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Der hingenommene Skandal – viele Schulen gammeln seit Jahrzehnten vor sich hin

DÜSSELDORF. PCB-verseuchte Ausbildungsstätten, baufällige Toiletten, bröckelnder Putz: Viele Schulen sind in keinem guten Zustand. Schulleitung, Lehrkräfte, Eltern und Schüler greifen häufig schon selbst zum Pinsel und Putzeimer, um den schlimmsten Verfall abzuwenden. Was die Politik tun müsste, um die Misere zu beheben und warum das Umfeld für das Lernen immer wichtiger wird.

Jetzt auch noch PCB. „Die Politik spielt mit der Gesundheit von Lehrkräften und Schülern. Obwohl PCB von der Internationalen Agentur für Krebsforschung in die höchste Gefahrengruppe eingeordnet wurde, gelten in Deutschland weiterhin vollkommen veraltete Richtlinien“, warnte Udo Beckmann, Vorsitzender des VBE, als eine aktuelle Bewertung des Umweltbundesamtes zum Thema PCB publik wurde.

Viele Schulgebäude sind seit Langem mit PCB belastet, das als Weichmacher zahlreichen Lacken, Dichtungsmassen und Isoliermitteln beigemischt wurde. Für die Bewertung der tolerierbaren Werte von PCB sind die Länder zuständig. 1994 wurde eine PCB-Richtlinie erlassen, die zum damaligen Zeitpunkt konform zu wissenschaftlichen Erkenntnissen war. Allerdings hat die Weltgesundheitsorganisation WHO 2003 eine Neubewertung der tolerierbaren täglichen Aufnahme vorgenommen. Seitdem liegt der in Deutschland geltende Wert 50fach über dem von der WHO empfohlenen. Beckmann klagt an: „Die politisch Verantwortlichen haben eine Fürsorgepflicht für die Pädagogen und Schüler. Es passt nicht zusammen, dass Lehrer die Schüler zu umweltbewussten Bürgern erziehen sollen und gleichzeitig die Ausbildungsstätten PCB-verseucht sind.“

Der VBE fordere daher alle politisch Verantwortlichen dazu auf, die PCB-Richtlinien zu überarbeiten und entsprechende Sanierungen der Gebäude einzuleiten.  Beckmann macht klar: „Die Beschäftigten an den Schulen und Hochschulen sowie die Schüler und Studenten haben einen Anspruch auf belastungsfreie Unterrichtsräume.“

Die Gesundheitsgefahr durch PCB-Belastung ist aber nur die Spitze des Eisbergs. Gegenwärtig agieren Kommunen und andere Schulbauträger ausnahmslos vor dem Hintergrund eines beträchtlichen Investitionsstaus aus den vergangenen Jahrzehnten.

Die meisten Mängel sind keine Schönheitsreperaturen

Nach einer Umfrage des WDR von Februar 2016 bestehen in 85 Prozent aller teilnehmenden Schulen leichte, schwere oder gar gefährliche Baumängel. An der Umfrage hatten 1.021 Schulleiter aus allen Schulformen teilgenommen und meldeten die folgenden Probleme: In der Turnhalle der Barbaraschule in Ahlen sind Laufspiele wegen der erhöhten Gefährdung verboten. Die Grundschule Stadtfeldmark in Lengerich meldet defekte Heizungen und Schimmel in den Klassenräumen, in der Städtischen Gesamtschule Bockmühle in Essen sind in nahezu allen Klassenräumen die Fenster undicht und/oder es fehlen Griffe, um sie zu öffnen. Die James-Krüss-Grundschule in Herne soll gar aufgrund des Investitionsstaus im kommenden Jahr geschlossen und mit einer anderen Schule zusammengelegt werden.

Marode Schulgebäude in Berlin, von den Grünen 2011 dokumentiert. Foto: Grüne Berlin / flickr (CC BY-SA 2.0)

Marode Schulgebäude in Berlin, von den Grünen 2011 dokumentiert. Foto: Grüne Berlin / flickr (CC BY-SA 2.0)

Laut WDR-Umfrage handelt es sich bei den meisten Baumängeln keineswegs um reine Schönheitsreparaturen. Die Beanstandungen reichen von bröckelndem Putz über Fenster, die sich nicht öffnen lassen bis hin zu völlig unbrauchbaren Toiletten oder ganzen Räumen oder Gebäudeteilen, die nicht mehr betreten werden können. Das sind Mängel, die den Unterricht und das Lernen massiv behindern – teilweise sogar die Sicherheit von Schülern und Lehrern gefährden. Rund 190 Schulleiter stuften die Schäden an ihren Klassenräumen sogar als „schwer“ oder „gefährlich“ ein.

