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Jetzt will’s auch CDU-Vize Klöckner: Immer mehr Forderungen nach Schulfach „Alltagswissen“.

BERLIN. Die Bildungsdebatte um den Tweet der Schülerin Naina, die der Schule vorgeworfen hat, zu wenige praktische Kenntnisse zu vermitteln, kocht weiter – und konzentriert sich nun auf die Forderung nach einem Schulfach „Alltagswissen“. Lehrerverbände haben schon abgewunken. Jetzt gibt es aber eine neue prominente Fürsprecherin: CDU-Vize Klöckner.  

Großaufnahme von Julia Klöckner

Kann sich ein Fach „Alltagswissen“ gut vorstellen: Julia Klöckner. Foto: Stefan Kröger / Wikimedia Commons

Ein Unterrichtsfach, in dem Schüler für komplizierte Fragen des Alltags fitgemacht werden – nach Bundesbildungsministerin Johanna Wanka kann sich nun auch die stellvertretende CDU-Vorsitzende Julia Klöckner dafür erwärmen. «Unser Leben ist heute so komplex, dass es einer Reihe von Alltagskompetenzen bedarf, um sich gerade auch als Heranwachsender zurechtzufinden», sagte sie der Zeitung «Die Welt». «Wir sind überzeugt, dass in den Schulen mehr von diesen Alltagskompetenzen vermittelt werden muss.»

Klöckners Parteifreundin Wanka hatte vor einigen Wochen gesagt: «Das Fach „Alltagswissen“ fände ich gut. Dort könnten die Schüler Dinge lernen, die für ihr praktisches Leben wichtig sind.» Sie denke «an die Fallen in Handyverträgen, handwerkliche Fähigkeiten, aber auch an Grundkenntnisse in richtiger Ernährung und Kochen. Viele Jugendliche schauen mit Begeisterung Kochsendungen, können aber ohne Mikrowelle keine Lebensmittel mehr zubereiten.»

Auch Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD), vor seiner politischen Karriere Lehrer in Niedersachsen, würde gern das Fach «Ökonomische Bildung» im Lehrplan von Schulen sehen, wie er vor einigen Wochen in Berlin sagte.

In einer Mitte Mai veröffentlichten Umfrage des Instituts YouGov unter 1330 Bürgern zu bereits existierenden, aber eher seltenen und zu möglichen neuen Fächern hatten 68 Prozent die Ansicht vertreten, dass Kinder in der Schule «zu viel unnützes Zeug» lernen. Demnach hätten die Bürger als neue Pflichtfächer am liebsten «Benehmen» (51 Prozent) vor «Wirtschaft» (48 Prozent), «Gesundheitskunde» (42), «Suchtprävention» (39) oder «Computerprogrammierung» (35). Manche der Inhalte könnten auch in einem Fach «Alltagswissen» enthalten sein.

Die Kölner Schülerin Naina hatte Anfang des Jahres für einen Twitter-Beitrag Beifall, aber auch Spott geerntet: «Ich bin fast 18 und hab keine Ahnung von Steuern, Miete oder Versicherungen. Aber ich kann eine Gedichtanalyse schreiben. In 4 Sprachen.» Darauf kochte – nicht zum ersten Mal – bundesweit die Frage hoch, ob in Lehrplänen deutscher Schulen falsche Schwerpunkte gesetzt werden.

Recht weit ist bereits das Land Schleswig-Holstein mit dem Fach «Verbraucherbildung». Von A wie «Ästhetisch-kulinarische Bildung» über E wie «Essverhalten», J wie «Jugendschutz» und P wie «Produktkennzeichnung» bis zu V wie «Verbraucherschutz» reicht das Themenspektrum. Die Kultusministerkonferenz (KMK) der 16 Bundesländer empfiehlt schon länger «fächerübergreifende Inhalte» für den Unterricht – «vor allem Fragen der politischen und wirtschaftlichen Bildung im weitesten Sinne». So soll «Verbraucherbildung» laut KMK stärker in den Lehrplänen der Schulen verankert werden.

