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„Unverschämtheit“ – Meidinger und Kraus wehren sich gegen Bertelsmann-Studie zur Inklusion

BERLIN. Die Bertelsmann Stiftung hat in einer heute veröffentlichen Studie kritisiert, dass Inklusion vor allem an den weiterführenden Schulen „ein Fremdwort“ sei (news4teachers berichtete bereits gestern) – die Reaktionen darauf fallen heftig aus. Heinz-Peter Meidinger, Vorsitzender des Philologenverbands, nennt die Behauptung „eine Unverschämtheit“. Und Josef Kraus, der Präsident des Deutschen Lehrerverbandes, meint: „Inklusion ist kein Selbstzweck. Es geht nicht um Quoten, sondern um das Kindeswohl.“

Heinz-Peter Meidinger (l.), Vorsitzender des Philologenverbands, und Josef Kraus, Präsident des Deutschen Lehrerverbands. Fotos: Deutscher Philologenverband / Deutscher Lehrerverband

Heinz-Peter Meidinger (l.), Vorsitzender des Philologenverbands, und Josef Kraus, Präsident des Deutschen Lehrerverbands. Fotos: Deutscher Philologenverband / Deutscher Lehrerverband

Meidinger befand, die Studie und deren Interpretation durch die Bertelsmann Stiftung bedeute „einen Affront gegenüber den immensen Anstrengungen der Gymnasien, mehr Schülerinnen und Schülern Inklusion zu ermöglichen“. Der Philologen-Chef: „Es gibt inzwischen enorme Fortschritte bei der Inklusion insbesondere von Kindern mit körperlichen Behinderungen, aber auch von anderen Gruppen mit sonderpädagogischem Förderbedarf.“ Die Tatsache, dass an den Gymnasien gegenüber den Grund-, Haupt- und Gesamtschulen die Inklusionsquoten geringer sind, hat nach Aussagen des Verbandsvorsitzenden zwei Ursachen: zum einen seien von den Bundesländern für Gymnasien erheblich weniger personelle und finanzielle Mittel als für andere Schularten zur Verfügung gestellt worden, zum anderen sei am Gymnasium echte Inklusion nur für Schüler möglich, die auch Chancen hätten, das Bildungsziel des Gymnasiums zu erreichen, also das Abitur, so Meidinger.

„Kindern mit geistigen Behinderungen ist nicht gedient, wenn sie an eine Schulart gehen, an der sie mit zwei bis drei Fremdsprachen konfrontiert werden. Das schafft nicht Inklusion, sondern bewirkt Exklusion. Das sieht übrigens auch die große Mehrzahl der betroffenen Eltern so“, betont der Verbandsvorsitzende. Gelingende Inklusion setze überdies voraus, dass die Schulen mittels entsprechender Ausstattung und zusätzlicher, entsprechend qualifizierter Lehrkräfte auch in die Lage versetzt werden, diese Aufgabe zu bewältigen. Das sei derzeit fast in keinem Bundesland ausreichend der Fall. Allein die Beschulung von hör- oder sehgeschädigten Kindern erfordere eine zusätzliche technische Ausstattung in Höhe von rund 100.000 Euro an jedem einzelnen Gymnasium.

Meidinger meint: „Umso höher ist zu bewerten, dass trotz dieser Probleme sich Tausende von Gymnasiallehrkräften tagtäglich der Herausforderung der Inklusion mit großem Engagement stellen. Vorwürfe à la Bertelsmann sind hier völlig fehl am Platze!“

Josef Kraus, Präsident des Deutschen Lehrerverbandes, schlägt in die gleiche Kerbe. „Die Bertelsmann Stiftung betreibt einmal mehr einen Zahlen- und Quoten-Fetischismus. Auf der Jagd nach hohen Inklusionsquoten wird nämlich übersehen, dass Inklusion kein Selbstzweck sein kann. Selbst die UN-Konvention zur Inklusion hebt in ihren Grundsätzen explizit auf das Kindeswohl ab“, sagt er. Gewiss gehe es darum, Behinderte in Gesellschaft und Arbeitswelt zu inkludieren. Der Weg dorthin könne aber bei spezifischen Behinderungen nicht der Weg der schulischen Inklusion, sondern nur der der schulischen Differenzierung sein. Kraus: „Zum Beispiel hat Inklusion in eine bestimmte Schulform nur dann einen Sinn, wenn ein behindertes Kind wenigstens halbwegs erkennbar die Chance hat, den Bildungsabschluss dieser Schulform zu erreichen.“

