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„Stammestrommel“ – Die Medienkolumne: Ein Blick in die „George-Orwell-Schule 2014“

OBERHAUSEN. “Stammestrommel”, die Medienkolumne von Marco Fileccia, Lehrer in Oberhausen, will zwei Dinge: Erstens zeigen, dass digitale Medien Spaß machen und zweitens dabei helfen, sich mit digitalen Medien den Schulalltag zu erleichtern. Der Name “Stammestrommel” ist dabei, frei nach dem Wissenschaftler Marshall McLuhan, eine Metapher für moderne Kommunikationsmedien. Heute: Ein Blick in die “George-Orwell-Schule 2014.”

Meine Lehrerkonferenz fällte kürzlich eine weise Entscheidung: Sie lehnte es ab, den anonymisierten und passwortgeschützten Vertretungsplan als Service für die Schülerinnen und Schüler online zu stellen. Auch anderswo scheint das Experiment digitaler Klassenbücher (Bericht dazu hier: http://www.news4teachers.de/2014/03/nach-dem-flughafen-scheitert-berlin-jetzt-am-digitalen-klassenbuch/) zu scheitern. Dabei war die Idee so cool: Jeder Kollege mit einem iPad ausgestattet, die Verwaltung von Fehlzeiten digital und teil-automatisiert, Eltern erhalten per Touch eine SMS über das Schwänzen des Kindes.

Möglich ist Vieles. Einige Beispiele aus meinem Alltag: Wahoo-Fitness heißt eine App, die mich beim Jogging begleitet, die Entfernung misst und das Tempo, dazu noch die Wegstrecke und allerlei anderen Schnickschnack. Beim ersten Start fragt Wahoo nach meinem Alter, meinem Gewicht und meinem Geburtstag. Das geht – selbstverständlich heutzutage – unbemerkt an die Firma Wahoo Fitness nach Atlanta, U.S.A. die nun weiß, wann ich laufe, wo ich laufe, wie schnell ich laufe und ob mein Lauftempo heute besser war als gestern.

Der ADAC(!) schildert in einer Titelstory den „Gläsernen Autofahrer“ und verweist auf den Verkehrsgerichtstag in Goslar, der ausdrücklich feststellt, dass die von einem Auto erhobenen Daten personenbezogen sind. Es können übrigens so 70 Steuergeräte sein, die Daten erheben wie das peinlich genau protokollierte Fahrverhalten und den Aufenthaltsort in GPS-Koordinaten. Mein Automechaniker kann diese Daten auslesen. Er weiß mehr über mich als meine Frau.

Was diese Beispiele miteinander zu tun haben? Es geht um die aus meiner Sicht gesellschaftliche Schlüsselfrage des 21. Jahrhunderts: Wie wichtig ist uns das Recht auf informationelle Selbstbestimmung? Oder etwas einfacher: Wie schützen wir personenbezogene Daten? Auch und gerade in der Schule.

„Das Internet der Dinge“ wird ein Trend sprachlich verharmlost, der wohl nicht aufzuhalten ist: Geräte werden miteinander vernetzt und die Daten werden ausgetauscht. Im positiven Sinne kündigt das Auto meinen Heimweg an und die Heizung wärmt die Wohnung vor. Negativ formuliert wird übermittelt, wann und wo ich mich aufhalte, meine Gewohnheiten ausspioniert bis hin zur heimischen Wohlfühltemperatur.

Werfen wir einen Blick in die „George-Orwell-Schule“ und ich möchte betonen, dass folgendes keine Science-Fiction ist, sondern mit heutiger Technik und der entsprechenden Rücksichtslosigkeit technisch einfach umsetzbar wäre. Für das Folgende nehmen wir nur die Fälle, für die es eine vernünftige pädagogische oder organisatorische Begründung gibt, vernachlässigen wir technische Spielereien und jede Möglichkeit von Missbrauch und Datendiebstahl:

Beim Eintritt (und Verlassen) in die Schule hält jeder Schüler und jeder Kollege kurz sein Handy an ein Lesegerät. Per Near Field Communication wird übermittelt, wer im Gebäude ist und vor allem wann. Die Daten werden abgeglichen mit dem Stundenplan und dem Klassenbuch / Vertretungsplan. Vor jedem Klassenzimmer hängen Displays, die anzeigen, welche Personen anwesend sind. Verspätungen und Fehlzeiten werden automatisch verarbeitet. Bei Erreichen von 45 Minuten Verspätungen erhält der Schüler automatisch eine zusätzliche Stunde in der Bibliothek, der Kollege wird bei wiederholtem Zuspätkommen um Stellungnahme gebeten. Die Eltern von Schülern mit einer Markierung „Attestpflicht“ werden über Fehlzeiten automatisch per WhatsApp informiert. Nach Erreichen der 20-Stunden-Marke wird automatisch eine Disziplinarkonferenz einberufen, selbstverständlich per Nachricht auf das Handy der betroffenen Lehrerinnen / Lehrer.

