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Pro & Contra zum Weltlehrertag: Wichtig oder unsinnig?

STUTTGART. Baden-Württembergs Kultusministerin Gabriele Warminski-Leitheußer (SPD) ist voll des Lobes. Die Arbeit der Lehrer sei «eine der wichtigsten und anspruchsvollsten Aufgaben für die Zukunft unserer Gesellschaft», sagte sie. Anlass ihrer freundlichen Worte: Am 5. Oktober war Weltlehrertag.

Den von der Unesco zum 18. Mal ausgerufenen Weltlehrertag nutzen Lehrerverbände und Kultusministerien gerne, um auf die großen Leistungen von Lehrern aufmerksam zu machen. Die Herausforderungen an den Schulen seien in den vergangenen Jahrzehnten vielfältiger geworden, sagt etwa Gerhard Brand vom Verband Bildung und Erziehung (VBE), meint aber auch: «Die Lehrer haben es verdient, dass man ihre Arbeit anerkennt, wertschätzt und verlässlich unterstützt – und das nicht nur, weil gerade Weltlehrertag ist.»

Ist ein solcher Ehrentag überhaupt sinnvoll? Die Lehrerschaft ist in dieser Frage gespalten. Stellvertretend für viele Pädagogen haben wir zwei Lehrerinnen gebeten, ihre unterschiedlichen Meinungen darzulegen.

Pro Lehrertag: Ulrike Willms. Sie unterrichtet Mathematik und Erdkunde an einem Gymnasium in Kaarst bei Düsseldorf.

Der Weltlehrertag ist wichtig! In Deutschland haben Lehrer immer noch mit vielen Vorurteilen zu kämpfen: nachmittags frei, viele Ferien und so weiter. Klappt es mit der Erreichung von Bildungszielen nicht so gut oder gibt es soziale Probleme an Schulen, so werden die Lehrer schnell zum Sündenbock.

Dieses Bild wandelt sich natürlich. Doch in vielen Köpfen ist es noch vorhanden. Von einem normalen Lehrertag mit Unterricht vor- und nachmittags, Aufsicht und Schülergesprächen in den Pausen, Elterngesprächen nach dem Unterricht sowie Unterrichtsvorbereitung und Korrekturen oft bis abends 22 Uhr wissen nur wenige. Hinzu kommen Konferenzen und Fortbildungen. Freie Wochenenden sind eine Seltenheit, und in den Ferien werden der Unterricht vorbereitet und Klausuren korrigiert. Daher ist es richtig und gut, die Situation und den Alltag von Lehrern an einem Weltlehrertag in den Mittelpunkt zu rücken.

Weltweit gibt es Lehrer, die mit ganz anderen Problemen zu kämpfen haben. Schüler und vor allem Schülerinnen, die nicht mehr zur Schule kommen, weil ihre Eltern es ihnen verbieten oder es sich nicht leisten können, kaum Unterrichtsmaterial und eine geringe Bezahlung. Auch auf diese Probleme muss hingewiesen werden.

Es gibt so viele Tage, die einer Sache oder Personen gewidmet sind. Warum also nicht auch einem Personenkreis, der jeden von uns über viele Jahre begleitet hat? Lehrer sein heißt nämlich vor allem: Kinder und junge Erwachsene begleiten und ihnen Hilfestellung geben, ihr Leben selbstständig zu meistern. Dazu gehören neben der Vermittlung von Wissen vor allem soziale und methodische Kompetenzen. Und das macht Spaß.

Contra Lehrertag: Gabi Brünger. Sie ist Lehrerin für Fächer Kunst und Geschichte an einer Gesamtschule im rheinischen Viersen.

Mit Gedenktagen ist es so eine Sache. Natürlich ist es sinnvoll und auch richtig, an bestimmte Ereignisse, Personen oder auch Sachverhalte zu erinnern. Vor allem dann, wenn bestimmte Bevölkerungsgruppen nicht für sich selber einstehen können, sondern Hilfe und Aufmerksamkeit von außen brauchen, um gehört zu werden, wie Kinder (Weltkindertag 20. November), Flüchtlinge (Weltflüchtlingstag 20. Juni) und Kranke (Weltaidstag 1. Dezember). Aber warum Lehrer?

Die wenigsten zwischen sechs und 18 Jahren brauchen einen besonderen Tag, um an Lehrer zu denken. Sie sind vielmehr froh, wenn sie sie mal nicht sehen müssen. Lehrer gehören auch im Schnitt nicht zu den Menschen, die sich nicht artikulieren könnten. Vielmehr ist es so, dass eine Gruppe sich unterhaltender Lehrer kaum zu einem Ende kommt.

Natürlich dient ein Gedenktag auch dazu, auf Missstände und Probleme aufmerksam zu machen, etwas, dass natürlich gut zur momentanen Bildungsdiskussion in Deutschland passt. Aber – gesteht man nicht eine Niederlage ein, wenn man zugibt, einen Gedenktag zu brauchen? Brauchen Lehrer wirklich einen künstlich erzeugten Tag, um ihrer und ihrer Arbeit zu gedenken? Was haben Lehrer Heroisches getan, dass man ihrer gedenken müsste? Sie beeinflussen und formen die Jugend einer Gesellschaft. Aber das tun Eltern noch sehr viel entscheidender, und es gibt anscheinend keinen Weltelterntag. Und wo wir schon einmal dabei sind, es gibt auch weder einen Welthandwerkertag noch einen Weltfeuerwehrmanntag.

Es gibt allerdings einen Weltfernsehtag, was mich bei der Aufmerksamkeit, die diesem Medium tagtäglich in deutschen Wohnungen entgegengebracht wird, am ganzen Konzept der Weltgedenktage zweifeln lässt.

Aus: Forum Schule

(4.10.2012)

 

2 Kommentare

  1. Na sowas, in diesem Jahr höre ich zum ersten Mal von einem Weltlehrertag (in der DDR war der 12. Juni der Lehrertag).

  2. Lehrer oktroieren (Reichsschulpflichtgesetz von 1938!) jungen Menschen Wissenbestände von Gestern für eine Zukunft, an der sie selbst nicht mehr teilnehmen werden. Ich vermisse beim gesamten Lehrbetrieb die in diesem Sinne angemessene Bescheidenheit. Warum schicken wir Kinder immer noch mit einem Ranzen voll didaktisch fragwürdiger Print-Literatur zum Frontalunterricht in die Lernkasernen? Kurz: Dann feiert mal schön!

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