BORNHEIM. Wie gelingt es Schulen, die natürliche Neugier von Kindern auf Naturwissenschaften über die gesamte Schulzeit hinweg zu erhalten? Die Europaschule Bornheim, eine gebundene Ganztagsschule, setzt dabei auf Projekte, Wettbewerbe, Netzwerke und digitale Angebote. MINT-Koordinator Achim Kittelmann erklärt, warum Begeisterung wichtiger ist als Perfektion – und weshalb MINT-Bildung weit mehr bedeutet als die Vorbereitung auf den Arbeitsmarkt.

„Wenn die Kinder aus der Grundschule kommen, haben sie eine richtige Begeisterung für die Naturwissenschaften“, sagt Achim Kittelmann, MINT-Koordinator an der Europaschule Bornheim. Die eigentliche Herausforderung beginne danach: „Es stellt sich schwierig dar, diese Begeisterung über die Mittelstufe hinaus aufrechtzuerhalten.“
Wie das gelingen kann, beschäftigt Schulen in ganz Deutschland. Der Bedarf ist groß. Naturwissenschaftliche und technische Kompetenzen gelten als Schlüssel für die Arbeitswelt von morgen. Gleichzeitig klagen Hochschulen und Unternehmen seit Jahren über Nachwuchsmangel in vielen MINT-Berufen. Doch MINT-Förderung bedeutet längst mehr als die Vorbereitung auf bestimmte Berufsfelder. Es geht um Problemlösungskompetenz, kritisches Denken und die Fähigkeit, technologische Entwicklungen einzuordnen.
Die Europaschule Bornheim zeigt, wie Schulen diesen Anspruch in die Praxis übersetzen können. Die Gesamtschule wurde 2017 mit dem Deutschen Schulpreisausgezeichnet und gehört seit 2016 zum bundesweiten Excellence-Netzwerk MINT-EC. Interessant ist dabei die Verbindung unterschiedlicher Schwerpunkte: Neben ihrem MINT-Profil setzt die Schule auf europäische Bildung, Inklusion und demokratische Werteerziehung.
Begeisterung durch Erlebnisse
Für Kittelmann steht fest: Begeisterung entsteht vor allem dort, wo Schülerinnen und Schüler Naturwissenschaften unmittelbar erleben können.
Deshalb setzt die Schule auf Wettbewerbe, außerschulische Lernorte und Projektangebote. Schülerinnen und Schüler besuchen das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt, nehmen an Science-Olympiaden teil oder arbeiten an Robotik-Projekten. Aktuell entsteht an der Schule sogar ein humanoider Roboter, den Schülerinnen und Schüler mit Hilfe von 3D-Druckern selbst zusammenbauen.
„Mir ist manchmal der unterrichtliche Inhalt nicht so wichtig, als dass ich mit den Schülern Sachen mache, die sie nicht vergessen“, sagt Kittelmann. Solche Erfahrungen blieben oft deutlich länger in Erinnerung als klassische Unterrichtsstunden. „Das sind diese besonderen Häppchen, um dann in der Mittelstufe neben Wettbewerben die Begeisterung aufrechtzuerhalten.“
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Zu den Angeboten, die Achim Kittelmann mit seiner Klasse ausprobiert hat, gehört auch die kostenfreie Bildungsapp Touch Tomorrow-Explore der Dr. Hans Riegel-Stiftung. Der virtuelle MINT-Themenpark vermittelt Zukunftsthemen wie Robotik und Mobilität spielerisch und verbindet wissenschaftliche Inhalte mit gesellschaftlichen Fragestellungen.
Achim Kittelmann testete das Angebot mit einer siebten Klasse. Sein Eindruck: Die App könne Schülerinnen und Schülern einen niedrigschwelligen Zugang zu komplexen Zukunftsthemen ermöglichen.
„Die inhaltliche Auseinandersetzung hat stattgefunden“, berichtet er. Einige Inhalte seien für die Schüler*innen neu gewesen, andere hätten sie durch die App besser einordnen können. Besonders sinnvoll sei die kompakte Aufbereitung der Themen. Gleichzeitig sieht der Lehrer digitale Angebote nicht als Ersatz für Unterricht, sondern als Ergänzung. Entscheidend bleibt die pädagogische Einbettung.
Weitere Infos und kostenloser App-Download: www.touchtomorrow-explore.de
MINT ist Teamarbeit
Eine wichtige Rolle spielt für die Europaschule Bornheim die Zusammenarbeit mit externen Partnern. Über das MINT-EC-Netzwerk entstanden Kooperationen mit der Universität Bonn, der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg und weiteren Schulen der Region. Gemeinsam werden Camps, Workshops und Projektangebote organisiert.
„Diese Netzwerktätigkeiten sind toll“, sagt Kittelmann. Viele Angebote wären für einzelne Schulen allein kaum umsetzbar.
Gerade für Schulen, die ihre MINT-Förderung ausbauen möchten, sieht er darin eine wichtige Chance. Nicht jede Schule müsse alle Angebote selbst entwickeln. Oft seien Kooperationen der Schlüssel, um Schülerinnen und Schülern neue Erfahrungen zu ermöglichen.
Mehr als Technik und Fachkräftesicherung
Für Kittelmann greift die Diskussion über MINT häufig zu kurz. Zwar spiele die Vorbereitung auf Studium und Beruf eine wichtige Rolle. Naturwissenschaftliche Bildung habe jedoch auch eine gesellschaftliche Dimension.
Als Beispiel nennt er internationale Forschungseinrichtungen wie das CERN bei Genf, wo Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus vielen Ländern zusammenarbeiten. „Naturwissenschaft ist schon auch etwas Friedensstiftendes“, sagt er.
Gerade an einer Europaschule sieht er deshalb keinen Widerspruch zwischen MINT-Bildung und demokratischer Werteerziehung. Wissenschaftliche Zusammenarbeit über nationale Grenzen hinweg sei selbst Ausdruck europäischer und internationaler Verständigung.
„Einfach machen“
Was also braucht erfolgreiche MINT-Förderung? Für Kittelmann vor allem Menschen, die bereit sind, neue Wege auszuprobieren. Projekte anzustoßen, Netzwerke aufzubauen und Chancen zu nutzen, wenn sie sich ergeben.
„Man braucht auch ein bisschen Mut“, sagt er. Viele Entwicklungen entstünden erst dadurch, dass jemand eine Idee aufgreife und ausprobiere. Seine persönliche Motivation zieht der Physiklehrer bis heute aus den Reaktionen seiner Schülerinnen und Schüler: „Manchmal sind es diese Kinderaugen in den kleinen Klassen, wo ich denke: Die haben so richtig Spaß daran.“
Vielleicht liegt genau darin das Erfolgsgeheimnis guter MINT-Förderung: nicht in möglichst vielen Programmen oder Geräten, sondern darin, Neugier zu erhalten – und jungen Menschen die Gelegenheit zu geben, die Welt selbst zu entdecken. News4teachers / Von Sonja Mankowsky
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