Auch das Magazin „Stern TV“ hat das Thema im März aufgegriffen und eine Umfrage unter Eltern gemacht. 1.327 Personen haben daran teilgenommen und Fotos von Schulen an die Redaktion geschickt. Fast die Hälfte der Umfrage-Teilnehmer (46 Prozent) bezeichneten die betreffende Schule als renovierungsbedürftig. Besonders die Schultoiletten erhielten schlechte Noten: zwei Drittel der Kinder gehen „gar nicht zur Schultoilette“ oder „vermeiden es nach Möglichkeit“. Mehr als 250 monierten jeweils, dass kein Toilettenpapier oder keine Seife vorhanden sei, vom Gesamtzustand ganz zu schweigen.

„Wir kämpfen seit zwanzig Jahren“

Gegenüber dem Magazin räumt der Vorsitzende des Städtetags Nordrhein-Westfalen und Oberbürgermeister von Hamm, Thomas Hunsteger-Petermann (CDU), ein: „Keine Frage, wir kämpfen seit zwanzig Jahren in den Kommunen mit dem Problem der maroden Schulen.“ Er könne alle Eltern verstehen, die sagen: Jetzt reicht’s, löst das Problem endlich. Aber man müsse auch sehen, dass die Kommunen seit vielen Jahren mit einer dramatischen Unterfinanzierung klar kommen müssen. Die Städte und Gemeinden sind tatsächlich allein verantwortlich für die Finanzierung der Schulgebäude und des laufenden Betriebs – Heizung und Wasser, Möbel, Papier und Instandsetzungen aller Art.

Die Gründe, warum Kommunen nicht in die Schulen investieren, sind vielfältig. Mancherorts fehlt es aufgrund einer hohen Arbeitslosenquote und geringen Steuereinnahmen generell an Geldern für die Sanierungen öffentlicher Gebäude. In anderen Kommunen verhindern politische Streitereien Instandsetzungen. Es kommt auch vor, dass Schulen aufgrund sinkender Schülerzahlen zusammengelegt werden sollten und daher schon lange nichts mehr an den Gebäuden gemacht wurde. Plötzlich ändern sich jedoch die Bedingungen und die Schülerzahlen steigen, sodass Standorte erhalten werden müssen – mit den sanierungsbedürftigen Gebäuden.

Das Loch ist 32 Milliarden groß

Eine Studie des Deutschen Institut für Urbanistik (DIfU) im Auftrag der KfW Bank aus dem vergangenes Jahr zeigt, wie groß das Finanzloch ist: Auf 32 Milliarden Euro schätzt das DIfU den Investitionsstau an den Schulen. Nur im Straßenbau liegt er mit 35 Milliarden Euro noch etwas höher. Als das DIfU im Rahmen der Studie die Kämmerer der Städte und Gemeinden in Deutschland fragte, ob sie ausreichend Geld hätten, ihre Schulen instand zu halten, war die Antwort ein deutliches Nein.

Verschärft wird die Lage noch einmal dadurch, dass die Ansprüche an die Schulen in den vergangenen 15 Jahren enorm gestiegen sind. Seit der Pisa-Studie 2001 hat sich die deutsche Bildungslandschaft verändert wie niemals zuvor: Ganztagsschulen, Mittagessen und Inklusion sind mittlerweile politisch und gesellschaftlich gewollt, aber finanziell nur bedingt eingeplant.

In vielen Schulen sieht es genauso aus wie vor 30 oder 40 Jahren. Foto: Uwe Kaufmann / Flickr (CC BY 2.0)

In vielen Schulen sieht es genauso aus wie vor 30 oder 40 Jahren. Foto: Uwe Kaufmann / Flickr (CC BY 2.0)

Der „Investitionsrückstand hat gerade bei den Schulen auch mit wachsenden Anforderungen zu tun“, heißt es in der Studie des DIfU. Womöglich würden auch „die Defizite stärker wahrgenommen – etwa durch den wachsenden gesellschaftlichen Stellenwert der schulischen Bildung“.

So ist es: Zeitgemäße Pädagogik sollte heute unterschiedliche Wege, Orte und Perspektiven ermöglichen. Entsprechende Konzepte sehen mehr Zeit und Raum für selbstorganisiertes und praktisches Lernen vor. Für die Gebäude heißt das, das Lern- und Unterrichtsräume, die den Charakter von Werkstätten oder Ateliers aufweisen, immer wichtigere räumliche Ressourcen werden. Wer es ernst meint, mit modernen Unterrichtsmethoden, also etwa informelles Lernen zulassen will, braucht dafür Räume, die den unkomplizierten Wechsel zwischen Instruktion, Einzelarbeit, Gruppenarbeit und Präsentation ermöglichen.

