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Reiben, rangeln, rivalisieren – Warum Väter als Vorbild wichtig sind

MÜNCHEN. Lernen vom männlichen Vorbild: Väter spielen für die Entwicklung ihrer Kinder eine entscheidende Rolle – von Anfang an. Auch schon Säuglinge entwickeln eine Bindung zu beiden Elternteilen.

Wenn der Vater sich auf sein Kind einlässt, lernt er dessen Bedürfnisse kennen und kann gezielt darauf eingehen. Foto: John Lemieux / Flickr (CC BY 2.0)

Wenn der Vater sich auf sein Kind einlässt, lernt er dessen Bedürfnisse kennen und kann gezielt darauf eingehen. Foto: John Lemieux / Flickr (CC BY 2.0)

Im Kindergarten hat meist eine Frau das Sagen. Weiter geht es in der Grundschule, in der Kinder nur selten einen Klassenlehrer an der Tafel stehen haben. Umso wichtiger ist die männliche Bezugsperson zu Hause. Väter sind für Söhne und Töchter gleichermaßen unentbehrlich. Aber für den Sohn ist der Vater zunächst einmal das erste männliche Vorbild. Diese Funktion wird nicht erst in der Pubertät wichtig. Und nur ein Vater, der sich von Anfang an intensiv einbringt, kann sie erfüllen.

Früher kam der Vater erst dann ins Spiel, wenn seine Kinder aus dem gröbsten raus waren. Es lag ja auch nahe: «Gerade in der ersten Lebensphase scheint das Kind eher mit der Mutter verbunden zu sein», erläutert Reinhard Winter, Pädagoge und Leiter des Sozialwissenschaftlichen Instituts in Tübingen. «Ziehen sich Väter dann zurück, treten sie in eine Falle.»

Das kann weitreichende Folgen haben: In den ersten Lebensjahren entwickeln Kinder das, was Psychologen Bindung nenne – eine enge und auf intensive Gefühle basierende Beziehung. «Das lässt sich später nicht nachholen», erklärt Holger Simonszent, Psychologe in Gauting. Und auch wenn die Bindung nicht perfekt scheint: Sie ist besser als gar keine Bindung. Denn sie ist ein Schutzfaktor, der Kindern ein Leben lang Sicherheit gibt.

Eine solche Bindung kann ein Säugling zu Mutter und Vater entwickeln – vorausgesetzt, beide sind in dieser Lebensphase sehr präsent. Immer mehr Väter nutzen die Chance der Elternzeit. Für berufstätige Väter jedoch ist Präsenz oft mit praktischen Hindernissen verbunden: Die ersten Lebensmonate und –jahre des Kindes fallen häufig mit einer Zeit zusammen, in der sich der Vater beruflich etabliert hat und stark belastet ist. Pausiert die Mutter einige Zeit in ihrem Job, ist der Druck noch höher. Da bleibt nicht viel Zeit für den Sohn. Wichtiger als die Häufigkeit sei aber die Qualität, sagt Simonszent. «Auch in kurzer Zeit lässt sich sehr viel Positives bewirken.»

Präsenz beginne mit dem Blick- und Körperkontakt und setze sich in Gesprächen fort, beschreibt Pädagoge Winter. Wenn der Vater sich auf sein Kind einlässt, lernt er dessen Bedürfnisse kennen und kann gezielt darauf eingehen.

Haben Väter in der Säuglingsphase ihres Kinder viel versäumt und noch keine enge Bindung zu ihrem Kind entwickelt, können sie auch später noch eine funktionierende Beziehung aufbauen. «Eine gute Basis dafür sind feste Rituale, gemeinsame Wochenenden auch mal ohne Mama oder gemeinsame Hobbys», rät Hans-Georg Nelles, Vorsitzender des Väter-Experten-Netzwerks in Düsseldorf (VEND) vor.

Vater als Vorbild bei der Sprachentwicklung

Viele Dinge lernen Kinder sowohl von Mutter als auch von Vater. «Es gibt jedoch durchaus Bereiche, die Väter besonders gut übernehmen können», sagt Winter. «Forschungsergebnisse zeigen, dass sich Kinder innerhalb der ersten drei Jahre in ihrer Sprachentwicklung stärker am Vater als an der Mutter orientieren: Sie imitieren seinen Satzbau und übernehmen seinen Wortschatz», ergänzt Simonszent. Hier prägen Väter ihre Kinder also ganz entscheidend.

In vielen Familien unternehmen Kinder bestimmte Dinge mit ihrer Mutter, andere mit dem Vater. Beide sind wichtig und ergänzen sich gegenseitig. «In den ersten Jahren gibt es eine klassische Aufteilung der Funktionen zwischen den Eltern: Die Mutter ist für Fürsorge und Schutz zuständig. Der Vater regt verstärkt Spiel und Exploration an und fordert das Kind auch heraus», sagt Psychologe Simonszent.

Voraussetzung für das Engagement des Vaters ist, dass ihm die Mutter dafür genug Entfaltungsspielraum gibt und sich immer wieder zurücknimmt. «Im Säuglingsalter ist wichtig, dass sie ihm zutraut, die Fürsorge für das Kind zu übernehmen», sagt Simonszent. «Und sie muss akzeptieren, dass ein Vater die Beziehung zu seinem Kind anders gestaltet als eine Mutter.» Auf diese Weise werden auch unsichere Väter bestärkt, sich zu engagieren.

Als Bezugsperson ist der Vater für Tochter und Sohn gleichermaßen unverzichtbar. Nur: Alle gemeinsamen Aktivitäten von Vater und Sohn helfen dem Kind, eine männliche Identität zu entwickeln. Hier hat der Vater also eine zusätzliche Funktion. Der Vater sei immer ein Vorbild für den Sohn, an dem er sich reiben und von dem er gleichzeitig lernen kann, sagt Nelles.

Beim Rangeln mit dem Vater erfährt der Sohn die eigene Kraft. Mit ihm streitet, rivalisiert und konkurriert er. Und schaut sich entsprechende Verhaltensmuster ab. Dieses Lernen vom männlichen Vorbild fällt besonders leicht, wenn es eine enge Bezugsperson ist. «Wenn eine solche fehlt, suchen Jungen nach Ersatzmodellen, zum Beispiel in Videos oder Computerspielen. Das kann gefährlich werden.»

Um als Modell zu dienen, muss sich der Vater allerdings über sein eigenes Rollenverständnis im Klaren sein – und zwar spätestens ab der Geburt des Kindes. «Das ist eine enorme Herausforderung», sagt Pädagoge Winter. «Viele Männer können kaum auf Erfahrungen aus der eigenen Kindheit zurückgreifen. Sie entwickeln Wunschbilder wie ihre Rolle aussehen kann.» Realistisch seien diese aber oft nicht. EVA NEUMANN, dpa
(19.9.2012)

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