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Rechtsterroristen werden immer jünger: Urteil gegen die „Letzte Verteidigungswelle“ zeigt, warum (auch) Schulen alarmiert sein müssen

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HAMBURG. Rechtsextreme Gewalt in Deutschland nimmt seit Jahren zu – und die Täter werden immer jünger. Der Prozess gegen Mitglieder der Terrorgruppe „Letzte Verteidigungswelle“ zeigt exemplarisch, wie Jugendliche innerhalb weniger Monate zu mutmaßlichen Rechtsterroristen werden. Fachleute beobachten seit Längerem eine beschleunigte Radikalisierung junger Menschen, die sich vor allem über soziale Medien organisiert und längst auch Schulen erreicht. Das Urteil aus Hamburg beantwortet deshalb nicht nur die Frage nach Schuld und Strafe. Es wirft auch die Frage auf, wie Demokratiebildung und Prävention künftig aussehen müssen.

Jugendkultur. (Symbolbild.) Illustration: News4teachers

Michael B. federt im schwarzen Hoodie beinahe lässig zu seinem Platz, als würde gleich der Unterricht beginnen. Antonio W. sucht Halt und legt den tätowierten Arm auf den Rücken seines Verteidigers. Der Jüngste blickt starr geradeaus. Jonas N. errötet, als die Richterin den Saal betritt. Acht junge Männer sitzen im besonders gesicherten Gerichtssaal des Hanseatischen Oberlandesgerichts. Als sie ihre Taten planten, waren sie zwischen 14 und 21 Jahre alt.

Wenig später verkündet der Staatsschutzsenat das Urteil: Haftstrafen zwischen eineinhalb und fünf Jahren für sieben Mitglieder und einen Unterstützer der rechtsextremen Terrorgruppe „Letzte Verteidigungswelle“. Verurteilt werden sie unter anderem wegen Mitgliedschaft beziehungsweise Unterstützung einer terroristischen Vereinigung, versuchten Mordes, Brandstiftung und gefährlicher Körperverletzung. Nach Überzeugung des Gerichts plante und verübte die Gruppe Brand- und Sprengstoffanschläge auf Asylunterkünfte und linke Einrichtungen. Hinzu kamen brutale Übergriffe im Rahmen des sogenannten „Pädo-Huntings“, bei dem Menschen verfolgt wurden, die die Jugendlichen für Pädophile hielten. Vier der Verurteilten sind noch immer minderjährig; der jüngste ist erst 15 Jahre alt. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig.

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Die Vorsitzende Richterin findet ungewöhnlich deutliche Worte, so berichtete die Zeit. Die Gruppe habe versucht, „Chaos herbeizuführen“, sagt sie. Die in den vergangenen Monaten häufig verwendete Bezeichnung der Angeklagten als „braune Kinderzimmer“ sei „durchaus passend gewählt“. Dass bei den Anschlägen niemand starb, lag nach den Feststellungen des Gerichts vor allem am Zufall.

„In Krisenzeiten ist das Bedürfnis nach Orientierung, Identität und Stabilität besonders groß. Rechtsextreme Ideologie können dieses Bedürfnis bedienen“

Doch wie werden Jugendliche überhaupt zu Mitgliedern einer terroristischen Vereinigung?

Der Prozess in Hamburg sei Ausdruck einer Entwicklung, die Sicherheitsbehörden und Wissenschaft seit Längerem beobachten, berichtet Deutschlandfunk Kultur: Rechtsextreme Täter werden jünger, Radikalisierung verläuft schneller und findet zunehmend im digitalen Raum statt.

Der Soziologe Prof Matthias Quent von der Hochschule Magdeburg-Stendal spricht laut Bericht von einer „ernst zu nehmenden Gefahr für Leib und Leben“. Rechtsextreme Jugendgruppen seien längst keine Randerscheinung mehr. Einschüchterungen, Drohungen und Gewalttaten führten dazu, dass Betroffene Angst hätten, sich aus dem öffentlichen Leben zurückzögen oder sogar ihren Wohnort verließen.

Auch die Zahlen unterstreichen diese Entwicklung. Nach Angaben des Bundeskriminalamts wurden 2024 mehr als 42.000 rechte Straftaten registriert – knapp 48 Prozent mehr als im Vorjahr. Gleichzeitig beobachten Sicherheitsbehörden, dass sich rechtsextreme Gruppen bundesweit gezielt an Jugendliche wenden. Der Verfassungsschutz beschreibt eine enorme Geschwindigkeit, mit der sich junge Menschen überwiegend über soziale Medien rekrutierten, vernetzten und radikalisierten.

