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UN-Prüfer stellen fest: Deutsche Schulen sind von Inklusion weit entfernt

BERLIN. Wie läuft die Integration von Behinderten in Deutschland? Schlecht, sagen diejenigen, die die Umsetzung der UN-Behindertenkonvention überwachen. Allerdings stellt sich die Frage nach dem Maßstab: Nach welchen Kriterien bemisst die so genannte Monitoring-Stelle den Grad an Inklusion vor allem an den Schulen in Deutschland? Der Bericht macht deutlich, dass die beim Institut für Menschenrechte angesiedelte Institution offenbar einen radikalen Ansatz vertritt.

Wird ein Kind mit Down-Syndrom an einer Regelschule genauso gut gefördert wie an einer Förderschule? Foto: Rich Johnson / flickr (CC BY-NC-SA 2.0)

Wird ein Kind mit Down-Syndrom an einer Regelschule genauso gut gefördert wie an einer Förderschule? Foto: Rich Johnson / flickr (CC BY-NC-SA 2.0)

Deutschland verfehlt aus Sicht von Experten die Ziele der Vereinten Nationen bei der Eingliederung von Behinderten in wesentlichen Punkten. Die unabhängige nationale Monitoring-Stelle zur UN-Konvention von Behindertenrechten (deren Einrichtung von der Behindertenrechtskonvention gefordert wurde) kritisierte am Montag Bund und Länder, weil sie an gesonderten Einrichtungen für Behinderte festhalten – etwa bei Bildung, Wohnen und Arbeit. «Solche Doppelstrukturen bergen (…) die Gefahr von Ausgrenzung und Benachteiligung», heißt es in einem Bericht.

Nach jüngsten Angaben des Statistischen Bundesamtes gibt es in Deutschland etwa 7,5 Millionen Schwerbehinderte. Die Bundesrepublik hat sich verpflichtet, die 2006 von den UN verabschiedete Konvention umzusetzen. Daraus leitet sich zum Beispiel ab, dass behinderte Menschen nicht vom allgemeinen Bildungssystem ausgeschlossen sein dürfen. Durchaus strittig ist allerdings, ob von Eltern gewünschte Förderschulen zu einem solchen allgemeinen Bildungssystem gehören – oder eben nicht.

Die Monitoring-Stelle hat zu dieser Frage eine klare Haltung – und Deutschland nach Darstellung der Prüfer einen großen Nachholbedarf. „Von einem inklusiven Bildungssystem ist der Vertragsstaat weit entfernt“, so heißt es in dem Bericht mit Blick auf Deutschland. Je nach Bundesland betrage die Inklusionsquote an allgemeinen Schulen demnach zwischen 15 und 63 Prozent. Von den Abgängern der Sonder- oder Förderschulen hatten laut Bericht 2012 fast drei Viertel keinen Hauptschulabschluss. „Einige Länder verweigern sich offenkundig dem Auftrag, Inklusion strukturell zu begreifen und halten an der Doppelstruktur Regelschule und Sondereinrichtung ausdrücklich fest. Beispielsweise hatte die Untersuchung der rechtlichen Rahmenbedingungen zum Ergebnis, dass es zwar Rechtsänderungen gegeben, jedoch kein Bundesland seine Rechtsvorgaben hinreichend entwickelt habe.“

Weiter heißt es: „Das Festhalten an einer Doppelstruktur behindert den im Vertragsstaat erforderlichen Transformationsprozess, in dessen Zuge die vorhandenen Ressourcen und Kompetenzen der sonderpädagogischen Förderung in die allgemeine Schule verlagert werden könnten.“ Und: „Von einer Weichenstellung hin zu einem ‚inklusiven System‘ kann erst dann gesprochen werden, wenn die sonderpädagogische Förderung systematisch und strukturell in die allgemeine Schule verankert wird und gleichzeitig trennende Strukturen im Bereich der schulischen Bildung überwunden werden.“

Allerdings stellt sich die Frage: Wo steht das? Die UN-Behindertenrechtskonvention jedenfalls lässt sich konkret zur Schulstruktur nicht aus; dort (in Artikel 24) heißt es in der offiziellen deutschen Übersetzung  lediglich: „Die Vertragsstaaten anerkennen das Recht von Menschen mit Behinderungen auf Bildung. Um dieses Recht ohne Diskriminierung und auf der Grundlage der Chancengleichheit zu verwirklichen, gewährleisten die Vertragsstaaten ein integratives Bildungssystem auf allen Ebenen und lebenslanges Lernen (…).“ Weiter heißt es in Absatz zwei: “Bei der Verwirklichung dieses Rechts stellen die Vertragsstaaten sicher, dass (..) Menschen mit Behinderungen nicht aufgrund von Behinderung vom allgemeinen Bildungssystem ausgeschlossen werden (…).“ Schließt das tatsächlich eine Förderung in besonderen Klassen oder Schulen aus – auch wenn die Eltern betroffener Kinder dies ausdrücklich wünschen? Experten zweifeln.

Nicht allerdings die Behindertenbeauftragte der Bundesregierung, Verena Bentele. Sie meint: „Der Bereich der inklusiven Bildung läuft besonders schlecht. Das wird nicht in allen Bundesländern mit der gleichen Energie und Konsequenz vorangetrieben“, sagte sie. Der Bericht zeige, dass die verschiedenen Stellen besser zusammenwirken sollten. „Sowohl die Gesetzgeber auf Bundes-, Landes- und Kommunalebene als auch die Verwaltungen, die die gesetzlichen Vorgaben umsetzen.“

Bundessozialministerin Andrea Nahles (SPD) räumte am Montag in Berlin ein, dass es Rückschritte bei der Integration von Schwerbehinderten auf dem Arbeitsmarkt gebe. Die Zahl der arbeitslosen Schwerbehinderten steige, sagte sie auf einer Veranstaltung unter anderem von Diakonie und Verdi. «Was ich eigentlich will: Dass Schwerbehinderte in den ersten normalen Arbeitsmarkt integriert werden.» Allerdings erhöhten sich laut Monitoring-Stelle die Zahlen derjenigen, die in eigenen Werkstätten für Behinderte beschäftigt sind. 2013 waren es 300.000 Menschen.