Schulbauten werden zu Lebensorten

Und mit der Einführung der Ganztagsschule werden Schulbauten noch mehr zu Lebensorten. Daher benötigen Sie neben Lern- und Arbeitsbereichen ein differenziertes Angebot an Aufenthalts- und Erholungsbereichen. Hier benötigen Lehrer und andere Mitarbeiter echte Arbeitsplätze und ein ausreichendes Set an Arbeits- Besprechungs- und Erholungsräumen. Hinzu kommen die Ansprüche, die die Inklusion an die Pädagogen stellt. Ein inklusives Schulsystem, in dem Schüler mit ganz unterschiedlichen Unterstützungs- und Förderbedarfen in den Regelbetrieb integrierte sind, ist mit räumlichen Veränderungen verbunden. Schulen benötigen Platz für Beratungs- und Betreuungsangebote, für sozialpädagogisch, psychologisch und medizinisch geschultes Personal, für Unterrichtsarrangements in zusätzlichen Kleingruppen, für individuelle Rückzugsmöglichkeiten oder für die Versorgung von Schülern mit hohem Assistenzbedarf. Damit Schulbauten von allen Gruppen möglichst ohne weitere Anpassung verwandt werden können, müssen sie durchgängig barrierefrei gestaltet sein. Alle Lernumgebungen sind so zu gestalten, dass sie mit mindestens mit zwei Sinnen wahrnehmbar sind.

Die Wunschliste ist lang. Aber: Leistungsfähige Pädagogik braucht zeitgemäße Räume. Stattdessen sind die Missstände und Mängel vielerorts offensichtlich. Gar nicht zu sprechen von interaktiven Tafeln, Wlan und Tablets für die Schüler.

Wie sieht es an Ihrer Schule aus? Uns interessieren Ihre Erfahrung mit den baulichen Mängeln Ihrer Schule. Senden Sie uns Ihre Fotos mailto:redaktion@news4teachers.de

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7 Kommentare

  1. Aber 4000 Euro den Automobilfirmen in den Rachen schieben.

    • Schon einmal ins GG hinein gesehen? Wegen des bestehenden Kooperationsverbotes kann der Bund den Erwerb von E-Autos subventionieren, nicht aber die Instandsetzung einer Toilette in Kleinkleckersdorf.

      Wären Schulen privatwirtschaftlich organisiert, könnten über Steuererleichterungen die Schoolfirms subventioniert werden. Macht es für die Eltern der Schulkunden nicht günstiger, erlaubte aber die Zahlungen von Boni an Schulleitungen. Wird also Zeit das Schulwesen zu privatisieren.

      • Man müsste den Kommunen ja nur mehr Steuereinnahmen zur Verfügung stellen – und das kann der Bund. Er könnte die gesamten Millionen für die Automobilindustrie den Kommunen zukommen lassen.

        • Das kann er eben wegen des bestehenden Kooperationsverbotes nicht. Es geht nur, wenn sich Bund, Länder und Kommunen hinsetzen und die Verteilung der Einkommen- und Körperschaftsteuer neu aushandeln würden. Den Kommunen fehlen die Einnahmen aus der Lohnsummen- und Gewerbeertragssteuer.

          Die Gewerbesteuer hilft ohnehin nur den Kommunen, die viel umsatzstarkes Gewerbe und wenige Sozialhilfeempfänger haben.

          Einfacher wäre es die Gewerbesteuer weiterzuentwickeln und die weiterführenden Schulen aus der Trägerschaft der Kommunen zu entlassen und sie direkt auf die Länder vertreten durch die Bezirksregierungen zu übertragen..

    • „Wir brauchen mehr Geld für Bildung!“, tönt es seit Jahren aus jedem Politikermund. Wie wichtig Bildung wirklich genommen wird, sieht man an den Taten.
      Auch die ach so gerechte und humane Inklusion ist nichts weiter als Einsparung teurer Förderschulen. Hauptsache, bei der Vernachlässigung von Schulen, Bildung und Lernniveau werden fromme, scheinbar kinderfreundliche Sprüche gedroschen, dann merkt ja keiner den Skandal und er wird einfach hingenommen.

      • Man kann eben auch Vermögen bilden, mir scheint Sie legen den Begriff Bildung verkehrt aus. Selbst ohne Bildung, nämlich die einer kriminellen Organisation, lassen sich Schwarzgeldkonten an Briefkastenfirmen verschieben und off-shore-Vermögen bilden. Die daraus resultierende Bildungsdividende lässt sich in keinster Weise durch auf schulischer Bildung mit anschließendem Studium erworbenen Kompetenzen bzw. dem Nettoentgelt für diese Kompetenzen übertreffen.

        Also vergessen Sie die schulische Bildung.

        • Die legale Alternative zur Vermögensbildung heißt „Erben“ und / oder nach der Schulpflicht „Heiraten“. Gut, man braucht dafür schwer reiche und sehr alte Verwandte mit nur sehr wenigen Miterben. Bei der zweiten Alternative Heiraten haben es Frauen allerdings deutlich einfacher als Männer, worüber sich die Genderisten auch mal beschweren könnten. Ach nein, das wäre ja gegen ihren eigenen Vorteil.

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