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Computer – Fluch oder Segen? Streit um Spitzers Thesen

DÜSSELDORF. Digitale Medien machen süchtig und können zu Hirnstörungen führen, sagt Hirnforscher Professor Manfred Spitzer in seinem neuen Buch „Digitale Demenz“, das gerade erschienen ist. Mit dieser provokanten These erntet er Beifall aber auch viel Protest.

Beratungsstellen kennen das Phänomen seit einigen Jahren. Jede Woche kommen allein in die Beratungsstelle der Caritas im Oberbergischen Kreis mehrere Jugendliche, weil sie exzessiv viel Zeit vor dem Computer verbringen. Mit 16 war für Andreas (Name geändert) klar, was er wollte: Die Macht seiner Figur, des „Avatars“ bei dem Onlinecomputerspiel „World-of Warcraft“ vergrößern. 10-12 Stunden täglich saß er dafür vor seinem Rechner. Zwischendurch ging er noch ab und zu in die Schule. Zu seinen Freunden hatte er keinen Kontakt mehr, auch mit seinen Eltern sprach er nur noch das Nötigste. „Computersüchtig“, nennt das Psychologe Ansgar Nowak, Leiter der Beratungsstelle der Caritas im Oberbergischen Kreis. Nach dem aktuellen Drogenbericht der Bundesregierung von Mai 2012 gelten etwa 250 000 der Vierzehn- bis Vierundzwanzigjährigen als internetabhängig.

Dass es das Phänomen gibt, bestreiten auch Spitzers Kritiker nicht. Daneben gäbe es aber auch Spiele, die positive Wirkung haben, sagt etwa Medienpsychologe Peter Vorderer aus Mannheim in der Wochenzeitung „die Zeit“. Ein kontrollierter Medienkonsum würde niemanden schaden und sei für Jugendliche schon immer wichtig gewesen, früher seien es eben Comics oder das Fernsehen gewesen. Auf das Lernen könnten die sogenannten „serious games“ sogar einen positiven Einfluss haben, weil sie Jugendliche besser erreichten als Eltern oder Lehrer und sich optimal auf das Niveau des Einzelnen einstellten. Gute Lernsoftware würde Lernenden bei Bedarf zusätzliche Erklärungen oder anspruchsvollere Aufgaben liefern. Spiele können außerdem positive Auswirkungen auf räumliches Denken und auf das Verständnis systemischer Zusammenhänge haben.

Manfred Spitzer provoziert gerne in seinen Büchern. (Foto: Udo Grimberg, Lizenz: CC-BY-SA 3.0 DE)

Manfred Spitzer provoziert gerne in seinen Büchern. (Foto: Udo Grimberg, Lizenz: CC-BY-SA 3.0 DE)

Wer allerdings den größten Teil seiner Zeit vor dem Bildschirm sitzt, wie Andreas, zeigt in der Schule schlechtere Leistungen, das haben verschiedene Studien, etwa des Psychologen Thomas Mößle, stellvertretender Direktor am kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen, bewiesen. Nach einer seiner Studien unter Berliner Jugendlichen liegen Jungen, die am Tag über drei Stunden am Bildschirm verbringen, in Deutsch um fast einen halben Notenpunkt unter dem Klassendurchschnitt. Darüber hinaus leiden die Betroffenen. So wie Andreas. Sein Erfolg in der Online-Welt hatte den gegenteiligen Effekt auf sein Privatleben: Neben den schulischen Problemen sei er immer unsicherer im Umgang mit anderen Menschen geworden, berichtet Psychologe Nowak. Typische Symptome, die auch Manfred Spitzer beschreibt.

Besonders Jugendliche seien gefährdet, ihr Glück in der digitalen Welt zu suchen. Seit 1997 stieg der Medienkonsum unter den 14- 17 Jährigen von 6,3 auf 100 Prozent, schreibt Spitzer. Internetfähige Smartphones verstärken diese Entwicklung noch, sagt Psychologe Nowak. Viele Jugendliche tragen die Geräte heute so selbstverständlich bei sich wie sie etwa Unterwäsche tragen. „Wenn ich die Jugendlichen in den Beratungen bitte, ihr Smartphone auszustellen, schauen sie mich häufig ganz verdutzt an“, berichtet Nowak. Mehr als 100 SMS am Tag zu schreiben, sei für viele ganz normal, bestätigt auch seine Kollegin Marion Ammelung von der Suchthilfe der Caritas in Bonn. Erst in den letzten vier Jahren werde übermäßiger Bildschirmkonsum als Sucht erkannt, schätzt die Pädagogin.

Für Andreas ist das alles heute kein Thema mehr. Nach einem halben Jahr Gesprächstherapie mit Psychologe Nowak hatte er wieder Interesse an Kontakten mit Gleichaltrigen. Heute, rund drei Jahre nach Beginn seiner Therapie, ist er bei „World-of Warcraft“ komplett ausgestiegen. NINA BRAUN

(22.9.2012)

 

2 Kommentare

  1. Der Redaktionsbeitrag zu H. Spitzers Buch gefällt mir gut.
    Allerdings vermisse ich seine Thesen zum Einsatz des Computers im Kindergarten und der GS. Immerhin spricht der Autor in diesem Zusammenhang von „Lernverhinderungsmaschinen“. Ich würde es sehr begrüßen, wenn dieser Aspekt ebenfalls noch thematisiert wird.
    Was der Psychologe Nowak ausspricht, ist korrekt. Wie ich kürzlich von einem beruflichen Ausbilder hörte, müssen auch angehende Lehrlinge von ihrem „Baby“ entwöhnt werden. Dabei kann es dann schon zu regelrechten Entzugserscheinungen kommen.
    Die Beobachtungen des Psychologen Nowak beschränken sich nicht nur auf dessen Praxis. Das ist leider trauriger Alltag in Deutschland und wohl fast überall in der Welt. Junge Menschen trotten eingestöpselt, ständig am Smartphone herumspielend, nicht links und rechts schauend stumpfsinnig vor sich hin. So begegnen sie mir leider auch in Gruppen. Die Kommunikation läuft dann offensichtlich nicht direkt, sondern über das Handy. Hören können die jungen Leute jedenfalls nichts mehr. Wie leicht kann es da zu Unfällen mit anderen Verkehrsteilnehmern kommen! Oft genug sehe ich aber auch schon Kinder, die so mit ihrem Fahrrad unterwegs sind. In einigen Städten wird Gott sei Dank schon recht konsequent durchgegriffen. Eltern als Warner und Vorbilder? Mindestens jede 3. Autofahrerin/jeder 3. Autofahrer telefoniert doch während des Fahrens mit dem Handy.
    Technischer Fortschritt kann durchaus ein Segen sein. Leider werden die digitalen Medien in hohem nicht sachgerecht genutzt. Dann werden sie tatsächlich zum Fluch.

  2. Ein Korrekturnachtrag:
    Leider werden die digitalen Medien in hohem Maße … .

    Wann gibt es endlich eine Korrekturmöglichkeit so wie z.B. bei 4teachers?

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