Man darf gespannt sein: Die Vereinten Nationen wollen Ende März einen eigenen Bericht vorlegen, wie Deutschland die Konvention umsetzt. News4teachers / mit Material der dpa

Zum Bericht: Streit um die Inklusion: Jetzt schreiben auch Eltern einen Brandbrief

48 Kommentare

  1. Wie werden Staaten beurteilt, die Behinderte ohne weitere Maßnahmen einfach in die öffentlichen Schulen dazustecken?
    Welche anderen Staaten wurden überhaupt bewertet? Aber ich sehe, es ist ja eine NATIONALE Monitoring-Stelle. Wer ist da wohl drin?

  2. News For Teachers geht immernoch von der nicht autorisierten deutschen, nicht mit der UNO abgestimmten Übersetzung aus. Deutsch ist ekien UNO-Sprache: Es heisst inklusives Bildungssystem, nicht integratives. „Die Befolgung von Artikel 24 des Übereinkommens erfordert an erster Stelle die Anerkennung des Rechts von Menschen mit Behinderungen auf Bildung in einem inklusiven Bildungssystem
    und die Beseitigung rechtlicher Hindernisse für ihre Einbeziehung in das Regelschulsystem des betreffenden Landes (S. 18, JAHRESBERICHT DES HOHEN KOMMISSARS DER VEREINTEN
    NATIONEN FÜR MENSCHENRECHTE UND BERICHTE DES AMTES DES HOHEN KOMMISSARS UND DES GENERALSEKRETÄRS, A/HRC/10/48).

    • Liebe Anna,

      News4teachers geht von dem Text aus, den der Bundestag beschlossen hat: http://dipbt.bundestag.de/dip21/brd/2008/0760-08.pdf

      Herzliche Grüße
      Die Redaktion

      • Liebe Redaktion,

        mittlerweile ist doch klar, dass Inklusion, nicht Integration gemeint ist. So steht es auch in allen aktuellen Dokumenten der Bundesregierung (bspw. Bildungsbericht). Mittlweile haben (fast) alle verstanden, dass es um die Gewährleistung eines inklusiven Bildungssystems geht (Artikel 24). Aber wie es heisst, ist letzendlich egal, wenn endlich mehr als nur 28,2 Prozent der Förderschüler in dem Gemeinsamen Unterricht gehen.

        Herzliche Grüße
        Anna

  3. Ausschnitt aus einem FAZ-Artikel:
    „Der Stellenwert der UN-Konvention
    Das ist ein wichtiger Punkt. Je offensiver Inklusionisten unter der Fahne der „Haltung“ pädagogische und rechtliche Einwände in den Wind schlagen, desto wichtiger etwa der Hinweis, dass in der auch von Deutschland ratifizierten UN-Konvention, an deren Umsetzung die Kultusminister derzeit arbeiten, explizit an keiner Stelle davon die Rede ist, dass Sonderschulen (die auch Förderschulen heißen) abzuschaffen seien (zugunsten inklusiver Beschulung in einer „Schule für alle“, in die dann alle Behinderten aufzunehmen wären, wie es von den Verfechtern der Einheitsschule propagandistisch als Imperativ der Vereinten Nationen ausgegeben wird). Im Gegenteil betont die UN-Konvention, dass „besondere Maßnahmen, die zur tatsächlichen Gleichberechtigung von Menschen mit Behinderung erforderlich sind, nicht als Diskriminierung im Sinne dieses Übereinkommens“ angesehen werden dürfen. Das kann man durchaus als eine Lizenz für die abgespeckte Kontinuität des Sonderschulwesens auffassen, sicherlich aber nicht für ein Verbot desselben „als Sackgasse“, wie die Initiativen für den Erhalt der Förderschule zu Recht geltend machen.“
    http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/inklusion-alle-einschliessen-wollen-wir-das-12980560.html

  4. Ursula Prasuhn

    Wenn die UN-Prüfer feststellen, dass deutsche Schulen von der Inklusion weit entfernt sind, so frage ich mich, wer diese Leute sind und wonach sie urteilen.
    Bei mir hält sich die Spannung auf die Vorlage eines eigenen Berichts der Vereinten Nationen Ende März – wie Deutschland die Konvention umsetzt – in engen Grenzen, denn das Ergebnis ist vorhersehbar.
    Wie Zeugnisse der UNO zustande kommen, zeigte der „Spiegel“ vor wenigen Jahren. Grund war ein UN-Armutsbericht, der hohe Wellen schlug und allgemeines Entsetzen auslöste.
    Zitat: „Die Uno, respektabelste Behörde der Welt, stellt der Bundesrepublik in einem Länderbericht ein schlechtes Zeugnis aus. Millionen Kinder in Deutschland hungerten. Ausländer, Ostrentner, ehemalige Psychiatriepatienten und sexuelle Minderheiten würden systematisch benachteiligt. Das Streikrecht sei teilweise außer Kraft gesetzt. Erwerbslose, man glaubt es kaum, würden in Deutschland zur Zwangsarbeit herangezogen.“
    Wie die „respektabelste Behörde der Welt“ zu ihrem vernichtenden Urteil über Deutschland kam, ist hier nachzulesen:
    http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-79408613.html

    • Ist das Wort „UN-Prüfer“ im Titel eigentlich richtig? Handelt es sich um von der UN bestellte Personen oder um „nationale“, also doch wohl rein deutsche ? Ich hatte die Zeilen im Text der Nachricht anders verstanden. Bitte die Redaktion um Klärung.