Jeder Schüler und jeder Lehrer kann über eine App jederzeit den Vertretungsplan einsehen. Für ihn relevante Einträge sind markiert. Per GPS-Koordinaten wird der Standort ermittelt. Bei einem Schulweg, der wegen Unterrichtsausfall nicht notwendig wäre, erhält derjenige einen Warnhinweis: „Wollen Sie wirklich zur Schule? Ihr Unterricht beginnt erst in zwei Stunden.“ Auf Wunsch kann der Wecker mit dem Vertretungsplan synchronisiert werden. Ein Wecken erfolgt erst X Minuten vor Unterrichtsbeginn. Unter den Schülern kursiert eine kleine Zusatzanwendung, die errechnet, wie wahrscheinlich das Fehlen eines bestimmten Kollegen ist, errechnet aus bisherigen Fehlzeiten.

Wohin entwickelt sich das Internet? Diese und andere Fragen treibt unseren Kolumnisten Marco Fileccia um. (Foto: privat)

Wohin entwickelt sich das Internet? Diese und andere Fragen treibt unseren Kolumnisten Marco Fileccia um. (Foto: privat)

Das Gebäude wird videoüberwacht mit einer Software, die über die gespeicherten Schülerfotos eine Personenerkennung möglich macht. Auch in der Raucherecke, die es gar nicht gibt. Es wird den Kolleginnen und Kollegen dringend empfohlen ihre Pausenaufsichten im Kontrollraum wahrzunehmen. Bewegungsprofile und –muster von Schülergruppen lassen Rückschlüsse zu auf Peer-Groups und auf Außenseiter. Eine entsprechende Meldung mit der Bitte um pädagogische Maßnahmen geht bei Bedarf an die Klassenlehrer. Bei Beschwerden über Fehlverhalten sind die gespeicherten Videos abrufbar und stehen als Beweismittel zur Verfügung.

Die Schule verfügt über eine eigene Funkzelle des Handynetzes und ein eigenes W-LAN-Netz. Alle Handys und ihre Aktivitäten werden protokolliert. Nicht autorisierte Benutzungen gehen umgehend an den Klassen-Tablet-PC des Lehrers, der sofort einschreiten kann. Ebenso gehen alle Aktivitäten bei einer Internet-Recherche mit den Verbindungsdaten (wer, was, wie lange?) an diesen Rechner. Per Software lässt sich diese Form der quantitativen „Sonstigen Mitarbeit“ in Noten umsetzen, die sich aus den Durchschnittswerten der Klasse ergeben haben.

Alle Schulangehörigen würden im Falle einer Bedrohung auf Mausklick der Sekretärin / der Schulleiterin / der Polizistin eine entsprechende Warnung mit einer Verhaltensempfehlung erhalten. Mit Vorrang vor allen anderen Handy-Aktivitäten und unverzüglich.

Alle Materialien wie Schulbücher und Arbeitsblätter liegen digitalisiert vor. Jeder Schüler hat mit seinem Tablet Zugriff darauf. Jeder Aufruf wird mit Datum und Dauer protokolliert und dem Fachlehrer übermittelt, rot markiert sind die Fälle, bei denen eine Bearbeitung versäumt wurde. Tests und Klassenarbeiten in Multiplechoice geben sofort Rückmeldung an Schüler und Lehrer über die Leistung in Form einer Note. Jederzeit verfügbar sind statistische Auswertungen und Prognosen, unterteilt nach Fächern und kompetenzorientiert. Förderbedarf wird automatisch ermittelt und dem Klassenlehrer übermittelt.

Der Klassen-Tablet-PC enthält die Notenverwaltung, die sich per Cloud mit den individuellen Verwaltungen der Lehrer auf ihren Geräten synchronisiert. Warnhinweise an alle erfolgen automatisch bei Noten abwärts von „ausreichend“. Jeder Kollege kann Noten mit Gewichtungen eintragen sowie Bemerkungen machen, erfolgt dies nicht rechtzeitig vor den Klassenkonferenzen erscheint ein höflicher Warnhinweis. Per Knopfdruck sind am Jahresende die Zeugnisse erstellt.

Schöne Neue Welt? Meine Schule hat dieser Vision glücklicherweise eine Absage erteilt.

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