Start Tagesthemen Lehrermangel: Seiteneinsteiger einstellen reicht nicht – sie brauchen Begleitung

Lehrermangel: Seiteneinsteiger einstellen reicht nicht – sie brauchen Begleitung

0
Anzeige

SPEYER. Der Seiten- und Quereinstieg ist angesichts des Lehrkräftemangels längst zu einer festen Größe im deutschen Schulsystem geworden. Doch Menschen aus anderen Berufen für die Schule zu gewinnen, löst das Personalproblem allein nicht – entscheidend ist, wie sie auf den Unterricht vorbereitet und anschließend begleitet werden. Axel Weinstein, selbst Seiteneinsteiger und mehr als 30 Jahre Lehrer, später Schulleiter, kennt die Herausforderungen aus eigener Erfahrung und aus der Begleitung anderer Berufseinsteiger. In seinem Gastbeitrag plädiert er dafür, Qualifizierung nicht mit der Einstellung enden zu lassen – und Schulen wie Seiteneinsteigern eine Unterstützung anzubieten, die bislang häufig fehlt.

With a little help… (Symbolfoto.) Foto: Shutterstock

Seiteneinstieg: Eine Lehrkraft einstellen reicht nicht – man muss sie auch begleiten

„Ich fühle mich absolut im Stich gelassen“ – Der aktuelle Bericht bei News4teachers über einen Seiteneinsteiger, der praktisch unvorbereitet mit 27 Wochenstunden vor seinen Klassen steht, macht ein Problem sichtbar, das weit über diesen Einzelfall hinausgeht (hier geht es zu dem Artikel).

Nicht der Seiteneinstieg an sich ist das Problem. Im Gegenteil: Angesichts des Lehrkräftemangels werden Schulen auf Menschen angewiesen bleiben, die aus anderen Berufen ins Klassenzimmer wechseln. Das eigentliche Problem beginnt dort, wo Einstellung mit Qualifizierung verwechselt wird. Wer jemanden vor eine Klasse stellt, hat noch keine Lehrkraft ausgebildet.

Seiteneinstieg ist längst kein Randphänomen

Im Jahr 2024 kamen bundesweit 12,7 Prozent der unbefristet neu eingestellten Lehrkräfte über einen Seiteneinstieg in den Beruf. Die Unterschiede zwischen den Ländern sind enorm: In Brandenburg waren es rund 48 Prozent, in Sachsen-Anhalt 47 Prozent, in Mecklenburg-Vorpommern rund 42 Prozent und in Thüringen 30 Prozent. Der Stifterverband stützt sich dabei auf Daten der Kultusministerkonferenz (KMK). (Stifterverband)

Bei solchen Größenordnungen kann niemand mehr ernsthaft von einer vorübergehenden Notlösung sprechen. Seiteneinsteiger/innen sind längst Teil unseres Schulsystems. Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht mehr, ob wir sie brauchen, sondern wie wir sie auf diesen anspruchsvollen Beruf vorbereiten und in den ersten Jahren begleiten.

Fachwissen allein macht noch keine Lehrkraft

Ich kenne diesen Weg aus unterschiedlichen Perspektiven. Ich bin selbst als Seiteneinsteiger Lehrer geworden, habe viele Jahre an Schulen gearbeitet und später als Schulleiter Referendar/innen sowie Quer- und Seiteneinsteiger/innen begleitet. Eine Erfahrung zieht sich dabei durch: Die Schwierigkeiten von Seiteneinsteiger/innen liegen häufig nicht in mangelndem Fachwissen.

Die entscheidenden Fragen sind andere: Wie führe ich eine Klasse? Was mache ich, wenn meine sorgfältige Unterrichtsplanung nach zehn Minuten nicht mehr funktioniert? Wie gehe ich mit Unterrichtsstörungen um? Wie bewerte ich Leistungen? Wie führe ich ein schwieriges Elterngespräch? Was muss ich über Aufsichtspflicht, Schulrecht oder Ordnungsmaßnahmen wissen?

Und vor allem: Was von dem, was ich gerade erlebe, ist für einen Berufseinsteiger eigentlich normal?

Gerade Menschen, die zuvor in ihrem Beruf kompetent und erfolgreich waren, können den Kontrollverlust der ersten Wochen als persönliches Scheitern erleben. Dabei wäre häufig eine ganz andere Botschaft notwendig: Du kannst das noch nicht, weil du es noch nicht gelernt und erfahren hast. Das ist etwas völlig anderes als: Du bist ungeeignet.

Brandenburg: Vorbereitung vor dem ersten selbstständigen Unterricht

Wie unterschiedlich die Länder mit dem Problem umgehen, zeigt Brandenburg.