      • Lieber Reinhard,

        die Monitoring-Stelle prüft für die Vereinten Nationen die Umsetzung der von Deutschland ratifizierten UN-Behindertenrechtskonvention – insofern ist die Überschrift korrekt. Sie ist von den Vereinten Nationen insofern „bestellt“, als dass die Benennung einer solchen regierungsunabhängigen Institution in der Konvention gefordert wird. Es sind aber keine UN-Mitarbeiter, die hier prüfen. Die Monitoring-Stelle ist am Deutschen Institut für Menschenrechte angesiedelt und wird vom Bundessozialministerium mit 430.000 Euro pro Jahr finanziert.

        Herzliche Grüße
        Die Redaktion

        • Vielen Dank für die schnelle und präzise Antwort!
          Will bei der Gelegenheit mal sagen, dass ich sehr dankbar bin für Ihre Nachrichten, die uns Lehrer tiefer als durch Tageszeitungen hineinblicken lassen, was gerade „läuft“,
          und natürlich für die Möglichkeit, sich beim Kommentieren „auszutoben“ – auch wenn wir mal toben ;-). Oder was meinen die anderen Leser und Schreiber?

          • Ursula Prasuhn

            Auch meine Frage ist somit beantwortet. Ihrem weiteren Dank an die Redaktion schließe ich mich gern an.
            Hinzufügen möchte ich noch: Mir fällt positiv auf, dass die dpa-Verlautbarungen weniger vorbehaltlos übernommen werden, sondern eigene Recherchen sie verbessern. Das kostet die Redaktion von news4teachers Zeit und Arbeit, erhöht aber ganz wesentlich die Qualität der Artikel. Für mich jedenfalls.

        • Die Monitoring-Stelle prüft nicht. Die Monitoring-Stelle hat einen Bericht geschrieben, ebenso wie die Bundesregierung einen Bericht geschrieben hat (Antwort auf die Fragen des Fachausschusses) und wie auch die „Zivilgesellschaft“ einen Bericht geschrieben hat (BRK-Allianz). Diese drei Berichte fließen in die Staatenberichtsprüfung in Genf ein. Prüfen tut der UN-Fachausschuss über die Rechte für Menschen mit Behinderungen – der CRPD-Ausschuss. Dieser wird in seinen Abschließenden Bemerkungen darauf hinweisen, wo Verbesserungsbedarf besteht. An der Staatenberichtsprüfung nimmt eine Staatendelegation teil, dazu gehören BMAS-Mitglieder, ein Landesbehindertenbeauftragter usw. Ebenso werden Vertreter der Zivilgesellschaft teilnehmen, auch die Monitorin-Stelle ist vertreten. Alle Anwesenden werden von den Ausschussmitgliedern befragt. Sie prüfen, welche Fortschritte erzielt wurden. Wer prüft also? Die Ausschussmitglieder. Dazu zählen bspw. Prof. Degener (aus Deutschland). Alle Mitglieder, die Deutschland prüfen, finden sich auf der Seite des UN-Fachausschusses: http://www.ohchr.org/EN/HRBodies/CRPD/Pages/Membership.aspx

  5. mehrnachdenken

    Für mich bleibt es rätselhaft, wieso der dt. Bundestag diese Konvention verabschieden konnte.
    Ist das Projekt eigentlich im Vorhinein auf alle möglichen Konsequenzen für unser Schulsystem durchleuchtet worden? War den politischen Vertretern klar, welche Milliardeninvestition da auf den Staat zurollt?

    M.E. hat sich das dt. Bildungssystem ein richtig großes „Osterei“ (passt gerade wegen der Nähe zu dem Fest) ins Nest gelegt, das den Steuerzahler unzählige Milliarden kosten wird, ohne dass auch nur ansatzweise erkennbar ist, ob sich diese Investionen auch bezahlt machen.
    Die Inklusions- Befürworter (vom Professor bis zu den Lobbygruppen) haben ganze Arbeit geleistet und bewiesen, wie leicht dt. Volksvertreter an der Nase herumgeführt werden können.
    Beim bestem Willen kann ich nicht glauben, dass die Abgeordneten sich lange und intensiv mit der Materie beschäftigten.

    Sollte sich eine Firma so einen „Blindflug“ erlauben, wäre sie in kürzester Zeit pleite. Aber die Inklusion mit offenem Ende bezahlt ja der Steuerzahler
    Ist die Konvention jetzt für alle Zeiten in „Stein gemießelt“ oder könnte sich Deutschland auch wieder davon verabschieden?
    Helfen würde schon, wenn der Status der Förderschulen geklärt wäre.

