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„Hitzefrei“ stirbt aus. Schuld sind Ganztagsschulen – und die Sommerzeit

STUTTGART. „Hitzefrei!“ – das Wort klang Schülern vergangener Zeiten immer wie Musik in den Ohren. „Heute gibt es selbst bei anhaltend hochsommerlichen Temperaturen und drückender Schwüle kaum noch hitzefrei“, erklärt der Sprecher des Verbandes Bildung und Erziehung (VBE) Baden-Württemberg, Michael Gomolzig. Die verlässliche Grundschule und die steigende Zahl von Ganztagesschulen stünden dem entgegen. Tatsächlich dürfte dies bundesweit gelten.

Sommerhitze ist immer seltener ein Grund, den Unterricht zu beenden. Schade eigentlich.  Foto: lubaib / Flickr (CC BY-NC-SA 2.0)

Sommerhitze ist immer seltener ein Grund, den Unterricht zu beenden. Schade eigentlich. Foto: lubaib / Flickr (CC BY-NC-SA 2.0)

Nach einer Bekanntmachung des baden-württembergischen Kultusministeriums zum Beispiel konnten Schüler in früheren Jahren bereits nach der vierten Unterrichtsstunde „hitzefrei“ bekommen, wenn das Thermometer morgens um 10 Uhr auf mindestens 25 Grad im Schatten stand. Die Einführung der Sommerzeit 1980 sorgte laut VBE-Sprecher dafür, dass sich die Gelingensbedingungen für einen vorgezogenen Unterrichtsschluss verschlechterten. Denn 10 Uhr Sommerzeit entsprach nach alter Zeitrechnung erst 9 Uhr. Und da musste die Sonne schon ziemlich bald mit dem Heizen anfangen, um so früh die 25-Grad-Marke zu knacken.

Jetzt verhindern es die verlässliche Grundschule und die Ganztagesschule, die den Eltern die Betreuung der Schüler bis zum Mittag respektive bis in den Nachmittag hinein garantieren. „Da ist dann in der Regel kein früherer Schulschluss mehr drin“, so der VBE-Sprecher, und die Freibäder müssten deutlich länger auf die Kinder und Jugendlichen warten. Lehrer könnten im Unterricht aber durchaus im gewissen Rahmen mit dem Stoff flexibel auf hochsommerliche Temperaturen reagieren.

„Auch an `normalen´ Halbtagesschulen ist es keine beneidenswerte Situation, in der sich Schulleiter an heißen Sommertagen befinden“, versichert Gomolzig, selbst Rektor einer Grundschule. Entließen Schulleiter die Schüler wegen schwüler, drückender Hitze früher als nach Stundenplan, rufe garantiert eine aufgebrachte Mutter in der Schule an, die sich darüber beschwere, dass schon wieder Unterricht ausfalle. Lasse dieser Rektor die Schüler jedoch bis zur letzten Stunde über ihren Büchern schwitzen, müsse er sich von anderen Eltern vorwerfen lassen, dass er kein Herz für Kinder habe. Wenn beide Elternteile berufstätig sind oder teilweise bei Alleinerziehenden wäre bei einem vorzeitigen Schulschluss die Beaufsichtigung der Kinder nicht gewährleistet.

So mancher Rektor begründet laut Gomolzig den Verzicht auf Hitzefrei auch so: „Ich gebe den Schülern schon deshalb nicht früher frei, weil es selbst in einem nicht klimatisierten Schulgebäude deutlich kühler und wesentlich angenehmer ist als draußen – zumindest in den ersten Stunden eines heißen Tages.“

Auch aus Niedersachsen kommt die Meldung: Die hitzefreien Tage sind gezählt. «Das machen die Schulen heute nicht mehr», sagte am Dienstag Gitta Franke-Zöllmer, Landesvorsitzende des VBE Niedersachsen. Grundschulen und Ganztagsschulen im Land erfüllen einen Betreuungsauftrag, der mit der früheren Entlassung aus dem Unterricht nicht mehr gewährleistet sei, betonte die Vorsitzende. Eine einheitliche Hitzefrei-Regelung gibt es allerdings in Niedersachsen nicht. Nach Angaben des Kultusministeriums entscheidet jede Schule für sich, ob unter den hohen Temperaturen der Unterricht noch durchgeführt werden kann. News4teachers / mit Material der dpa

9 Kommentare

  1. mehrnachdenken

    Wie dankbar bin ich dafür, dass wir Sch damals in den Genuss von „hitzefrei“ kamen und oft direkt von der Schule ins Freibad stürmen konnten.
    Unterricht ist doch bei dieser „Affenhitze“ kaum möglich.
    Was hindert aber zumindest die Sportlehrkräfte daran, auch in der Schulzeit ein Freibad aufzusuchen. Vorausgesetzt natürlich, es gibt eines in Schulnähe.

    • Die Schwimmfähigkeit der Schüler.

      Warum sollte ein Sportlehrer seinen Job riskieren wollen. Die schulleitung wird auch nicht gewillt sein, eine zweite Lehrkraft als Aufsichtsperson vom Unterricht freizustellen. Näheres in den entsprechenden erlassen der jeweiligen Länder zum Thema Schulschwimmen oder Wandertag in der Nähe von Gewässern nachzulesen.

      • und die von mehrnachdenken indirekt erwähnten fehlenden Schwimmbäder.

        Bei der Aufsichtspflicht hätte ich aber viel mehr Bauchschmerzen. Insofern stimme ich Ihnen zu.

  2. unverschämtheit

    • mehrnachdenken

      Wen oder was meinen Sie mit „unverschämt“?

      • Vielleicht Unterricht unter dem Flachdach auf der Sonnenseite.

        Oder Helikoptereltern, die sich — häufig nur um der Beschwerde willen — wegen jedem Kleinkram bei Schulleitungen beschweren, gerne auch in sich widersprüchlich: Wie können Sie mein Kind in einem viel zu heißen Gebäude unterrichten um es anschließend früher nach Hause zu schicken?

        Oder Hitzefrei an sich oder kein Hitzefrei mehr an sich.

        Oder die aktuelle Bildungspolitik

        Oder die aktuelle Griechenlandpolitik

        Oder die ganzen Kriege auf der Welt, über die nichts berichtet wird

        Oder oder oder …

  3. Armes Deutschland! Da wird wegen jedem Euro Steuern den anscheinend ach so vorbildlichen Ländern wie Frankreich oder Schweden hinterhergehetzt, damit die Frauen zur Gebärmaschine werden und der Staat die Kinder erzieht. Dass der Medikamentenmissbrauch und die Selbstmordrate immer mehr zunilmt, weil schon die Kleinsten den ganzen Tag ohne Eltern sind, wird hierzulande totgeschwiegen.
    Meine Kindheit war wesentlich schöner und so Erlebnisse selbst wie Hitzefrei sind ein Teil von Erinnerungen, die man erzählen kann. Was können denn die Kinder von heute in 20 Jahren berichten? Sie kennen ihre Eltern nicht, sie waren den ganzen Tag im Hort und in der Schule, dann Lehre….. Super!!

    • Liebe Eudokia,

      leider habe ich Ihren Kommentar heute erst gelesen, aber:

      ICH BIN JA SOWAS VON BEI IHNEN 🙂

    • Sie glauben gar nicht wie vielen Kindern das bereits heute so geht. Die müssen dann per Gericht die Information erzwingen, den Namen eines biologischen Elternteiles zu erfahren.

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