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Hindukusch statt Hattersheim

Motiviert: Mädchen in Schuluniform an der Kaloi-Ogeri-Schule (Christiane Althoff ist mittendrin). Foto: Althoff/GIZ

Motiviert: Mädchen in Schuluniform an der Kaloi-Ogeri-Schule (Christiane Althoff ist mittendrin). Foto: Althoff/GIZ

Lehrkräfte aus Deutschland bilden Kollegen in Afghanistan aus. Wie eine deutsche Pädagogin den Alltag in einem tief zerrütteten Land meistert

Es gibt Tage, an denen will sie einfach nur raus. Dann wünscht sie sich nichts sehnlicher als in ihre Laufschuhe zu schlüpfen und eine Runde zu joggen – einfach so. Aber sie weiß, dass das unmöglich ist. Also schnappt sie sich ihr rotes Kopftuch, legt es sorgfältig um ihr kinnlanges, braunes Haar und öffnet die Haustür. Bevor sie in den Wagen zu ihrem Fahrer steigt, meldet sie sich beim Sicherheitsdienst ab. Jeden Schritt außerhalb der Wohnung muss sie sich genehmigen lassen, jeden Abend Bescheid geben, dass sie wohlbehalten zurückgekehrt ist.

Christiane Althoff, 35 Jahre, geboren im Kreis Coesfeld, ist eigentlich Lehrerin für Mathematik, Deutsch und Politik an einer hessischen Gesamtschule. Im Oktober 2009 hat sie Hattersheim gegen den Hindukusch getauscht und arbeitet seitdem als zivile Aufbauhelferin in Afghanistan, einem der ärmsten Länder der Welt. Die 30 Jahre lang andauernden Unruhen haben ihre Spuren hinterlassen: Die Analphabetenquote liegt bei über 70 Prozent, drei Viertel der Männer sowie 93 Prozent der Frauen haben keinen Schulabschluss, Mädchen durften jahrzehntelang überhaupt nicht zur Schule gehen. Der Hunger nach Bildung und Fortschritt ist groß.

Die 20-minütige Autofahrt zum Teacher Training College (TTC), am Stadtrand von Mazar-e Sharif in der nordafghanischen Provinz Balkh, führt über staubige Wege, vorbei an hügeligen Landschaften und Frauen, die sich in der Öffentlichkeit nie ohne Burka zeigen. Obwohl diese Gegend zu den sichersten des Landes gehört, wurden Anfang April elf Menschen, darunter acht UN-Mitarbeiter, von wütenden Demonstranten getötet. Hier arbeitet Christiane Althoff gemeinsam mit vier afghanischen Kollegen daran, die Lehrerausbildung und Unterrichtsqualität zu verbessern: Sie erstellen Materialien, beobachten Unterricht und bilden afghanische Dozenten in Seminaren als Multiplikatoren aus, damit diese ihr Wissen an andere Lehrkräfte weitergeben. Althoffs Arbeit ist Teil des Grundbildungsprogramms der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) und der KfW Entwicklungsbank und zentrale Säule der deutschen Aufbauhilfe.

Zeltschulen auf dem Land: im Sommer unerträglich heiß in den Wintermonaten wegen der Kälte geschlossen. Foto: Althoff/GIZ

Zeltschulen auf dem Land: im Sommer unerträglich heiß in den Wintermonaten wegen der Kälte geschlossen. Foto: Althoff/GIZ

Während hierzulande über individuelle Förderung und den Einsatz von Whiteboards oder Tablet- PC diskutiert wird, beginnt die Arbeit in Afghanistan fast beim Punkt Null. „In den Seminaren geht es wirklich um ganz grundsätzliche Dinge, die wir in Deutschland am Anfang des Referendariats lernen“, sagt Althoff. Sie erklärt, wie man eine Stunde aufbaut, welche Sozialformen es gibt und wie man mit schwierigen Schülern umgeht.

Eine Arbeit, die der Deutschen einiges abverlangt. „Die größte berufliche Herausforderung ist das sehr schwache Niveau der Lehrer – nicht nur methodisch, das hatte ich erwartet, sondern besonders auch fachlich“, erzählt sie. „Bis Mitte des vergangenen Jahrzehnts ist kaum mehr als der Koran gelehrt worden. Schüler, die die achte Klasse absolviert haben, wurden ohne weitere Ausbildung als Lehrer eingesetzt.“ Tatsächlich verfügen nur knapp 30 Prozent der 154.000 Lehrkräfte über eine erforderliche Qualifizierung.

