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Sonderschullehrer und Ikone der deutschen Friedensbewegung – Ulli Thiel ist gestorben

KARLSRUHE. «Frieden schaffen ohne Waffen»: Der Karlsruher Ulli Thiel ging als Initiator der längsten Menschenkette Deutschlands in die Geschichte der Friedensbewegung ein. Jetzt starb der 70-Jährige nach langer Krankheit – bei den Ostermärschen soll seiner gedacht werden.

Hartnäckig und zutiefst von seiner Sache überzeugt, das war der Friedensaktivist Ulli Thiel schon immer. Mit dem berühmten Spruch «Frieden schaffen ohne Waffen» sowie der Idee für die erste und bis heute längste Menschenkette Deutschlands war er eine Ikone der deutschen Friedensbewegung. Wie am Dienstag bekannt wurde, starb der Karlsruher im Alter von 70 Jahren in der vergangenen Woche nach langer Krankheit zu Hause im Kreis seiner Familie.

«Er war ein Vorbild für mich, ein wichtiger Mentor», sagte sein Freund Roland Blach, Landesgeschäftsführer der Deutschen Friedensgesellschaft-Vereinigte Kriegsdienstgegner (DFG-VK). «Er lebte und engagierte sich sein gesamtes Leben gegen Militarismus und Gewalt. Im Rahmen der Ostermärsche an diesem Samstag solle Thiel in Stuttgart nochmals gewürdigt werden. Für ihn galt, dass nur Gewaltfreiheit zu einer friedlicheren Welt führen wird», schrieb der Tübinger Grünen-Politiker Wolfgang G. Wettach.

Der am 8. Dezember 1943 geborene Sonderschullehrer Thiel war schon seit 1968 aktiv für die DFG-VK und lange Jahre gemeinsam mit seiner Frau Sonnhild auch deren Landesgeschäftsführer. Über 45 Jahre hinweg organisierte er zahllose Kundgebungen und Aktionen für die Friedensbewegung, war bei jedem Ostermarsch dabei.

Im Laufe seines Lebens beriet er tausende Kriegsdienstverweigerer – nachdem er selbst als einer der ersten im Südwesten verweigert und in Karlsruhe seinen Zivildienst geleistet hatte. «Er war ruhig und bestimmt in der Sache und gleichzeitig so charmant und ausgeglichen, wenn es darum ging, die verschiedenen Interessen unter einen Hut zu bringen», beschreibt ihn Blach im Rückblick. Immer an Thiels Seite: Seine Frau Sonnhild, mit der Thiel drei inzwischen erwachsene Kinder hatte.

Thiels größter Coup im Auftrag des Friedens: Die Menschenkette von 1983. Im Juni 1983 hatte er auf einer Ulmer Aktionskonferenz eigentlich nur einen Streit schlichten wollen, als es um geeignete Protestaktionen angesichts der Stationierung von Pershing-Raketen ging. Da kam ihm die zündende Idee einer Menschenkette – von Stuttgart bis nach Ulm. «Einige hielten mich da wohl ernsthaft für verrückt», erzählte der Friedensaktivist im vergangenen Jahr.

Anfang der 80-er Jahre war die Stimmung wegen der geplanten Stationierung von Pershing-II-Atomraketen aufgeheizt - hier Demonstranten vor der Rhein-Main-Air-Base 1982. Foto: MSGT Don Sutherland / Wikimedia Commons

Anfang der 80-er Jahre war die Stimmung wegen der geplanten Stationierung von Pershing-II-Atomraketen aufgeheizt – hier Demonstranten vor der Rhein-Main-Air-Base 1982. Foto: MSGT Don Sutherland / Wikimedia Commons

Was dann passierte, ging in die Geschichtsbücher ein: Am 22. Oktober 1983 versammelten sich rund 400 000 Menschen entlang der Bundesstraße 10 und bildeten zwischen der europäischen US-Kommandozentrale in Stuttgart-Vaihingen und den atomar bestückten Wiley Barracks in Neu-Ulm die bis heute längste Menschenkette, die es je in Deutschland gab.

Auch nach diesem spektakulären Erfolg stellte Thiel sich nie in den Mittelpunkt; in die große Politik zu gehen – das wollte er bewusst nie. Den von ihm geprägten Slogan «Frieden schaffen ohne Waffen» lebte er. «Von ihm konnte man lernen, wie Friede und Gewaltfreiheit aussehen kann», sagt sein Weggefährte Blach. Sein Häuschen in Karlsruhe stellte Thiel ebenfalls in den Dienst des Friedens: er stattete es innen und außen mit Plakaten und Fahnen aus und lagerte in seinem «Friedenskeller» alle möglichen Materialien zum Thema. Anika von Greve-Dierfeld/dpa

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