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Studieren im virtuellen Hörsaal: Online-Vorlesungen werden populärer

NEW YORK. Physik oder Jura – Für viele Fächer gibt es im Netz Online-Seminare. Das Tolle an den Massive Open Online Courses: Teilnehmen kann jeder. Die Kurse sind meist kostenlos. Vorreiter sind amerikanische Unis. Aber auch in Deutschland gibt es erste Gehversuche.

Die besten Kurse der Welt: Screenshot von www.coursera.org/

Die besten Kurse der Welt: Screenshot von www.coursera.org/

Um eine Vorlesung an der Uni zu besuchen, muss heute niemand mehr die heimische Couch verlassen. Ein paar Mausklicks reichen aus, um im Netz an einer Lehrveranstaltung teilzunehmen. Immer mehr amerikanische Hochschulen stellen Online-Seminare gratis ins Internet. Von Mathe bis zu Philosophie ist für fast jeden etwas dabei. Das Tolle daran: Die sogenannten Massive Open Online Courses (kurz: Mooc) sind kostenlos – und zugänglich für jedermann. Auch von deutschen Hochschulen gibt es inzwischen erste Angebote.

Rund 400 verschiedene Moocs finden Surfer allein auf der E-Learning-Plattform Coursera der Stanford University. Rund 80 Partner – darunter Eliteuniversitäten wie Princeton University – stellen Kurse ein. Die meisten sind auf Englisch. Doch mit der «Einführung in Computer Vision» startet im Sommer auch eine erste Lehrveranstaltung auf Deutsch. Die Technische Universität München und die Ludwig-Maximilians-Universität München sind seit Neuesten auf Coursera vertreten.

Wer zum Beispiel schon immer etwas über Systembiologie wissen wollte, kann den Kurs von Ravi Iyengar von der Icahn School of Medicine at Mount Sinai in New York besuchen. Nach wenigen Klicks für die Registrierung können Hobby-Biologen bereits die erste Lerneinheit starten. Dann geht es 13 Minuten lang um Moleküle und ihre Interaktionen im Körper. Statt vor Studenten im Hörsaal spricht Iyengar in eine Videokamera. Rund 800 Teilnehmer verfolgen den sechswöchigen Kurses am heimischen Rechner.

Ganz neu sind Online-Vorlesungen zwar nicht. Auch bisher gab es bereits Professoren, die ihre Lehrveranstaltungen an der Uni abfilmten und ins Netz stellten. Neu an den Moocs ist, dass sie speziell fürs Netz keierte Lehrveranstaltungen sind – mit kurzen Videos, anschließenden Tests und Diskussionsforen. Dabei ähneln sie Vorlesungen an der Uni. Sie beginnen an einem bestimmten Datum, es gibt Hausaufgaben und sogar Abgabetermine. Unterschiede zur realen Uni gebe es vor allem in der Präsentation der Inhalte, erklärt Christopher Buschow vom Institut für Journalistik und Kommunikationsforschung in Hannover. Im Netz sind eher kürzere Lerneinheiten von zehn bis fünfzehn Minuten attraktiv. Anderthalb Stunden lange Vorlesungen hält vor dem Rechner kaum jemand durch.

Ort und Zeit kann sich jeder Teilnehmer bei den Mooc frei einteilen. Der Aufwand ähnelt dabei normalen Unikursen. Durchschnittlich drei bis vier Wochenstunden veranschlagt Coursera als Arbeitsaufwand für einen Mooc. Teilweise ist es inzwischen auch möglich, kostenpflichtige Abschlussprüfungen mit Zertifikat zu machen. Einige US-Universitäten erkennen diese Scheine bereits an und haben sogar einzelne Webkurse in die Studienordnungen aufgenommen.

In Deutschland steht man dagegen noch ganz am Anfang der Entwicklung. Bisher gibt es nur vereinzelte Experimente mit Moocs. Der erste Onlinekurs an der Universität Hildesheim fand im Januar statt und trug den Titel «Datenschutz bei Facebook & Co». «Wir wollten dabei die Netznutzer für das Thema Datenschutz sensibilisieren», erklärt Joachim Griesbaum, Professor für Informationswissenschaft. Der Kurs entstand im Rahmen eines Seminars. Die Inhalte wurden von den 14 Studierenden selbst erstellt.

„Unsere Erfahrungen waren positiv“

Insgesamt haben sich für den dreiwöchigen Kurs über 600 Nutzer aus verschiedenen Ländern angemeldet, rund 200 von ihnen haben sich in den Diskussionsforen aktiv beteiligt und regelmäßig die Materialien heruntergeladen. 50 Teilnehmer bekamen am Ende ein Abschlusszertifikat. «Unsere Erfahrungen waren positiv, langfristig werden wir weitere Mooc anbieten», so Griesbaum.

Die offene Massenlehre bringt aber auch neue Herausforderungen mit sich. «Die Dozenten müssen sich stärker Gedanken, um die Attraktivität der Inhalte und ihrer Vermittlung machen», sagt der Kommunikationswissenschaftler Buschow. Während Professoren früher eine Grundlagenvorlesung 20 Jahre fast ohne Qualitätskontrolle halten konnten, ist das bei einem Mooc kaum möglich. Hier gibt es schnell Feedback im Netz. Die Qualitätsbewertung der Lehre von außen wird aus seiner Sicht in den nächsten Jahren an Bedeutung gewinnen.

Gleichzeitig gibt es auch klare Nachteile gegenüber der Präsenzlehre. Der direkte Austausch vor und nach einer Veranstaltung findet rein virtuell statt. Da Moocs derzeit in der Regel freiwillig sind, fehlt es auch an Verbindlichkeit. Selbst bei populären Kursen liegt die aktive Beteiligung bei kaum mehr als zehn Prozent, hat Griesbaum beobachtet.

Auch Hausarbeiten sind wegen der Masse der Teilnehmer kaum möglich. Für Buschow liegt die Perspektive deshalb in einer Parallelexistenz: «Mooc werden die Präsenzlehre nicht überflüssig machen.» Denkbar sei aber, dass Standard-Vorlesungen wie etwa Einführungsseminare immer mehr ins Netz abwandern.

Bis es soweit ist, wird im deutschen Hochschulsystem noch einige Zeit vergehen. Eine Plattform deutscher Hochschulen fehlt bisher. Das Berliner Startup Iversity arbeitet zumindest an einem Konzept. An eine Zukunft für Mooc in Deutschland glaubt Gründer Hannes Klöpper trotzdem. «Der Trend wird sicherlich noch drei bis fünf Jahre brauchen, um sich in der deutschen Hochschullandschaft zu etablieren. Wir spüren aber schon jetzt ein großes Interesse seitens der Lehrenden.» Als Indiz dafür wertet er über die 250 Bewerbungen um das in Kooperation mit dem Stifterverband ausgeschriebene Mooc Production Fellowship. Mit insgesamt 250 000 Euro Preisgeld sollen zehn Onlinekurse in den nächsten neun Monaten realisiert werden. «Natürlich kann das nur ein Anfang sein. Aber ich erhoffe mir durch den Wettbewerb einen gewissen Innovationsdruck für Lehrende», sagt Klöpper. BIRK GRÜLING, dpa

Hier geht es zur E-Learning-Plattform www.coursera.org/

 

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