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„Ende der Party“: Presseschau zur Sinus-Jugendstudie

HEIDELBERG. Die Sinus-Studie zu Einstellungen und Lebenswelten von Jugendlichen in Deutschland 2012 hat bemerkenswerte Ergebnisse gezeigt, die von vielen Zeitungen kommentiert werden. Eine Auswahl.

„Zwischen Koma-Saufen und Turbo-Abi: So lässt sich die Sinus-Studie über Deutschlands Jugend zusammenfassen. Foto: Watt Dabney / Flickr (CC BY-SA 2.0)

„Zwischen Koma-Saufen und Turbo-Abi: So lässt sich die Sinus-Studie über Deutschlands Jugend zusammenfassen. Foto: Watt Dabney / Flickr (CC BY-SA 2.0)

„Eine gewaltige Aufgabe“, so überschreibt die „Neue Osnabrücker Zeitung“ ihren Kommentar zum Thema:

„Ja, wie ticken sie denn nun, die Jugendlichen? Diese Frage interessiert zweifellos: PISA- und Shell-Studien, das Bertelsmann-Institut oder die BAT-Stiftung für Zukunftsfragen – sie alle haben die junge Zielgruppe schon unter das Mikroskop gelegt; die Sinus-Studie ist nur die vorläufig letzte einer ganzen Serie. Und das Ergebnis? Kann es diese nun so oft gestellte Frage eindeutig beantworten? Nein. Das muss sie aber auch nicht. Die befragten Jugendlichen erzählten von ihren Interessen, Motivationen, Ängsten. Und so verschieden ihre Antworten waren – eines lässt sich wohl aus ihnen herausfühlen: Erwachsen werden fängt heute ziemlich früh an. Auf diese gewaltige Aufgabe reagieren die jungen Menschen mit beeindruckendem Optimismus – teilweise aber auch, indem sie kurzerhand Schwächere ausgrenzen, um das eigene Fortkommen zu sichern.

Das Bedürfnis nach Sicherheit ist zwar verständlich. Es zeigt sich auch darin, dass traditionelle Werte wie Pflichtbewusstsein und Familie hoch im Kurs stehen. Es auf Kosten anderer befriedigen zu wollen birgt aber erheblichen sozialen Sprengstoff. Ärmere Jugendliche fühlten sich nicht selten chancenlos, besagt die Studie. Sie stünden mit dem Rücken zur Wand. Ihnen dieses Gefühl zu nehmen ist Aufgabe der Politik. Sie muss Bildungschancen verbessern, Sprungbretter bieten. Ohne eine solche Grundlage nützt auch der gesündeste Optimismus wenig.“

„Die Welt“ schreibt unter dem Titel „Deutsche Jugend: Freund und Fernseher“:

„Wer annimmt, das Leben heutiger Jugendlicher finde nur noch online statt, wobei die Fitness ebenso leidet wie der Teint, der verkennt sie, diese Jugend. Die Sinus-Jugendstudie hat versucht, sie zu fassen, und ist dabei erstaunlicher- und erfreulicherweise zu dem Ergebnis gekommen, dass quer durch alle identifizierbaren Gruppen das analoge Leben alles andere als tot ist. ‚Mit Freunden zusammen sein‘, das gilt 97 Prozent der 14- bis 17-Jährigen als wichtige Freizeitbeschäftigung. Computerspiele firmieren noch hinter Partys feiern, schwimmen, Rad fahren. Freilich, Fernsehen macht sogar 98 Prozent Spaß, aber das war wohl seit Jahrzehnten nie anders. Es ist einfach so herrlich einfach.“

Die „Rhein-Neckar-Zeitung“ kommentiert unter der Überschrift „Unter Druck“:

„Liebe Jugendlichen, entspannt euch! Das möchte man der jungen Generation auch nach der aktuellen Sinus-Studie zurufen. Deren Ergebnis: Prägend für die meisten jungen Deutschen ist der Druck. Kaum verwunderlich. Erstens wird ihnen dies von den Erwachsenen vorgelebt – für die waren die Umbrüche der Globalisierung und der deutschen Wende entscheidende Wegmarken. Zweitens wird Schülern seit Jahren eingetrichtert: schneller, zielorientierter zum Abschluss. Muße, sich selbst zu finden, seinen Platz in der Gesellschaft, seine Identität, geht im Vollzeitjob Schule unter. Denn Leistung muss sich ja lohnen. Und jeder muss schauen, wo er bleibt. Stimmt’s? Bitter ist die Konsequenz: Während auf facebook jeder mit jedem ‚befreundet‘ zu sein scheint, findet im echten Leben eine Entsolidarisierung statt. Die mediale Ausdrucksform dazu ist die Casting-Show, in der aussortiert wird, wer nicht ins (von Erwachsenen festgelegte) Raster passt oder nicht genug Leistung bringt. Dabei würde wahrscheinlich schon eine einfache Erkenntnis viele Jugendliche sehr entspannen: Es ist nicht schlimm, sogar normal, dass der Laufsteg des Lebens nicht schnurgerade verläuft. Eltern müssten den Mut haben, ihnen das beizubringen. Wenn sie selbst nicht so sehr unter Druck stünden.“

Das „Flensburger Tageblatt“ meint:

„Die heranwachsende Generation ist Spiegel einer Welt, die sich in den vergangenen drei Jahrzehnten dramatisch verändert hat und in der nationale Gesellschaften zum Auslaufmodell werden. Eine Welt, in der die Wirtschaft global aufgestellt ist und Arbeitsplätze wie in einem Spiel auf der Weltkarte hin und her geschoben werden. Der Einfluss nationaler Regierungen nimmt derweil immer stärker ab. Die Politikverdrossenheit der Bürger legt im gleichen Maße zu. So besinnt sich der Einzelne eben wieder aufs unmittelbare Umfeld – auf Freunde und Familie. Sorgen bereiten muss daran einzig die Gruppe derer, die hierzulande in ihren prekären Lebensverhältnissen gefangen sind. Sie sind aber nicht Opfer einer ‚Entsolidarisierung‘, sondern von schlechten Ausgangsbedingungen. Es herrschen in diesem Land eben keine gleichen Voraussetzungen für alle.“

„Ende der Party“ – so überschreibt der „Südkurier“  seinen Kommentar zum Thema:

„Zwischen Koma-Saufen und Turbo-Abi: So lässt sich die Sinus-Studie über Deutschlands Jugend zusammenfassen. Wichtigste Erkenntnis ist dabei, dass es ‚die‘ Jugend nicht gibt. Je nach sozialer Herkunft unterscheiden sich die Lebenswelten der Teenager stark.

Die Soziologen liefern eine überzeugende Erklärung für das Verhalten der Generation, die einst vor allem durch ihr Aufbäumen gegen Althergebrachtes aufgefallen ist. Leistungsdruck und Zukunftsangst verunsichern die Jugendlichen. Die Revolte bleibt aus und verwandelt sich in ihr Gegenteil: Anpassung an die Leistungsgesellschaft. So werden aus Pubertierenden Mini-Erwachsene, denen soziale und finanzielle Sicherheit wichtiger ist als ehrenamtliches Engagement oder das Austesten der persönlichen Grenzen. Bloß nicht auffallen, lautet die Devise. Den Jugendlichen kann man dieses Verhalten nicht vorwerfen. Schließlich leben ihnen die Erwachsenen vor, dass man mit dieser opportunistischen Haltung oft am weitesten kommt. Leider.“

Zum Bericht: „Studie: Wachsender Druck macht aus Jugendlichen ‚kleine Erwachsene'“

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