Warum das gelingt, erklärt Simon Brost von der Mobilen Beratung gegen Rechtsextremismus. In Krisenzeiten sei das Bedürfnis nach Orientierung, Identität und Stabilität besonders groß. Rechtsextreme Ideologie könne dieses Bedürfnis bedienen – „gerade, wenn sie dann auch noch ausgestattet ist mit klaren Feindbildern und wenn sie ein Versprechen von Stärke mit sich bringt. Das macht die rechtsextreme Szene gerade auch für junge Menschen auf Identitätssuche sehr attraktiv.“

Hinzu komme, dass viele Jugendliche mit einer politischen Landschaft aufgewachsen seien, in der rechtsextreme Positionen deutlich sichtbarer sind als noch vor wenigen Jahren. Dadurch entstehe eine Normalisierung, aus der militante Gruppen ihre Legitimation ableiten könnten,  „auch gewalttätig aufzutreten auf den Straßen, Vollstreckerinnen dieses Diskurses zu sein“, erklärt Brost.

Eine Schlüsselrolle spielen dabei soziale Medien. Nach Einschätzung des Verfassungsschutzes werden dort Hassbotschaften, Kampfsportvideos und rechtsextreme Propaganda zu einem Radikalisierungsmix, der Jugendlichen kaum Widerspruch entgegensetzt. Der Soziologe David Begrich vom Magdeburger Verein Miteinander beobachtet zudem, dass Gewalt in Kurzvideos regelrecht ästhetisiert werde. Das fasziniere viele Jugendliche. Zugleich bedeute Gewalt eine Form politischer Selbstermächtigung. „Wer Gewalt ausübt, ermächtigt sich selbst dazu, im Grunde genommen soziales Verhalten zu sanktionieren“, sagt Begrich. Mit anderen Worten: Die Täter nähmen für sich in Anspruch zu entscheiden, wer sich im öffentlichen Raum bewegen dürfe und wer nicht.

Für Schulen hat diese Entwicklung unmittelbare Folgen. Rechtsextreme Symbole, Parolen und Einschüchterungen gehören nach Einschätzung von Wissenschaftlern inzwischen vielerorts zum Schulalltag. Soziologie-Professor Quent berichtet von Regionen, in denen sich bereits „regelrechte Hegemonien“ entwickelt hätten. Lehrkräfte und Mitschüler würden dort von rechten Jugendlichen oder deren Umfeld bedroht und eingeschüchtert. Rechtsextreme Einstellungen seien keineswegs auf einzelne Schulformen beschränkt; entsprechende Vorfälle würden inzwischen bundesweit von Grundschulen bis zu Gymnasien gemeldet.

„Was wir in den 1990ern und frühen 2000ern gelernt haben, ist, dass es wichtig ist, Gegenkulturen zu stärken“

Was also hilft? Mehr Polizei und schärfere Strafen allein reichen nach Einschätzung der Fachleute nicht aus. Hannes Püschel von der Opferperspektive Brandenburg verweist auf die Erfahrungen seit den sogenannten Baseballschlägerjahren. „Was wir in den 1990ern und frühen 2000ern gelernt haben, ist, dass es wichtig ist, Gegenkulturen zu stärken“, sagt er. Politik und Gesellschaft müssten demokratische Jugendkulturen schützen, statt sich ausschließlich auf die Täter zu konzentrieren.

Auch Simon Brost sieht Schulen dabei in einer Schlüsselrolle. „Die beste Prävention ist ein Schulklima, in dem deutliche Gegenpositionen gegen Rechtsextremismus für Demokratie sichtbar werden.“ Solche Haltungen könnten in Leitbildern, Hausordnungen oder Projektwochen verankert werden. Entscheidend sei, dass Jugendliche demokratische Alternativen erleben und menschenfeindlichen Positionen klar widersprochen werde.

Zurück zum Prozess in Hamburg: Nach den Feststellungen der Vorsitzenden Richterin suchten mehrere Angeklagte vor allem „Selbstwertgefühl und Akzeptanz“. Einige seien in schwierigen Familienverhältnissen aufgewachsen, hätten Mobbing erlebt oder seien bereits durch Eltern oder andere Angehörige rechtsextrem geprägt worden. Die Gruppe bot ihnen Zugehörigkeit, Anerkennung und ein gemeinsames Feindbild.

Doch das Verfahren zeigt auch die Grenzen strafrechtlicher Aufarbeitung. Während einige Angeklagte nach Auffassung des Gerichts ernsthafte Schritte aus der Szene unternommen hätten, bescheinigte die Richterin anderen weiterhin „schädliche Neigungen“. Besonders eindrücklich wurde dies beim mutmaßlichen Rädelsführer. Die Vorsitzende hielt im Gerichtssaal einen Zettel hoch, der erst wenige Wochen zuvor in dessen Gefängniszelle gefunden worden war. Darauf skizzierte er erneut den Aufbau eines nationalsozialistischen Staates. Zwischen den Notizen stand ein Satz: „Bald ist Henkerszeit.“ News4teachers 

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