Start Nachrichten Teenager mit Social-Media-Konto sind schlechter in der Schule – deutlich! (Außer…)

Teenager mit Social-Media-Konto sind schlechter in der Schule – deutlich! (Außer…)

6
Anzeige

MILAN. Videos schauen bei den Hausaufgaben, abends mit den Freunden schreiben, statt zu schlafen: Soziale Medien bestimmen den Alltag vieler Kinder und Jugendlicher. Das hat Auswirkungen auf die Noten – wie jetzt auch eine Studie aus Italien belegt. 

Wie jetzt? (Symbolfoto.) Foto: Shutterstock

Bitten Kinder ihre Eltern um ein eigenes Smartphone, bekommen sie oft zu hören: Wer schon in jungen Jahren ständig TikToks schaut und durch Instagram scrollt, macht zu wenig für die Schule. Eine neue Studie aus Italien kommt zu dem Schluss, dass sie damit recht haben könnten.

Die Forschenden um Marco Gui von der University of Milano-Bicocca in Milan befragten dafür mehr als 5.000 Schülerinnen und Schüler, in welchem Alter sie ihr erstes Social-Media-Konto einrichteten: vor der neunten Klasse oder erst danach. Dann analysierten sie, wie die Schülerinnen und Schüler in späteren Leistungstests abschnitten, und zwar in Mathematik, der Muttersprache Italienisch sowie Englisch.

Schlechtere Tests, häufigeres Sitzenbleiben

Das Ergebnis der im Fachblatt «Nature Human Behaviour» veröffentlichten Studie: Diejenigen, die bereits in der sechsten, siebten oder achten Klasse ein Social-Media-Konto hatten, schnitten in den Tests im Schnitt schlechter ab als diejenigen, die mindestens bis zur neunten Klasse mit einem Konto warteten, also dann meist mindestens 14 oder 15 Jahre alt waren. Auch wiederholten die frühen Nutzer und Nutzerinnen von Tiktok, Instagram, Facebook usw. häufiger eine Klasse.

Nur in Englisch waren die Teenager, die schon früh einen Account in sozialen Medien hatten, genauso gut. Die Autoren der Studie stellen die Hypothese auf, dass dies mit der «allgegenwärtigen Präsenz englischsprachiger Inhalte auf Social-Media-Plattformen» zusammenhängen könne. Das helfe den Schülerinnen und Schülern möglicherweise, informell Englisch zu lernen.

Mögliche Gründe: Ablenkung, weniger Zeit, Überlastung

Die Autorinnen und Autoren erklären, ihre Studie zeige, dass es wohl wirklich einen ursächlichen Zusammenhang zwischen sozialen Medien und Lernleistungen gebe. Denn das Team habe für die Studie zum Beispiel das Bildungsniveau der Eltern und den sozialen und wirtschaftlichen Hintergrund der Familien berücksichtigt.

Die möglichen Gründe für die beobachteten Effekte wurden in der Studie nicht untersucht. Vorherige Forschung verweise aber auf die häufige Ablenkung durch soziale Medien, die das Lernen stört. Das Team schreibt weiter, zukünftig könne auch geschaut werden, ob es ein Zeitproblem sei: Wer gerade in sozialen Medien abhänge, könne nicht für die Schule lernen. Außerdem könne auf kognitive Überlastung geschaut werden, also ob das Arbeitsgedächtnis des Gehirns die Fülle an Informationen gar nicht aufnehmen könne.

Verbote schon angekündigt

Ob Jugendliche erst ab einem bestimmten Alter auf Social Media zugreifen dürfen, wird derzeit weltweit diskutiert. Als erstes Land in der Europäischen Union wird Frankreich ein Verbot für Jugendliche unter 15 Jahren einführen. Es soll nach den Sommerferien gelten. Auch Deutschland, Spanien, Griechenland und Österreich wollen ein Social-Media-Verbot für Minderjährige bis zu einem bestimmten Alter gesetzlich festlegen.

In den politischen Debatten geht es vor allem um Auswirkungen auf die psychische Gesundheit und das Suchtpotenzial. Doch auch die Konzentrationsfähigkeit, die Schlafqualität, die Lebenszufriedenheit und auch schulische Leistungen können wissenschaftlichen Untersuchungen zufolge vermutlich darunter leiden.

Andere Forscher loben die Studie

Die aktuelle Studie sei geschickt gemacht, gelungen und die Ergebnisse fügten sich in die bisherige Forschung ein, meint Prof. Klaus Zierer, Ordinarius für Schulpädagogik an der Universität Augsburg. «Wieder einmal wurde gezeigt, dass eine frühe Social-Media-Nutzung zu negativen Effekten bei den Lernleistungen führen kann.»

