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Freiwilligendienst gegen den Praxisschock – FSJ bringt Jugendliche an Schulen

LEPPENDORF/DRESDEN. Viele junge Menschen entscheiden sich für den Lehrerberuf nicht zuletzt deswegen, weil er die Gelegenheit bietet, eine gesellschaftlich sinnvolle Tätigkeit auszuüben. Immer noch bietet jedoch die Lehrerausbildung zumeist nur wenige Möglichkeiten die schulische Realität in der Praxis kennenzulernen. Beim freiwilligen sozialen Jahr (FSJ) in Sachsen können junge Erwachsene den Wunschberuf testen.

Die Jugend ist besser als ihr Ruf und das seit mehr als 2000 Jahren. Wahlweise zitieren Autoren meist entweder die alten Griechen oder sumerische Tontafeln um zu zeigen, das schon in vorchristlicher Zeit die Alten über die Jugend „von heute“ geklagt hätten.

Nach der Schule an die Schule. Das FSJ Pädagogik in Sachsen bietet Jugendlichen die Gelegenheit Schüler und die Schule aus neuer Perspektive kennen zu lernen. Foto: Ernesto Ruge / flickr (CC BY 2.0)

Nach der Schule an die Schule. Das FSJ Pädagogik in Sachsen bietet Jugendlichen die Gelegenheit Schüler und die Schule aus neuer Perspektive kennen zu lernen. Foto: Ernesto Ruge / flickr (CC BY 2.0)

Was die Jugend moderner Zeiten von ihren Vorgängergenerationen unterscheidet, ist jedoch die weit größere Vielzahl an Möglichkeiten, die eigene berufliche Zukunft und damit die Zukunft der Gesellschaft zu gestalten. Berufswahlorientierung ist historisch betrachtet ein noch junges Phänomen und Berufswahlorientierung tut not, gerade auch für Jugendliche, die bewusst „etwas Soziales“,“ etwas mit Ökologie“ oder „ etwas Kulturelles“ tun wollen, denen jedenfalls der gesellschaftliche Beitrag ihrer späteren Erwerbstätigkeit wichtig ist.

In diesem Sinn nutzen viele junge Menschen ein freiwilliges soziales Jahr, um zunächst intensiver in ein mögliches Tätigkeitsfeld beziehungsweise den späteren Beruf hineinzuschnuppern. Der Lehrereberuf zählt allerdings in der landläufigen Vorstellung nicht zu den Bereichen, für den diese Form des Engagements einen wesentlichen Beitrag zur Nachwuchsrekrutierung leistet,

Dass Lehrer an einer entscheidenden Stelle für die zukünftige Entwicklung der Gesellschaft tätig sind, ist dagegen weitgehend unstrittig. Nicht wenige werdende Kollegen entscheiden sich für den Beruf explizit aus einem sozialen Impetus heraus. Vielfach sehen sie sich allerdings in der Ausbildung erst sehr spät mit der schulischen Realität konfrontiert, trotz einiger Verbesserungen in den letzten Jahren. Ein Freiwilligendienst an Schulen, wie ihn das sächsische Freiwillige Soziale Jahr „Pädagogik“ mit dem Schwerpunkt Schule ermöglicht könnte sich hier zu einem Erfolgsmodell entwickeln.

Mathe-Unterricht in der dritten Klasse, Thema Addition: Victoria Großmann schreibt dreistellige Zahlen an die Tafel – Kreide in der einen Hand, das Lehrbuch in der anderen. Geduldig erklärt sie den Jungen und Mädchen der Grundschule in Leppersdorf, einem kleinen Ort in der Nähe von Dresden, das Rechnen. Lehrerin Kerstin Gnatzky schaut ihr über die Schulter. Mit ihren 19 Jahren hat Victoria älteren Lehramtsstudenten wenigstens eines voraus: Die Erfahrung, wie es im Klassenzimmer tatsächlich zugeht.

Seit August 2015 macht die junge Frau ein Freiwilliges Soziales Jahr (FSJ) „Pädagogik“. Die Möglichkeit, den Lehrerberuf in der Praxis zu testen, gibt es in Sachsen seit 2013. Mit seinem Schwerpunkt Pädagogik in der Schule ist das Angebot laut Deutscher Kinder- und Jugendstiftung (DKJS) einzigartig in Deutschland – auch wenn es in Berlin, Sachsen-Anhalt oder Mecklenburg-Vorpommern Schulen als Einsatzort für ein Freiwilliges Soziales Jahr gibt. «Ich denke, es ist nur eine Frage der Zeit, bis andere Länder nachziehen», sagt Programmleiterin Claudia Schiebel.

Eigentlich hatte Victoria Großmann schon die Zusage für ein Lehramtsstudium an zwei Universitäten in der Tasche. «Grundschullehrerin, das konnte ich mir schon immer gut vorstellen. Bevor ich studiere, wollte ich aber wissen, ob das wirklich etwas für mich ist», sagt die junge, energische Frau mit den blonden Haaren.

Also bewarb sie sich bei der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung, musste sich durch mehrere Bewerbungsrunden kämpfen. Sie bekam die Zusage – als eine von 87 Freiwilligen. Beworben hatten sich rund 240 Jugendliche. «Da war ich echt glücklich.» Anders als viele andere wollte Victoria aufs Land. In Leppersdorf hat bereits ihre Urgroßmutter unterrichtet, sie selbst ist hier zur Schule gegangen. «Mich zieht es nicht in die Stadt.»

Die Zahl der Schüler steigt. Auf der anderen Seite gehen immer mehr Lehrer in den Ruhestand. Nachwuchs zu finden, wird schwieriger – vor allem für Schulen im ländlichen Raum. Das FSJ «Pädagogik», so hofft das sächsische Kultusministerium, kann ein Baustein im Werben um junge Fachkräfte sein. Für die Schulen ist der Einsatz der «FSJ-ler» kostenfrei, ihre Beitrag übernimmt das Ministerium – mehr als 500 000 Euro allein im laufenden Schuljahr.

«Die Nachfrage auf beiden Seiten ist riesig», sagt Claudia Schiebel von der Kinder- und Jugendstiftung. 734 Schulen in Sachsen sind derzeit registriert und wollen einen Freiwilligen. Die Stiftung wählt die Jugendlichen aus und diese suchen sich ihre Einsatzstelle. Schwerpunkte sind Förder- und Oberschulen sowie Schulen auf dem Land. «Wir wollen eine möglichst große Vielfalt.»

Großmanns Tag ist bunt und vollgepackt: Sie hilft den Lehrern im Unterricht, setzt sich zu den Kindern, die Probleme haben. «Mit denen mache ich den Stoff ein bisschen langsamer als der Lehrer vorn an der Tafel.» Zudem betreut sie einen Lerntreff, geht mit den Schülern zum Schwimmen, organisiert eine Projektwoche. Erst kürzlich hat die junge Frau einen Schülerrat eingeführt. Fällt ein Lehrer aus, steht sie auch schon mal vor der Klasse.

«Es ist nicht wie im Studium, dass man nur hospitiert und mitschreibt. Ich kann mich austesten», sagt die 19-Jährige. Bis zum Sommer ist Großmann noch als Freiwillige an der Grundschule, aber schon jetzt ist klar: «Ich will auf jeden Fall Lehrer werden. Das ist mein Traumberuf.» (Christiane Raatz, dpa, zab)

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