  6. Dem „Deutschen Institut für Menschenrechte e.V.“ habe ich neulich eine Email geschrieben. Antwort habe ich nicht erhalten. Ich zitiere mich:

    22.02.2015

    Email an:
    Deutsches Institut für Menschenrechte e.V., Monitoring-Stelle
    Leiter: Dr. Valentin Aichele
    [Die unten zitierte Passage enstammt der Studie „Inklusive Bildung: Schulgesetze auf dem Prüfstand“]

    Sehr geehrter Herr Dr. Aichele,
    sehr geehrte Damen und Herrren,

    im Juni letzten Jahres ist mir eine Stellungnahme Ihres Instituts bekannt geworden, die sich im Zusammenhang mit der Umsetzung der UN-BRK im Schulwesen auch zu den Punkten Kindeswohl und Elternwahlrecht äußerte. Ich empfand und empfinde die dort geäußerten Ansichten unter menschenrechtlichen Gesichtspunkten als absurd und skandalös, versäumte aber, Ihnen das mitzuteilen, was ich hier nachholen möchte. Aus Zeitmangel muss ich auf Textpassagen aus anderen Zusammenhängen zurückgreifen:

    Um eine von oben erzwungene „Eine Schule für alle“ rechtfertigen zu können, muss die Gesamtintention der UN-Konvention, die stärkstes Gewicht auf die Autonomie der Persönlichkeit, auf ihr Recht auf Unterstützung, auf ihre freie Wahl der Lebenszusammenhänge etc. legt, nicht nur verkürzt, sondern im Schulbereich ins Gegenteil verkehrt werden, indem Elemente wie das freie Schulwahlrecht, Vorrang des Kindeswohls etc. zurechtgebogen werden. Es ist skandalös, dass sich sogar ein „Deutsches Institut für Menschenrechte e.V.“ unverhohlen an dieser Um-Interpretation beteiligt:

    Der Grundsatz „Wohl des Kindes“ verbindet sich mit der Vermutung, dass das Kindeswohl im inklusiven Regelschulzusammenhang am besten verwirklicht werden kann. (…) Die in einigen Ländern vorgesehene Einführung des genannten Wahlrechts der Eltern, zwischen Regel- und Sonderbeschulung zu entscheiden, ist nur übergangsweise vertretbar: Sollte die Existenz eines Elternwahlrechts nachweislich den Aufbau eines inklusiven Bildungssystems verzögern oder untergraben, beispielsweise weil es die erforderliche Reorganisation von Kompetenzen und Ressourcen für das Regelschulsystem erschwert und in diesem Zuge das Sonderschulwesen stärkt, ist das Elternwahlrecht mit dem Gebot der progressiven Verwirklichung des Rechts auf inklusive Bildung nicht in Einklang zu bringen.

    Die zitierten Sätze offenbaren ein erschreckend autoritäres Gesellschaftsverständnis, für das eine herbeizuführende Änderung des „Systems“ Vorrang hat vor den Bedürfnissen und Rechten der einzelnen Menschen. Vereinfacht heißen die Sätze: „Liebe Eltern, wir Experten wissen besser als Ihr, was für Euer Kind gut ist. Ihr seid frei in Eurer Schulwahl-Entscheidung, aber nur so lange, wie Ihr Euch so entscheidet wie es unserer Expertenwissen als geboten ansieht. Denn die Quote muss erfüllt werden.“

    Die zitierten Sätze stehen in diametralem Kontrast zum Selbstverständnis einer offenen Gesellschaft und zu einem modernen Verständnis von Menschenrechten, welches deren Unteilbarkeit betont (auch in der UN-BRK ist diese explizit erwähnt). Unteilbarkeit bedeutet, dass keins der miteinander in Beziehung stehenden, quasi nur als Paket zu habenden und zu verteidigenden Menschenrechte vernachlässigt werden darf, weil die anderen Rechte damit ihren Sinn verlieren. In der UN-BRK ist als allererster GRUNDSATZ (Art. 3, Grundsätze diese Übereinkommens) genannt: „die Achtung der dem Menschen innewohnenden Würde, seiner individuellen Autonomie, einschließlich der Freiheit, eigene Entscheidungen zu treffen, sowie seiner Unabhängigkeit“.

    Diese Achtung lässt das Deutsche Institut für Menschenrechte e.V., sehr geehrter Herr Dr. Aichele, in der genannten Passage schmerzlich vermissen.

    Mit freundlichen Grüßen
    Martin Cuno

  7. Pardon, die Einrückung des Original-Textes vom „Deutschen Institut…“ ist verlorengegangen. Der gesamte Absatz „Der Grundsatz…“ ist Originalton dieses „Instituts“.
    M.C.

  8. Hallo Martin Cuno, Sie schreiben an Dr. Aichele: „Das “Wohl des Kindes” verbindet sich mit der Vermutung, dass das Kindeswohl im inklusiven Regelschulzusammenhang am besten verwirklicht werden kann.“ Das ist doch richtig oder kennen Sie eine Studie, die den Erfolg von Förderschulen nachweist? Die Vergleichsstudien zeigen, dass die psychische und kognitive Entwicklung besser im Gemeinsamen Unterricht verläuft. Also: Förderschulen abbauen und ein inklusives Bildungssystem aufbauen. Wo ist das Problem?
    Viele Grüeß
    Anna

    • Ach, Anna, was zählen schon Ihre stänigen Verweise auf die UNO oder Lobby-Studien, wo inzwischen angesichts der mehr als ernüchternden Erfahrungen mit der Inklusionsrealität den Leuten immer klarer wird, welch ideologischer Bär ihnen da aufgebunden wurde?
      Etwas verschämt muss ich allerdings bekennen, dass ich mich vor Jahren auch von der schönen Theorie hinters Licht führen ließ.

    • mehrnachdenken

      „Hallo Martin Cuno, Sie schreiben an Dr. Aichele: “Das “Wohl des Kindes” verbindet sich mit der Vermutung, dass das Kindeswohl im inklusiven Regelschulzusammenhang am besten verwirklicht werden kann.”