Die Leistungsunterschiede bei Tests in der achten oder zehnten Klasse zwischen denjenigen Jugendlichen, die einen Account in der sechsten Klasse erstellten und denjenigen, die einen Account ab der neunten Klasse erstellten, betrugen ein halbes Schuljahr. Das hält Zierer für dramatisch. Er ist der Meinung, dass die Ergebnisse auch auf andere westliche Länder wie Deutschland übertragbar sind.

Christian Montag, Außerordentlicher Professor für Kognitions- und Neurowissenschaften an der Universität Macau SAR in China, denkt, dass vor allen Dingen die ständigen Unterbrechungen durch aufploppende Social-Media-Benachrichtigungen auf dem Smartphone die Effekte erklären. «Dadurch werden die Zeitspannen möglicher Konzentration kürzer.»

Forscherin fordert Schulung der jungen Menschen

María Paz Prendes Espinosa, Professorin für Bildungstechnologie an der University of Murcia in Spanien, ist sich nicht so sicher, dass die Studie wirklich so einfache Zusammenhänge zwischen Social-Media-Eintrittsalter und Schulleistung liefert. Dennoch zeige die Untersuchung, dass digitale Medien zum Alltag der Kinder gehören.

«Angesichts dieser Situation wird ein Verbot der Nutzung von Technologie die damit verbundenen Probleme nicht lösen», meint sie. «Im Gegenteil: Wir müssen eine Bildung fördern, die auf den realen Kontext, in dem wir leben, zugeschnitten ist; wir müssen die Menschen schulen und dazu anleiten, den Umgang mit Technologie zu beherrschen.» News4teachers / mit Material der dpa

Social-Media für Schüler beschränken? Schulleitungen: „Verbote allein reichen nicht!“

Anzeige

Info bei neuen Kommentaren
Benachrichtige mich bei
6 Kommentare
Lera
14 Tage zuvor

Jau, das sagen die Lehrer seit Jahren, Jahrzehnten.

Was genau die Professorin im letzten Absatz zum Artikel beiträgt, habe ich mich allerdings gefragt. Außer Ergebnis relativieren und darauf basierend politische Empfehlungen abgeben… irgendwie nix.

Hans Malz
12 Tage zuvor
Antwortet  Lera

Aber wenn sie sich doch nicht so sicher ist, sollte man doch lieber nochmal 10 Jahre warten und genau hinschauen.

Susanne M.
14 Tage zuvor

Es könnte aber auch nur eine Korrelation sein: Die Schüler, die später Social Media benutzen, kommen aus Elternhäusern, die auch mehr unterstützen und sich kümmern.

Hansjoachim
13 Tage zuvor

„… dass vor allen Dingen die ständigen Unterbrechungen durch aufploppende Social-Media-Benachrichtigungen auf dem Smartphone die Effekte erklären. «Dadurch werden die Zeitspannen möglicher Konzentration kürzer.» “

Na wer hat uns denn das beschert und warum? Es ist doch wie bei privaten Fernsehsendern mit der ständigen Unterbrechung durch aufdringliche Reklame, die bis zum Abwinken wiederholt wird. Oder wie bei manchen Internet-Seiten, bei denen man Cookies zugestimmt hat: Ständig kommt Reklame für alles und jedes auf den Bildschirm. Und bei den „sozialen“ Medien ebenso. Immer schriller, immer bunter, immer mehr auf Unterhaltung aus, das muss für die „mögliche Konzentration“ nachteilig sein. Am Ende werden wir vielleicht ein Volk von konzentrationsunfähigen Leuten in ständiger Erwartung, unterhalten zu werden. Bei Entzug dieser Unterhaltung muss die Glückspille geschluckt werden, sonst droht eine Depression. George Orwell lässt grüßen. 🙂

Rainer Zufall
12 Tage zuvor
Antwortet  Hansjoachim

Netter Versuch, Herr Zierer! 😀

Rainer Zufall
12 Tage zuvor

Wusste nicht, das Lob eine nenenswerte Aussagekraft hätte. Aber bestimmt stimmten Zierer und Co. der Methodik, der Durchführung usw. zu, anstatt ihre eigene Meinung zu bejubeln (…)
Kann der Artikel bitte ergänzt werden? Meine Mama sagte das auch schon immer und lobt das Ergebnis der Studie.

Nachdem wir nun uns alle stolz auf die Schultern klopften, dass stundenlanges Herumsitzen und in die Faustglotze zu starren als der Bildung hinderlich ausgemacht wurde, was nu?
Nicht nur, dass es mehr Angebote benötigt, diese müssen mit nachweislich süchtigmachenden Algorythmen konkurrieren.
Aber ich schätze, hier endet unvorhergesehen der Applaus der Politik und dringend benötigte Ressourcen müssen von Familien, Schulen und Vereinen erstritten werden!