Dort beginnt der Seiteneinstieg inzwischen mit einer vierwöchigen pädagogischen Grundqualifizierung vor der ersten selbstständigen Unterrichtstätigkeit. Anschließend werden die neuen Lehrkräfte ein Jahr berufsbegleitend begleitet. Nach der 13-monatigen Grundqualifizierung besteht bei Eignung die Möglichkeit einer unbefristeten Beschäftigung. Für entsprechend qualifizierte Seiteneinsteiger/innen mit Masterabschluss kann sich beispielsweise ein 24-monatiger berufsbegleitender Vorbereitungsdienst anschließen, der zur Lehramtsbefähigung führt. (Quelle: Bildungsministerium)

Das Grundprinzip überzeugt mich: Vorbereiten – unterrichten – begleiten – weiterqualifizieren. Natürlich macht auch ein solches Modell aus einem Berufswechsler nicht innerhalb weniger Wochen eine erfahrene Lehrkraft. Aber es erkennt an, dass der Lehrerberuf gelernt werden muss.

Sachsen-Anhalt: Was geschieht, wenn die Begleitung nicht ausreicht

Wie teuer eine unzureichende Begleitung werden kann, zeigt Sachsen-Anhalt. Ende 2025 waren dort rund 2.500 Seiteneinsteiger/innen tätig – etwa 15 Prozent der Lehrerschaft. Zugleich räumte Bildungsminister Jan Riedel ein, dass etwa ein Drittel der Seiteneinsteiger/innen bereits im ersten Jahr den Schuldienst wieder verlässt.

Das Land reagiert inzwischen darauf. Die Qualifizierung wird neu strukturiert: Geplant beziehungsweise eingeführt sind ein zweiwöchiges Onboarding und anschließend über ein Jahr ein verbindlicher Qualifizierungstag pro Woche, unter anderem für Pädagogik, Didaktik und Schulrecht. Ziel ist ausdrücklich, Seiteneinsteiger/innen besser zu begleiten und länger im Schuldienst zu halten. (DIE WELT)

Das zeigt für mich sehr deutlich: Menschen zu gewinnen ist nur die halbe Aufgabe. Man muss sie auch halten.

Rheinland-Pfalz: Quereinstieg als regulärer Ausbildungsweg

Einen anderen Weg geht Rheinland-Pfalz, wobei hier zwischen Seiten- und Quereinstieg unterschieden werden muss. Beim Quereinstieg werden Hochschulabsolvent/innen ohne Lehramtsstudium in bestimmten Bedarfsfächern gemeinsam mit Absolvent/innen eines Lehramtsstudiums in den Vorbereitungsdienst aufgenommen.

Dieser dauert für Quereinsteiger/innen 24 Monate und damit sechs Monate länger als der reguläre Vorbereitungsdienst. Hinzu kommen zusätzliche Ausbildungseinheiten und Unterrichtsbesuche. Die Ausbildung endet mit der Zweiten Staatsprüfung und führt damit zu einer regulären Lehramtsbefähigung. (Ministerium für Bildung Rheinland-Pfalz)

Dahinter steckt ein wichtiger Gedanke: Wer einen anderen Eingang in den Lehrerberuf nimmt, braucht nicht weniger Ausbildung – sondern eine passende.

Und trotzdem bleibt eine Lücke

Selbst gute staatliche Qualifizierungsprogramme können nicht jede Situation auffangen. Ein Seminar kann Grundlagen der Didaktik vermitteln. Ein Studienseminar kann Unterricht beobachten und Rückmeldung geben. Eine Schulleitung kann organisieren, unterstützen und Mentor/innen einsetzen.

Aber manche Fragen entstehen am Dienstagabend und müssen am Mittwochmorgen beantwortet sein: Was mache ich morgen mit genau dieser schwierigen achten Klasse? Auch Schulleitungen stehen vor Fragen: Ist diese neue Lehrkraft tatsächlich ungeeignet – oder haben wir ihr gerade eine Aufgabe übertragen, die selbst eine erfahrene Lehrkraft an ihre Grenzen bringen würde? Und Mentor/innen können sich fragen: Wie unterstütze ich, ohne zu bevormunden – und ohne selbst zusätzlich überlastet zu werden?

Genau hier sehe ich einen Bereich, der in der Diskussion bislang zu wenig Beachtung findet: unabhängige und praxisnahe Beratung.

