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Inklusion an Thüringens Schulen: Lehrer und Eltern ziehen kritische Bilanz

ERFURT. Drei Jahre nach der Entwicklung ihres Eckpunktepapiers zu den essenziellen Fragen einer gelingenden Inklusion an Thüringens Schulen nahmen der tlv thüringer lehrerverband und die Landeselternvertretung Thüringen nun gemeinsam Stellung zur aktuellen Situation – und mussten feststellen, dass ausnahmslos alle der sechs Forderungen nach wie vor hoch aktuell sind: die Einbeziehung der frühkindlichen Erziehung in den Gesamtverlauf, eine Verlangsamung des Inklusionsprozesses an den Schulen (da die Gelingensbedingungen noch nicht gegeben sind), die Bewahrung der Förderzentren als funktionale Beschulungsorte, ein wirkliches und faires Wahlrecht für die Eltern, die Festlegung und Durchsetzung qualitativer Standards für den Gemeinsamen Unterricht sowie eine eindeutige Klärung der finanziellen Auswirkungen und Verantwortlichkeiten.

Die Stellungnahme von tlv und Landeselternvertretung findet inmitten einer spannungsgeladenen Konstellation statt: Da ist der UNESCO-Gipfel einerseits, der den Deutschen eine zu langsame Umsetzung der UN-Behindertenkonvention vorwirft. Da sind die Eltern, die sich selbstredend die bestmögliche Förderung für ihr Kind wünschen. Da sind die Landesregierungen, von denen einige das Konzept Inklusion auf Gedeih und Verderb durchsetzen und, so scheint es zumindest, die Förderschulen am liebsten ganz abschaffen wollen. Und da sind die Lehrer, die letzten Endes die Verantwortung und die Lasten dieses unzulänglichen Inklusionsprozesses tragen müssen. Dass die ungenügend vorbereitete Ausweitung des Gemeinsamen Unterrichts zu einer Überforderung aller Beteiligten, also Eltern, Lehrer, behinderter und nichtbehinderter Schüler führt, zeigte sich schon vor drei Jahren sehr deutlich und war der Grund für die Entwicklung eben jenes Eckpunktepapiers.

Zwar ist es dem tlv und den Elternvertretern inzwischen gelungen, die Thüringer Landesregierung von einer offiziellen Temporücknahme zu überzeugen, aber die Realität gestaltet sich oftmals ganz anders. „Der Gemeinsame Unterricht wird den Eltern als Königsweg präsentiert, während die Förderzentren als angeblich nicht UN-konform in Verruf gebracht werden“, kritisiert Stefan Nüßle, Landeselternsprecher für die Förderschulen des Freistaates. So würden beispielsweise Eltern von vornherein unzureichend über die Möglichkeiten informiert, ihr Kind an einem Förderzentrum anzumelden. Wer jedoch dem Drängen zum Gemeinsamen Unterricht an einer „normalen“ Schule nachgibt, findet sich oftmals in einer unbefriedigenden Situation wieder. Denn den Pädagogen, die diesen Gemeinsamen Unterricht zu tragen haben, mangelt es aufgrund der personellen und materiellen Unterversorgung am Notwendigsten, um jedem förderungsbedürftigen Kind eine angemessene Betreuung angedeihen zu lassen. „Wir sind selbstverständlich nicht gegen die Inklusion“, so Nüßle, „Aber wenn sie weiterhin in diesem Tempo vorangetrieben wird, kann es dabei nur Verlierer geben.“ Erschwerend käme außerdem hinzu, dass aufgrund einer veränderten Gutachtenpraxis die Zahl der Schüler mit einem sogenannten „pädagogischen Förderbedarf“ dramatisch angestiegen ist, während die Zahl der sonderpädagogischen Fälle sinkt. In der Praxis bedeutet dies, dass viel weniger Eltern überhaupt die Option haben, ihr Kind an einer Förderschule anzumelden. Für den pädagogischen Bedarf stehen überdies keine gesonderten Ressourcen zur Verfügung, die Förderung muss in dem Falle quasi nebenbei mit geleistet werden.

Auch die Lehrer begegnen den ehrgeizigen Plänen der Landesregierung kritisch. „Gemeinsamer Unterricht ja – aber nicht um jeden Preis“, so bringt der Landesvorsitzende Rolf Busch die Haltung des tlv auf den Punkt. „Das angebliche Erfolgsmodell ist nicht gelungen, und es ist Zeit zurückzurudern, bevor noch mehr Schaden entsteht.“ Selbstverständlich sei auch von der Lehrerschaft die Inklusion grundsätzlich gewünscht, schließlich stehe das Thema seit mehreren Jahren auf der Agenda des Verbandes. Vieles haben Busch und seine Kollegen schon erreicht, so die Schaffung einer permanenten halben Sonderpädagogik-Stelle an jeder Thüringer Schule. Allerdings fehlen für einen gelingenden Gemeinsamen Unterricht mit einer konsequenten Doppelbesetzung, wie sie der tlv fordert, mindestens 600 zusätzliche Lehrkräfte. Hinzu kommt, dass die Förderzentren in ihrer Funktionalität systematisch beschnitten werden, teilweise sogar nur noch eine temporäre Beschulung anbieten können. „Es wird also im Eiltempo ein funktionierendes System demontiert, während der Aufbau einer wirklich funktionierenden Alternative nur sehr schleppend vorangeht“, so Busch. Den sprunghaften Anstieg des pädagogischen – statt sonderpädagogischen – Förderbedarfs empfindet der tlv Landesvorsitzende als gefährliche Mogelpackung: „Die Schüler, egal ob förderungsbedürftig oder nicht, bleiben dabei auf der Strecke. Inklusion kann jedoch nur gelingen, wenn sich alle Beteiligten als Gewinner fühlen.“

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