      „Das ist doch richtig oder kennen Sie eine Studie, die den Erfolg von Förderschulen nachweist? Die Vergleichsstudien zeigen, dass die psychische und kognitive Entwicklung besser im Gemeinsamen Unterricht verläuft. Also: Förderschulen abbauen und ein inklusives Bildungssystem aufbauen. Wo ist das Problem?“

      Ich bin jetzt keine Förderschullehrkraft, aber dass Sie hier immer und immer wieder Dinge behaupten, die jeder Förderschulllehrkraft die Zornesröte ins Gesicht treiben müsste, geht mir langsam so was von „auf den Senkel“!!
      Werden Sie eigentlich für Ihre penetrante Propaganda bezahlt? Wer ist Ihr Auftraggeber?
      Ich kann auch nicht so richtig nachvollziehen, dass sich die Förderschullehrkräfte ständig dermaßen diskriminieren oder gar für dumm verkaufen lassen.

      Selbst wenn Ihre Behauptung über das angeblich erfolglose Arbeiten an Förderschulen zuträfe (ich habe da meine großen Zweifel), bedeutet das noch lange nicht, dass die Kinder im inklusiven System besser aufgehoben sind. Sicher werden die Inklusions-Ideologen uns mit „Studien“ „beweisen“, dass Inklusion funktioniert. In diesem Punkt sind diese Leute recht erfinderisch.

      Von welchen Vergleichsstudien reden Sie? Sind das Studien von tatsächlich unabhängigen Experten oder handelt es sich evtl. um Gefälligkeitsgutachten z.B. aus dem Hause Bertelsmann?

      Nein, Ihre Argumentation beruht auf vielen Unbekannten, die wir alle teuer bezahlen werden. Am meisten werden aber viele behinderte Kinder unter dieser vollkommen falschen Weichenstellung leiden.

      • „Sicher werden die Inklusions-Ideologen uns mit “Studien” “beweisen”, dass Inklusion funktioniert. In diesem Punkt sind diese Leute recht erfinderisch.“

        Tja, wenn Sie schon nicht mal mehr auf die Ergebnisse von Studien und den Erfahrungen des Auslands einen Deut geben, was bleibt uns dann noch für eine Diskussionsgrundlage? Wenn alles „Lobby“ (Heike und mehrnachdenken) ist, was nicht der eigenen Meinung entspricht, dann ist doch eigentlich quasi alles Lüge, oder? Außer eben der eigene Standpunkt. Damit ist die Diskussion dann beendet und der Andersdenkende wird zum unbeirrbaren, nicht mehr überzeugbaren, verblendeten, demokratisch nicht mehr ernstnehmbaren Feind.

        Und wenn alle, die nicht ihrer Meinung sind, „Ideologen“ sind, was sind dann Sie, mehrnachdenken? Der Hort der Wahrheit, der den einzig sinnvollen Zugang zur Welt gefunden hat, welcher auch ohne Studien auskommt, die ja alle auf „Gefälligkeitsgutachten“ beruhen. Und sich nicht über die Kosten von Menschenrechten [!] Gedanken machen, wie Sie das tun? Verzeihung, aber wie wie wenig haben Sie vom Prinzip der Menschenrechte verstanden, wenn ein Verweis Kosten in diesem Augenblick für Sie als ein sinnvolles Argument erscheinen?!

        Die Dynamik in diesem Forum ist schon beeindruckend und erinnert mich fatal an den Duktus und das Denken der PEGIDA. Aber auch für deren hochgefährliche, volksdeutsche und rassischte Phantastereien wurden ja schon von machen Sympathien geäußert. Insofern frage ich mich: Warum wunderst du dich?

        Und Anne: Danke!

        Hier zwei schnell recherchierte „Lobby“-Studien bzw. Verweise auf zahlreiche „Gefälligkeitsgutachten“, die Ihre Aussagen untermauern.

        http://www.spiegel.de/schulspiegel/wissen/inklusion-behinderte-kinder-an-regelschulen-lernen-besser-a-968288.html

        http://www.inklusion-olpe.de/downloads/forschungsergebnisse_gu.pdf

        • mehrnachdenken

          @Ingo
          Sind Sie Förderschullehrer oder kennen Sie zumindest das „Innenleben“ von Förderschulen?

          Wenn Sie meinen Link weiter unten studieren, in dem sich Fachleute zu Wort melden, werden Sie hoffentlich ein wenig ins Grübeln kommen.

      • Förderschullehrkräfte werden diskriminiert? Oder geht es vielleicht, um einen Abbau von Privilegien, der mit Diskrimineirung verwechselt wird?
        Ich liebe Förderschullehrer. Die sind total wichtig. Wir brauchen die ganz dringend. Die fehlen nämlich im gemeinsamen Unterricht. Und weil es zu wenig gibt, sollte man ganz schnell aus Förderschulen inklusive Schulen machen oder Förderschulen schließen und die Förderschullehrer an die inklusiven Schulen holen. Da werden sie gebraucht. Die Hilfe soll ja dem Kind folgen, nicht das Kind der Hilfe. Und hey, dass sich im Berufsleben mal was ändert, ist doch ganz normal, hat jede/r mal durchgemacht, dass ein Betrieb geschlossen wird oder man die Abteilung wechselt oder so.

        Und zu den Studien empfehle ich sich einfach mal einzulesen. Da gibt es zig Studien, die zeigen, dass Kinder mit Behinderung im gemeinsamen Unterricht mehr lernen, zum Beispiel:
        Bless, Haeberlin, Hildeschmidt/Sander, Myklebust, Tent, Wocken 2007, IQB, Klemm usw…).

        (Komischerweise gibt es nicht eine Studie, die belegt, dass die Kinder in Sonderschulen mehr lernen – dabei hatten die sonderpädagogischen Professoren doch über 40 Jahre Zeit – oder gibts gar nichts zu belegen?)

