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Der Horror eines Missbrauchssystems: ARD zeigt Spielfilm zur Odenwaldschule

HEPPENHEIM. Ein Spielfilm soll Licht ins Dunkel des Missbrauchsskandals an der Odenwaldschule bringen – ausgerechnet. Lässt sich das reale Leid der Opfer in einer fiktionalen Geschichte darstellen? Offenbar ja: Betroffene zeigten sich bei einer Voransicht beeindruckt. Die ARD bringt „Die Auserwählten“ am 1. Oktober um 20.15 Uhr.

Ulrich Tukur spielt die Hauptrolle in dem Drama "Die Auserwählten". Foto: WDR, Katrin Denkewitz

Ulrich Tukur spielt die Hauptrolle in dem Drama „Die Auserwählten“. Foto: WDR, Katrin Denkewitz

„Wir sind zutiefst erschüttert und beschämt über das, was in unserer Schule jungen Menschen angetan worden ist“, sagte Margarita Kaufmann, damalige Leiterin der Odenwaldschule, auf einer Pressekonferenz 2010. „Wir sind zutiefst betroffen über das große Leid, das ihnen zugefügt wurde. Ich bitte die ehemaligen Schülerinnen und Schüler, die in unserer Schule Opfer solcher Übergriffe geworden sind, im Namen der Odenwaldschule um Vergebung. Die Odenwaldschule hat große Schuld auf sich geladen und nichts wird diese Schuld je von ihr nehmen können und das große Leid ungeschehen machen.“

Jahrzehntelang wurden an der Odenwaldschule mindestens 132 Kinder missbraucht und vergewaltigt. Neben Schulleiter Gerold Becker nutzten 16 weitere Täter das Internat und seinen Ruf als Deutschlands Summerhill als Rahmen für ihre pädophilen Machenschaften – ein perfides System, das wohl auch deshalb so lange funktionieren konnte, weil viele der Opfer zu jenen Kindern gehörten, die von Jugendämtern an die Schule geschickt worden waren (also nicht wie die meisten ihrer Mitschüler aus Oberschicht-Familien stammten). Seit 2010, als der Skandal in seiner Dimension bekannt wurde, werden von der Jugendhilfe keine Kinder mehr an das Internat überwiesen. In den 70er und 80er Jahren bestimmte Becker, der als vermeintlicher Reformpädagoge in Deutschland hoch angesehen war, noch im Alleingang die Regeln. Er wählte die Jungen aus, die seiner „Familie“ angehören sollten – und dann seine Opfer wurden. Die Schüler der Odenwaldschule waren (und sind) in Wohnhäusern untergebracht, in denen sie gemeinsam mit Lehrern leben.

Jetzt soll – ausgerechnet – ein Spielfilm Licht ins Dunkel dieses damaligen pädokriminellen Systems bringen. Und Fragen klären wie die, warum die Übergriffe in solchem Ausmaß möglich waren. Wie konnte es sein, dass selbst erste Medienberichte vor 15 Jahren kaum ernst genommen wurden? Warum schauten so viele weg? „Die Auserwählten“, für den WDR von Hans-Hinrich Koch produziert, wird am kommenden Mittwoch um 20.15 Uhr in der ARD ausgestrahlt. Die Hauptrolle als Gerold Becker (im Film heißt er Simon Pistorius) spielt Ulrich Tukur. Das Drehbuch geschrieben haben Benedikt Röskau, der mit „Contergan“ gezeigt hat, dass er einen schwierigen historischen Stoff anschaulich in eine fiktionale Geschichte umsetzen kann, und seine Partnerin Sylvia Leuker, eine früheren Journalistin. „Fiktion kann in besonderer Weise Identifikation und Mitgefühl für handelnde Figuren schaffen“, sagt Produzent Koch gegenüber der „Welt“. Das TV-Drama solle das System hinter dem Missbrauch bloßlegen, statt historisches Geschehen getreu abzubilden. An der Odenwaldschule habe gegolten, was für viele totalitäre Systeme gilt: Wer mitspielte und schwieg, sei belohnt worden. Wer sich gegen den Schulleiter gewehrt habe, bekam Schwierigkeiten und war nicht mehr lange da.

