landesvorsitzende Michael Jung.

Der Verband verweist dabei auf eine Möglichkeit, die das sächsische Schulgesetz bereits vorsieht. Nach Paragraf 4a Absatz 5 können in begründeten Ausnahmefällen Abweichungen von den vorgeschriebenen Mindestschülerzahlen zugelassen werden. Für bestehende Grundschulen im ländlichen Raum gilt diese Regelung entsprechend. Bevor Jahrgangsstufen zusammengelegt werden, müssten solche Ausnahmegenehmigungen deshalb vorrangig geprüft und die gesetzlichen Spielräume ausgeschöpft werden.

Wo unterschiedliche Jahrgänge gemeinsam unterrichtet werden, verlangt der Verband deutlich bessere personelle und organisatorische Rahmenbedingungen. Denn der Unterricht in altersgemischten Lerngruppen erfordert eine differenzierte Planung. Lehrkräfte müssen verschiedene Lehrplaninhalte aufeinander abstimmen, Aufgaben für unterschiedliche Leistungsstände entwickeln und individuelle Lernprozesse begleiten. Hinzu kommt die Herausforderung, innerhalb einer Lerngruppe Kinder mit unterschiedlichen Entwicklungsständen und Lernvoraussetzungen gleichzeitig zu fördern.

Der SLV fordert deshalb deutlich kleinere Lerngruppen, verbindliche pädagogische Konzepte, gezielte Fortbildungen, geeignete Lernmaterialien und ausreichend Zeit für die Unterrichtsvorbereitung. Vor allem aber hält der Verband eine verlässliche Doppelbesetzung durch zwei Lehrkräfte im Unterricht für unverzichtbar. „Neue Unterrichtsformen dürfen nicht dazu führen, dass die Beschäftigten zusätzliche Aufgaben ohne entsprechende Vorbereitung und personelle Unterstützung übernehmen müssen“, stellt der SLV klar. Jahrgangsübergreifende Lernprozesse müssten geplant, koordiniert, begleitet und ausgewertet werden. Unterschiedliche Lernziele und Förderbedarfe erforderten Absprachen und eine kontinuierliche pädagogische Steuerung.

Deshalb verlangt der SLV auch für kleine Schulstandorte eine eigenständige Schulleitung, die ausschließlich für die jeweilige Schule zuständig ist. Eine geteilte Schulleitungsverantwortung für mehrere Schulen werde dem zusätzlichen Steuerungs- und Koordinierungsaufwand nicht gerecht. Der Erhalt kleiner Schulen müsse folglich nicht nur die Existenz eines Standorts sichern, sondern auch dessen eigenständige pädagogische und organisatorische Handlungsfähigkeit.

Der Verband verbindet seine Forderungen zudem mit einer grundsätzlichen Warnung vor einer schleichenden Veränderung der sächsischen Schulstruktur. Auch die im Antrag von CDU und SPD angesprochenen Überlegungen zum „strukturübergreifenden Lernen“ betrachtet er zurückhaltend. Der SLV bekenne sich zum „gegliederten, durchlässigen, begabungs- und leistungsgerechten Schulsystem“. Jahrgangs- und klassenstufenübergreifende Lernformen könnten unter bestimmten Bedingungen sinnvoll sein, dürften aber nicht zu einem allgemeinen Reformmodell für die sächsischen Schulen werden.

Fazit: „Pädagogische Belange müssen Vorrang vor finanzpolitischen Erwägungen haben. Wir brauchen keine organisatorischen Sparmodelle, sondern tragfähige Lösungen, die gute Bildung ermöglichen und die Lehrkräfte nicht zusätzlich belasten“, betont SLV-Landeschef Jung. News4teachers / mit Material der dpa

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