        • Sie sagen: „Da gibt es zig Studien, die zeigen, dass Kinder mit Behinderung im gemeinsamen Unterricht mehr lernen,..“
          Dazu passt vielleicht ein Zitat von Wikipedia:
          „Unter pathologischer Wissenschaft versteht man nach dem Erfinder des Wortes Irving Langmuir die Forschung an nicht existierenden Phänomenen, bei denen die wissenschaftliche Selbstkontrolle eine Zeit lang versagt. Aufgrund von Wunschdenken wird ein behauptetes Phänomen so ernstgenommen, dass eine ansteigende Flut von Veröffentlichungen und Nachforschungen einsetzt, die dann aufgrund immer stärker werdender Zweifel schließlich zum Erliegen kommt.“

  9. Volle Zustimmung @mehrnachdenken!
    Zitat: „Offenbar haben die radikalen Vertreter der Inklusionsbewegung jedes Maß verloren. Schulische Leistungsorientierung ist keineswegs per se traumatisierend, sondern reifungsfördernd – gerade sie ermöglicht manchem Kind den sozialen Aufstieg. Und Benachteiligungen lassen sich weder durch Wohlfühlparolen ausgleichen („Jeder kann was, was nicht jeder kann“) noch durch hastigen, womöglich unterfinanzierten Tapetenwechsel – nur sorgsame, ressourcenstarke pädagogische Beziehungsarbeit bringt hier voran. So viel Integration wie möglich, aber so viel Separation wie nötig – diese bedächtig klingende Parole ist insofern keineswegs überholt. Nicht alle Kinder in dieselbe Schule, sondern jedes Kind an den Ort, der ihm jetzt und langfristig am besten tut!
    Die UN-Behindertenrechtskonvention verpflichtet denn auch keineswegs zur Einführung einer Einheitsschule, sondern will lediglich allen Kindern freien Zugang zum allgemeinbildenden Schulsystem sichern. Deutschland nun bietet mit seinem hochspezialisierten Förderschulsystem bereits eine besonders unterstützende Form schulischer Allgemeinbildung. Förderschulen sind ja keineswegs Orte der Entwürdigung, sondern Stätten spezifischer Beobachtung, Zuwendung und Stärkung.“
    http://www.zeit.de/gesellschaft/schule/2014-07/schulfrage-inklusion-grundschule

    • Dr. Brigitte Schumann fand in ihren Untersuchungen das Gegenteil heraus: “Ich schäme mich ja so!” Die Sonderschule für Lernbehinderte als “Schonraumfalle”. Sie fand heraus, dass das Selbstkonzept der Kinder der Förderschule „Lernen“ leidet, wenn sie Förderschulen besuchen, weil sie den Ausschluss aus dem Regelschulsystem erleben müssen. Ist ja schon doof, da gehen deine Nachbars- und Geschwisterkinder in die Schule gegenüber und du musst ne Stunde im Schulbus in die passende Förderschule fahren. Deshalb ist es so wichtig, dass mehr Sonderpädagogen in die allgemeinen Schulen kommen.

      • Milch der frommen Denkungsart

        @Anna:

        In Abwandlung eines Bonmots von Italo Svevo glauben derartige Ideologen wie Sie stets, daß die Menschheit besser sein müsse als der Mensch.

      • Allein der Titel des Schumannschen Buches („“Ich schäme mich ja so!”) ist für mich dermaßen selbstgefällig, dass ich es nie anrühren würde. Fremdschämen ist billigste Heuchelei und Reklame für die eigene Person auf Kosten anderer.
        Vielleicht sollte sich Frau Schumann lieber für das schämen, was sie selbst fabriziert und was ich bisher an substanzlosen, aber moraltriefenden Artikeln von ihr gelesen habe.

      • Dr. Schumann findet dies heraus und andere Wissenschaftllerinnen das Gegenteil. Darin besteht ja genau das Problem, und solange es keine einheitliche Erkenntnis, sondern nur wissenschaftlich untermauerte Meinungen gibt, gebührt einer freiheitlichen Gesellschaft, dass sie mehrere Möglichkeiten anbietet und den einzelnen die Wahlfreiheit lässt.
        Wahlfreiheit auf beiden Seiten, auch für mich als Lehrer.

        • Das ist ja die Sache. Es gibt ein einheitliches Bild. Es gibt keine Forschung, keinen Wissenschaftler, der den langfristigen Erfolg von Förderschulen nachweist. Das heisst: Es gibt eine einheitliche Erkenntnis: Aus wissenschaftlicher Sicht hätten Förderschulen schon längst geschlossen werden müssen. Es stimmt nicht, dass sie sich dort besser entwicklen. Das tun sie an den inklusiven Regelschulen – jedenfalls zu dem Zewitpunkt, an dem die vielen Studien (IQB, Bielief, Wocken, Tent, Preuss-Lausitz usw.) durchgeführt wurden, das sind neuere und ältere Studien. Schauen Sie doch mal nach. Sie werden keine Studien finden, die nachweist, dass ein Kind an Förderschulen mehr lernen. Ganz davon abgesehen ist es auch im Sinne von Demokratie und Menschenrechte, wenn alle gemeinsam lernen können und niemand auf eine Förderschule muss, siondern die notwendigen Hilfe zum Kind kommen – an die Schule vor Ort.

