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Studie: Zu viele Lehrer ausgebrannt – Philologen: Arbeitszeit runter!

MÜNCHEN. Mindestens jeder sechste Lehrer in Deutschland fühlt sich chronisch überlastet, emotional erschöpft oder ausgebrannt – möglicherweise noch deutlich mehr, manche Studien zählen mehr als die Hälfte der Lehrerschaft zu den Burnout-Gefährdeten. Unabhängig vom tatsächlichen Ausmaß gelte in jedem Fall: „Unter den Beschäftigten im Bildungswesen finden sich bedeutsame Anteile von Personen, die subjektiv unter chronischem Stress und psychischen Beeinträchtigungen leiden“ – deutlich mehr als in anderen Berufsgruppen. Zu diesem Ergebnis kommt eine aktuelle Übersicht des Aktionsrates Bildung zum Thema „Psychische Belastungen und Burnout beim Bildungspersonal“. Der Philologenverband fordert bereits, die Alarmzeichen ernst zu nehmen: „Die Lehrerarbeitszeiten sind zu hoch“.

Viele Lehrer fühlen sich psychisch stark belastet, ausgebrannt. Foto: fakelvis / Flickr (CC BY-SA 2.0)

Viele Lehrer fühlen sich psychisch stark belastet, ausgebrannt. Foto: fakelvis / Flickr (CC BY-SA 2.0)

Der Aktionsrat Bildung nimmt sich alljährlich in seinem Jahresgutachten drängender bildungspolitischer Probleme an. Dem Gremium gehören renommierte Bildungsforscher an – etwa die Professoren Wilfried Bos, Dieter Lenzen, Ludger Wößmann und Manfred Prenzel. Lehrer, so heißt es in der aktuellen Studie, seien besonders belastet durch die Widersprüche zwischen den Zielen, die im Unterricht erreicht werden sollen, und den Möglichkeiten, diese zu realisieren. „Ohne Zweifel sind auch Faktoren von Bedeutung, die den Alltag der Arbeit in der eigenen Institution bzw. Organisation prägen können, wie etwa der Anteil ‚schwieriger‘ Schülerinnen und Schüler, ein gegebenenfalls schwieriges Verhältnis zur Schulleitung etc. Auch die sozialen Bedingungen, wie ‚Disziplinprobleme‘ oder ein hoher Lärmpegel im Unterricht, Konflikte zwischen Schulleitung und Team, mangelnde soziale Einbindung und Unterstützung, Mangel an Feedback etc., haben nachhaltigen Einfluss auf die psychische Gesundheit und das Burnout-Erleben“, so schreiben die Autoren.

Auch Schulleiter seien stark belastet. „Die Tätigkeit von Schulleitungen dürfte in den vergangenen Jahren in besonderem Maß von Veränderungen betroffen gewesen sein. Der als `Neue Steuerung‘ bezeichnete Wandel im Bildungssystem, der Institutionen mehr Selbstständigkeit und Gestaltungsspielräume gibt, geht für Schulleitungen mit neuen Anforderungen, nämlich mehr Verantwortung und Rechenschaftspflichten, einher“, so heißt es zur Begründung. Dabei wachse der zeitliche Aufwand für die Aufgaben, die Schulleitungen als die am stärksten belastenden angeben, nämlich solche, die mit Organisation und Verwaltung zusammenhängen.

Dass die Anzahl der Frühpensionierungen von Lehrkräften seit dem Jahrtausendwechsel gesunken ist (seitdem müssen Betroffene Abschläge bei der Rente hinnehmen), sieht der Aktionsrat Bildung keineswegs als Indiz für eine Verbesserung der Lage – im Gegenteil: „Wenn es bis zur Jahrtausendwende über 60 Prozent der Lehrkräfte waren, die aufgrund gesundheitlicher Beeinträchtigungen vorzeitig aus dem Schuldienst ausgeschieden sind, so verbleiben diese Personen heute typischerweise bis zum regulären Renteneintritt in der Schule. Es ist nicht auszuschließen, dass diese Personen unter chronischem Überlastungserleben leiden, möglicherweise häufig fehlen und damit Fehlstunden für die Schülerinnen und Schüler erzeugen und insgesamt in der Qualität der Arbeit, die sie leisten, hinter ihrem Potenzial zurückbleiben.“ Tatsächlich seien die Krankenstände gestiegen.

Der Aktionrat fordert nun einen besseren Gesundheitsschutz sowie eine bessere Lehreraus- und -fortbildung. „Mit Sicherheit kann gesagt werden, dass eine hohe Kompetenz im Umgang mit den beruflichen Anforderungen einen bedeutsamen Schutzfaktor vor Überlastungserleben und Burnout darstellt. Entsprechend erachtet der Aktionsrat Bildung die Förderung berufsfeldspezifischer Kompetenzen als die wichtigste Form der Burnout-Prävention.“ Schulen müssten ihrem Personal darüber hinaus mehr soziale Unterstützung bieten. „Belastungserleben und gesundheitliche Risiken sollten in dem Maß sinken, wie eine Organisation Kooperation unter ihren Beschäftigten anregt. Voraussetzung dafür sind zwischen den Beschäftigten geteilte Ziele, zu deren Erreichung jeder Einzelne beitragen muss, größtmögliche Handlungs- und Entscheidungsspielräume für jeden Einzelnen und gegenseitiges Vertrauen unter den Beteiligten“, so heißt es in dem Papier.

Als Bestätigung der Erfahrungen und Positionen des eigenen Verbandes hat der Vorsitzende des Philologenverbands, Heinz-Peter Meidinger, die Ergebnisse der Lehrerstudie des Aktionsrats Bildung bezeichnet, wonach ein großer Teil der Lehrkräfte an der Belastungsgrenze angelangt sei. Die Folgen seien psychische und physische Erschöpfung, aber auch eine massive Gefährdung der Gesundheit.

Der Verbandschef unterstützte die Verfasser der Studie in ihrer Forderung nach einem wirksameren präventiven und therapeutischen Gesundheitsschutz für Lehrkräfte. „Es ist ein Skandal, dass der Staat als größter Arbeitsgeber von rund 700.000 Lehrkräften nicht in der Lage ist, ein flächendeckendes Angebot an Arbeitsmedizinern, Psychologen und medizinischen Zentren zu finanzieren und vorzuhalten, die sich der Gesundheitsprävention und Gesunderhaltung von Lehrkräften widmen. Die Kosten für Frühpensionierung und Krankheitszeiten sind erheblich höher als es eine wirksame Gesundheitsprävention wäre“, betonte Meidinger.

Der Philologenvorsitzende sieht die Hauptursache für Überlastung in den im internationalen Vergleich zu hohen Gesamtarbeitszeiten von Lehrkräften. In kaum einem anderen Land in Europa gebe es so hohe Stundendeputate wie in Deutschland, sagte Meidinger. News4teachers

Zum Bericht: Belastung im Lehrerberuf nimmt zu

 

Ein Kommentar

  1. Die Arbeitszeit im Sinne von Unterrichtsstunden muss nicht zwingend gesenkt werden, auch nicht zwingend die Anzahl Korrekturen. Die Belastung durch Konferenzen und anderen außerunterrichtlichen Aufgaben muss deutlich reduziert werden. Dazu gehören insbesondere Erlasse von den Kultusministern, deren konkrete Ausarbeitung ohne geeignete Vorlage vom Ministerium den Lehrern überlassen wird — natürlich unbezahlt und ohne Zeitausgleich. Die Gestaltung der neuen G9-Lehrpläne in Niedersachsen ist Aufgabe der Lehrer neben dem laufenden Schulbetrieb.

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