Startseite ::: Leben ::: Studie: An Grundschulen ist die Inklusion zur Hälfte vollzogen – an Gymnasien noch kaum

Studie: An Grundschulen ist die Inklusion zur Hälfte vollzogen – an Gymnasien noch kaum

BERLIN. Fast sechs Jahre nach der Ratifizierung der UN-Behindertenrechtskonvention ist Deutschland noch weit von einem inklusiven Bildungssystem entfernt – vor allem bei den weiterführenden Schulen. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie der Bertelsmann Stiftung. Aktueller Nachtrag: Die Reaktionen auf die Studie fallen heftig aus.

Inklusion in der Grundschule funktioniert - zumindest im Rügener Modell. Foto: Philip Beyer / flickr (CC BY-NC-SA 2.0)

Die Inklusion st in der Grundschule angekommen – zur Hälfte jedenfalls. Foto: Philip Beyer / flickr (CC BY-NC-SA 2.0)Inkl

Klaus Klemm, emeritierter Professor der Universität Duisburg-Essen hat die Daten im Auftrag der Bertelsmann Stiftung erhoben. Danach ist der Inklusionsanteil seit Dezember 2009, als die UN-Behindertenkonvention vom Bundestag angenommen wurde, bundesweit stetig gestiegen. „Fast jedes dritte Kind mit Förderbedarf besucht mittlerweile eine Regelschule (31,4 Prozent). Das ist ein Anstieg um 71 Prozent gegenüber dem Schuljahr 2008/09 (18,4 Prozent)“, so heißt es in der Studie unter Berufung auf Daten aus dem Schuljahr 2013/2014. „Trotz der Fortschritte ist die Situation an deutschen Schulen für Kinder und Jugendliche mit Handicap noch unbefriedigend. Der Schüleranteil an Förderschulen geht kaum zurück und von bundesweit vergleichbaren Chancen auf Teilhabe an Inklusion kann noch keine Rede sein.“

Vor allem in der Sekundarstufe bleibe Inklusion weiterhin eine Ausnahme. „Unverändert gilt in Deutschland: Je höher die Bildungsstufe, desto geringer sind die Chancen auf Inklusion. Gemeinsames Lernen und Spielen ist in Kitas bereits weit verbreitet. Auch die Grundschulen nehmen immer mehr Förderschüler auf. Doch sobald Kinder mit und ohne Handicap eine weiterführende Schule besuchen, müssen sie in der Regel getrennt lernen. Während der Inklusionsanteil in deutschen Kitas 67 Prozent (2008/09: 61,5 Prozent) und in den Grundschulen 46,9 Prozent (2008/09: 33,6 Prozent) beträgt, fällt er in der Sekundarstufe auf 29,9 Prozent (2008/09: 14,9 Prozent)“, so wird berichtet.

Besonders auffällig sei: Von den knapp 71.400 Förderschülern in den Schulen der Sekundarstufe lerne nur jeder Zehnte an Realschulen oder Gymnasien. Inklusion finde hauptsächlich an Hauptschulen und Gesamtschulen statt. Auch in der Ausbildung ist Inklusion noch die Ausnahme. Mehr noch: Die „Exklusionsquote“, also der Anteil von Förderschülern, gehe nur leicht zurück – nämlich von 4,9 im Schuljahr 2008/2009 auf 4,7 Prozent 2013/2014 Dies sei darauf zurückzuführen, dass bei immer mehr Kindern ein sonderpädagogischer Förderbedarf festgestellt werde. „Zwischen den Schuljahren 2008/2009 und 2013/2014 ist diese Quote von 6,0 auf 6,8 Prozent (und damit um 13 Prozent) gewachsen. Warum bei immer mehr Schülern in Deutschland ein sonderpädagogischer Förderbedarf diagnostiziert wird, liegt auf der Hand: Der Status ist mit Förderressourcen verbunden, die für Schulen und Eltern gleichermaßen attraktiv sind.

Darüber hinaus stellt die Studie fest, dass Deutschland in Sachen Inklusion einem Flickenteppich gleicht: Während in den Stadtstaaten Bremen (Inklusionsanteil: 68,5 Prozent), Hamburg (59,1 Prozent) und Berlin (54,5 Prozent) oder in Schleswig-Holstein (60,5 Prozent) die Mehrheit der Förderschüler an Regelschulen lernt, sind es in Hessen (21,5 Prozent) und Niedersachsen (23,3 Prozent) weniger als ein Viertel.