  10. Ich würde einmal ganz dringend vermuten, dass die Inklusion, so wie sie bei uns umgesetzt wird, in vielen Fällen nicht zu besseren Lernergebnissen beiträgt als die Arbeit von Förderschulen- vielleicht wird man da ja noch einmal etwas besseren belehrt. John Hatties Metastudie lässt solche Schlüsse jedenfalls nicht zu. Gewisse Schüler, die selbst auf Förderschulen in Kleinstgruppen betreut werden, kann ich mir in unseren 30er Klassen beim allerbesten Willen nicht vorstellen. Das heißt aber absolut nicht, dass die Inklusion grundsätzlich der falsche Weg ist, denn es geht gerade nicht um „Homogenisierung“ bzw. die Absicht, gehandicapte Schüler auf ein intellektuell vergleichbares Niveau zu hieven wie einen Regelschüler. Der ist für den zu inkludierenden Schüler gar kein Maßstab. Das wird vielfach nicht verstanden. Der Behinderte wie der Nicht-Behinderte ist mehr als nur Schüler, gerade auch in der Schule.

    • Milch der frommen Denkungsart

      Das mag man ja so sehen (wobei Sie sich leider da-rüber ausschweigen, was ein Schüler klassischer-
      weise per definitionem denn sei); in meinen Augen
      freilich ist die Schule welcher couleur auch immer
      prioritär keine soziokulturelle Begegnungs-, son-
      dern eine Bildungsstätte, die ohne standardisierte
      Lernziele, die von allen zu erreichen sind, nun ein-
      mal nicht auskommt. Andernfalls muss man sich
      in bekennerischer Konsequenz dort vom Leistungs-
      prinzip per es verabschieden.

  11. mehrnachdenken

    Eine lesenswerte Diskussion zum Thema in einem anderen Forum. Ich hoffe, der Link kann aufgerufen werden!

    http://lehrerforum.de/index.php?session=6b7e9f33076931bbba226799fdc00332&menu_id=1&s=1&action=showtopic&cat=0&board_id=40&topic_id=9896

    • Ursula Prasuhn

      Herzlichen Dank für den Tipp! Die Kommentare sind in der Tat lesenswert. Besonders gut gefällt mir, dass einige Teilnehmer die Meinung äußern, Lehrer sollten mehr in die Offensive gehen und ihre Kritik auch nach außen tragen.
      Wer – wenn nicht sie – kann schon so authentisch, glaubwürdig und wachrüttelnd die Inklusion in ihrer Realität beschreiben?
      Ohne Rückmeldung aus Lehrerkreisen, sind bildungspolitische Traumtänzereien, die schon seit Jahrzehnten das Schulwesen kaputtreformieren und ihren Höhepunkt in der Schaffung einer Einheitsschule sehen, kaum zu stoppen.

  12. Ich verfolge die Nachrichten von News4teachers seit ein paar Jahren und bin der Redaktion dankbar für die Infos, die man aus normalen Medien garnicht bekommen würde.

    Verärgert bin ich aber jedesmal wieder über die Kommentare. Keine Frage, die Inklusion wie sie derzeit umgesetzt wird, kann nicht gut gehen. Dass sie umgesetzt werden muss, steht für mich jedoch außer Frage. Dieses ständige Aussortieren aller „störenden Faktoren“, demütigt nicht nur die Aussortierten, sondern produziert auf der anderen Seite hohe Mauern innerhalb der Gesellschaft, in der immer nur über „die Asis“ und „die Bekloppten“ gelästert wird – von beiden Seiten der Mauer.

    Es gibt Schulen – siehe z.B. „Treibhäuser der Zukunft“ oder Schulen, die im Bundesverband der Alternativschulen organisiert sind – die verstanden haben wie es eigentlich laufen sollte und den Mut haben das auch umzusetzen.
    Kein Gleichschrittunterricht, Keine Noten, kein Sortieren sondern Nutzung der hohen Eigenmotivation der Kinder.
    In solchen Schulen ist inklusiver Unterricht möglich, weil hier ein Klima der gegenseitigen Unterstützung herrscht. Hier gibt es auch kein ADHS, weil die Kinder hier die Zeit zum Toben bekommen, die sie brauchen.

    Jetzt kommen gleich wieder die Antworten, die höhnen: Hippieschulen, Kuschelpädagogen, Buchstabentänzer. Nur weil Kinder hier gerne hingehen, heißt das noch lange nicht, dass solche Schulen nicht Leistungsorientiert sind.

    Ich selbst war an einer Schule (bis Klasse 10 – ohne „Sortieren“), da konnte ich bis zur 6. Klasse am Unterricht teilnehmen, wann ich Lust dazu hatte. Und ich habe – wie fast alle aus meiner Klasse – jetzt Abitur. Wie ist das möglich? Da haben Kinder nur 50% der Unterrichtszeit von Normalschülern und schaffen trotzdem ihr Abitur? Weil Kinder nur lernen, wenn sie es wollen! Wie Ausserirdische wurden wir an der weiterführenden Schule nach der 10. Klasse betrachtet. Da hatten Schüler Spaß an der Schule, sie interessierten sich für das, was der Lehrer sagt – aus Interesse am Inhalt – nicht wegen der Note! Trotzdem waren wir natürlich dann die Streber.

    Solche Schulen gibt es jetzt seit Jahrzehnten und trotzdem bekommen immer noch über 95% aller Schüler Gleichschrittunterricht und Noten und werden nach der vierten Klasse sortiert – mit allen gesellschaftlichen Konsequenzen. Ich verstehe es nicht. Und wenn ich die Kommentare hier lese, dann steigt eher meine Hoffnungslosgkeit. Ich würde mich freuen, wenn außer den „Reformgegnern“ – wie ich sie mal nenne – auch mal diejenigen Antworten, die ebenfalls eher meiner Meinung sind, und sei es nur mit einem Wort der Zustimmung. Diese Stimmen sind mir auf dieser Seite leider viel zu leise.