KMK-Präsidentin Brunhild Kurth (CDU) warnte indes vor zu hohen Erwartungen. «Die aktuelle gesellschaftliche Entwicklung zeigt Tendenzen, Schule überzogen zu überfordern. Wenn Eltern Kinder haben, sind sie auch in der Verantwortung», so Sachsens Bildungsministerin. Schule sei «nicht der Reparaturbetrieb der Gesellschaft» – und der Lehrer «nicht für die Rundumerziehung des Kindes verantwortlich». Und Spielraum bei der Zahl der Unterrichtsstunden etwa für neue Fächer sehe sie kaum noch. dpa

Zum Kommentar: Nainas Tweet löst eine breite Debatte um Bildung aus – leider eine zu flache

7 Kommentare

  1. Wie nur Alltagswissen? – Was ist mit Sonn- und Feiertagswissen? Wessen Alltag ist denn grundlegend für die Zielsetzung entsprechender Kompetenzen? Welchen Erziehungs- und Bildungsauftrag haben die Elternhäuser noch?

    Ist beim Erlernen des Kaufes eines Bahntickets von A nach B am Automaten allein die benötigte Zeit, das Bewertungskriterium bei der Lernzielkontrolle oder kann die orthographisch korrekte Schreibweise des Ausgangs- und des Zielbahnhofes mit in die Bewertung einfließen?

    Müssen beim Erlernen der Körperhygiene, vor allem nach Ausscheiden von Stuhl, auch alle historischen Entwicklungsstände beim kontextualen Lernen mit berücksichtigt werden, da sie ja den Stand des jeweiligen Alltages widergeben. Andernfalls kann ja die Fortentwicklung des Alltagswissens nicht hergeleitet werden.

  2. ..wie’s scheint genügt es, eine bescheuerte Idee nur oft genug zu wiederholen, und es findet sich ein Politiker, der damit auf Stimmenfang gehen möchte. Speziell von Frau Klöckner hätte ich eigentlich nicht erwartet, dass sie sich vor diesen populistischen, aber leider inhaltsleeren Karren spannen lässt. Sei’s drum, ich bin schon sehr gespannt auf das Fach „Alleskunde“, auf den entsprechenden Lehrplan und die ersten Klassenarbeiten…

  3. ein bisschen von allem ist die kleine schwester von fast nichts von jedem.

  4. Wie definiert man unnützes Zeug??? Wäre der Erfinder des Lasers nach dem (damaligen) Nutzen gegangen – er hätte ihn wohl nie erfunden. Wäre der Erfinder des www nach dem (damaligen) Nutezn gegangen – er hätte es wohl nie erfunden. Die Liste ließe sich beliebig fortsetzen.

    • Den MP3-Player bzw. des entsprechende Datenformat nicht zu vergessen.

      Auf der anderen Seite aber bitte auch die Erfindung des hern Alfred Nobel berücksichtigen und den ursprünglichenzivilen Anwendungsbereich mit dem heutigen überwiegend militärischen Hauptanwendungsbereich mit einander vergleichen.

      BTW das G38 ist als Ordonanzwaffe auch alltäglich, schießt es deshalb besser?

      Früher war Drehen und Fräsen alltagswissen von Mechanikern, heute gibt es CNC-Maschinen und Mechatroniker. Die einen waren in ungekündigter Stellung ein lLeben lang bei einer firma, die anderen sind besser ausgebildet und arbeiten dafür in einer Zeitarbeitsfirma. So viel zum Alltagswissen, aber das sind die Folgen, wenn sich ehemalige Weinköniginnen ins alltägliche, politische Dinge einmischen dürfen.

  5. Gibt es dafür nicht das Fach Sachkunde? Zumindest in der Grundschule.

    • Richtig, zumindest in Hauptschulen gibt es meine ich auch ein Fach namens Gesellschaftslehre (Erdkunde, Geschichte, Wirtschaft, Soziales) bzw. Naturwissenschaft (Physik, Chemie, Biologie, Informatik). Allerdings dürfte in allen diesen Fächern der hauptsächlich dem Populismus geschuldete Inhalt „Handyvertrag“ nicht stattfinden. Darüber hinaus weiß ich nicht, ob diese Fächer trotz oder wegen des Lehrermangels erfunden wurden, weil ein Biologe Naturwissenschaften, jedoch nur schwerlich Physik unterrichten kann bzw. möchte. Ähnlich verhält es sich mit Historikern als Erdkundelehrer usw..

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