Beratung – für alle Seiten

Beratung sollte nicht erst beginnen, wenn ein Seiteneinsteiger/eine Seiteneinsteigerin kurz davorsteht, den Beruf wieder zu verlassen. Sie kann viel früher ansetzen: bei Seiteneinsteiger/innen und Quereinsteiger/innen ebenso wie bei Schulleitungen, Mentor/innen und Schulen. Nicht als Ersatz für eine qualifizierte Lehrerbildung. Nicht als „Reparaturbetrieb“ für angeblich ungeeignete Lehrkräfte. Sondern als geschützter Raum, in dem konkrete Situationen besprochen, Handlungsalternativen entwickelt und Erfahrungen eingeordnet werden können.

Aus meiner eigenen Erfahrung als Seiteneinsteiger, Lehrer, Ausbilder und später Schulleiter weiß ich: Manchmal kann bereits ein einziges gutes Reflexionsgespräch den Blick auf eine scheinbar festgefahrene Situation verändern. Und Beratung kann auch schon vor dem Berufseinstieg sinnvoll sein. Passt dieser Beruf überhaupt zu mir? Was erwartet mich tatsächlich? Welche Form des Quer- oder Seiteneinstiegs kommt für mich infrage? Was sollte ich vor meinem ersten Unterrichtstag unbedingt wissen? Auch eine ehrliche Antwort wie „Ich glaube, dieser Beruf ist für Sie nicht der richtige“ kann eine gute Beratung sein.

Seiteneinsteiger/innen sind keine Lehrkräfte zweiter Klasse

Berufswechsler/innen bringen Erfahrungen mit, die auf einem klassischen Ausbildungsweg nicht selbstverständlich entstehen: Berufspraxis außerhalb von Schule, Projektmanagement, technische oder wirtschaftliche Kompetenzen und häufig einen anderen Blick auf Arbeitswelt und Gesellschaft. Der Stifterverband sieht darin ausdrücklich auch eine Chance für das Bildungssystem. (Stifterverband)

Menschen, die sich mit 30, 40 oder 50 Jahren bewusst dafür entscheiden, noch einmal einen vollkommen neuen Beruf zu erlernen, können für Schulen ein großer Gewinn sein. Aber wir müssen ihnen die Chance geben, Lehrer/innen zu werden.

Wir können nicht Menschen einstellen, weil Lehrkräfte fehlen, sie am Montag allein vor eine Klasse stellen und uns einige Monate später wundern, wenn sie den Schuldienst wieder verlassen. Der Seiteneinstieg ist Realität. Jetzt muss aus dem Einstieg eine Begleitung werden. Eine solche Massnahme ist nachhaltig. Vielleicht sollten wir deshalb weniger fragen: „Wie bekommen wir möglichst schnell jemanden vor die Klasse?“ Sondern: „Was braucht dieser Mensch, damit er in zwei Jahren noch gern vor dieser Klasse steht?“

Das wäre im Interesse der Seiteneinsteiger/innen und Quereinsteiger/innen, der Schulleitungen und Kollegien – und vor allem im Interesse der Schüler/innen. News4teachers 

Quellen

  1. News4teachers (August 2026): „Ich fühle mich absolut im Stich gelassen“ – Bericht über die Erfahrungen eines Seiteneinsteigers im Schuldienst. News4teachers-Beitrag
  2. Stifterverband (März 2026):Vom Mangel zur Chance – Empfehlungen zum Berufswechsel ins Lehramt, Policy Paper 3/26. Datengrundlage für die Länderanteile: KMK 2024. Policy Paper des Stifterverbands
  3. Ministerium für Bildung, Jugend und Sport Brandenburg: Qualifizierungswege für Lehrkräfte im Seiteneinstieg: vierwöchige Vorbereitung vor dem ersten selbstständigen Unterricht und anschließende einjährige berufsbegleitende Begleitung. Informationen des Landes Brandenburg
  4. Ministerium für Bildung Rheinland-Pfalz: Quereinstieg in ein Lehramt: 24-monatiger Vorbereitungsdienst mit zusätzlichen Ausbildungseinheiten und Unterrichtsbesuchen sowie Zweiter Staatsprüfung. Informationen des Landes Rheinland-Pfalz
  5. Sachsen-Anhalt / dpa, März 2026: Neustrukturierung der Qualifizierung für Seiteneinsteiger/innen; zweiwöchiges Onboarding und verbindlicher Qualifizierungstag. (DIE WELT)

Über den Autor: Axel Weinstein war über 30 Jahre Lehrer und später Schulleiter. Heute begleitet er Schulen, Lehrkräfte und Seiteneinsteiger in Fragen der Schulentwicklung, Persönlichkeitsentwicklung und des verantwortungsvollen Umgangs mit Künstlicher Intelligenz.

„Ich fühle mich absolut im Stich gelassen“: Wenn Seiteneinsteiger in den Lehrerberuf unvorbereitet allein vor einer Klasse stehen

Anzeige

Info bei neuen Kommentaren
Benachrichtige mich bei
0 Kommentare