  13. Wenn ich hier schon schimpfe, dass Reformbefürworter, und hier konkret Inkusionsbefürworter zu leise sind.
    Großes Lob an Anna, die hier mit viel Egagement versucht hat, gegen den allgemeinen Tenor zu argumentieren!

  14. Milch der frommen Denkungsart

    @Christian:

    Da Sie von „gesellschaftlichen Konsequenzen“ gesprochen haben: Sie reden einer Schule das Wort,
    die auf plattem Rousseauismus basierend letztlich das sozialistische Idealprinzip umsetzen will.
    Tatsächlich werden aber derart gepamperte junge Menschen hernach in eine Welt entlassen, die –
    ob wir dies nun goutieren oder nicht – auf knallhartem Wettbewerb in Ausbilldung, Studium wie auch
    im späteren Beruf gegründet ist. Wir stoßen also Goldfischchen, die keinerlei Harm kennen, ins Hai-
    fischbecken – ist das sozial verantwortliches Handeln ?

    • Was für ein Bild, Milch, haben Sie denn von der Wirtschaft? Eigenmotivation, Kreativität und Problemlösungskompetenz sind dort durchaus gefragte Tugenden. „Sozialistisches Idealprinzip“? Wir reden hier wohl eher von Montessori – und es ist sicher kein Zufall, dass es zahlreiche Beispiele von Montessori-Schülern gibt, die als Unternehmer erfolgreich waren und sind wie etwa Google-Gründer Larry Page. Wenn ich Wirtschaft allerdings als Tal der Tränen sehe, in dem geknechtete Wesen am Fließband irgendetwas produzieren, von dem sie nichts verstehen – ja dann halte ich Schüler wohl besser in Reih und Glied, damit sie später besser funktionieren können. Lieber Christian, meine Sympathie haben Sie. Auch wenn ich Ihren Optimismus („kein ADHS mehr“) nicht vollständig teile.

      • Milch der frommen Denkungsart

        @Bernd:

        Lesekompetenz ist auch eine Tugend – ich habe mich über „die“ Wirtschaft im Speziellen gar nicht geäußert , sondern über die unumstößliche Basis
        unserer Arbeitswelt im allgemeinen; und dies ist nicht irgendein irrealer Wunschtraum, vielmehr Auslese als notwendige Bedingung.

        • … aber Auslese in was?

          • PS. Auslese ist sowieso Quatsch. Es geht um Wettbewerb, aber auch dabei gilt: Welche Kompetenzen muss jemand denn haben, um darin zu bestehen? Eigenständig denken zu können ist sicher keine schlechte Grundvoraussetzung.

        • Sie sagen es! Aber nackte und „böse“ Tatsachen werden ungern anerkannt. Illusionen verkaufen sich besser.

  15. @Bernd
    Wenn Sie den Zusammenhang von Wettbewerb und Auslese bestreiten, ist das für mich Quatsch. Wettbewerb ist das älteste und natürlichste Ausleseverfahren, das es gibt.

  16. Natürlich gibt es einen Zusammenhang von Wettbewerb und Auslese. In unserem Wirtschaftssystem stirbt aber keiner, wenn er im Wettbewerb unterliegt.

    • Nein, er stirbt nicht. Seine wirtschaftliche und teilweise auch soziale Existenz sind allerdings dahin. Wahrscheinlich auch seine Lebensfreude, sein Selbstwertgefühl und seine Zuversicht. Da geht seelisch vieles den Bach runter.
      Diese Folgen sind gemeint, wenn vom Stoß ins „Haifischbecken“ die Rede ist und nicht der reale Verlust von Leib und Leben.

      • Und darauf wollen Sie Kinder vorbereiten mit einer Bims- und Paukschule? Vielleicht wird es ja gar nicht so schlimm, wenn Schüler lernen, sich mit Ideen und eigenem Engagement zu behaupten.

        • Wer sagt denn, dass Ihre Vorstellungen von Schule zu den erhofften Tugenden „Eigenmotivation, Kreativität und Problemlösungskompetenz“ führen? Mit solchen nicht messbaren und nur behauptbaren „Erfolgen“ kann jedes Schulsystem und jede Unterrichtsmethode als einzig richtig dargestellt werden.
          Außerdem ist keine „Bims- und Paukschule“ gemeint, wie Sie bestimmt selbst wissen. Die eigenen pädagogischen Vorstellungen mit himmlischen Zugewinnen für die Schüler zu verbinden und die des Meinungsgegners mit höllischen Qualen, ist ein immer wieder praktizierter, allerdings reichlich billiger, Rhetoriktrick.

          • Milch der frommen Denkungsart

            Völlig richtig – mit Verlaub, Bernd, Sie zeichnen da ein groteskes Zerrbild der überkommenen Schule (bei allen Schwächen, die sie zweifellos aufweist); daß Sie ein teuflisches revival des 19. Jh. an die Wand malen, wobei den jungen Leuten das eigenständige Denken gleichsam gewaltsam ausgetrieben, ja verboten werde, ist natürlich gänzlich realitätsfern.
            Die von Ihnen postulierte laissez-faire-Pädagogik produziert jedenfalls reihenweise lese- wie rechtschreibgestörte Jugendliche mit eklatanten textanalytischen Defiziten in einem Maße, wie es die von Ihnen so ge- schmähte „Paukschule“ nie fertigbrachte.
            Freilich muß man ab und an auch fähig sein, „Eisen zu fressen“, da es nun einmal in der Natur der Sache liegt, daß manche Inhalte sich nicht in der Komfortzone aneignen lassen.

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