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Modellkita für Flüchtlingskinder – ausgerechnet in der braunen Hochburg Hoyerswerda

DRESDEN. Die Zahl der Flüchtlinge in Deutschland steigt. Das macht sich auch in den Kitas bemerkbar. Viele Flüchtlingskinder sind traumatisiert und sprechen kaum Deutsch. In Sachsen sollen vier sogenannte Willkommenskitas helfen – eine davon soll in Hoyerswerda entstehen. Ausgerechnet in der Stadt also, die als eine braune Hochburg in Deutschland gilt.

Geeignter Standort für eine Flüchtlingskinder-Kita? Neonazi-Aufmarsch in Hoyerswerda am 1. Mai 2010. Foto: spreelichter.info / flickr CC BY-NC-SA 2.0)

Geeigneter Standort für eine Flüchtlingskinder-Kita? Neonazi-Aufmarsch in Hoyerswerda am 1. Mai 2010. Foto: spreelichter.info / flickr CC BY-NC-SA 2.0)

Nach Angaben des Bundesinnenministeriums haben von Januar bis September rund 136.000 Menschen einen Asylantrag in Deutschland gestellt. Nahezu jeder vierte Flüchtling ist jünger als 14 Jahre, rund 14 Prozent sind jünger als sechs Jahre. Mit Schulungen für das Personal, Beratern vor Ort und dem Aufbau von Netzwerken unterstützt die Deutsche Kinder- und Jugendstiftung (DKJS) Kitas in Sachsen bei der Aufnahme von Flüchtlingskindern. «Damit sich die Kinder wohlfühlen und am Alltag teilhaben können», sagte DKJS-Projektleiter Axel Möller in Dresden. Bei den «Willkommenskitas» handelt es sich nach Angaben der Stiftung um ein bundesweit einzigartiges Modellprojekt. Eine zweifellos honorige Initiative.

In der Regel bleiben Flüchtlinge drei Monate in den Erstaufnahmeeinrichtungen, bevor sie auf die Kommunen verteilt werden. Erst dann dürfen ihre Kinder auch einen Kindergarten besuchen. «Die Kinder leben oft in einer Situation, die nicht besonders kindgerecht ist», sagt Möller. Es gebe in den Wohnheimen kaum Raum zum Spielen und kaum Rückzugsorte für die Familie. Die Kinder seien also, wenn sie in die Kitas kämen, besonders förderbedürftig. Bei der Ausschreibung für die Projektteilnahme hatten sich bis Ende August insgesamt 34 Kitas aus ganz Sachsen beworben. Ausgewählt wurden zunächst vier Einrichtungen – fast alle aus dem ländlichen Raum. «Dort gibt es großen Bedarf», erläuterte Möller.

Die Modellkitas liegen in Gröditz (Landkreis Meißen), Ehrenfriedersorf (Erzgebirge), Striegistal (Mittelsachsen) und Hoyerswerda (Landkreis Bautzen). Eine gute Wahl? In Hoyerswerda hatte es 1991 Angriffe auf eine Unterkunft von Vertragsarbeitern aus Mosambik und Vietnam sowie auf ein Flüchtlingswohnheim gegeben. Neonazis randalierten damals vor den Gebäuden und warfen Molotow-Cocktails, angefeuert von Sympathisanten und Nachbarn. Die Polizei konnte die Ausschreitungen nicht unterbinden.

Aktuelle Berichte lassen vermuten, dass Hoyerswerda bis heute ein Problem mit der Ausländerfeindlichkeit hat. „Wo Neonazis eine ganze Stadt tyrannisieren“, so betitelte zum Beispiel der Nachrichtensender n-tv noch im vergangenen Januar einen großen Beitrag. Die Atmosphäre in der Stadt sei „heute nicht besser als 1991, als die Stadt in der Lausitz plötzlich weltbekannt werden sollte – als Symbol eines neuen fremdenhassenden Deutschlands“.

Könnte die Polizei die Flüchtlingskinder schützen? Neonazi-Aufmarsch in Hoyerswerda am 1. Mai 2010. Foto: spreelichter.info / flickr CC BY-NC-SA 2.0)

Könnte die Polizei die Flüchtlingskinder schützen? Neonazi-Aufmarsch in Hoyerswerda am 1. Mai 2010. Foto: spreelichter.info / flickr CC BY-NC-SA 2.0)

Anlass der Berichterstattung: Ein junges Paar, das sich gegen die im Stadtbild allgegenwärtige braune Propaganda zur Wehr gesetzt hatte, wurde von Neonazis im eigenen Haus belagert. Die Polizei, die nur zögerlich eingegriffen haben soll, habe den Angegriffenen allen Ernstes geraten, die Stadt zu verlassen. Sachsens Innenminister Markus Ulbig rügte seinerzeit seine Beamten: „Es ist die Aufgabe der Polizei, die Menschen in Sachsen zu schützen. Das bedeutet, dass jeder in seiner Heimat sicher wohnen und leben kann.” Vergeblich. Das Paar musste die Stadt verlassen und lebt heute tatsächlich an einem unbekannten Ort. Gegen die Täter, die keinerlei Einsicht vor Gericht zeigten, hat das Amtsgericht Hoyerswerda wegen „massiver Bedrohung eines Paares” Strafen ausgesprochen – zur Bewährung.

Die örtliche Linken-Politikerin Caren Lay ist selbst immer wieder Anfeindungen ausgesetzt. Sie bedauert dem n-tv-Bericht zufolge, dass sich Hoyerswerda all die Jahre nicht seiner Neonazi-Vergangenheit gestellt habe. „Man hat tatsächlich versäumt, die Ereignisse von 1991 aufzuarbeiten”, so zitiert sie der Sender. Das habe zur Stärkung der Rechten geführt, die die Pogrome von 1991 noch immer als ihren Erfolg feierten. Jetzt endlich, nach mehr als 20 Jahren, habe die Stadt ein neues Asylbewerberheim errichtet. “Das ist ein starkes Zeichen gegen die rechte Gewalt, endlich beginnt auch eine öffentliche Debatte. Wir werden Hoyerswerda nicht den Rechten überlassen.” Tatsächlich aber, so berichtet die Lokalseite Alles-Lausitz.de, lungerten immer wieder Neonazis vor dem Asylbewerberheim herum, um die Bewohner einzuschüchtern. Die Polizei zeigt angeblich starke Präsenz dort.

Und dort soll jetzt ein Kita-Modellprojekt für Flüchtlingskinder eingerichtet werden? Ausgerechnet in einer Stadt also, in der die Polizei Opfer von Nazi-Terror offenbar nicht wirksam schützen kann? Viele der betroffenen Kinder, so berichtet Projektleiter Möller, kommen aus den Kriegsgebieten in Syrien und dem Irak – geprägt von traumatischen Erlebnissen. Er erzählt von Kindern, die bei lauten Geräuschen zusammenzucken und sich verstecken, etwa wenn eine Feuerwehr vorbei fährt. Was würde wohl in den Kleinen vorgehen, würden sie Zeuge eines der immer mal wieder stattfindenden Neonazi-Aufmärsche werden? News4teachers / mit Material der dpa

Braune Horden lungern aktuell vor dem Asylbewerberheim herum: Neonazi-Aufmarsch in Hoyerswerda am 1. Mai 2010. Foto: spreelichter.info / flickr CC BY-NC-SA 2.0)

Braune Horden lungern aktuell vor dem Asylbewerberheim herum: Neonazi-Aufmarsch in Hoyerswerda am 1. Mai 2010. Foto: spreelichter.info / flickr CC BY-NC-SA 2.0)

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