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„Stammestrommel“ – die Medienkolumne: Meine Klassenfahrt in digitalen Zeiten

OBERHAUSEN. „Stammestrommel“, die Medienkolumne von Marco Fileccia, Lehrer in Oberhausen. Heute: „Klassenfahrt in digitalen Zeiten“.

Während ich diese Worte schreibe, sitze ich im Bus. Auf der Rückfahrt einer Klassenfahrt in Berlin. Hinter mir 30 Smartphones mit Internet-Flatrates in den Händen von 15-Jährigen. Gut, mögen Sie sagen, dann herrscht wenigstens Stille und die starren Blicke auf die Bildschirme verhindern Fragen der Qualität „Wann sind wir endlich da?“. Das Gegenteil ist der Fall. Die starren Blicke gibt es, aber kaum weniger Miteinander als ohne mobile Endgeräte. Die Jugendlichen spielen miteinander, zeigen sich Bilder und Nachrichten, schreiben neue, geben Tipps und Kommentare, hören zu zweit Musik mit geteiltem Kopfhörer. Und tun das, was sie immer tun, wenn sie zusammen sind: Reden, reden, reden…

Wohin entwickelt sich das Internet? Diese und andere Fragen treibt unseren Kolumnisten Marco Fileccia um. (Foto: privat)

Wohin entwickelt sich das Internet? Diese und andere Fragen treibt unseren Kolumnisten Marco Fileccia um. (Foto: privat)

Und doch haben sich Klassenfahrten verändert. Zum Guten und zum Schlechten. Heutzutage fahren die Eltern immer mit. Die kurzen und schnellen Kommunikationswege, quasi in Echtzeit, gepaart mit der deutlichen Erwartung (und manchmal Forderung) von Eltern über die Etappen („Wo seid ihr?“) in Wort und Bild unterrichtet zu werden, verändern Klassenfahrterlebnisse. Unangenehmes wie kaputte Betten oder unsaubere Badezimmer in der Jugendherberge führen schnell zu einer Rückfrage überbesorgter Eltern, für die die Pädagogik das böse Wort vom „Helicopter-Parenting“ erfand. Das Gute daran: Auch Bein-oder Ausbrüche sind schnell mit zu Hause besprochen. Ganz zu schweigen von der Ankunftszeit, die Eltern entspannt auf der Couch erwarten und nicht frierend / schwitzend vor der Schule.

Nicht nur die Familie nimmt teil an der Klassenfahrt, sondern auch Dritte, eigentlich gänzlich Unbeteiligte. Die WhatsApp-Gruppen glühen vor Bildern und Nachrichten („Unsere Klasse vor dem Reichtstag. LOL“, „Wir vor dem Holocaust-Gedenkmal“, „Hier stehen wir mitten auf dem Ku´Damm“). So erfahren Freunde der Schülerinnen / Schüler von meiner Anwesenheit in Berlin, sehen mich und alle anderen auf Bildern. Hoffen wir, dass die Gespräche und Absprachen über die Wahrung des Persönlichkeitsrechts fruchten.

Handys sorgen aber auch dafür, dass meine Aufsichten (bestenfalls) nervenschonender sind. Verspätungen werden schnell gemeldet („Wir stehen am Hardrock-Café und machen uns jetzt auf den Weg“), wenn sich jemand verläuft („Irgendwie sind wir in Tegel gelandet“) oder unterwegs ein Problem hat („Wann wollten wir uns am Brandenburger Tor treffen?“), bin ich sofort informiert und kann entsprechend reagieren („Gut, ich warte auf Euch“, „Setzt Euch bitte ins Taxi!“, „11 Uhr“). Und das in Text und Wort, denkt man an Telefonate, SMS oder – etwas aktueller – WhatsApp / Threema / Telegram. Auch Absprachen untereinander („Wo bist du?“ „Wann kommst du?“) erfolgen unkompliziert. Und dies die ganze Nacht über, wenn es darum geht meine Aufsichten zu untergraben, die traditionell auf dem Flur der Herberge XY von XX trennen (sollen). Die Fluchthelfer aus der ehemaligen DDR (apropos Berlin) träumten wohl von solchen Möglichkeiten zu wissen, wann der Wachtposten wo ist.

Weitere Texte von Marco Fileccia:

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Ein Kommentar

  1. Gut dass sich jemand traut, auch einmal die positive Seite der Smartphones hervorzuheben. Die Diskussionen in den Schulen zu Handy-Verboten laufen langsam heiss.

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