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Geografie: Klimawandel trifft Alpen – Gletscherschwund mit ungewissen Folgen

MÜNCHEN. Mehr Regen. Weniger Schnee. Steinschlag. Überschwemmungen. Wassermangel. Der Klimawandel bringt Extreme – mit drastischen Folgen für den sensiblen Alpenraum.

Schmutzig weiß zieht sich der Rest einer Skipiste durch grüne Wiesen: Schon vor Ostern ist vielerorts in den Nordalpen die Wintersportsaison beendet. Der milde Winter scheint manchen Menschen ein Vorgeschmack auf den Klimawandel zu sein. Doch einige Experten warnen, das Wetter einzelner Jahre als Hinweis auf die Erwärmung zu betrachten.

«Es war extrem, dass die Wetterlagen in diesem Winter im Grunde auf der ganzen Nordhalbkugel der Erde so lange angehalten haben. Aber das gesamte Muster dieses Winters mit klirrender Kälte in Nordamerika und warmen Temperaturen und Stürmen in Europa ist kein Hinweis auf den Klimawandel», sagt der Leiter der GeoRisiko-Forschung des weltgrößten Rückversicherers Munich Re, Peter Höppe.

Der Mont Balnc ist der höchste Berg in der vom Klimawandel bedrohten Alpenlandschaft. (Foto: Tinelott Wittermanns/Wikimedia CC BY-SA 3.0)

Der Mont Balnc ist der höchste Berg in der vom Klimawandel bedrohten Alpenlandschaft. (Foto: Tinelott Wittermanns/Wikimedia CC BY-SA 3.0)

Der Klimawandel bringt nach Ansicht vieler Forscher nicht einfach milderes Wetter, sondern vor allem mehr Extreme mit Stürmen, Fluten und Dürren. Das Ausmaß der Extreme ist demnach kaum einschätzbar. «Das Problem am Klimawandel ist, dass Dinge passieren werden, die bisher nicht passiert sind, die außerhalb des menschlichen Erfahrungsbereichs liegen», sagt Frank Paul vom Geografischen Institut der Universität Zürich.

In den Alpen werden die Durchschnittstemperaturen bis 2100 je nach Klimaschutz und Modellrechnung um wenige bis einige Grad steigen. Die Folgen: Grüne Almen statt Skipisten, Regen statt Schnee. Steinschlag und schwindende Gletscher.

Der Schweizer CH2014-Impacts-Bericht zur Abschätzung der Klimafolgen zeigt anhand einer Simulation an 50 Gletschern, dass deren Eismasse bis Ende des Jahrhunderts fast ganz verlorengehen wird. Auch viele weitere Alpenregionen dürften bis dahin weitgehend gletscherfrei sein.

Das «Wasserschloss» Alpen würde seine Regulationskraft verlieren. «Es gibt große Abhängigkeiten, die man so gar nicht sieht», sagt Paul. Gletscherwasser füllt Stauseen, die auch als Puffer und Speicher für das europäische Stromnetz fungieren. «Fällt die Speicherkraft der Stauseen weg, dann werden Stromausfälle wahrscheinlicher.»

Da die Gletscher gerade erst schmelzen, entstehen derzeit neue Seen; 500 könnten es in der Schweiz bis Ende des Jahrhunderts sein. Blaues Wasser in blitzendem Eis: schön – und gefährlich. Vielerorts wurden Schutzbauten errichtet – falls die Seen sich sturzbachartig entladen.

Tausende Kilometer östlich im Himalaya sind die Menschen mit denselben Problemen konfrontiert. Dort schmelzen jedoch viel größere Gletscher, die Fluten bedrohen ganze Dörfer. Schutzmaßnahmen gibt es kaum. «1964 barst der Zangjyangbo Boku See in China und überschwemmte die Städte stromabwärts in Nepal. Er brach wieder 1981. Er wurde wieder randvoll – und kann wieder bersten», warnt Pradeep Mool vom International Center for Integrated Mountain Developement (Icimod) in Nepals Hauptstadt Kathmandu.

Auch in den Alpen gibt es gelegentlich bedrohliche Situationen. Am Grindelwaldgletscher füllte sich vor einigen Jahren ein See, den Pegel zu senken, kostete Millionen Schweizer Franken. Im extrem heißen Sommer 2003 häuften sich Steinschlag und Bergstürze. Am Matterhorn brachen in 3400 Meter Höhe Felsen ab. Bergsteiger mussten mit Hubschraubern geborgen werden. Selbst wenn viele Forscher den einzelnen Sommer 2003 nicht als Vorbote des Klimawandels sehen, so gab er doch einen Eindruck von den Auswirkungen, die mit der Erwärmung kommen könnten.

Eis, das die Felsen zusammenhält, indem es das Eindringen von Wasser verhindert, taut. Im Permafrost, dem ständig gefrorenen Boden, steigt die Temperatur. Liftanlagen, einst auf eishartem Boden gebaut, gleiten. Hütten bekommen Risse. Steinschlag und Muren häufen sich. Felsen rutschen. Gipfelteile und Bergflanken sacken weg. Der Gipfel des Hohen Sonnblick in Österreich sei eigens mit Beton befestigt worden – auch, um die Wetterstation dort oben zu erhalten, sagt Paul.

Manch attraktiver Berg könnte für die Besteigung zu gefährlich werden – zu Lasten des Tourismus. Einige Wintersportorte stöhnen schon jetzt über Einbußen. An der Zugspitze und in anderen Gletscherskigebieten decken Liftbetreiber im Sommer kostbaren Schnee mit Isoliermatten ab – kein Gletscher-, aber Pistenschutz. Einige Modelle ergaben, dass nur Orte über 2000 Metern Höhe auf Dauer noch Pistenvergnügen bieten werden.

Dennoch kommt der CH2014-Impacts-Bericht zu dem Schluss, dass der Klimawandel für den Tourismus nicht nur Nachteile bringt. Ohne drastische klimapolitische Maßnahmen werde sich in der Schweiz bis 2085 die Zahl der Sommertage mit über 25 Grad verdoppeln. «Diese Entwicklung könnte für den Tourismus und die Freizeitindustrie eine Chance darstellen.» Umweltschützer verlangen längst, statt auf neue Schneekanonen lieber auf den Sommertourismus zu setzen.

Weniger Frost bedeutet eine längere Vegetationsperiode und kann somit Chancen für die Landwirtschaft bieten, wenngleich mit unklaren Folgen für die Artenvielfalt. Gerade in den Hochlagen ist das ökologische Gleichgewicht sensibel. Trotzdem kommt der Alpenraum mit gemäßigtem Klima und reichen Anrainerstaaten im Vergleich zu anderen Regionen in der Welt glimpflich weg. «Ich sehe keine Katastrophe auf die Alpen zu kommen», sagt Peter Höppe von Munich Re. Sabine Dopel/dpa

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