Der Film wurde Betroffenen bereits gezeigt, und auch die Leitung der Odenwaldschule habe ihn schon gesehen, so berichtet die „Welt“. Die Reaktionen seien ein Mix gewesen aus Begeisterung darüber, wie authentisch die Stimmung getroffen wurde – und tiefer Betroffenheit, heißt es. Offenbar konnten Sorgen ausgeräumt werden, ein dramaturgischer Kniff – den die Filmschaffenden anwenden – könne das Leid der Opfer relativieren. Im Film gibt es nämlich eine junge Lehrerin namens „Petra“, die den Pädophilen Einhalt gebieten will. In der Realität hat es eine solche Person nie gegeben.

Dass der Film „Die Auserwählten“ an der Odenwaldschule selbst gedreht werden konnte, weist laut „Deutschlandradio Kultur“ auf „die Bereitschaft der heutigen Leitung hin, sich der Missbrauchsgeschichte zu stellen“. Tatsächlich wird genau dies von Opfern bezweifelt – die eingeleiteten Reformen am System der Schule werden als unzureichend dargestellt. Tatsächlich hat ein aktueller Fall den Verdacht genährt, dass es mit der Transparenz an der Odenwaldschule nicht so weit her ist, wie von der neuen Schulleitung beteuert wird: Ein Verdacht gegen einen Lehrer, Kinderpornos bezogen zu haben, wurde den Behörden erst gemeldet, als die Presse darüber berichtete. Die Konsequenz: Das Vertrauen in die Reformschule ist bislang nicht wiederhergestellt worden. Die Schülerzahlen sind eingebrochen. Die behördliche Betriebsgenehmigung gilt nur noch befristet. Wenn die Finanzierung bis Mitte 2015 nicht längerfristig gesichert wird, droht die Schließung.

Der Fernsehabend wird wohl kaum etwas daran ändern, dass die Odenwaldschule wohl keine lange Zukunft mehr haben wird. Das glaubt jedenfalls Pitt von Bebenburg, der hessische Landeskorrespondent der „Frankfurter Rundschau“. Die Zeitung hatte als erste über den Skandal berichtet. Von Bebenburg erklärte im „Deutschlandradio Kultur“ auf die Frage, warum das System des Vertuschens und Verharmlosens so lange hat bestehen können – und offenbar bis heute besteht: „Es gibt mehrere Gründe. Ein Grund ist, dass die Odenwaldschule immer eine hohe emotionale Identifikation gestiftet hat. Für Schüler und für Lehrer. Es gab also dieses Phänomen, das jeder, der etwas Böses über die Schule berichtet hat, als Nestbeschmutzer gegolten hat. (…) Und das ist das Grundproblem an dieser Schule, an dem hat sich nichts geändert. Dazu mag auch beitragen, dass bis heute immer noch Leute an der Schule tätig sind, die auch schon zu den massiven Missbrauchszeiten dort gearbeitet haben. Und die natürlich alle Schuld auf sich geladen haben, weil alle wussten, dass an dieser Schule etwas nicht stimmt. Und wir sind nicht dagegen vorgegangen. Aber ich glaube der Hauptpunkt ist sicher dieses engste Kameradschaftsgefühl.“ News4teachers

Zum Bericht: Die Odenwaldschule bekommt eine Gnadenfrist von einem Jahr – dann droht Schließung

7 Kommentare

  1. Alfons Kleine Möllhoff

    Der ‚Bericht zur Odenwaldschule (http://www.news4teachers.de/2014/09/der-horror-eines-missbrauchssystems-ard-zeigt-spielfilm-zur-odenwaldschule/) enthält eine Falschmeldung: Die Odenwaldschule hat die Behörden über den Fall des Lehrers, der vor seiner Beschäftigung an der Odenwaldschule Kinderpornographie aus dem Internet bezogen hat, unverzüglich berichtet.

    In den Medien wird kritisiert, dass die Odenwaldschule die Medien nicht ebenso unverzüglich unterrichtet hat. Hier wird der Anspruch formuliert, die Odenwaldschule müsse jegliches Problem unverzüglich, dass heißt auch gegen eine Unschuldsvermutung der Beschuldigten, öffentlich machen.