Der Verbandspräsident erklärt weiter: „Ärgerlich am Zahlenpaket der Bertelsmann-Stiftung ist, dass implizit einmal mehr die großartigen Leistungen der Förderschulen in Deutschland in den Schatten gestellt werden. Außerdem findet in vielen Fällen, in denen Schulen von Inklusion sprechen, Inklusion gar nicht statt, weil dann doch in zentralen Fächern differenziert wird.“ Hohe Inklusions-Quoten sprächen nicht unbedingt für eine gut umgesetzte Inklusion, die allen Schülern ausreichende Förderung ermögliche. Mehrere deutsche Länder hätten ihre Inklusionsquoten nämlich vorschnell in die Höhe geschraubt und zahlreiche Förderschulen geschlossen, ohne eine ausreichende Infrastruktur in den Gebäuden, ausreichend allgemein unterrichtende und sonderpädagogische Lehrkräfte und ausreichend Assistenzkräfte an den Regelschulen vorzuhalten. Kraus: „Diese Länder sollten für ihr Sparverhalten nicht noch gelobt werden. Oft haben sie damit eine für zahlreiche Schüler mit und ohne Beeinträchtigung, für Eltern und Lehrkräfte schwierige Situation geschaffen.“

Fazit des Verbandschefs: „Grundsätzlich muss sich die Bertelsmann Stiftung die Frage stellen, ob sie mit ihren inflationär aufgelegten Quotenkolonnen der Bildungsdebatte in Deutschland nicht einen Bärendienst erweist. Je mehr nämlich um Quoten gerungen wird, desto mehr gerät die Debatte um Bildungsqualität in den Hintergrund.“ news4teachers

Zum Kommentar: Wer Probleme bei der Inklusion wegfabulieren will, beleidigt Lehrer – und schadet der Sache

6 Kommentare

  1. Leider kann ich als Vater eines Kindes mit Autismus nur bestätigen, dass Gymnasien in Düsseldorf auf Inklusion nicht eingestellt sind. Die Bereitschaft und Fähigkeit der Lehrer(innen) sind nicht sichtbar/nicht vorhanden. Mein Sohn geht auf eine Privatschule.

    • Wie soll ein Lehrer auch inklusierend unterrichten, wenn er nie eine Ausbildung in diese Richtung erhalten hat? Es ist leicht, Inklusion zu fordern, sie ohne fachliche Ausbildung und Personal umzusetzten extrem schwer. Wenn in einer Klasse von 28 Schüler 5 Inklusionschüler mit ES sitzen und nur ein Lehrer diese in einem „Nebenfach“ unterrichten muss, kann Inklusion nicht funktionieren. Alle Schüler verlieren bei diesem System!

      • Die Umsetzung ist ja auch nicht die Sache der (fordernden) Politiker, das ist Sache für die Freizeit der Lehrer. Die Politik kann sich (zumindest noch) auf die Selbstausbeute und das Pflichtbewusstsein der Lehrerschaft verlassen.

  2. Spätestens seit dem PISA-Schock geht es um Bildungsquantität im Sinne von möglichst viele Abiturienten und möglichst wenige ohne Schulabschluss, weil man damit besser schummeln kann und angesichts der demographischen Entwicklung prozentual und nicht absolut. Diese Ziele erreicht man durch eine Niveauverflachung an allen Schulformen und Abschaffung der Förderschulen. Letztere wird als Inklusion verkauft.

    Die Bertelsmann-Stiftung muss übrigens so etwas schreiben, weil sie die Gewinne ihrer Cashcow RTL nicht durch anspruchsvolleres Programm aufgrund von zu gebildeten Menschen schmälern möchte. Generell ist der wikipedia-Eintrag zur Bertelsmann-Stiftung sehr interessant zu lesen. Mit Sorge um die Inklusion haben ihre Ziele nicht wirklich viel gemeinsam.

  3. Die Bertelsmann Stiftung sollte schon längst als Erfüllingsgehilfin grün-roter Bildungspolitik gesehen werden. Sie unterfüttert mit Gefälligkeitsstudien die Ziele dieser Parteien. Es ist ein Jammer, dass ihre Studienergebnisse dann regelmäßig dank der Bertelsmann-Medienmacht in die Köpfe der breiten Öffentlichkeit gepumpt werden. So funktioniert Meinungshoheit bzw. -diktat auch ohne die äußere Form, sprich Verfassung, eines diktatorischen Regimes.

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