Reproduktion statt Reflexion

Und das macht sich auch im Unterricht bemerkbar. Mathestunde in der Kaloi-Ogeri-Schule am Stadtrand von Mazar-e Sharif: Der Unterricht unter freiem Himmel oder in provisorischen Zelten ist die Regel, gemauerte Gebäude hingegen die Ausnahme. Christiane Althoff sitzt zwischen 50 Schülerinnen, einer vergleichsweise kleinen Klasse, und macht sich Notizen. „Leider sieht der Unterricht in über 90 Prozent der Stunden so aus, dass der Lehrer etwas erklärt und den Schülern danach Fragen dazu stellt“, sagt sie. Gemeinsames Lesen? Fehlanzeige: Meist gibt es nur ein Buch und das nutzt der Lehrer. Tafelbilder? Die können nur diejenigen abschreiben, die Heft und Stift besitzen. Die wenigsten Schulen sind so gut ausgestattet wie diese. Althoff: „Wenn man in deutschen Kompetenzstufen denkt, ist der Unterricht zumeist rein reproduktiv, ohne jede Anwendung oder gar kritische Reflexion.“

Entsprechend dankbar sind die afghanischen Kollegen für konstruktive Kritik. Die Motivation, sich weiterzuentwickeln, ist groß. „Die Lehrer fragen immer wieder nach, ob sie nicht häufiger an den Seminaren teilnehmen können. Die meisten wissen, dass ihr Unterricht nicht gut ist, aber sie haben keinerlei Idee, wie sie ihn verändern können“, erklärt die 35-Jährige. Pädagogische Literatur gebe es ebenso wenig wie Fortbildungen.

In den meisten Schulen werden Mädchen und Jungen getrennt unterrichtet, oft in drei bis vier Schichten für je drei Stunden. Die Bildungssituation der Mädchen ist besonders schwierig, da ihnen der Schulbesuch lange verwehrt wurde und sie ab der Klasse 7 nicht mehr von männlichen Lehrkräften unterrichtet werden dürfen. „In vielen Mädchenschulen fehlen dann ausreichend weibliche Lehrkräfte, sodass der Unterricht in den höheren Klassen nicht immer sichergestellt ist“, sagt Althoff. Deswegen ist die Lehrerinnenförderung wesentliches Ziel des Grundbildungsprogramms.

 Zu Besuch: Christiane Althoff an einer Dorfschule nahe Kholm. Foto: Althoff/GIZ

Zu Besuch: Christiane Althoff an einer Dorfschule nahe Kholm. Foto: Althoff/GIZ

Trotz Rückschlägen und Enttäuschungen hat sich die Situation seit dem Sturz der Taliban 2001 deutlich verbessert: Mittlerweile gehen sieben Millionen Kinder zur Schule – 60 Prozent Jungen und 40 Prozent Mädchen. Vor zehn Jahren waren es noch eine Million, darunter keine einzige Schülerin. Auch die Zahl der Lehrerinnen, die die Seminare am TTC besuchen, steigt kontinuierlich. „In meinen Fortbildungen liegt der Anteil etwa bei 50 Prozent, zumeist sogar deutlich höher“, erzählt die Deutsche.

Wenn Christiane Althoff auf die vergangenen 20 Monate blickt, ist sie nicht euphorisch, aber zufrieden. „Meine vier Kollegen, mit denen ich die Fortbildungen durchführe, haben sich sehr entwickelt. Und viele Lehrer verwenden schon kleine Methoden aus unseren Seminaren, wie Kopfrechenspiele oder verschiedene Möglichkeiten, Vokabeln zu wiederholen.“ Auch das grundsätzliche Verständnis, dass Kinder besser lernen, wenn sie nicht nur zuhören, sondern selbst aktiv sind, habe sich in den Köpfen vieler afghanischer Kollegen verankert. Und dennoch muss sie ihre Geduld täglich aufs Neue unter Beweis stellen: „Man muss sich selbst immer wieder zwingen, auf die kleinen Erfolge zu gucken und sich nicht von den vielen Problemen und Herausforderungen frustrieren zu lassen“, sagt Althoff . Wie sie das schafft? „Es gibt ein afghanisches Sprichwort: ‚Auch das Meer besteht aus Tropfen‘. Und das sage ich mir fast jeden Tag.“.

Frauke König

Aus: Forum Schule 02/2011

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