    • Sehr geehrter Herr Kleine Möllhoff,

      das staatliche Schulamt in Heppenheim erklärte im April, nach Hinweisen von Schülern vergangenes Jahr keine Informationen auf die Beobachtung des Pädagogen erhalten zu haben. «Der Schulleiter ist aber berichtspflichtig», sagte damals Schulamts-Leiterin Frida Bordon. Der Landkreis bestellte daher die Schulleitung zu einem Krisengespräch ein. Die Aufsichtsbehörden bemängelten auch danach noch, die Schule beantworte Fragen nicht genau und auch noch widersprüchlich.

      Herzliche Grüße
      Die Redaktion

      • Alfons Kleine Möllhoff

        Der Satz im Bericht ist einfach falsch. Denn er bezieht sich auf den angeblich nicht gemeldeten Bezug von Kinderpornographie.
        Wenn Sie jetzt auf andere Sachverhalte abheben, müsste man sich diese genauer anschauen, statt Medienberichte als ultimative Wahrheit anzunehmen.
        1. Das Schulamt formuliert eine Informationspflicht über alltägliche Schülerbeschwerden – „der hat einen komischen Blick“, die sich aus dem Schulrecht nicht ableiten läßt.
        2. Der Landkreis Heppenheim reklamiert im anderen Rechtsbereich der Jugendhilfe, unter welcher der Internatsbetrieb fällt, ebenfalls Informationsrechte, welche sich nicht aus dem Recht der Jugendhilfe ableiten lassen. Die Odenwaldschule hat dennoch freiwillig berichtet und wurde bei jedem falschen Komma öffentlich durch den Landkreis angegriffen.

        Hier läuft eine öffentliche Kampagne der Ausichtsbehörden Jugendhilfe gegen die Odenwaldschule. Dazu gehört auch die angeblich befristete Betriebserlaubnis. Das Gesetz (SGB VIII, § 45) kennt keine Befristung! Mit dieser Behauptung wird allerdings die wirtschaftliche Grundlage der Schule massiv angegriffen. Leider wehrt sich die Odenwaldschule nicht, obwohl ihr der bisherige Kuschelkurs mit den Behörden keinerlei Vorteile gebracht hat. Die Betriebserlaubnis gilt übrigens immer noch unbefristet, allen anderslautenden Medienberichten zum Trotz!

        Wer unter den Pädophilieverdacht gerät – seit mehr als 20 Jahren hat sich kein pädophiler Mißbrauchsverdacht gegen die Schule bestätigt – hat eben keine Rechte mehr. Dies wird auf lange Sicht eine Verdachtskultur in allen pädagogischen Einrichtungen fördern. Unter dem Druck des pädophilen Mißbrauchs werden sie zu pädagogischen Hochsicherheitsanstalten, bei der allein maximale Distanz zwischen Schülern und Personal den Pädagogen einen fragilen Schutz vor dem Pädophilieverdacht bieten.

        Alfons Kleine Möllhoff

        • Die Verjährungsfrist für pädophile Straftäter ist auch nur auf zehn Jahre ab der Volljährigkeit der Opfer beschränkt.
          Die betroffenen Opfer, welche später dann Anzeigen gegen sexuell misshandelnde Lehrer der Odenwaldschule erstatteten, begaben sich nach dem Ausscheiden aus der Odenwaldschule in längjährige psychotherapeutische Behandlung. Sie mussten zuerst noch die Geschehnisse verarbeiten, bevor sie die Anzeigen tätigten.
          Das geht aus den Interviews dieser Opfer hervor. Deshalb waren die Taten bei der erfolgten Anzeigenerhebung bereits verjährt.

          Was von der Politik einzufordern ist, ist eine deutliche Verlängerung der Verjährungsfrist für derartige Straftaten.
          Die Opfer leiden ein Leben lang unter diesen Taten, während die Täter straffrei ausgehen.
          Selbst der Mitwisser und ehemalige Lebenspartner des Herrn Gerold Becker, bezichtigte später die Opfer der sexuellen Verführung ihres Schulleiters.
          Er verneinte, obwohl er regelmäßig in der Odenwald-Schule zu Besuch war, von den Übergriffen etwas bemerkt zu haben. Und das auch, obwohl man gemeinsam mit einem der Schüler in den gemeinsamen Griechenland-Urlaub geflogen war.
          Und auch dieser Mensch erhielt das Bundesverdienstkreuz für seine „besonderen Verdienste“ um die Reformpädagogik.

  2. So habe ich es auch mit Erleben müssen.

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