Auch der Anteil der Schüler, die separiert an Förderschulen unterrichtet werden, unterscheidet sich laut Studie erheblich. Die Spannweite liegt hier zwischen Exklusionsquoten von 6,8 Prozent in Mecklenburg-Vorpommern oder Sachsen-Anhalt bis zu 1,9 Prozent in Bremen. Nicht zuletzt wichen die Förderquoten in Folge unterschiedlicher Diagnosestandards auf Landesebene stark voneinander ab. Die höchste Förderquote in Mecklenburg-Vorpommern ist mit 10,8 Prozent mehr als doppelt so hoch wie in Niedersachsen (5,3 Prozent) oder Rheinland-Pfalz (5,4 Prozent). Auch bei den Abschlüssen von Förderschülern seien bundesweit große Unterschiede erkennbar: Während in Thüringen „nur“ 54,7 Prozent die Förderschulen ohne Hauptschulabschluss verlassen, sind es in Brandenburg 86,2 Prozent. News4teachers

Zum Kommentar: Wer Probleme bei der Inklusion wegfabulieren will, beleidigt Lehrer – und schadet der Sache

13 Kommentare

  1. Ist diese Untersuchung ernst gemeint? Verwundert es irgendjemand, dass der Anteil der Inklusionskinder und Inklusionskinderinnen in Kitas höher ist? Was sollen solche Studien? Der Anteil an InklusionkinderInnen wird auch in 20 Jahren in der Sekundarstufe 2 nicht dem in der Grundschule oder in Kitas entsprechen – ja nicht einmal nahe kommen, so lange Schüler Leistungsnachweise erbringen müssen und gewisse Voraussetzungen zum Erreichen der nächsten Klassenstufe. Ich wette auch, dass von Jahrgangsstufe zu Jahrgangsstufe der Anteil der Nicht-InklusionskinderInnen abnimmt.

    • In 20 Jahren wird alles gleichgemacht sein, wenn linken Landesregierungen nicht endlich mehr Wind ins Gesicht bläst, d. h. mehr Widerstand geleistet wird. Das ist ja das Dumme, dass sowohl den Bürgern als auch vielen Lehrern Opern und Märchen erzählt werden können. Hauptsache, sie klingen gut. Dann glauben die meisten an an die unmöglichsten Versprechungen.

  2. „Je höher die Bildungsstufe, desto geringer sind die Chancen auf Inklusion.“ Einer solchen Aussage liegt das Axiom zugrunde, dass Förderschüler gleich hohe Leistungen erbringen und darum auf gleich hohen Bildungsstufen mithalten können wie Nicht-Förderschüler. Das müsste man mal differenziert im Hinblick auf die verschiedenen Förderbedarfs-Gründe diskutieren.
    Zum zweiten scheint mir hier der Begriff „Chance“ anders gebraucht zu werden als im sonstigen Leben.

    • Ihr zitiertes Axiom, „dass [alle] Förderschüler gleich hohe Leistungen erbringen“ ist noch aus einem anderen Grund totaler Unfug: Genauso wie nicht-behinderte Menschen unterschiedlich begabt sind, gilt dasselbe auch unabhängig von der Art der Behinderung für behinderte Menschen. Die Bildungspolitiker und -lobbyisten wissen das sicherlich auch, dürfen das aber nicht öffentlich sagen.

  3. Diese Studie stelle ich mir wie folgt vor: Der Professor vergab ein Hausarbeitsthema zu dem Thema, ein Student suchte sich in minutenlanger Arbeit die Daten aus den statistischen Landesämtern zusammen, packte sie in eine Excel-Tabelle, hielt ein Referat darüber, schrieb das auf drei Seiten zusammen und bekam dafür die Note „1“, der Professor bekam viel mediale Aufmerksamkeit.

    Ohne die absoluten Zahlen sind die Prozente für mich vollkommen nutzlos.

  4. Seltsam, dass in Zeitungsberichten zum Thema Inklusion ganz oft Kinder im Rollstuhl gezeigt werden. Die Inklusion von Körperbehinderten gab es schon zu meiner Schulzeit.

    • Das habe ich bereits mehrfach angemerkt, in den Hochglanzprospekten der Politik sieht man auch häufig Rollis. Einem taubes oder (krankhaft) verhaltensauffälligem Kind sieht man die Behinderung auf dem Foto halt nicht an. Die Gemeinden stöhnen bei der Inklusion aber auch hauptsächlich wegen der Rollis, für die die nicht barrierefrei ausgebauten Schulen nur mit erheblichen Umbaumaßnahmen umzusetzen ist. Mit den mobilen behinderten Kindern haben in erster Linie die Lehrer (und die Mitschüler) zu tun. Unterstützung vom Land gibt es abgesehen von Schmalspurfortbildungen und stundenweiser Unterstützung durch Inklusionshelfer bzw. Sonderpädagogen keine. Die rein körperlich behinderten brauchen auch nicht inkludiert zu werden, sie können problemlos die zu ihrem Intellekt passende Schulform besuchen ohne sich oder die Klasse nennenswert zu beeinträchtigen.

      Bei geistig behinderten Kindern, wozu ich die erziehungsschwierigen ausdrücklich hinzuzähle, ist häufig der Intellekt ebenfalls beeinträchtigt, weshalb sich die Haupt- und Realschulen nicht bei den Gymnasien zu beschweren brauchen. Schüler wie der bekannte Henry haben auf einem Gymnasium nichts verloren, weil sie mit dm dortigen Niveau sogar bereits in Klasse 5 absolut überfordert sind. Ferner haben sozial behinderte Kinder in den viel zu großen Regelschulklassen nichts verloren, weil sie zum Einen mit so vielen Menschen nicht klar kommen und sie deshalb die vielen Menschen beim Lernen stören.

      • Da Inklusion eine gesamt-gesellschaftliche Aufgabe ist, sollen die Förderschüler proportional zu den Übergangsquoten auf die weiterführenden Schulen verteilt werden..

        Also 42% der „behinderten“ Inklusionsschüler werden den GY zugewiesen und allenfalls 18% den HS. Der Rest entsprechend der Übergangsquoten. RS und GY übernehmen also anteilig die höchste Zahl von Förderschülern. An RS und GY stellen die A13 besoldeten Sonderpädagogen auch nicht solche Ausnahmen dar wie an HS.

        • Wie viel Prozent der 42% sind denn den fachlichen Anforderungen von GY bzw. RS gewachsen? Damit die Inklusion für alle ein Erfolg wird, müssen es mindestens 80-90% sein, ähnlich wie bei den Regelschülern. Andererseits schaffen über die Hälfte aller Förderschüler überhaupt keinen Hauptschulabschluss^1) und man kann mir nicht erzählen, dass sich die gut ausgebildeten Förderschullehrer keine Mühe geben oder dass die Anforderungen für den Hauptschulabschluss auf der Förderschule höher sind als auf der Regelschule. Um das politisch gesetzte Ziel der 42% zu erreichen, müssen _alle_ Förderschüler, die eine (theoretische) Chance auf das Erreichen eines Regelschulabschlusses haben, auf die Gymnasien und Realschulen verteilt werden. Alle anderen auf die anderen Schulformen. Folglich hat man dann in jeder Klasse ein paar Schüler sitzen, die dem Unterricht aus genetischen Gründen intellektuell nicht folgen können und nach 10 Schuljahren die Schule ohne Abschluss verlassen werden. Aufgrund der Klassenstärken kann nur sporadisch auf sie eingegangen werden, mit Glück sind sie trotz Langeweile so ruhig, dass sie den Rest nicht stören, mit Pech rennen sie ständig durch die Klasse und werfen mit Gegenständen um sich und schlagen die Mitschüler, weil sie mit dem Druck, den Hänseleien der Mitschüler oder dem Frust, nichts zu verstehen nicht klar kommen.

          Frage: Welche Inklusionskinder wollen die Hauptschulen haben? Oder wollen sie nicht die von mir skizzierten Extremfälle alle bekommen? Ich tendiere schwer zu letzterem, weil sie schon genug eigene Problemfälle haben.

          Aber der Politik kann das egal sein, weil zwar die absolute Zahl Menschen ohne Schulabschluss mehr oder weniger gleich bleibt, der prozentuale Anteil auf den einzelnen Schulformen auch durch Wegfall der Förderschulen durch die trotz allem noch relativ geringe Anzahl Förderschüler auf den Regelschulen nur gering zunimmt. Gleichzeitig spart das Land eine Menge Geld, weil die teuren Förderschulen mit ihren (vergleichsweise) hoch bezahlten Lehrkräften bei gleichzeitig sehr kleinen Klassen wegfallen.

          1) Quelle: http://www.spiegel.de/fotostrecke/alle-grafiken-wo-schueler-am-haeufigsten-scheitern-fotostrecke-60291-4.html )

          • Der Aspekt, wie viele Fö-Schüler keinen Abschluss erreichen, ist doch gar nicht das Ziel der politischen Agenda. Da die Fö-Schüler an Regelschulen zieldifferent unterrichtet werden müssen, haben sie auch die Möglichkeit an der Regelschule keinen Abschluss zu erhalten.

            Ob der Abschluss auf einer Realschule oder einem Gymnasium nicht erreicht wurde, spielt bei erfolgreicher Inklusion doch überhaupt keine Rolle mehr. Der weg ist das Ziel.

          • so kann man es auch sehen. Traurig aber wahr …

  5. Und wie ist es mit der Inklusion nach der Schulzeit?

Hinterlasse einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.Benötigte Felder sind markiert *

*